
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Kreativität (III) - Die Bereitschaft zur Umgestaltung von Wahrnehmungs- und Denkmethoden: Visualisierung
Bildquelle: Skizze A.Rhomberg - Visualisierung eines komplizierten Konzeptes durch eine relativ einfache Skizze)
Im Beitrag Kreativität (II) wurde bereits angesprochen, dass die Ausbildung in Gymnasien und Hochschulen, logische Denkmethoden fördert und gleichzeitig die Fähigkeit zu kreativem Denken und Handeln dadurch verdrängt. Diese Fähigkeiten müssen also wieder erlernt und trainiert werden. Hierfür ist jede Methode geeignet, die einen bestimmten Sachverhalt, anders als durch Worte, Logik oder angelernte Phrasen beschreiben kann. Es ist leicht nachvollziehbar, dass die Bildsprache dafür besonders geeignet ist (siehe Anmerkung). Aber auch der Versuch einen Gedanken, eine Erinnerung oder ein Bild durch Musik oder durch Gesten auszudrücken ist ein nützlicher Weg, andere „Pfade“ im Gehirn zu aktivieren, als dies mittels methodischer Denkweisen möglich ist. Das heißt natürlich nicht, dass wir methodisches Denken verlernen sollen, sie sind für die meisten Problemlösungen unentbehrlich, die Stärkung des kreativen Potenzials unseres Gehirns ist jedoch eine zusätzliche, ebenso unentbehrliche Quelle, um neue Ideen zu entwickeln.
Die Visualisierungsmethode
Unter Visualisierung versteht man das Ausdrücken von Gedanken in Form von Bildern. Bilder eignen sich vorzüglich dazu, um intuitive Gedanken zu generieren, die nicht über den Umweg der Sprache und der mit der Sprache verbundenen Denkschemata des Gehirns verbunden sind. Zwar ist die Sprache die wichtigste Form, sich intellektuell mitzuteilen, es ist jedoch nicht zu vermeiden, dass durch die Sprache assoziative bzw. intuitive Prozesse empfindlich gestört werden, weil das Gehirn dazu verführt wird, klassische Denkmethoden anzuwenden. Es wird oft behauptet, Kinder seien wesentlich kreativer als Erwachsene, das stimmt nur mit Einschränkungen. Wegen der Spracharmut und der noch nicht trainierten Fähigkeit zu methodischem Denken, drücken sich Kinder in jener Sprache aus, die sie beherrschen, das ist der Bilder- oder Gestensprache. Das Kind verblüfft den Erwachsenen oft mit seinen Bildern, deren Inhalte der Erwachsene manchmal nicht versteht, zur Lösung von Problemen trägt diese „Kreativität auf niederem Niveau“ jedoch nicht viel bei, weil die Bildsprache des Kindes dem Bildungsniveau des Kindes entspricht. Die Bilder lassen daher allenfalls Rückschlüsse auf die Befindlichkeit des Kindes zu.
Viele Erwachsene verlieren, mit Ausnahme von Künstlern, die Fähigkeit, sich mit Hilfe von Bildern auszudrücken. Der Autor hat während seiner beruflichen Tätigkeit häufig festgestellt, dass viele Akademiker oft nicht in der Lage sind, ihre tägliche gewohnte Arbeit in Form eines Bildes darzustellen. Noch weniger gelingt dies naturgemäß bei schwierigeren Aufgaben. Was kann die Darstellung in Bildern bewirken? Antwort: Bilder sind sowohl für denjenigen nützlich, der sie anfertigt, als auch für den, der sie betrachtet. Nicht umsonst heißt es „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“.
Wer versucht, ein Problem oder einen Sachverhalt in Form eines Bildes darzustellen, wird häufig feststellen, dass er auf Zusammenhänge stößt, auf die er ohne diese Visualisierung gar nicht gekommen wäre. Unklarheiten, die durch die Sprache durch Floskeln verdeckt werden können, treten im Bild oft sofort zutage. Derjenige, der das Bild anfertigt, wird sich seiner Unklarheiten sehr schnell bewusst, noch schneller empfindet sie der Betrachter eines Bildes und dessen Nachfrage ist bereits ein kreativer Prozess. Bei der Visualisierung als Arbeitstechnik, soll man sich deswegen auch gar nicht lange an den Unzulänglichkeiten seiner Skizze aufhalten, es ist viel nützlicher an fraglichen Stellen ein (oder mehrere) Fragezeichen anzubringen, weil der Arbeitskreis, dem die Skizze zur Diskussion vorgestellt wird, den Diskussionsprozess genau an der Stelle der Fragezeichen beginnen wird – was ja beabsichtigt ist.
Im künstlerischen Bereich ist das etwas anders, zwar soll auch hier beim Betrachter irgend ein Fragezeichen einen Denkanstoß (oder eine Emotion) auslösen, nur sollten die Fragezeichen raffinierter (origineller) angebracht sein.
Anm.: Dass Bilder in ihrer Interaktion mit anderen Funktionen des Gehirns eine so herausragende Bedeutung haben, hat einen besonderen Grund. In jeder Sekunde werden Millionen Bildinhalte vom Auge aufgenommen und der Hippocampus, jenes kleine entwicklungsgeschichtlich älteste Organ unseres Gehirns, entscheidet nicht nur darüber, was wichtig ist im Gehirn gespeichert zu werden, sondern auch darüber, ob das was ein Mensch (oder Tier) sieht, für ihn gefährlich sein kann. Deshalb ist der Sehnerv auch – im Gegensatz zum Hörnerv kein echter Nerv (obwohl er oft so genannt wird), sondern eine Ausstülpung des Gehirns und daher mit dem Gehirn direkter verbunden als andere Sinne.
An dieser Stelle soll noch einmal daran erinnert werden, dass die rechte Hirnhälfte, trotz Arbeitsteilung mit der linken, mehr für Figuren und Formen zuständig ist, wodurch möglicherweise die Visualisierungsmethode zu anderen Ergebnissen kommen kann, als schriftliche Arbeitstechniken.
Zum vorangestellten Blogbild: Ich hatte diese relativ einfache Skizze bei einer Arbeitsrunde von Abteilungsleitern ganz unterschiedlicher Arbeitsdisziplinen unserer Pharmafirma, bewusst zu Beginn der Projektsitzung projiziert, um mein neues Konzept eines „Leitsubstanzscreenings“ vorzustellen. Unter Screening versteht man das mehr oder weniger auf Zufall beruhende Testen möglichst vieler, ganz unterschiedlicher Substanzen. Der Screeninggedanke war an sich nicht neu, er wurde erstmals nach der Entdeckung des Penicillins durch die Testung aller verfügbaren Pilzarten zur Auffindung neuer Antibiotica angewendet. Obwohl diese Methode zu vielen neuen Antibiotica führte (Tetracycline, Streptomycin, Neomycin usw.), war Screening später wieder aus der Mode gekommen, man versuchte Wirksubstanzen nach anderen, logischeren Kriterien zu finden. Etwa 1980 gab es jedoch inzwischen so viele neue Testmethoden, dass zusätzlich zu klassischen Verfahren der Pharmaforschung, auch das damals für meine Firma entwickelte Substanzscreening interessant erschien. In der Skizze wollte ich mit den Abteilungsleitern der Chemie, Medizin, Biochemie und Microbiologie klären, inwieweit sie mit ihren Abteilungen und ihren verfügbaren Methoden Test- und Selektionsprozesse beim Leitsubstanz-Screening realisieren konnten. Das „inwieweit“ waren die in den „Trichtern“ gezeichneten Fragezeichen. Die Skizze versinnbildlichte durch die Trichter u.a. auch, dass der Selektionsprozess in mehreren Ebenen erfolgen musste. Ohne diese wirklich einfache Darstellung, hätte ich sehr viele Worte gebraucht, um die Runde an die Problematik heranzuführen.
(Weitere Beiträge zum Thema Visualisierung und anderer Methoden folgen) A. Rhomberg
am 05.04.2008 03:06
