
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Kreativität (II) - Vom kausalen zum kreativen Denken
Bildquelle: Der Lohn für "kreatives Denken" wird nach einer 3-jährigen chemischen Doktorarbeit devot in Empfang genommen (1963-Bildarchiv A.Rhomberg)
(dieser Beitrag ist die Fortsetzung des Beitrages Kreativität (I) und ist gleichfalls eine stark gekürzte Form eines anderweitig verwendeten Textes)
Das Phänomen der Kreativität wird erst seit etwa 50 Jahren wissenschaftlich bearbeitet und stand lange im Schatten der „Intelligenz“, die durch Intelligenztests wesentlich greifbarer ist, wobei es Tatsache ist, dass es Menschen mit sehr hohem IQ (Intelligenzquotient) gibt, denen jede Art von Kreativität abgeht.
1950 stellte J.P. Guilford dem linearen, methodischen Denken das „divergent thinking“ gegenüber, welches später von Edward de Bono als „lateral thinking“ (Querdenken) so definiert wird:
„Lateral thinking is about moving sideways when working on a problem to try different perceptions to get us out of the usual line of thought. Lateral thinking is cutting across patterns in a self-organizing system, and has very much to do with perception“
Reinhard Sellnow, Stadtplaner und Moderator/ Mediator reduziert 1997 alle kreativen Prozesse auf drei wesentliche methodische Phasen:
1. Kritikphase/ Bestandaufnahme
2. Fantasiephase/ Ideensuche
3. Verwirklichungsphase/ Umsetzung
Diese drei Phasen sind ein guter Leitfaden sich dem Gesamtthema „Kreativität“ zu nähern, in späteren Beiträgen wird der Fantasiephase bzw. den Methoden der Förderung kreativer Prozesse der Vorrang gegeben, weil sowohl in der Kritikphase, als auch in der Umsetzungsphase weniger das kreative Denken, als methodisches Denken im Vordergrund stehen.
Der Beginn des Denkens
Schon vor der Geburt eines Kindes beginnen Lernprozesse. Gleich nach der Geburt beschleunigt sich der bereits im Mutterleib begonnene Prozess der Nervenzellteilung, der Ausbildung von Nervenfortsetzungen und die Bildung von Synapsen, um damit auf die neuen Umweltreize zu reagieren. Parallel dazu beginnt das Hirn Methoden des Denkens zu entwickeln, ein Prozess der sich in den folgenden Jahren immer mehr beschleunigt. Mit etwa neun Monaten beginnt das Kind kausal und assoziativ zu denken, abstraktes Denken setzt deutlich später ein, genaue Angaben darüber sind nicht möglich, weil alle diese Prozesse von der Umgebung – einschließlich der Erziehung – und der Intelligenz abhängen. Die Frage, ob „Denken“ angeboren ist, kann zur Zeit noch nicht beantwortet werden, dagegen ist die Annahme, dass Kinder qualitativ „anders“ als Erwachsene denken (alternatives Denken) wohl nicht aufrecht zu halten, wie Experimente mit behinderten Kindern beweisen.
Gegenständliches – kausales Denken
Unter kausalem Denken versteht man die Fähigkeit, die Folgen seines Handelns zu erkennen. Beim Kleinkind beginnt diese Art zu denken z.B. mit der Erfahrung, dass zwei Bauklötze, die es aufeinander zu bewegt, irgendwann zusammenstoßen. Diese Art zu denken beginnt mit dem monokausalen Denken (eine einzige Ursache ist für einen bestimmten Effekt erforderlich) bis zu der Erfahrung, dass mehrere Ursachen erforderlich sein können, um Erfolg zu haben. Die Erfahrung spielt also in zunehmendem Maße eine wichtige Rolle, gleichzeitig werden Grundstrukturen einer logischen Vorgangsweise entwickelt.
Logisches Denken
Darunter versteht man alle Formen methodischen Denkens. Induktives Denken schließt vom „Besonderen auf das Allgemeine“ ,deduktives Denken ist der Schluss vom „Allgemeinen auf das Besondere“. Dabei spielen auch die bei Computerprogrammen und Recherchen üblichen Bool’schen Parameter z.B. des „sowohl als auch“, „dieses aber nicht das“, größer/ kleiner als“, „wenn das, dann dieses“ /if…..than/else) etc. Für Computer wurden sogenannte „Fuzzy Logik Programme“ (Fuzzy Logik = unscharfe, verschwommene Logik) entwickelt. Diese unscharfe Logik des „ziemlich“, „ein bisschen“ etc.), ist für unser Gehirn selbstverständlich, nicht jedoch für unsere heutigen Computer mit ihrer „JA oder NEIN“ Logik.
Das kindliche Gehirn erarbeitet sich die unterschiedlichen Logiken ganz von selbst, dieser Prozess wird von der Umgebung (Spiele, Kindergarten, Schule etc.) und besonders im Laufe der weiteren Berufsausbildung verstärkt. So fördern bestimmte Berufe ganz bestimmte Formen des Denkens. Geisteswissenschaftler denken z.B. eher deduktiv, Naturwissenschaftler mehr induktiv. Warum das so ist, soll an zwei kleinen Beispielen erklärt werden:
Dem Naturwissenschaftler erschließen sich allgemeine Regeln nicht automatisch. So sieht ein Chemiker z.B. nicht die Ursache für die Farbe „rot“, wenn er verschiedene rote Blumen in der Natur betrachtet. Auf die induktive Art und Weise, wie ein Chemiker schließlich die theoretische Besonderheit der Farbe „rot“ erkennt, soll in diesem Beitrag nicht näher eingegangen werden.
Anders geht der Geisteswissenschaftler (z.B. Philosoph oder Mathematiker) vor. Er setzt einfache, allgemeine Sätze voraus und versucht, daraus nach Regeln der Logik, speziellere bzw. kompliziertere Sätze abzuleiten. Hierzu eine wörtliche Passage aus der Internet Wikipedia-Enzyklopädie:
„Sobald ein Grundschüler das Addieren natürlicher Zahlen gelernt hat, ist er in der Lage, folgende Frage zu verstehen und durch Probieren zu beantworten: „Welche Zahl muss man zu 3 addieren, um 5 zu erhalten?“.Die systematische Lösung solcher Aufgaben aber erfordert die Einführung eines neuen Konzepts: der Subtraktion. Die Frage lässt sich dann umformulieren zu: „Was ist 5 minus 3?“. Sobald aber die Subtraktion definiert ist, kann man auch die Frage stellen: „Was ist 3 minus 5?“, die auf eine negative Zahl und damit bereits über die Grundschulmathematik hinaus führt“.
Abstraktes Denken setzt beim Kind erst relativ spät ein (ab ca. dem dritten Lebensjahr). Es ist die Basis für Begriffsbildungen So werden z.B. Gegenstände wie Hammer, Zange und Säge unter dem Begriff „Werkzeuge“ subsummiert. Nach der Lernpsychologie dient die Fähigkeit der Bildung von Oberbegriffen dazu, das Gesamtwissen immer engmaschiger zu vernetzen.
Assoziatives Denken
Beim assoziativen Denken werden bewusst oder unbewusst mehrere Gedanken miteinander verknüpft. Das Phänomen der Assoziation ist insofern nicht verwunderlich, weil die Hirnareale ja weitgehend über Synapsen miteinander verknüpft sind und dadurch fast gleichzeitig auf elektrischer Basis (also sehr schnell) mehrere Gedächtnisinhalte nebeneinander abgerufen werden können.
Intuition
Die Intuition ist die Fähigkeit, fast auf Anhieb richtige Entscheidungen zu treffen (oft ohne Kenntnisse der zugrundeliegenden Zusammenhänge). In diesem Zusammenhang wird oft von Eingebung, Geistesblitz bzw. einer von außen kommenden Idee gesprochen. Diese Vorstellung ist vermutlich falsch, da Intuitionen nicht immer sofort zur Stelle sind, sondern sich auch erst nach einiger Zeit, z.B. nach dem Schlafen, einstellen. Auch dass es sich um von „außen“ kommende Einfälle handelt, darf bezweifelt werden, allerdings kann es sein, dass die ständig von außen einströmenden Informationen dann anders als üblich verarbeitet werden, wenn ganz bestimmte Voraussetzungen im Hirnzustand vorhanden sind.
„Intuitionen treffen stets auf einen vorbereiteten Geist“ (Pasteur)
Vermutlich arbeitet das Gehirn im Unterbewusstsein an einer Aufgabe und schaltet erst dann das Bewusstsein ein, wenn es auf eine Lösung gestoßen ist.
Intuition stellt sich also als spontane Erkenntnis dar, die nicht (bzw. allenfalls im Unterbewusstsein) auf der diskursiven Methodik der klassischen Denkmethoden beruht, bei der also nicht jeder Schritt in Form eines gedanklichen Dialogs erfolgt. Die Intuition ist ein wichtiges auslösendes Moment wissenschaftlichen und künstlerischen Gestaltens.
Keine Denkmethode – auch nicht das intuitive Denken – ist in kurzer Zeit erlernbar, jede Methode muss trainiert werden, wobei sich die Intuition dem systematischen Zugriff am meisten widersetzt. Intuition erfordert ein breites, wenn auch unbewusst gespeichertes Wissen und die Fähigkeit des Gehirns, möglichst viele der in den unterschiedlichsten Teilen des Gehirns gespeicherten Informationen, scheinbar ohne unser Zutun, so mit einander zu verknüpfen, dass in Form von Assoziationsketten neue Informationen (u.a. kreative Ideen) entstehen. Deshalb ist die Intuition keine Denkmethode im Sinne der klassischen Philosophie, sie ist aber ein wichtiger Ideengenerator.
Wortloses und bildhaftes Denken
Schon seit Aristoteles gilt ein Denken ohne Worte d.h. ohne Sprache als wahrscheinlich. Träume können ohne Einbeziehung der Sprache zustande kommen, anders wäre es nicht erklärbar, dass Kleinstkinder, welche die Sprache ja noch nicht beherrschen, träumen können und jeder Hundebesitzer beobachtet, dass auch Hunde während des Schlafen offensichtlich träumen. Vom Chemiker Kékulé wird berichtet, dass er das Modell des Benzolringes bildhaft im Traum erkannt hat.
Kreatives Denken und Handeln
Obwohl die oben genannten Begriffe in der einschlägigen Literatur meist getrennt als unterschiedliche Begriffe behandelt werden, so liegt die Vermutung doch nahe, dass eine enge Verknüpfung zwischen den genannten Denkformen besteht. Insbesondere die Intuition setzt assoziatives und kausales Denken voraus (oft im Unterbewusstsein). Kreatives Denken ist – zumindest für den Autor – mit so vielen Beschreibungen des intuitiven Denkens verwandt, dass die Begriffe intuitiv, assoziativ und kreativ nur schwer von einander trennbar sind.
Leider muss man von der Tatsache ausgehen, dass Menschen, die beruflich fast ausschließlich methodisch-analytisch an die ihnen gestellten Aufgaben heran gehen, dies auf Kosten ihrer Kreativität tun. Diese Feststellung deckt sich auch mit der Beobachtung, dass Kleinkinder von 3-4 Jahren oft viel kreativere Ideen, z.B. beim Malen und Zeichnen, aber auch hinsichtlich ihrer Fantasie beim Ausdenken von Rollenspielen haben, als ältere Kinder. Bei letzteren wachsen die in der Schule erworbenen Fähigkeiten des methodischen Denkens (z.B. im Grammatik- oder Mathematikunterricht) meist stärker als die in der Kunst erforderlichen kreativen Fähigkeiten. Manche Schultypen versuchen dies durch ein entsprechendes Unterrichtsangebot zu verhindern (z.B. Waldorf-Schulen), hier wird dafür das in fast allen Berufen erforderliche methodische und abstrakte Denken etwas unterbetont, leider auch das Bewusstwerden, dass die Realitäten des Lebens nicht nur Spiel sind. Die „ideale“ Schule müsste also beides gleichzeitig fördern, kreative Fähigkeiten (Malen/ Zeichnen, Musik) ebenso wie methodisch analytisches Denken. Darüber hinaus sollten Schulen gewissen Tugenden, die in den letzten Jahrzehnten etwas vernachlässigt wurden, nämlich soziales Verhalten, Fleiß und Pflichtgefühl, wieder etwas mehr Bedeutung schenken – alles in allem keine leichte, aber lösbare Aufgabe.
Der Erwachsene muss sein durch die Schul- bzw. Berufsausbildung verloren gegangenes kreatives Denken und Handeln meist erst wiedererlernen.
Dieser Beitrag soll nicht ohne eine persönliche Episode aus dem Leben des Autors zu Beginn seines Chemiestudiums abgeschlossen werden. Bekanntlich prägen sich selbsterlebte Vorkommnisse besser ein als solche, die man aus Büchern, oder im Hörsaal erfährt.
Im dritten Semester meines Chemiestudiums musste ich das Element Magnesium quantitativ „maßanalytisch“ (durch Titration) bestimmen. Bei dieser Methode wird eine Reagenzlösung mit genau bekannter Konzentration tropfenweise in die zu analysierende Magnesiumlösung eingetropft und die dafür notwendige Menge der Reagenzlösung gemessen. Der Endpunkt, d.h. der Punkt, bei dem der zu messende Stoff vollständig mit der Reagenzlösung reagiert hat, wurde früher meist mit Farbindikatoren festgestellt, das sind zugesetzte Farbstoffe, die ihre Farbe ändern, wenn die notwenige Reagenzmenge erreicht ist. Oft sind die Farbänderungen deutlich erkennbar, im Falle der Magnesiumanalyse veränderte sich die Farbe des zugefügten Indikators jedoch in allen Zwischenformen von violettrotblau zu kornblumenblau, weshalb der Endpunkt sehr schwer erkennbar war (ist die Farbe noch ein bisschen violett, rotblau, etwas blau oder schon ganz blau?). Ohne viel nachzudenken, nahm ich eine gelbe, am Labortisch stehende gelbe Chromatlösung und gab einige Tropfen in das Analysegefäß, wobei sich der Farbton von violettrot auf rot veränderte. Am Endpunkt färbte sich die Lösung nach ein paar Grautönen plötzlich grün! Damit hatte ich das Phänomen der „Mischindikatoren „erfunden“, wobei es für mich damals nebensächlich war, dass dieses „Phänomen“ offenbar schon einige Monate vor mir erfunden wurde, denn eine deutsche Firma brachte wenig später eine sinngemäß ähnliche Erfindung auf den Markt. Mich interessierte damals nur, wie ich ohne wissenschaftliche Logik anzuwenden (dafür war meine Handlungsweise zu spontan) zu dieser Idee kam. Die Erklärung ist einfach: ich beschäftigte mich zu dieser Zeit bereits intensiv mit Ölmalerei und das Resultat beim Mischen von Farben war für mich daher selbstverständlich.
Diese kleine Episode zeigt, dass Intuition oft durch andere Fähigkeiten (u.a. Hobbies) gefördert wird.
(Alfred Rhomberg)
am 03.04.2008 12:44
