
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Landleben DCCLXXVII (777) – der Altbauer Michi
Bildquelle: (c) Alfred Rhomberg - Vorbereitungen zu einer dörflichen Ehrung
Viele Jahre waren seit dem Beitrag XIII ins Land gegangen – man kann sie übergehen, denn sie waren das Abbild eines normalen Lebens am Lande. Landwirtschaftlich harte Realität, Hoffnungen, Visionen, zuweilen Albträume, die Wahl zum Bürgermeister, die Abwahl vom Bürgermeisteramt, die Wiederwahl, die neuerliche Abwahl, die neuerliche Wiederwahl und dann die vielen Ehrungen – vom Landeshauptmann, vom Bezirkshauptmann, vom Gemeindeausschuss, von der Dorffeuerwehr, vom Schützenverein, vom Tourismusverband, von russischen Investoren, von der Kirche (!), ….. und von vielen Partnerdörfern in ganz Europa, die er als Bürgermeister plus Gemeinderäte alle besucht hatte und deren Bürgermeister plus Gemeinderäte ihn alle besucht hatten. Es war nur natürlich, dass diese Jahre an dem ehemaligen Jungbauern Michi (und an der Jungbäuerin) nicht spurlos vorüber gegangen waren. Hauptsächlich die Besuche in den befreundeten Partnerdörfern der Ukraine, Bulgarien und Russland hatten seiner Leber zugesetzt – Wodka, fettes Essen etc. waren eben ungesünder als Tiroler Schinkenspeck, Schmalzbrote, Lammbraten und Tiroler Gröschtl – und ein echter Tiroler Obstler sieht zwar äußerlich so farblos aus wie Wodka, aber er ist immerhin aus frischem Tiroler Obst gebrannt, anstatt aus nahezu vitaminlosen Kartoffeln oder Getreide. Es beruhigte ihn ein wenig, dass auch die Urväter des neuen Österreichs, der Kanzler Julius Raab und sein Außenminister Leopold Figl („Österreich ist frei“), den österreichischen Staatsvertrag hauptsächlich dadurch zustande brachten, weil sie die notorischen Neinsager der UDSSR systematisch bei allen Verhandlungen (etwa 237) unter den Tisch trinken konnten. Da war eine Leberzirrhose, schon wegen der guten Sache, verantwortbar – leider hatte Michi keinen Staatsvertrag, allenfalls einen Ehevertrag zustande gebracht, der mit Freiheit wenig zu tun hatte.
Michi hatte seinen Hof schweren Herzens seinem Sohn Michi II übergeben, der zwar kein Visionär – jedoch ein guter Landwirtschaftsökonom war und seinen Hof vollkommen computergesteuert bewirtschaftete. Michi II verstand nicht mehr die Sprache der Kühe und Pferde – wer seine Milcherträge und die Futterkosten nur noch mit dem Computer verwaltet – hat keine Zeit, sich die Sorgen seiner Tiere anzuhören (oder gar Visionen zu haben).
Michi der Altbauer wurde oft sentimental, wenn er in den Landleben-Beiträgen nachlas, die ganze Vergangenheit kam dann herauf und er bedauerte zutiefst, damals eine einstweilige Verfügung gegen den Beitrag X gerichtlich beantragt zu haben, sodass dieser Beitrag daher nie erschien, weil aus der „Einstweiligkeit“ aufgrund der Gründlichkeit österreichischer Gerichte viele Jahre geworden waren und als der Beitrag dann endlich freigegeben wurde, hatte ihn die Zeit überrollt. Was war denn eigentlich so anstößig an diesem Beitrag? Vielleicht, dass er für seine Pensionsgäste die „Liebe im Heu“ als besondere touristische Attraktion anbieten wollte – die Richter gaben ihm zwar recht und fanden, dass der Beitrag gegebenenfalls pornographisch gewesen wäre. Aber was ist an der Liebe und insbesondere am Heu schon pornographisch? Er hatte später als Bürgermeister schon ganz andere Begebenheiten in seinem Dorf erlebt – ohne dagegen vorgegangen zu sein. Table Dance, Striptease oder Pyjama-Parties gehörten zum selbstverständlichen Entertainment in allen Dorfgasthäusern, wobei sich Michi speziell bei den Pyjama-Parties fragte, warum Pyjamas heute aus so wenig Stoff bestehen – vielleicht weil die verschiedenen Wirtschaftskrisen die TouristInnen zum Sparen zwangen.
Diese Zeiten waren für Michi nun vorbei und manchmal langweilte er sich ein wenig. Er schlug der ehemaligen Jung-(jetzt) Altbäuerin vor, vielleicht wieder eine zweite Hochzeitsreise auf die Galápagos Inseln zu unternehmen, aber die Altbäuerin wehrte ab, das wäre jetzt nicht mehr modern. Jetzt, da die Kinder und Enkelkinder groß waren, verbrachte sie ziemlich viel Zeit vor dem Fernseher, Nähen lohnte sich ja nicht mehr (da war der Zwirn oft teurer als das ganze „Gwand“) und so bezog sie ihre Reiseinformationen hauptsächlich aus TV-Sendungen wie „Das Traumschiff“ oder das „Traumhotel“ – und dann ging der Michi halt ins Wirtshaus. Er hatte zwar nur eine einzige Sendung dieser Art gesehen, was er jedoch sah, war ausreichend, um schnellstmöglich Trost im Wirtshaus bei einem oder mehreren Glaserln zu suchen und sich tiefsinnigeren Beschäftigungen wie z.B. dem Kartenspiel hinzugeben. Im Gegensatz zum passiven Fernsehen war das Kartenspiel schließlich eine interaktive Herausforderung. Besonders das „Watten“ entsprach dem Naturell Tiroler Bauern: kein Wort zu viel, durch unmissverständliche Mimik (ein Hochziehen der linken Augenbraue genügte) wurde das Gegenüber sinnvoll informiert. Da bedarf es keiner Joysticks oder blutiger interaktiver Kämpfe wie bei den Computerspielen.
In einer sehr, sehr sentimentalen Stimmung schrieb Michi ein e-mail an Jesus Christus:
Lieber Herr Jesus,und möchte ich Dich bitten, mir mein Gspusi mit der Anna im Nachbardorf dereinst zu verzeihen, untertänigst, Dein Michi
und Jesus schickte sofort ein Rückmail:
das mit der Anna ja – aber was ist mit den Ausschweifungen in den ukrainischen und russischen Partnerdörfern, wenn die Jungbäuerin Dich nicht begleitet hatte? Zur Strafe werde ich es so einrichten, dass dem Autor AR kein Landleben-Beitrag mehr einfällt! Du solltest zur Abbitte täglich 1027 Rosenkränze beten und dann werden wir weitersehen, Dein Jesus.
Michi dachte nur, wie kommt Jesus gerade auf 1027 ? – so viele Ausschweifungen waren es seiner Erinnerung nach doch gar nicht, sicher hatte er pro Ausschweifung eine bestimmte Anzahl von Rosenkränzen verordnet – vielleicht 4 oder 5, andererseits ist 1027 eine Primzahl und das machte Michi nachdenklich.
(Alfred Rhomberg)s.a. Landleben I
Landleben II – der Crash
Landeben III – saisonbedingte Unterbeschäftigung von Kühen
Landleben IV – Mistgabeln als Wertanlage
Landleben V – Tragödie in 3 Akten
Landleben VI – zeitgemäßes Wiederaufleben durch vernetzte Landschaften
Landleben VII – Visionen
Landleben VIII – die Albträume des Jungbauern Michi
Landleben IX – die Normalität des Alltags – es ist normal verschieden zu sein
Landleben X (gibt es nicht – warum? siehe Landleben XI)
Landleben XI – trifftige Gründe warum es kein Landleben X gibt
Landleben XII – moderne Zeiten
Landleben XIII – il Municipio und die Zahl 13
am 19.01.2010 11:49









