
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Landleben XII – moderne Zeiten
Bildquelle: (c) Alfred Rhomberg
An sich konnte der Jungbauer Michi recht zufrieden mit dem Erreichten sein. Er war zum Bürgermeister gewählt worden, die Jungbäuerin war trächtig und er hatte sich Pferde angeschafft, weil dadurch nicht mehr nur die romantischen Stadt-Urlauber-Paare mit kleinen Kindern an einem Urlaub am Bauernhof interessiert waren, sondern auch Kleinfamilien bestehend aus einer Mutter, einem Vater und einer 13-jährigen Tochter. Die 13-jährige Tochter war deswegen so wichtig, weil Mädchen dieses Alters ein quasi pseudoerotisches Verhältnis zu Pferden haben. Michi vergrößerte sein Anwesen, um möglichst vielen 13-jährigen Töchtern einen akzeptablen Urlaub zusammen mit ihren Eltern bieten zu können, was viele Eltern schätzen, weil es ihnen lieber ist, dass ihre Töchter die Ferien unter elterlicher Aufsicht verbringen, als dass sie mit irgendwelchen haschischrauchenden Kliquen ihre Schulferien in Algerien, Irland oder gar in der Schweiz verbringen.
Soweit war alles in Ordnung – nur das Bürgermeisteramt hatte sich Michi insgesamt etwas einfacher vorgestellt. Gab es früher gelegentlich nur kleine Streitereien mit benachbarten Bauern, die man meist gütlich im Wirtshaus bei einem oder mehreren Obstlern beilegen konnte, wurden jetzt die Streitereien des ganzen Dorfes an ihn heran getragen. Er lernte seine dörflichen Mitbewohner von einer ganz anderen, ihm bisher unbekannten Seite kennen. Jeder wollte mit der „Zeit gehen“ – zu was sind neue Zeiten denn da, als mit ihnen zu gehen, mögen sie noch so idiotisch sein. Ein Bauer wollte sein Grundstück in einen 31-Loch-Golfplatz (statt der üblichen 18-Loch-Golfplätze) umwandeln. Begründung: „man müsse innovativ sein“. Michis Frage „warum gerade 31 und nicht 30 Löcher“, beantwortete der Bauer so: natürlich habe auch er zunächst an einen 30-Lochplatz gedacht – auch das wäre innovativ – bei 31 frage sich aber jeder warum gerade 31 – und das wäre eben noch innovativer, denn das 31. Loch hätte eine besondere Bewandtnis – es würde wie eine Art Jackpot im Golfspiel gelten – wer dieses Loch mit einem Schlag trifft, würde im nächsten Jahr keine Golfplatzgebühr (sondern nur die Unterkunftskosten) bezahlen müssen – eine wirklich äußerst innovative Idee!
Ein anderer Bauer wollte im Sommer eine Kunsteisbahn auf seinem eigenen Grundstück errichten und die anfallenden Energiekosten auf Gemeindekosten abrechnen, weil die Eislaufbahn den touristischen Anreiz des ganzen Dorfes hebe.
Wieder ein anderer wollte ein Edelbordell errichten, was Michi entrüstet ablehnte, war doch sein eigenes Projekt „Liebe im Heu“, welches dagegen vergleichsweise harmlos war, als Grund der einstweiligen Verfügungen gegen den Beitrag „Landleben X“ in Misskredit geraten. Michi wollte sich mit dem Autor AR demnächst dahingehend einigen, als er vorschlug, seinen mit Heu gefüllten Stall nur bei Vorlage eines gültigen Ehe- oder Partnerschaftsnachweises zu öffnen.
Doch nicht genug: er musste sich zum ersten Mal mit einer politischen Opposition herumschlagen – bisher kamen oppostionelle Ansichten nur von Seiten der Jungbäuerin, mit der er sich bisher stets irgendwie einigen konnte. Politische Oppositionen sind deswegen so widerlich, weil sie grundsätzlich immer „nein“ sagen. Eine Einigung mit solchen Menschen ist grundsätzlich nicht möglich, weil sie sonst von ihren WählerInnen und Wählern nicht wiedergewählt würden. Wehmütig dachte er an sein vor der Bürgermeisterwahl selbst gewähltes Motto: L’Etat c’est moi1.
Deswegen schrieb er ein e-mail an alle Bürgerinnen und Bürger seines Dorfes:
Liebe Bürgerinnen und Bürger,
Bitte behaltet Euren gesunden Menschenverstand und haltet die Landehre und alle damit verbundenen Traditionen hoch. Es wird sonst schlecht enden.
Grüaß enk, Euer Bürgermeister Michi
Selbstverständlich erhielten auch die Urheber der obengenannten Projekte dieses mail und so fand Michi bald in seiner Mailbox sehr viele haarstäubende Antwortmails, deren Inhalt hier nicht wiedergegeben werde soll, außer dass in allen mails die beiden Worte “Du Depp” und der Zusatz “wannst wieda normal bischt” nicht fehlten.
(Alfred Rhomberg)1 verwandte Beiträge u.a.: “Landleben IX – Die Normalität des Alltags – es ist normal, verschieden zu sein und Landleben XI – trifftige Gründe, warum es kein Landleben X gibt
am 11.01.2010 18:23









