
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - My first Database - my last (?) PC
Bildquelle: My first Database (Alfred Rhomberg)
PC-Manuals sind moderne Folterinstrumente aus einem virtuellen Vorzimmer des Fegefeuers. Im Gegensatz zu früher verweisen sie meist darauf, dass alle wichtigen Dinge in Form eines „online-Handbuches“ aus dem Internet bezogen werden können/müssen, obwohl die meisten Anwender beim Neukauf eines Computers oft gerade mit der Einrichtung des Internets besondere Schwierigkeiten haben. In den Siebzigerjahren waren die gedruckten Manuals so unverständlich, weil sie von einem japanischen Übersetzer (der von der Technologie des Produktes nichts verstand) in die englische Sprache übersetzt wurden und dann entweder so belassen oder nochmals von einem Übersetzer (der von Technologie nichts verstand) in die jeweilige Landessprache (die der Übersetzer ebenfalls nicht korrekt beherrschte) übersetzt wurden. Heute sind die mitgelieferten gedruckten Manuals grammatikalisch absolut einwandfrei formuliert, man wundert sich allerdings darüber, dass grammatikalisch einwandfreie Sätze oft so wenig verständlich sind und praktisch keinen verwertbaren Inhalt haben. Immerhin erfährt man in vielen Sprachen, dass sich die Herstellerfirma für den Kauf des Gerätes nicht nur bedankt, sondern den Käufer auch beglückwünscht, sich gerade für dieses Produkt entschieden zu haben. Es folgen weitere nützliche Hinweise, z.B. das Gerät nicht über 70 Grad Celsius bzw. unterhalb minus 50 Grad Celsius oder unter Wasser zu benützen, das Gerät nicht zu öffnen, bevor der Netzstecker aus der Steckdose gezogen wurde und dass die Batterien, die meist im Lieferumfang nicht enthalten sind, nur ordnungsgemäß entsorgt werden dürfen. Ein erworbenes Gerät irgendwann einmal bedienen zu können, wird als selbstverständlich vorausgesetzt, eine entsprechende Anleitung fehlt daher meist, ist aber online abrufbar…
Ich hatte das Glück, zu einer Zeit in die Computerwelt einzudringen, als es noch keine Manuals gab. Noch etwa 1965 fand man nur in den Finanzabteilungen großer Industriekonzerne Computer, deren Ausdrucke aber fast immer unverständlich waren. Diese Unverständlichkeit wurde normalerweise dadurch erklärt, dass Computerausdrucke eben naturgegeben kompliziert sein müssten. Die Forschungsabteilungen der chemischen Industrie kamen in Deutschland erst Anfang der Siebzigerjahre mit dem Computer in Berührung und dieser wurde nicht immer mit jener Begeisterung aufgenommen, die für Forschungsabteilungen eigentlich hätte erwartet werden dürfen. Mein erster Kontakt mit dem Computer, bzw. das was man damals darunter verstand, fand während eines Weihnachtsurlaubes Anfang der Siebzigerjahre statt, weil die Firmenleitung glaubte, unbedingt innerhalb von 14 Tagen zu neuen Ufern aufbrechen zu müssen. Fünf Jahre später wurde ich als Abteilungsleiter eines Pharmakonzerns damit beauftragt, eine neue chemische Software zu testen, wiederum während eines Weihnachtsurlaubes – diesmal vermutlich weil Anfang des neuen Jahres die übriggebliebenen Mittel für technische Investitionen vor dem Verfall gerettet werden mussten.
Diesmal hatte ich das Glück, mich durch ein Manual durchzukämpfen, dass von amerikanischen Chemikern eines amerikanischen Software Hauses für amerikanische Chemiker geschrieben worden war. Das war Glück und Unglück zugleich, weil Amerikaner es gewohnt sind, Zeile für Zeile, d.h. exakt nach Vorschrift an neue Aufgaben heranzugehen. Das wichtigste Kapitel „My first Database“ war daher auch so leicht verständlich, dass jeder seine „first database“ damit erstellen konnte. Das Unglück bestand darin, dass Amerikaner ihren Landsleuten nicht zutrauen, mehr als das allernotwendigste zu verstehen. Mein Weihnachtsurlaub wurde also insofern nutzbringend damit verbracht, durch unzählige Experimente festzustellen, dass es sich bei der anvisierten Software um ein ganz ausgezeichnetes Programm handelte, das mich später noch lange nicht nur in Form chemischer Datenbanken mit integrierter Textverarbeitung, sondern auch als Sprachdatenbank, Terminorganizer und zur Katalogisierung meiner zahllosen Dias und Schallplatten begleitete. Leider wird Gutes häufig durch den Fortschritt verdrängt. Ab den neuen Betriebssystemen Millenium 2000 und Windows XP war diese Software nicht mehr verwendbar. Sie wurde durch neue Versionen ersetzt, deren Tauglichkeit zum Einsatz in der Chemie nicht bestritten wird, die aber ihre Verwendbarkeit für andere Zwecke weitgehend verlernt hatten. Nicht schlimm – für jeden Zweck gibt es heute Spezial-Softwares, die ab der übernächsten oder überübernächsten Version neuer Betriebssysteme durch neue Spezial-Softwares ersetzt werden müssen – lästig, aber ich kann und will den Fortschritt nicht aufhalten.
P.S. Der zweite Teil der Titelüberschrift bedeutet nicht, dass der Kauf des nächsten PC’s nicht längst geplant wäre, man muss einfach zugeben, dass es auch höhere Mächte gibt als Bill Gates.
am 29.01.2008 23:02
