
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe: Kreativität (I)
Bildquelle: Zumindest 2 Besucher einer Vernissage denken darüber nach, was Kreativität im Allgemeinen und im Besonderen bedeutet (Bild A. Rhomberg)
In loser Folge werden stark gekürzte und veränderte Ausschnitte aus meinem (eigentlich) vollendeten Buch mit dem vorläufigen Arbeitstitel „Wege zur Kreativität“ vorgestellt, wobei nur die wesentliche Gedanken – ohne die in dem Buch erarbeiteten wissenschaftlichen Grundlagen und ohne Anwendungsbeispiele hier publiziert werden.
Zur Vorgeschichte des Buches: die Idee zu diesem Buch entstand anlässlich eines für Führungskräfte vorgeschriebenen Seminars über „Kreativitätstraining“, das im Gegensatz zu den unzähligen ausgezeichneten Seminaren, die ich in meiner Firma absolvieren musste von einem völlig unfähigen Seminarleiter geleitet wurde. Meine erste Reaktion auf dieses Seminar war: So nicht! Die Frage: Wie dann? konnte ich aus Zeitgründen erst nach meiner Pensionierung genauer analysieren und ausformulieren.Was ist Kreativität ?
Kreativität wird im Brockhaus als „die Fähigkeit, originelle, ungewöhnliche Einfälle zu entwickeln und sie produktiv umzusetzen“ definiert.
Sehr ähnliche Definitionen findet man in der Internet-Wikipedia Enzyklopädie, deren Behandlung dieses Themas nach dem Stand Anfang 2006 als noch nicht abgeschlossen galt:
„Kreativität ist die Fähigkeit intelligenter Lebewesen, neue und unübliche Kombinationen und neue Aufgabestellungen zu finden“.
oder:
“Kreativität ist die Fähigkeit produktiv gegen Regeln zu denken und zu handeln”.
Alle diese Definitionen treffen das Wesen kreativen Handelns, die letzte der drei Definitionen weist dabei indirekt auf einen Ansatz hin, der die Möglichkeit zur Steigerung von Kreativität (etwa durch Training) erlaubt und zudem ähnlich der Brockhausdefinition das Wort „produktiv“ enthält. Beides ist wichtig: es genügt nämlich nicht „kreativ“ zu denken, denn ohne die produktive Umsetzung von Ideen ist Kreativität wertlos. Ebenso wichtig ist die Feststellung, dass es sich bei „Kreativität“ um eine „Fähigkeit“ handelt – Fähigkeiten lassen sich trainieren! Gelegentlich findet man zum Thema Kreativität auch die Meinung, dass diese eine Sonderform von Produktivität oder auch ein Indikator für Intelligenz sei. Dieser Sichtweise möchte sich der Autor nicht anschließen, auch wenn es Zusammenhänge zwischen Kreativität und Intelligenz geben mag. Kreativität sollte schon deswegen nicht mit dem Intelligenzbegriff verknüpft werden, weil Intelligenz unterschiedlich definiert wird und weil Kleinkinder oft wesentlich kreativer handeln als im späteren Leben, obwohl ihr IQ (Intelligenzquotient) deutlich niedriger als nach einer gymnasialen oder anderen höheren Schulbildung ist.
Anm.: Der Intelligenzquotient ist ein Maß, wie schnell ein Gehirn in der Lage ist, eine Aufgabe „optimal“ zu lösen. Um Aufgaben lösen zu können, muss ein gewisses Grundwissen im Hirn bereits vorhanden sein, deswegen sind die meisten der verwendeten Intelligenztests nicht wirklich aussagekräftig. Es gibt hochintelligente (ungebildete) Menschen, die eine Aufgabe nur deswegen nicht lösen können, weil ihnen das erforderliche Wissen fehlt.
Häufig wird zwischen künstlerischer und nutzorientierter Kreativität unterschieden. Dieser Unterschied hat mit dem Grundbegriff der Kreativität nichts zu tun. Der entstandene Nutzen hängt von vielen Kriterien (u.a. vom Glück) ab, darüber hinaus ist selbst beim Künstler nicht nur der kreative Einfall, sondern auch dessen Umsetzung von ausschlaggebender Bedeutung, was insbesondere in der zeitgenössischen experimentellen Kunst gelegentlich etwas vergessen wird.
Woran erkennt man Kreativität ?
Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn die Eingangsdefinitionen sagen ja nichts darüber aus, was „originelle“ oder „ungewöhnliche“ Einfälle sind. Manche Einfälle verursachen zunächst oft nur Verblüffung und führen zu dem Eingeständnis, dass einem selbst „so etwas nicht eingefallen wäre“. Eine gewisse Vorsicht ist daher bei der ersten Beurteilung einer kreativen Idee geboten. Man kann auch durch Tabu-Brüche oder durch die bewusste Kombination an sich nicht üblicher Bildinhalte verblüffen. Beides kann einen Aufmerksamkeitseffekt (AHA-Effekt) hervorrufen, ohne dass das Ergebnis wirklich kreativ ist. Besonders die Werbung bedient sich in zunehmendem Maße solcher Mittel, wobei die eigentliche Kreativität oft mehr im „Erfinden“ solcher Effekte, als in der Gestaltung bzw. Umsetzung der Werbeidee liegt.
Eine sichere Beurteilung darüber, was Kreativität ist und wo kreatives Handeln anfängt, gibt es nicht. Die richtige Einschätzung wird durch eine möglichst breite Kenntnis der zu beurteilenden Materie erleichtert, denn der Ungebildete hält auch Banalitäten für kreativ. Einfacher ist es, festzustellen, was nicht kreativ ist, nämlich alles, was dem „Mainstream“ entspricht, denn dieser fordert ja zum Nachahmen dessen auf was „viele“ machen.
Ist Kreativität angeboren oder kann sie erlernt werden?
Wie alle menschlichen Begabungen sind der Spieltrieb und die Fähigkeit zu kreativem Handeln genetisch verankert. Angeboren ist jedoch nicht das Ausmaß einer Begabung. Die genannten Fähigkeiten gehören vermutlich zur Grundausstattung des Menschen, ohne die es den homo sapiens nicht gäbe. Der Spieltrieb allein ist wohl nicht für Kreativität verantwortlich, denn dieser Trieb ist bei den meisten höheren Tierarten vorhanden. Es bedarf der menschlichen Intelligenz (nicht im Sinne des oben erwähnten „IQ“), den Spieltrieb für kreatives Handeln nutzbar zu machen. Wenn eine Begabung ansatzweise vorhanden ist, kann man diese durch geeignete Maßnahmen fördern und steigern. Ob es Menschen gibt, die hierfür grundsätzlich nicht geeignet sind, ist unbekannt, ebenso wie das Ausmaß nicht bekannt ist, wie weit Kreativität gefördert werden kann. Man kann aus den meisten Menschen gute Musiker machen, einen Mozart wird man durch die besten Trainingsseminare nicht schaffen können. Begnügen wir uns also damit, vorhandene Begabungen bestmöglich zu fördern. Dies ist in jedem Lebensalter möglich, wenn auch auf unterschiedlichem Wege. Beim Kind besteht das Hauptproblem darin, wie die bei fast allen Kindern beobachtete Phantasie und Kreativität über die Schulzeit „hinübergerettet“ werden kann, beim Erwachsenen geht es eher darum, verborgene Potenziale zu erkennen oder verlernte Kreativität wiederzubeleben.
Fortsetzung folgt (Alfred Rhomberg)
