
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Protest studentischer Naivität
Bildquelle: Aufstand der Viaduktbogen (Paul Klee), free of copyrights
- „Deutsche Frauen und Jungfrauen, deren politische Mißachtung in der europäischen Ordnung ein Fehler und ein Flecken ist, schmücket und belebet die Versammlung durch eure Gegenwart!“
Ich weiß nicht, warum mir bei politischen Demonstrationen gerade diese Zeilen aus einem Aufruf von Philipp Jacob Siebenpfeifer anlässlich des Hambacher Festes (1832) einfallen – vermutlich, weil sie mir immer dann einfallen, wenn es um politische Aufrufe geht – zuletzt anlässlich der 68-iger Studentenrevolten in Deutschland, die ich so hautnah in ihren verschiedensten Ausformungen als junger Chemiker in der Nähe von Heidelberg miterlebt hatte. Und dann denke ich an den Platz des himmlischen Friedens in Peking (1989, davor schon Schauplatz politischer Revolten 1919 und 1976). Das waren hochpolitische Revolten und der eingangs zitierte Satz ist zugegebenermaßen etwas aus dem Zusammenhang des politischen Hintergrundes des Hambacher Festes herausgerissen. Wenn ich jetzt auch noch den Ausgangspunkt der außerparlamentarischen Revolution der Studenten 1968 erwähne, nämlich, dass die SudentInnen, PatientInnen und die DozentInnen der Heidelberger Psychiatrie allen Ernstes der Meinung waren, die Gesamtmisere der kapitalistischen Gesellschaft wäre letztlich Schuld, dass es überhaupt Patienten in der genannten psychiatrischen Anstalt gäbe, so wird sich jeder fragen, was das mit den derzeit in Österreich stattfindenden StudentInnenprotesten zu tun hat.
Nun – auch die derzeitigen Proteste haben politische Wurzeln und doch muten mich diese Proteste an den österreichischen Universitäten in ihrer politischen Harmlosigkeit vergleichsweise rührend an. Warum? Weil sie von jugendlichen StudentInnen getragen werden, die von ein paar unbestreitbaren Fakten abgesehen, die Realitäten nicht sehen wollen (oder können) – Realitäten die vielleicht zu komplex sind, als dass man sie (möglicherweise) in diesem Alter richtig einzuschätzen vermag.
Da passt argumentativ fast nichts zusammen und auch die Solidarisierung völlig unterschiedlicher Fakultäten/ Universitäten/ Akademien ist ziemlich naiv (z.B. die Argumente von StudentInnen der Wiener Kunstakademie, die von den wesentlichen Missständen an Universitäten am wenigsten betroffen sind).
Hauptargument der Studenten sind bekanntlich die überfüllten Hörsäle – dieses Argument kann niemand bestreiten. Der Grund für die überfüllten Hörsäle ist die Forderung nach freiem Zugang für alle, d.h. ohne Berücksichtigung der sozialen Verhältnisse (d.h. ohne Studiengebühren), sowie die Fordeung keinerlei Zulassungsbeschränkungen, selbst für ausländische, besonders deutsche SudentInnen, die wegen des in Deutschland herrschenden numerus clausus in Österreich ebenfalls studiengebührenfrei studieren können sollten/müssten (?)
Ein immer wieder vorgetragenes Argument ist die populistische Forderung: „lieber Geld in Bildung, als in marode Banken stecken“ – das klingt gut, ist aber für einen akademischen Nachwuchs einfach zu naiv, ja geradezu populistisch Ich möchte die durch Fehlspekulationen verursachte Misere der Banken und ihrer Manager nicht leugnen – aber diese Misere besteht nun einmal, und hätten die Staaten den Banken nicht die erforderliche Liquididät gewährt, so wäre es der Gesamtwirtschaft erheblich schlechter gegangen, als dies ohnehin schon der Fall ist, sodass den Etats für Bildung und soziale Einrichtungen noch weniger Geld zur Verfügung stünde.
Die Forderung nach freiem Zugang ohne Zulassungsbeschränkungen zu allen Universitäten für Inländer und Ausländer ohne Studiengebühren ist so unrealistisch, wie die Aussage der Studentenschaft, die Batchelor- und Masterstudien gemäß des Bolognaprozesses seien zu kurz. In Ländern wie in den USA oder England, wo diese Studienabschnitte (Batchelor, Master, PhD) seit langem bestehen, sind die Studien nicht zu „kurz“ – es hängt einzig davon ab, wie diese Studiengänge gestaltet werden – sie sind an bestimmten renommierten Universitäten daher nicht zu kurz, jedoch an hohe Leistungen gebunden – ein Aspekt der in der gegenwärtigen Studentenschaft kaum artikuliert wird, selbst wenn es sicher zahlreiche StudentInnen gäbe, die diese Leistungsbereitschaft aufbringen würden.
Resumée: Eliteuniversitäten ohne Zulassungsbeschränkungen, absoluter Leistungswillen/ Leistungsfähigkeit (gegebenenfalls ohne Studiengebühren) sind Hirngespinste studentischer Kinder oder eine contradictio per se, allerdings dem modernen „irgendwie“ des heutigen jugendlichen Jargons entsprechend „irgendwie, müsste sich das doch ausgehen“ angepasst.
(Alfred Rhomberg)
am 29.10.2009 10:45
(5) Kommentare zum Beitrag "Protest studentischer Naivität"
RE: Protest studentischer Naivität
Es lebe Naivität und Hirngespinste!
Wie viele Millionen sind es, die soeben für Quelle in Deutschland versenkt wurden? Dass Quelle noch einmal auf die Beine kommt, das ist ein Hirngespinst.
Wie viele Milliarden sind es (oder sind es gar Billionen), die notwendig sind, um die Taten raffgieriger, entwurzelter und verantwortungsloser BankerInnen auszugleichen?
Da muten die Forderungen der StudentInnen ja geradezu bescheiden an (dafür wäre nur eine Anhebung der Ausgaben dafür auf “lächerliche” 3-5% des BIP notwendig) und es wird deutlich, dass in der Wertigkeit Geld für “Bildung”, “Nachwuchsförderung”, “Forschung” und “Kunst” weit hinter der kurzfristigen “Bewahrung von Wohlstand” stehen.
Es lebe Naivität und Hirngespinste zum Wohle der Utopien, denn nur durch Sie können Sie zur “Tatsächlichkeit” werden.
geschrieben von Karl Baumann am 29.10.2009 11:36
RE: Protest studentischer Naivität
Ja – die Summen der von den Regierungen zur Rettung der Banken scheinen im Vergleich zu den Forderungen der Studentenschaft riesig zu sein – allerdings nicht, wenn allen Forderungen der StudentInnen Rechnung getragen würde. Utopien bleiben Utopien – das ist leider das Wesen von Utopien/ Hirngespinsten. Ich würde nichts gegen Demonstrationen mit realistisch definierten Forderungen sagen – die Uneinheitlichkeit einzelner Gruppen, u.a. der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH), die sich teilweise distanziert, teilweise die Forderungen unterstützt, kann nichts bewirken – schon gar nicht in einem Gespräch mit einem bereits schon fast nicht mehr zuständigen Forschungsminister Johannes Hahn. Das wäre, wie wenn Gewerkschaften ohne definierte Ziele gegen einen nicht definierten Gesprächspartner demonstrieren würden. Die im Resumée des Beitrags zusammengefassten Ziele sind Utopien bzw. Hirngespinste. Man muss sich schon für irgend etwas, z.B, Zulassungsbeschränkungen und die Verbesserung der Studienbedingungen durch Personalaufstockung entscheiden – die Kosten hierfür wären tatsächlich minimal im Vergleich zu den Unterstützungen unserer Banken. Die Proteste sollten allerdings von den Rektoren, Professoren und der ÖH koordiniert stattfinden. Die unprofessionelle Forderung von „Alles“ für „Alles“ ist und bleibt eine Utopie, die wesentlich geringer einzuschätzen ist, als der Begriff „Visionen“ (die man braucht) – auch wenn der ehemalige deutsche und sozialdemokratische Bundeskanzler Hellmut Schmidt gesagt hat: „Wenn Sie Visionen haben, gehen Sie bitte zum Arzt“.
geschrieben von Alfred Rhomberg am 29.10.2009 13:16
RE: Protest studentischer Naivität
Wenn die protestierenden StudentInnen naiv sind,
wie naiv sind dann PolitikerInnen, die den “neuen”
Eu-Kommissär ernennen und noch keinerlei Ahnung
bzgl. dessen zukünftige Funktion besitzen?
Da dieser Herr solche Visionen zu erfüllen vermag,
versteht man nicht warum er in seiner letzten
Vergangenheit diese Visionen nicht tatkräftig
umzusetzen in der Lage war und sehr zeitversetzt
auf die Probleme seines Resorts reagiert hat.
Werden Funktionen be- oder Personen versetzt?
Nach diesen letzten Tagen bin ich vermessen und
behaupte, daß die Krise endlich auch Hör-, Seh- und
Fühlbar wird für VerantwortungsträgerInnen.
Vielleicht wird aus Naivität eine Bewegung?
Wer weiß – wer weiß – wer weiß
wolf-gang
geschrieben von Wolf-gang Doettl am 29.10.2009 19:21
RE: Protest studentischer Naivität
Zusätzlich ist noch zu sagen, dass das, was bei der aktuellen Protestbewegung der StudenInnen “naiv” wirken mag, als eine bemerkenswerte Friedfertigkeit (auch) gesehen werden kann.
Zusätzlich ist noch zu sagen, dass das, was bei der aktuellen Protestbewegung der StudenInnen “naiv” wirken mag, als eine bemerkenswerte Form gelebter Basisdemokratie (auch) gesehen werden kann.
Zusätzlich ist noch zu sagen, dass das, was bei der aktuellen Protestbewegung der StudenInnen “naiv” wirken mag, als ein bemerkenswerter Weg von (sozialer & ökonomischer) Harmonie und Balance (auch) gesehen werden kann.
Zusätzlich ist noch zu sagen, dass das, was bei der aktuellen Protestbewegung der StudenInnen “naiv” wirken mag, als ein bemerkenswerter Wille für eine substanzielle Veränderung (auch) gesehen werden kann.
Es hängt nur von den (sozialen & ökonomischen) Möglichkeitsräumen, also den Realitäten der/des BetrachterIn ab.
geschrieben von Karl Baumann am 29.10.2009 23:01
RE: Protest studentischer Naivität
Zu den letzten beiden Kommentaren, für die ich mich ebenso wie für die vorangegangenen aufrichtig bedanke:
Zugegeben, die Politik hat sich nicht mit Ruhm bekleckert – das tut sie schon lange nicht mehr und auch für mich ist es ein absolutes Rätsel, warum der Forschungsminister jetzt irgendwo/ irgendwas in der EU fertig bringen soll – unsere Politik geht schon sehr seltsame Wege!
Es ist auch nicht zu bestreiten, dass die Demonstrationen (bisher) sehr friedlich verlaufen sind – aber auch die Anfänge der 68-Studentenrevolution, die sich ja auch gegen die Politik wandte, verlief am Anfang friedlich. Wie aus Friedlichkeit dann plötzlich Unfrieden und Hass wurde, habe ich aus nächster Nähe miterlebt, die Unruhen begannen ja damals zunächst auch nur mit Hörsaalbesetzungen und Demonstrationen, bis diese vom äußerst linken Heidelberger Patientenkollektiv dann instrumentalisiert wurden und die überforderte Polizei schwere Fehler machte. Diese Gefahr sehe ich im Augenblick hier noch nicht.
Der substanzielle Wille zu Veränderungen kann den StudentInnen durchaus attestiert werden – einen Erfolg wird es jedoch nur durch eine Konkretisierung dieses Willens und Bündelung der Aktivitäten mit den UniversitätsrektorInnen und der ÖH geben können und wenn das nicht geschieht (das ist das, was ich als “naiv” bezeichne), so verpufft das ganze entweder ins Nirwana oder schaukelt sich zu einer „Bewegung“ auf, die ihre Friedlichkeit sehr bald verlieren könnte. Auch in Deutschland ging es letztlich um die Abschaffung von Studiengebühren, mehr Universitäten Personalaufstockungen und tiefe Eingriffe in die Lehrstrukturen. Ab ca. 1980 war dann das Niveau an den meisten Unis so schlecht, dass man in der Industrie mit vielen Absolventen nichts mehr anfangen konnte (Heidelberg, Tübingen, FU Berlin, Frankfurt). In der Folge wurden in naturwissenschaftlichen Fächern oder in Informatik nur noch Studenten genommen, die als postdoc in den USA oder in UK wieder wissenschaftlich und hinsichtlich ihrer Leistungsbereitchaft motiviert wurden.
Kein Land kann sich ein derart perfektes Studiensystem, wie es derzeit gefordert wird, wirklich leisten (jeder soll studieren, ohne Studiengebühren, ohne geeignete Aufnahmetests, in riesigen bzw. mehr Universitäten/Hörsälen mit dem entsprechenden Betreuungspersonal etc.).
Mit dem Begriff „Bewegung“ würde ich sehr vorsichtig umgehen, man weiß nie, wo sich eine Bewegung „hinbewegt“
geschrieben von Alfred Rhomberg am 30.10.2009 00:20
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Igler Reflexe - INHALT
Es lebe Naivität und Hirngespinste!
Wie viele Millionen sind es, die soeben für Quelle in Deutschland versenkt wurden? Dass Quelle noch einmal auf die Beine kommt, das ist ein Hirngespinst.
Wie viele Milliarden sind es (oder sind es gar Billionen), die notwendig sind, um die Taten raffgieriger, entwurzelter und verantwortungsloser BankerInnen auszugleichen?
Da muten die Forderungen der StudentInnen ja geradezu bescheiden an (dafür wäre nur eine Anhebung der Ausgaben dafür auf “lächerliche” 3-5% des BIP notwendig) und es wird deutlich, dass in der Wertigkeit Geld für “Bildung”, “Nachwuchsförderung”, “Forschung” und “Kunst” weit hinter der kurzfristigen “Bewahrung von Wohlstand” stehen.
Es lebe Naivität und Hirngespinste zum Wohle der Utopien, denn nur durch Sie können Sie zur “Tatsächlichkeit” werden.
Ja – die Summen der von den Regierungen zur Rettung der Banken scheinen im Vergleich zu den Forderungen der Studentenschaft riesig zu sein – allerdings nicht, wenn allen Forderungen der StudentInnen Rechnung getragen würde. Utopien bleiben Utopien – das ist leider das Wesen von Utopien/ Hirngespinsten. Ich würde nichts gegen Demonstrationen mit realistisch definierten Forderungen sagen – die Uneinheitlichkeit einzelner Gruppen, u.a. der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH), die sich teilweise distanziert, teilweise die Forderungen unterstützt, kann nichts bewirken – schon gar nicht in einem Gespräch mit einem bereits schon fast nicht mehr zuständigen Forschungsminister Johannes Hahn. Das wäre, wie wenn Gewerkschaften ohne definierte Ziele gegen einen nicht definierten Gesprächspartner demonstrieren würden. Die im Resumée des Beitrags zusammengefassten Ziele sind Utopien bzw. Hirngespinste. Man muss sich schon für irgend etwas, z.B, Zulassungsbeschränkungen und die Verbesserung der Studienbedingungen durch Personalaufstockung entscheiden – die Kosten hierfür wären tatsächlich minimal im Vergleich zu den Unterstützungen unserer Banken. Die Proteste sollten allerdings von den Rektoren, Professoren und der ÖH koordiniert stattfinden. Die unprofessionelle Forderung von „Alles“ für „Alles“ ist und bleibt eine Utopie, die wesentlich geringer einzuschätzen ist, als der Begriff „Visionen“ (die man braucht) – auch wenn der ehemalige deutsche und sozialdemokratische Bundeskanzler Hellmut Schmidt gesagt hat: „Wenn Sie Visionen haben, gehen Sie bitte zum Arzt“.
Wenn die protestierenden StudentInnen naiv sind, wie naiv sind dann PolitikerInnen, die den “neuen” Eu-Kommissär ernennen und noch keinerlei Ahnung bzgl. dessen zukünftige Funktion besitzen?
Da dieser Herr solche Visionen zu erfüllen vermag, versteht man nicht warum er in seiner letzten Vergangenheit diese Visionen nicht tatkräftig umzusetzen in der Lage war und sehr zeitversetzt auf die Probleme seines Resorts reagiert hat. Werden Funktionen be- oder Personen versetzt?
Nach diesen letzten Tagen bin ich vermessen und behaupte, daß die Krise endlich auch Hör-, Seh- und Fühlbar wird für VerantwortungsträgerInnen.
Vielleicht wird aus Naivität eine Bewegung?
Wer weiß – wer weiß – wer weiß wolf-gang
Zusätzlich ist noch zu sagen, dass das, was bei der aktuellen Protestbewegung der StudenInnen “naiv” wirken mag, als eine bemerkenswerte Friedfertigkeit (auch) gesehen werden kann.
Zusätzlich ist noch zu sagen, dass das, was bei der aktuellen Protestbewegung der StudenInnen “naiv” wirken mag, als eine bemerkenswerte Form gelebter Basisdemokratie (auch) gesehen werden kann.
Zusätzlich ist noch zu sagen, dass das, was bei der aktuellen Protestbewegung der StudenInnen “naiv” wirken mag, als ein bemerkenswerter Weg von (sozialer & ökonomischer) Harmonie und Balance (auch) gesehen werden kann.
Zusätzlich ist noch zu sagen, dass das, was bei der aktuellen Protestbewegung der StudenInnen “naiv” wirken mag, als ein bemerkenswerter Wille für eine substanzielle Veränderung (auch) gesehen werden kann.
Es hängt nur von den (sozialen & ökonomischen) Möglichkeitsräumen, also den Realitäten der/des BetrachterIn ab.
Zu den letzten beiden Kommentaren, für die ich mich ebenso wie für die vorangegangenen aufrichtig bedanke:
Zugegeben, die Politik hat sich nicht mit Ruhm bekleckert – das tut sie schon lange nicht mehr und auch für mich ist es ein absolutes Rätsel, warum der Forschungsminister jetzt irgendwo/ irgendwas in der EU fertig bringen soll – unsere Politik geht schon sehr seltsame Wege!
Es ist auch nicht zu bestreiten, dass die Demonstrationen (bisher) sehr friedlich verlaufen sind – aber auch die Anfänge der 68-Studentenrevolution, die sich ja auch gegen die Politik wandte, verlief am Anfang friedlich. Wie aus Friedlichkeit dann plötzlich Unfrieden und Hass wurde, habe ich aus nächster Nähe miterlebt, die Unruhen begannen ja damals zunächst auch nur mit Hörsaalbesetzungen und Demonstrationen, bis diese vom äußerst linken Heidelberger Patientenkollektiv dann instrumentalisiert wurden und die überforderte Polizei schwere Fehler machte. Diese Gefahr sehe ich im Augenblick hier noch nicht.
Der substanzielle Wille zu Veränderungen kann den StudentInnen durchaus attestiert werden – einen Erfolg wird es jedoch nur durch eine Konkretisierung dieses Willens und Bündelung der Aktivitäten mit den UniversitätsrektorInnen und der ÖH geben können und wenn das nicht geschieht (das ist das, was ich als “naiv” bezeichne), so verpufft das ganze entweder ins Nirwana oder schaukelt sich zu einer „Bewegung“ auf, die ihre Friedlichkeit sehr bald verlieren könnte. Auch in Deutschland ging es letztlich um die Abschaffung von Studiengebühren, mehr Universitäten Personalaufstockungen und tiefe Eingriffe in die Lehrstrukturen. Ab ca. 1980 war dann das Niveau an den meisten Unis so schlecht, dass man in der Industrie mit vielen Absolventen nichts mehr anfangen konnte (Heidelberg, Tübingen, FU Berlin, Frankfurt). In der Folge wurden in naturwissenschaftlichen Fächern oder in Informatik nur noch Studenten genommen, die als postdoc in den USA oder in UK wieder wissenschaftlich und hinsichtlich ihrer Leistungsbereitchaft motiviert wurden.
Kein Land kann sich ein derart perfektes Studiensystem, wie es derzeit gefordert wird, wirklich leisten (jeder soll studieren, ohne Studiengebühren, ohne geeignete Aufnahmetests, in riesigen bzw. mehr Universitäten/Hörsälen mit dem entsprechenden Betreuungspersonal etc.).
Mit dem Begriff „Bewegung“ würde ich sehr vorsichtig umgehen, man weiß nie, wo sich eine Bewegung „hinbewegt“










