
Weblog von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe: Grenzen III - Geistige Grenzen
Bildquelle: unangenehme Grenzen (Fourier-Transformation) - aber reizvoller als politische Grenzen (PC-Grafik A. Rhomberg)
Als ich über die Beiträge „Grenzen“ nachdachte, war ich mir aus zwei Gründen bewusst, dass es sich bei „Geistige Grenzen“ um den schwierigsten Teil handeln würde: Erstens ist der Begriff „Geist“ (im Sinne diese Beitrags) nicht exakt definierbar und nicht Definierbares lässt sich schwer abgrenzen, zweitens war es mir klar, dass ich mit verschiedenen Sichtweisen der Philosophie kollidieren würde. Daher ist dieser Essay im wahrsten Sinn des Wortes ein „Versuch“.
Als Student war ich – wie viele – dem „Tractatus Logico Philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein verfallen, ein Buch, das mich durch seine deduktive Art sich der Philosophie zu nähern, stark beeindruckte. Es waren besonders solche Sätze die mich beeindruckten, wie z.B.
„Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)“ ( Tractatus, 2.01)
„Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhaltes.“ (Tractatus, 2.032)
und dann natürlich der berühmte und wegen seiner Einfachheit oft missbrauchte Satz:
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ (weil ich zumindest damals annahm, dass die Sprache auch die Grenze des Geistes bedeutet, wie es im Tractatus auch gelegentlich anklingt).
Als ich das Buch dann etwa 30 Jahre später noch einmal zur Hand nahm, merkte ich, dass ich damals das gesamte wohl Buch nicht richtig verstanden hatte, weil mir der Schluss (6.54) erst beim zweiten Lesen auffiel, in dem sich Wittgenstein – sozusagen selbst – ad absurdum führt:
„Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.“ (Wittgenstein legt damit nahe, dass, was Sinn ermöglicht, nicht selber bereits sinnvoll sein kann.
Nach dem bis heute umstritten ist, was man unter Geist wirklich versteht, habe ich meine eigenen Gedanken dazu hier in den Vordergrund gestellt, die zumindest teilweise mit einigen gängigen Anschauungen übereinstimmen.
Nach wie vor gibt es verschiedene Ansichten zum Begriff des Geistes: z.B. 1. Der Begriff bezieht sich auf die kognitive und emotionale Existenz eines Lebewesens. 2. Der Geist ist nichts anderes als „neuronale Aktivität“. 3. der Geist ist keine immaterielle Substanz und kann daher auch nicht auf das Gehirn reduziert werden. (eine für mich zu komplizierte Vorstellung).
Bezüglich des Themas „Geistige Grenzen“ vereinfache ich das Thema daher, selbst auf die Gefahr hin, Dinge manchmal zu stark zu simplifizieren.
Neben der gesprochenen Sprache gibt es zunächst einmal die Sprache der Mathematik oder z.B. die Formelsprache des Chemikers (wobei sich diese Sprachen gar nicht so weit vom Sprachverständnis Wittgensteins unterscheiden, der ja – mit Bertrand Russel versuchte, die Logik der Philosophie durch eine der Mathematik ähnliche Sprache zu ersetzen). Auf der anderen Seite gibt es andere Ausdrucksformen des Geistes. So ist für mich die „Bildsprache“ oder die der Musik eine mindestens ebenso wichtige Ausdrucksform des menschlichen Geistes, wie diejenige, die wir normalerweise unter Sprache verstehen. Es ist so, wie wenn man das „Sehen“ nur auf den Teil des für unser Auge empfindlichen Farbspektrums begrenzen und das Vorhandensein von „Infrarot“ oder „Ultraviolett“ leugnen würde.
Was die Mathematik betrifft, so ergeben sich für mich gerade in der modernen Physik und Kosmologie ganz erhebliche Schwierigkeiten und zwar in der Form, dass ich beim besten Willen nicht weiß, wie weit etwas, was man sich nicht „vorstellen“ kann, durch die Mathematik „wahrer“ wird. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die Mathematik als echte Geisteswissenschaft zur Beschreibung der Natur nur begrenzt verwendbar ist. Wenn ich z.B. (wie es jeder in der Schule lernt) weiß, dass „die Wurzel aus 4“ zwei Lösungen hat, nämlich „2“ und „minus 2“, so weiß ich, dass dies zwar mathematisch stimmt, dass aber die Lösung „minus 2“ keinen naturwissenschaftlichen Sinn hat. Für mich ist ein gelungenes Experiment, welches die Quantenmechanik bestätigt, wesentlich aussagekräftiger als mathematische Formulierungen, die ich nur in dem Maße nachvollziehen kann, wie ich die Mathematik dazu beherrsche. Man könnte nun soweit gehen, dass es also nur vom Grad meiner mathematischen Kenntnisse abhinge, um auch schwierigere Probleme zu verstehen, sodass ich mir durch die mathematische Voraussage Experimente ausdenken könnte, das oder jenes zu beweisen.
Leider befindet sich die theoretische Physik, insbesondere die moderne Kosmologie derzeit in einem Zustand, zugeben zu müssen, dass vermutlich manches gar nicht mehr vorstellbar ist. Das gilt insbesondere für die modernen „Stringtheorien“, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, an denen mich aber stört, dass sie rein mathematisch berechenbare, aber nicht vorstellbare Hypothesen sind, die „falls sie stimmten“, bisher ungelöste Probleme, wie z.B. die Gravitation (Schwerkraft) erklären könnten.
Die Mathematik ist für mich also eine Wissenschaft, die bis zu einem bestimmten Grad, die Grenze meines Geistes zwar erweitern kann und dann plötzlich in eine Zone vordringt, bei der diese Grenze, wegen der Unmöglichkeit meiner Vorstellungskraft aufhört. Das Problem besteht daher darin, herauszufinden, wo diese Grenze (unabhängig von meinen unzureichenden Mathematikkenntnissen) liegt, denn selbst berühmte Mathematiker geben ja zu, dass man sich eine 11. oder 12. Dimension nicht vorstellen kann. Tatsächlich kann man sich schon eine vierte oder fünfte Dimension nicht mehr vorstellen. Die von Einstein postulierte „Raumzeit“ (als vierte Dimension) ist als Denkmodell reizvoll und – sofern man die „richtigen“ Experimente anstellt, auch beweisbar, jedoch imgrunde schon nicht mehr vorstellbar.
Ein ähnliches Problem gibt es in der Musik. Ich liebe Musik in jeder qualitativ anspruchsvollen Form, angefangen vom gregorianischen Choral, der mittelalterlichen Musik, der Klassik und dem Jazz hinaus bis zur zeitgenössischen Musik. Das Problem ist hier wieder eine für mich nicht überschreitbare Grenze: Moderne Musik ist sehr kompliziert, wird aber in dem Maße immer verständlicher, je mehr man sich mit ihrer Kompliziertheit auseinandersetzt. Und dann kommt wieder jener Punkt, an dem die musikalische Komplexizität so zunimmt, dass sich eine moderne Komposition nicht mehr von der „Aleatorik“ (Zufallsmusik, die nach meinem Verständnis wegen des Zufallsprinzips keine Komposition mehr ist, weil diese ja – dem Wort entsprechend – ein bewusstes Zusammensetzen von Tönen, Pausen und Rhythmen bedeutet) oder sich nicht von dem in der „Messtechnik“ bekannten „Grundrauschen“ unterscheidet (siehe „wichtige Anmerkung“). Man hat dann jenen Grad erreicht, bei dem Musik nach meinem Verständnis sinnlos wird, weil sie durch bewusst gestaltete Kompliziertheit das generelle Unvermögen unseres Gehirns aufzeigt, mit Dingen umzugehen, für das es nicht geschaffen ist.
Dieses Unvermögen unseres Gehirns sind die Grenzen unseres Geistes.
„Wichtige Anmerkung:“ Das sogenannte „elektronische Grundrauschen“ ist in der Messtechnik, jene Grenze, das ein zu messendes Signal, das kleiner als dieses Grundrauschen ist, früher nicht gemessen werden konnte. Ich erwähne dieses Beispiel deswegen hier bewusst, weil (früher) auch hier wieder eine Grenze auftauchte, die dann noch während meiner Zeit als Forschungsanalytiker, plötzlich keine Grenze mehr war, weil durch einen mathematischen Kunstgriff (in diesem Falle die sogenannte Fourier-Analyse) das statistische Grundrauschen eliminiert werden kann und das zu messende Signal in „strahlender Schönheit“ erkennen lässt.
Wieviele geistige Grenzen der Unvorstellbarkeit lassen sich durch solche mathematische Kunstgriffe in den Bereich unserer Vorstellungskraft überführen??? Ich wage nicht, diese Frage zu beantworten – vielleicht gibt es gar keine geistigen Grenzen?
(Alfred Rhomberg)



