
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Lehrer/Innen – Satire oder Ernst – man darf sich’s aussuchen - release 1.1 der Version vom Vortag
Bildquelle: Wilhelm Busch, Max und Moritz (wegen des Alters der Quelle unbegrenztes copyright)
Ich habe die armen Lehrer/Innen immer beneidet, weil 25 Wochenstunden Arbeitszeit und ein beträchtlicher Urlaubsanspruch ganz einfach beneidenswert sind – auf die „Vorbereitungs- und Nachbearbeitungsarbeiten“ wird später noch einmal eingegangen.
Als erfahrener Elternsprecher und Elternbeirat habe ich die Realität kennen gelernt – zwar in Deutschland – aber dort spricht man ja fast die gleiche Sprache. Im Kreis meiner Chemikerkollegen gab es erstaunlich viele, die mit Lehrerinnen verheiratet waren und meine besten (und einzigen) Freunde in Deutschland waren ein Gymnasial-Lehrer Ehepaar, das sich an den modernen Unterrichtsformen inhaltlich besonders stieß, weil es zu ihrem Unglück noch von der Vergangenheit ab 1946 geprägt war.
Wenn ich mich an meine Schulzeit in Österreich ab 1946 erinnere, hängt das heutige Lehrerbild ziemlich schief. Es ist aber nicht nur das Lehrerbild welches schief hängt, sondern das Bild unserer gesamten Gesellschaft und die Vorstellungen der Eltern (die ja wohl Teil dieser Gesellschaft sind).
1946 gab es in meiner Klasse im Gymnasium 56 Schüler, die sowohl von älteren, als auch jüngeren Lehrern gut (und souverän) betreut wurden. Es gab keine Legasthenie, keine Rechenschwäche und kaum „links“ Schreibende, weil dies nicht zugelassen wurde. Sicher gab es angeborene Linkshänder, aber beim Schreiben wurden Linkshänder zu Rechtshändern erzogen (ohne dass sie dadurch einen äußerlich erkennbaren psychischen Schaden erlitten) Die Lehrer waren in ihren 50 Minuten Stunden in der Lage, neben ihrem Lehrvermittlungsauftrag, sogar Hausaufgaben zu überprüfen – wenn auch nur stichprobenweise. Später schrumpfte die Schülerzahl stark – nicht weil die „Unfähigen“ ausgesiebt wurden, sondern, weil nach der vierten Gymnasialklasse der Übergang in die weiterführenden ausgezeichneten Berufsschulen wie Handelsakademie, Lehrerbildungsanstalt und Gewerbeschulen eine attraktiver Alternative boten, um eine solide Ausbildung mit maturavergleichbarem Abschluss zu erhalten, der zum Baumeister, Elektroingenieur, Handelskaufmann, Lehrer etc. führte, während der normale Maturaabschluss eigentlich nichts wert war und meist durch ein Studium ergänzt werden musste.
Die Zeiten haben sich geändert – in erster Linie die Gesellschaft (die Eltern inbegriffen) und auch die Schüler haben sich geändert, denen man allerdings keinen Vorwurf machen darf, weil sie das schwächste Glied unserer Gesellschaft sind und vollständig von der jeweiligen Gesellschaft geprägt werden.
Wie ist es mir nach der Matura ergangen? Ich habe die üblichen 20 Semester des Chemiestudiums absolviert, 9 Stunden tägliche Laborarbeit und vier Stunden Arbeit am Samstag waren selbstverständlich – und anschließend folgte dann die “Nachbearbeitungs- und Vorbereitungsarbeit” von ca. 3 – 4 Stunden täglich (für Prüfungen) – also rechnerisch 77 Wochenstunden. Dann folgten drei Jahre als Hochschulassisten mit Vorlesungen, die – weil es sich um damals moderne Spektroskopie handelte, recht viel Vorbereitungszeit brauchten.
Der Übergang in die Industrie war mit 48 Stunden Wochenarbeitszeit und täglich einstündiger Nachbearbeitungszeit anfangs ein recht gemütlicher Job. Das änderte sich sehr bald, als die Wochenarbeitsstunden der Facharbeiter und Angestellten auf 37 Stunden (ohne Nachbearbeitungszeit) gesenkt wurden, während die „Außertariflichen“ Mitarbeiter (alle Akademiker galten als solche) einen Arbeitszuwachs von ursprünglich 48 Stunden auf durchschnittlich 60 Stunden ohne Abgeltung von Überstunden verkraften mussten und die Nach- bzw. Vorbereitungsarbeiten dann zusätzlich ca. weitere 15 Stunden beanspruchten (Ausarbeitung von Sitzungsprotokollen, Literaturrecherchen, Ausdenken neuer Forschungsrichtungen, Verfassen von Betriebsanweisungen, Patenten und, und, und… ) Als Stress wurde das nicht empfunden, es gab auch kein Burnout-Syndrom, das irgendwann einmal die Menschen der letzten 20 Jahre infiszierte. Ein Positivum war, dass der Urlaubsanspruch von 18 Tagen zu Berufsbeginn allmählich auf 32 Urlaubstage anstieg, wobei man jedoch als Akademiker schon ein ziemlich schlechtes Gewissen dabei hatte.
An dieser Stelle wird es Zeit, auf das Problem der LehrerInnen zurückzukommen
Ich weiß sehr gut, dass der Lehrberuf heute aus gesellschaftlichen Gründen schwieriger geworden ist. Ein Grund, der zumindest im Deutschland der 80iger und 90-iger Jahre, den Lehrberuf beonders für jüngere LehrerInnen so schwierig machte, war, dass sie in den pädagogischen Hochschulen mit Idealbildern augenblicklicher soziologischer Hypothesen konfrontiert wurden, die weitgehend dem augenblicklichen Modetrend der Verwissenschaftlichung unserer Zeit entsprachen. Das Ergebnis führte in meinem Bekanntenkreis dazu, dass sich viele junge LehrerInnen einer psychologischen (in Einzelfällen sogar psychiatrischen) Behandlung unterziehen mussten, weil der Unterschied zwischen Theorie und Praxis immer größer wurde –„Praxisschock“ nannte man dieses Syndrom.
Unglaubhafte Argumente der Lehrergewerkschaften
Gestern wurde in den ORF Nachrichten berichtet, dass sich 58 Lehrer einen PC teilen müssten (!). 58 Lehrer in einem Raum sind sicher eine Belastung – wenn man jedoch berücksichtigt, dass ja ein Großteil der LehrerInnen im Unterricht beschäftigt sind, kann der gleichzeitige Andrang in einem Lehrerzimmer gar nicht so groß sein. Nur 1 PC ist sicher sehr wenig, besonders weil die Schüler heute fast alle über einen Labtop verfügen müssen und auch die meisten Lehrer zuhause einen Laptop/PC haben. In der deutschen Industrie war es selbstverständlich, dass man Vor- und Nachbearbeitungsarbeiten zuhause am eigenen Laptop/ PC schrieb. Ein privater PC konnte innerhalb von 4 Jahren als Arbeitsmittel steuerlich zur Hälfte abgeschrieben werden.
Das Argument, zwei Stunden Mehrarbeit pro Woche könne nicht der Förderung von Schülern dienen, ist ein Managementproblem, so wie viele andere angesprochene Probleme des Lehrberufes im Grunde Managementprobleme sind, die in der freien Wirtschaft – selbst wenn es im Augenblick oft nicht den Anschein macht – besser gelöst werden.
Typisch ist auch das Verallgemeinerungsprinzip mit dem die Lehrergewerkschaften derzeit argumentieren. Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein Sport- und Englischlehrer die im Gespräch befindlichen Vorbereitungsarbeiten braucht. Selbst in den in schnellem Wandel befindlichen Naturwissenschaften ist es nicht erforderlich, täglich Science, Nature oder die Chemical Abstracts zu lesen. Das Basiswissen in den Naturwissenschaften sollte sich nicht parallel zur Naturwissenschaftsentwicklung mitentwickeln – eine solide Kenntnis der Grundprinzipien in den Fächern Physik, Chemie und Biologie wäre erheblich wichtiger als „auf dem letzten Stand“ zu sein – das sollte man den Universitäten überlassen. „Fortbilden“ ist gut – aber es sollte nicht in dem Sinne angewandt werden, dass man sich „fort“, also weg von der Realität des Basiswssens, bildet.
Es gäbe noch viel über Lehrerkonferenzen anzumerken, die derzeit von den Lehrergewerkschaften explosionsartig initiiert werden. Die Zeit solcher Konferenzen oder Infomationsveranstaltungen kommt sicher nicht den Schülern zu Gute.
Anm.: Ich hoffe, dass die Feststellung meines Freundes (Gymnasiallehrer in Deutschland) nicht stimmt: Wenn ich einen für den Lehrberuf völlig ungeeigneten Referendar (in Österreich „Beiwagen“ genannt) habe, muss ich mich besonders vorsehen – die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass er in kurzer Zeit mein Vorgesetzter in der obersten Schulbehörde wird.
Zum Schluss die Satire:
Wenn man den Lehrberuf von einem namentlich hier nicht genannten Consultingunternehmen überprüfen ließe, wären vermutlich folgende Verbesserungsvorschläge zu erwarten:
1. Zum Deutschunterricht: Das Weglassen zweier Buchstaben im Alphabet birgt ein Einsparungspotential von xxx Stunden. Weggelassen werden sollten die Buchstaben v und x. „V“ kann ohne große Schwierigkeiten durch „F“ und „x“ durch die bereits vorhandene Buchstabenkombination „ks“ ersetzt werden.
Ferner könnte man die Kommaregeln vereinfachen und grundsätzlich ein Komma nach jedem zehnten Wort setzen. Die Orthographie könnte gänzlich abgeschafft werden, weil sich nach den verschiedenen Rechtschreibreformen der letzten Jahre sowieso niemand mehr auskennt, wie etwas geschrieben werden muss.
Das Auswendiglernen langer Gedichte (z.B. Schillers Glocke) ist unwirtschaftlich für Schüler und Lehrer – es sollten Zwei- bis Vierzeiler der modernen Lyrik genügen. Weltliteratur, sollte überhaupt nicht mehr in einen Lehrplan einbezogen werden, da die Welt aus der diese Machwerke stammen heute nicht mehr existiert.
2. Im Fach Geografie könnte man unwichtige Länder wie die meisten afrikanischen Staaten, aber auch unbedeutende (zu komplizierte Kontinente wie Europa) aus dem Lehrplan entfernen.
3. Mathematik: vieles würde vereinfacht, wenn man unnotwendige Ziffern, Begriffe, und Rechenoperationen streichen würde (die Null als Ziffer, den Unendlichkeitsbegriff oder die irrationalen Zahlen – man könnte eventuell auch auf die Prozentrechnung verzichten, die ja eine redundante Form von Multiplizieren und Dividieren ist). Eine MTA die meinen Blutdruck einfachhalthalber nur 15 Sekunden maß, sagte “und jetzt kommt wieder die verdammte “Mathe” – die Multiplikation mit 4 (Multiplizieren sollte also tunlichst beibehalten werden, Infesitimalrechnungen wären dagegen wegen des abgeschafften Unendlichkeitsbegriffes dann nicht mehr erforderlich).
4. Sport: man könnte die Zahl der Sportarten auf drei gesunde Sportformen begrenzen: Jogging, Nordic Walking und Seilspringen (in den ersteren Sportarten würde die Fitness gesteigert, beim Seilspringen Motorik und zugleich die Konzentrationsfähigkeit).
5. Geschichte: man könnte alle Ereignisse (Kriege und ähnliches) auf geradzahlige Jahre beschränken. Kriege sind entweder im nächsten Jahr abgeschlossen (dann sind sie nicht wirklich wichtig oder sie dauern ewig – dann genügte es, die Situation aller 5 Jahre oder 10 Jahre im Lehrplan einzubeziehen (das gäbe allein beim 30-jährigen Krieg ein enormes Einsparungspotenzial). Die Geschichte des Altertums kann eventuell beibehalten werden, weil sich da wenig Neues ereignet und Vorbereitungsstunden deshalb nicht dringend erforderlich sind.
6. Religionsunterricht: Das Thema könnte man zumindest in den abrahamitischen Religionen (Christentum, Judentum und Islam) auf den Satz „es gibt nur einen Gott und der ist allmächtig“ reduzieren – viel mehr ist zu diesem Thema eigentlich nicht zu sagen (also keine Vorbereitungsarbeit).
7. Musikunterricht: man könnte alle musikalischen Werke etwas langsamer einstudieren (das würde auch weniger begabte Schüler zu perfekten Pianisten machen) und unwichtige Werke (Mozart abwärts) streichen. Vielleicht könnte die Musik auch durch das Weglassen von Halbtonschritten vereinfacht werden. Die Beschränkung auf Pop-Musik und volkstümliche Musik bietet ungeahntes Einsparungspotenzial, weil diese Musikformen wegen ihrer Einfachheit der klassischen Musik vorzuziehen sind.
8. Im Zeichen- und Werkunterricht sollte man sich auf abstrakte Zeichnungen und Malereien beschränken – da kann eigentlich nichts schief gehen. Bei Projekttagen ließen sich spannende Höhlenbegehungen mit von den Schülern angefertigten Strichzeichnungen verbinden (keine Vorbereitungszeit, außer das Aussuchen von Höhlen, die aber im Internet in 30 Sekunden abbrufbar sind).
9. Zum Fremdsprachenunterricht: diesen Unterricht könnte man dadurch vereinfachen, dass man alle Schüler für vier Jahre ins fremdsprachige Ausland schickt und die Ausbildungskosten diesen Fremdländern auferlegt. Das Einsparungspotenzial wäre bei vierjähriger Abwesenheit der Schüler enorm).
10. Die nächsten Wochen werden durch die ständige Berichtserstattung der Lehrergewerkschaften weiteres Einsparpotenzial zu Tage führen
Alles in allem könnten durch diese oder vergleichbare Maßnahmen viele Unterrichtsstunden eingespart werden, sodass letztlich auch eine 10 Stundenwoche für LehrerInnen genügen könnte.
Was bei den derzeitigen Informationen über das Schulwesen herauszulesen ist, sind keine Visionen, sondern sollten als Wunschvorstellungen abgetan werden.
Die Unterrichtsministerin Frau Claudia Schmied sollte hart in ihren Forderungen bleiben, sie kennt die Spielregeln der freien Wirtschaft und stellt die Unkündbarkeit von LehrerInnen zu Recht als besonders attraktiv für diesen Beruf heraus.
Schlussbericht des nichtgenannten Consultingunternehmens: Abschaffen lassen sich LehrerInnen wegen der Untauglichkeit der öffentlichen und privaten Fernsehanstalten vorläufig nicht.
(Alfred Rhomberg)
am 04.03.2009 01:39













