
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe: Olympische Spiele: Eine neue Disziplin: Heuchelei
Bildquelle: A.Rhomberg - veränderte Grafik eines Symbols deren Urheberrecht erloschen ist
(letzter Beitrag zu diesem Thema)
Es gibt Spielteilnehmer, die ebenso wichtig sind wie die Sportler (Politiker, Wirtschaft, Medien und einige wenige noch nicht nominierte Gruppen), bei denen die IOC Regeln nicht gelten. Die einzelnen Gruppen treten nicht als Mann/Frauschaften gegeneinander an, es spielen also nicht etwa Politik gegen Medien oder Wirtschaft gegen Politik etc. sondern die wichtigste Spielregel innerhalb der neuen (alten) Gruppen lautet „Jeder gegen Jeden“ , eine zweite, ebenso wichtige Spielregel, ist: „Heuchelei ist erlaubt und selbstverständlich“.
Immer mehr kristallisiert sich das in meinem Beitrag v. 29.3.2008 „Boykott (II) – Szenarien“ skizzierte Szenario 3 als das wahrscheinlichste Szenario heraus.
Szenario 3: Man verhält sich so wie Politiker, Sportler, Sportgremien und Medien derzeit mit dieser Thematik umgehen – man diskutiert in allen Kreisen und auf allen Ebenen. Das klingt vernünftig – was ist schlecht daran? Probleme zu diskutieren ist doch immer besser, als falsch zu handeln! Nachteil dieses Szenarios: Die chinesische Politik kann genau beobachten, wie schwer sich die Welt tut, eine einheitliche Meinung zu erarbeiten und wie weit China aufgrund seines Status als Wirtschaftsmacht politisch in Zukunft gehen kann.
Wer die Nachrichtenlage eine Woche nach meinem Beitrag analysiert, stellt fest, dass das obige Szenario eine neue Dimension angenommen hat: man diskutiert nicht mehr nur, sondern man greift sich gegenseitig massiv an (fast jeder gegen jeden). Um so eher hat China die Chance, in Ruhe die Schwächen der übrigen Welt zu beobachten und wie immer das Drama auch ausgehen mag – die Menschenrechte werden dadurch nicht gestärkt, sondern eher geschwächt, weil diese Rechte offenbar für eine Wirtschaftsmacht wie China keine so große Bedeutung haben, um einzulenken.
Dieser Beitrag ist der letzte, den die „Igler Reflexe“ zu diesem Thema beisteuern wollen. Daher seien noch einige grundsätzliche Gedanken erlaubt:
1. Die Wiedereinführung der Olympischen Spiele auf Anregung von Pierre de Coubertin (1894), bzw. die Gründung einer eingetragenen Gesellschaft mit Sitz in Lausanne (1915) mit dem Ziel eines (friedlichen) Treffens der Jugend hat ihren Zweck ebenso wenig erfüllt, wie die antiken olympischen Spiele von 776 v. Chr. – 393 n. Chr, denn auch die antiken Spiele dienten als politisches Forum, das bei den ständig zerstrittenen Griechen nach den Perserkriegen zu der Einsicht führte, dass die Spiele zu einem Symbol innerstaatlicher Eintracht werden könnten. Wie man aus den Geschichtsbüchern weiß, waren die damaligen 1000 Jahre des Bestehens der Spiele alles andere als friedlich.
2. Die Neueinführung der Spiele war 1894 ebenfalls vom Gedanken friedlicher Eintracht mitgetragen – dass es sich um politische Spiele handeln würde, war auch damals selbstverständlich – die Begriffe „friedlich“ und „Politik“ hängen ja irgendwie miteinander zusammen, selbst wenn (oder gerade weil) die Politik oft Auslöser von Unfrieden ist. Die Idee der Gründung als Verein (1915) mag durch den 1914 begonnenen Ersten Weltkrieg noch besonders gestärkt worden sein.
3. Die Heuchelei – insbesondere von Seiten der IOC und vieler Politiker wird langsam unerträglich: dazu zwei Zitate:
„IOC-Präsident Jacques Rogge hat erneut betont, dass die Vergabe der Olympischen Spiele an China richtig gewesen sei und er derzeit keine Boykottbewegung sehe. Zugleich kündigte er an, am Donnerstag und Freitag beim Treffen der IOC-Exekutive in Peking einen Bericht von Amnesty International diskutieren zu wollen.“
und:
Mario Vazquez Rana, Präsident der ab Montag in Peking tagendenden Generalversammlung der 205 Nationalen Olympischen Komitees (ANOC), ein Boykott der Spiele, ob teilweise oder ganz, sei “völlig ausgeschlossen”. Man wolle den Sportlern bei den Spielen aber die “größtmöglichen Freiheiten” geben und die freie Meinungsäußerung zulassen, erklärte Rana, schränkte jedoch gleich darauf ein: “Aber immer nur im Rahmen unserer Regeln.” Die IOC-Charta verbietet politische Äußerungen und Demonstrationen an den olympischen Sportstätten. So warnte Rana: “Jeder Regelbruch wird Sanktionen nach sich ziehen.”
Also – dürfen Sportler nun irgendwelche freien Meinungsäußerungen oder Proteste zum Ausdruck geben, oder nicht? Sie werden es aufgrund solcher heuchlerischen Äußerungen nicht wagen, wenn sie nicht ihre Sportkarriere (und ihre wirtschaftliche Zukunft) aufs Spiel setzen wollen. Die Funktionäre sind durch solche Äußerungen jedenfalls außer obligo.
4. Die Charta der IOC müsste also dringend geändert, oder die Olympischen Spiele wieder abgeschafft werden.
5. Alle „Chartas“ sollten grundsätzlich von Zeit geändert werden, Zeiten ändern sich eben und „Chartas“ müssen dementsprechend angepasst werden. Jede Charta ist ein dispositives Regelwerk und keine Bibel oder Koran (auch bei letzteren wird es m.E. zu Abänderungen kommen müssen!). Selbst die Charta der „Grundrechte der Europäischen Union“ oder die „Europäische Charta für Forscher“ können nicht für die Ewigkeit festgeschrieben werden. Wenn letztere Charta Ewigkeitscharakter gehabt hätte, sofern sie vor wenigen Jahrhunderten geschrieben worden wäre, würden wir u.a. heute sofort einsehen, dass das Verbot anatomischer Versuche an Leichen (das früher sicherlich Inhalt einer solche Charta gewesen wäre) heute nicht mehr nachvollziehbar ist, weil unser gesamtes medizinisches Wissen darauf beruht und auch jede Grundrecht-Charta ist aus heutiger Sicht ein zwar sinnvolles Regelwerk – wer weiß jedoch heute, welche Grundrechte in 200 Jahren zusätzlich als wichtig gelten werden.
(Alfred Rhomberg)
