
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Nonkonformismus
Bildquelle: Wikipedia - zwei Hippies beim Woodstock Festival 1969 (die Hippie-Bewegung bekannte sich zum Nonkonformismus, landete aber in kurzer Zeit im Konformismus)
Als Nonkonformismus bezeichnet man die Nichtübereinstimmung der eigenen Ansichten mit den herrschenden Ansichten – also den Meinungen des „main stream“.
Immer wieder wird in der Literatur „Nonkonformismus“ als wichtige Voraussetzung für kreatives Verhalten erwähnt, selten jedoch beschrieben, wie man konformes Verhalten ablegen kann. „Lateral Thinking“ (querdenken) oder grundsätzlich „anders“ als gewohnt zu denken, erfordert daher besonderes Training, weil wir durch die Art unserer Erziehung bzw. Ausbildung, aber auch durch unsere Umgebung in bestimmte Denkschemata gepresst werden, die nur schwer „auf Befehl“ ablegbar sind. Die mittelalterliche Universitätsausbildung hat dem insofern Rechnung getragen, als bei Diskussionen die Rolle des advocatus diaboli systematisch geübt wurde. Genau diese Erziehung, bei einer Diskussion methodisch in eine andere Rolle zu schlüpfen und eine zur eigenen Meinung entgegengesetzte Sichtweise zu vertreten, fehlt unseren modernen Ausbildungsstätten. Das geht so weit, dass der advocatus diaboli, also derjenige, der eine beschlossene Vorgangsweise in Frage stellt, im heutigen Berufsleben, eher unbeliebt ist. Auch der moderne „Querdenker“ hat es in der Industrie nicht immer leicht, einerseits wird seine Fähigkeit zum lateral thinking geschätzt (weil es modern ist „querzudenken“), andererseits werden Mitarbeiter, die all zu viel von dieser Fähigkeit Gebrauch machen, als lästig empfunden.
Anzustreben wäre es, jederzeit in die Rolle des advocatus diaboli schlüpfen zu können, diese Rolle jedoch sofort wieder abzulegen, wenn der damit verbundene Nutzen erreicht wurde. Der Autor hat das Glück gehabt, sowohl in der dreijährigen Dissertationszeit durch seinen „Doktorvater“, als auch im späteren Beruf durch gute (externe) Seminarleiter, zu dieser Denkweise systematisch erzogen worden zu sein. An der damals noch sehr kleinen Universität Innsbruck war es besonders im Fach der organischen Chemie üblich, fast alle anfallenden Fragen der Doktorarbeit täglich mit dem Ordinarius zu diskutieren, wobei jede Hypothese u.a. durch die Frage: „was spricht gegen die vorgetragene Hypothese?“ auf den Prüfstand gestellt wurde. In den Führungsseminaren der anschließenden beruflichen Tätigkeit hatte ein Seminarleiter fast alle Seminare dadurch eingeleitet, die Seminarteilnehmer durch folgende Übung von allzu konformistischen Denkweisen zu befreien:
Jeweils zwei Seminarteilnehmer saßen sich gegenüber und mussten eine kurze, etwa zehnminütige Diskussion über irgendein „emotional aufgeladenes“ Thema führen, wobei alle rechtssitzenden Teilnehmer z.B. eine Position für die Einführung der Todesstrafe, die linkssitzenden die Position gegen deren Einführung vertreten mussten. Nach zehn Minuten wurden die Positionen gewechselt und die Befürworter der Todesstrafe mussten nun mit anderen Gesprächspartnern gegen die Todesstrafe argumentieren. Solche Übungen sind sehr hilfreich, eigene Meinungen in Frage zu stellen. Da der Seminarleiter – unabhängig vom Thema des Seminars – diese Übungen häufig wiederholte, stellte sich im Lauf der Jahre ein Trainingseffekt ein, der sich in den Führungsgremien der Firma (besonders im mittleren Führungsbereich der Abteilungs- und Hauptabteilungsleiter, siehe Anm.) sehr positiv auswirkte.
Anm.: der Schönheitsfehler solcher Seminare ist, dass sich die oberste Führungsebene diesen Seminaren meist nicht unterziehen. Es kann nicht oft genug betont werden, dass Seminare letztlich nur dann für ein Unternehmen ihren bestmöglichen Nutzen haben, wenn in allen Führungsebenen die gleiche Führungskultur vorhanden ist. Dies ist ein weiterer Grund, wichtige Seminare durch externe Seminarleiter abzuhalten. Welcher Direktor oder Geschäftsführer lässt sich schon gern von einer „internen“ Führungskraft belehren?
Facit: alle in Kreativgruppen erarbeiteten Vorschlägen sollten grundsätzlich noch einmal in Frage gestellt werden. Je einhelliger die Gruppe von der Richtigkeit ihrer erarbeiteten Ergebnisse überzeugt ist, desto notwendiger ist die Rolle des advocatus diaboli.
(Dieser Text ist eine verkürzte Fassung aus meinem noch nicht publizierten Buch über „Kreativitätstraining” – Alfred Rhomberg)
am 07.05.2008 01:06









