
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Katharsis am Beispiel der EM 2008
Bildquelle: © Katharsis - Computergrafik Alfred Rhomberg
Ich freue mich schon auf die EM 2008, wenn auch nicht in dem Sinne, wie sich viele freuen, sondern eher auf die Reinigungskräfte, die nach psychoanalytischen Vorstellungen mit dem Ausleben von Triebwelten verbunden sind. So gesehen wären allzu große Einschüchterungsversuche durch die Polizei eher negativ zu bewerten, weil eine solche Katharsis dadurch auf ein Minimum reduziert würde – ein typischer Konflikt zwischen Psychoanalyse und moderner Realität.
Andererseits: jeder Weg von Igls nach Innsbruck führt am Tivolistadion vorbei und was sich während der Fahrt und im Bereich des Stadions abspielt, lässt mich doch an der Authentizität mancher psychoanalytischer Therapiemethoden zweifeln und mich auf die Seite der Polizei stellen – nur wörtlich natürlich, denn ich werde, nachdem ich Igls nicht absperren kann, wenigstens meine Wohnung zum Sperrgebiet erklären und das Haus kaum verlassen. Wieder andererseits wird es vielleicht alles gar nicht so schlimm und die Psychoanalyse muss ihre Forschung eventuell auf die Olympischen Spiele in China verschieben.
Ebenfalls andererseits erinnere ich mich an ganz normale Fußballspiele in Mannheim, bei denen ich zufälligerweise wieder in Stadionnähe wohnte und den Weg zu meiner Firma mit der Straßenbahn durchleiden musste. Bei der Station „Hauptbahnhof“ drangen etwa 200 triebgeladene Fans, begleitet von ca. 400 Polizeikräften in die Verkehrsmittel ein, verwüsteten dort einiges, zwangen die Mitfahrer zum Aussteigen, was von der Polizei insofern begrüßt wurde, als sie sich jetzt wenigsten nicht mehr um die Klagen der Fahrgäste kümmern musste. Besonders ein Zwischenfall, als sich mehrere männliche Jugendliche vor den weiblichen Fahrgästen splitternackt auszogen war den Polizisten unangenehm, weil sie hier eine Entscheidung zwischen normalem Exhibitionismus und normalem Verhalten von Fanclubs fällen mussten – was im Ernstfall meist zugunsten der Fanclubs entschieden wird, weil auch manche Polizisten Anhänger solcher Fanclubs sind. Es überzeugt mich auch nicht, dass ein Teil der Psychoanalytiker den Katharsis-Therapieansatz anzweifelt, in dieser Wissenschaft ist es üblich, dass jeder jeden anzweifelt – getreu nach dem Ausspruch von Karl Kraus: Psychoanalyse ist jene Wissenschaft, für deren Therapie sie sich hält.
Ich werde wie ein Einsiedler leben, Nahrungsmittel auf Vorrat kaufen und mich von allen Medien fernhalten – außer vielleicht einmal einen japanischen Rundfunksender anhören, weil ich japanisch nicht verstehe.
Die von den Tourismusverbänden prophezeite Umwegsrentabilität werde ich dann allerdings ausnützen und mir Tausende übrig gebliebener T-Shirts und Pseudofußbälle nach der EM zu einem Spottpreis kaufen.
Wie bereits gesagt, es kann auch ganz anders kommen und ich möchte der Freude Tausender, vermutlich sogar von Millionen Menschen nicht im Wege stehen.
Ja – ich habe eine Fußballphobie, die sich tiefenpsychologisch vielleicht dadurch erklären lässt, dass ich als Schüler einmal ein Eigentor bei einem Fußballspiel der Klasse 1a gegen 1b schoss, ich verschweige auch nicht dass mir das gleiche Missgeschick auch nach meiner Versetzung bei einem Spiel 2a gegen 2b passierte.
(Alfred Rhomberg)
am 28.05.2008 14:52
