
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Sakrilege
Bildquelle: Signatur Wolfgang von Goethe - Wikipedia (free of copyrights)
Goethe zu kritisieren kommt einem Sakrileg gleich und kam in meiner Schulzeit gleich nach Mord. Heute mache ich mich dieses Sakrilegs gelegentlich schuldig, obwohl ich Goethe hin und wieder gerne lese.
Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen: Es grünten und blühten
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neu ermunterten Vögel;
Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen,
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.
etc.
Wer den Beginn dieses ersten Gesanges aus „Reineke Fuchs“ (Goethe) liest, könnte es spätestens nach diesen Zeilen aufgeben, irgend etwas zu schreiben. Das klingt entmutigend – nach einer genaueren Analyse schwindet (zumindest bei mir) die übertriebene Ehrfurcht – nicht vor Goethe, aber vor diesen Zeilen – warum?
Die Sprachmelodie bzw. der Sprachrhythmus ist zugegebenermaßen untadelig – Hexameter lassen sich gar nicht anders als untadelig schreiben, der kleinste Sprachstolperer würde einen ganzen Vers kaputt machen – Goethe beherrschte sein Handwerk. Die Sprache ist schön, die Bilder werden genau beschrieben, Metaphern, die zum Nachdenken anregen, gibt es nicht – es wird alles „richtig“ und erbaulich beschrieben – man braucht nur in die Landschaft zu schauen und es stimmt alles (außer in Grönland und einigen anderen Orten dieser Erde).
Und nun ein Vergleich mit einem ganz anderen Text, z.B. dem Beginn des zweiten Teils aus Ovids Metamorphosen (die Weltalter, 2. Buch)
Erst entsproßte das goldne Geschlecht, das, von keinem gezüchtigt,
Ohne Gesetz freiwillig der Treu und Gerechtigkeit wahrnahm.
Furcht und Strafe war fern. Nicht lasen sie drohende Worte
Auf dem gehefteten Erz; nicht bang vor des Richtenden Antlitz
Stand ein flehender Schwarm: ungezüchtiget waren sie sicher.
Nie vom eignen Gebirg’, um der Fremdlinge Welt zu besuchen,
Stieg die gehauene Fichte hinab in die flüssige Woge:
Außer dem ihrigen kannten die Sterblichen keine Gestade.
Noch umgürteten nicht abschüssige Graben die Städte.
etc.
Das ist eine deutsche Übersetzung, die dem lateinischen Text vielleicht nicht ganz gerecht wird – trotzdem, Ovid verwendet Bilder über die man nachdenken muss: z.B. „Stieg die gehauene Fichte hinab in die flüssige Woge/ Außer dem ihrigen kannten die Sterblichen keine Gestade…“(?)
Oder: Dante Alighieri – Der Beginn von „Hölle“ (aus der göttlichen Komödie)
Es war in unseres Lebensweges Mitte,
Als ich mich fand in einem dunklen Walde;
Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege,
Wohl fällt mir schwer, zu schildern diesen Wald,
Der wildverwachsen war und voller Grauen
Und in Erinnrung schon die Furcht erneut:
So schwer, dass Tod zu leiden wenig schlimmer.
Gegenüber solchen Zeilen schrumpft Goethe ein wenig auf einen Dichter seiner Zeit zurück, was er zu seiner Ehre gesagt, bei weitem nicht war. Um letzteres zu entdecken brauchte es nur, spätere Gedichte der Romantik zu lesen, die fast ausschließlich „erbaulich“ waren und damit den Geschmack des Bürgertums trafen. „Denken“ war nicht erforderlich, „fühlen“ nur in dem Sinne, dass Dichter der Romantik das fühlen ließen, was ohnehin jeder fühlte – jedoch nur mit schöneren/erbaulicheren Worten aussprachen (diese Kritik ist vermutlich ein zweites Sakrileg).
Eduard Mörike: Abreise
Fertig schon zur Abfahrt steht der Wagen,
Und das Posthorn blaest zum letztenmale.
Sagt, wo bleibt der vierte Mann so lange?
Ruft ihn, soll er nicht dahinten bleiben!
- Indes faellt ein rascher Sommerregen;
Eh man hundert zaehlt, ist er vorueber;
Fast zu kurz, den heissen Staub zu loeschen;
Doch auch diese Letzung ist willkommen.
Kuehlung fuellt und Wohlgeruch den weiten
Platz und an den Haeusern ringsum oeffnet
Sich ein Blumenfenster um das andre.
Endlich kommt der junge Mann. Geschwinde!
Eingestiegen! – Und fort rollt der Wagen.
Aber sehet, auf dem nassen Pflaster
Vor dem Posthaus, wo er stillgehalten,
Laesst er einen trocknen Fleck zuruecke,
Lang und breit, sogar die Raeder sieht man
Angezeigt und wo die Pferde standen.
Aber dort in jenem huebschen Hause,
Drin der Juengling sich so lang verweilte,
Steht ein Maedchen hinterm Fensterladen,
Blicket auf die weiss gelassne Stelle,
Haelt ihr Tuechlein vors Gesicht und weinet.
Mag es ihr so ernst sein? Ohne Zweifel;
Doch der Jammer wird nicht lange waehren:
Maedchenaugen, wisst ihr, trocknen hurtig,
Und eh auf dem Markt die Steine wieder
Alle hell geworden von der Sonne,
Koennet ihr den Wildfang lachen hoeren
Gute Lyrik ist nicht einfach „nur“ erbaulich, sie soll den Leser in eine andere Gedankenwelt versetzen, in dem sie ihren Inhalt nicht wie eine Speisekarte serviert, sondern versucht, Emotionen hervorzurufen, sich in die Ideenwelt des Dichters einzufühlen. Und wenn das nicht gelingt, gerät man in eine andere Ideenwelt – in seine eigene – auch kein Fehler!
(Alfred Rhomberg)
am 04.06.2009 12:30
(6) Kommentare zum Beitrag "Sakrilege"
RE: Sakrilege
Lieber Herr Rhomberg,
vielen lieben Dank für Ihre wertschätzende Hypothese über meine berufliche Qualifikation, aber ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Ich ( Jahrgang 1962 ) bin das, was man einen interessierten Laien nennen würde oder allenfalls einen verhinderten Germanisten, der aus Gründen, die hier zu weit führen würden, Finanzwissenschaften studiert hat.
Nur allzu gut kann ich daher Ihre Unsicherheit verstehen, ob man zu großen künstlerischen Themen eine persönliche Meinung haben und vielleicht sogar noch äußern darf.
Ich finde, man darf nicht : Man muss !
Ihre Kritik an Goethe ist erfrischend, fundiert und eröffnet einen neuen Blickwinkel, der die Leistungen des Meisters keinesfalls schmälert, sondern eben nur relativiert. Mir hat das ausgesprochen gut gefallen. Ehrfurcht vor dem Dichter kann uns nicht beflügeln und das ist mein bescheidener Anspruch an die Kunst. Mit Ihrer Schlussbemerkung haben Sie mir aus der Seele gesprochen und Ihr launiger Vergleich mit einer Speisekarte hat mir großes Vergnügen bereitet.
Ich halte es mit Adorno: „ Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein“.
Wer, wenn nicht wir, die wir nicht im Elfenbeinturm sitzen, wären daher berufen, Kritik zu üben. Schließlich haben wir nichts zu verlieren, außer unserer Lebenszeit, die wir mit langweiliger, uninspirierter Kunst verschwenden.
Es würde mich sehr freuen, wenn sie sich gestärkt und ermutigt fühlten, neue Sakrilege zu begehen.
Mit liebem Gruß, Jutta
geschrieben von jutta am 05.06.2009 09:28
RE: Sakrilege
Liebe Frau Jutta,
ich bin natürlich nicht enttäuscht, dass Sie nicht Germanistin sind – Finanzwissenschaften sind ebenso wie die Chemie sehr gut geeignet, zu analysieren (ich war Leiter der Allgemeinen Forschungsanalytik eines Pharmakonzerns). Die in unser beider Berufe erlernte Gabe der Analyse-Fähigkeit lässt sich nach meinen Erfahrungen fast überall anwenden, wenn man Interesse für ein Wissensgebiet hat. Das Zitat von Adorno kannte ich nicht, trifft aber den Punkt sehr genau, auch wenn ich nicht in allem mit Adorno übereinstimme (z.B. mit seiner Ansicht, dass man nach dem zweiten Weltkrieg und dem Abwurf der Atombombe eigentlich nichts mehr dichten dürfe – da kommt der häufig bei Adorno zu findende Pessimismus zu Tage). Im Übrigen hat mich Ihr Kommentar sehr beflügelt, denn in der eigenen Wissenschaft ist es relativ leicht, Kritik zu üben (wenn man die entsprechenden Argumente/Belege hat) – aber in anderen Gefilden ist es ein Wagnis, das mich auch durch Ihr Kommentar ermutigt, weiter zu „wagen“. Also herzlichen Dank für den Kommentar!
Mit lieben Grüßen, Alfred Romberg
geschrieben von Alfred Rhomberg am 05.06.2009 11:32
RE: Sakrilege
Lieber Herr Rhomberg,
ich teile ihre Auffassung, dass Pessimismus als innere Haltung kein guter Lebensbegleiter ist. Nun ist ja die Philosophie auch keine „Anleitung zum Glücklichsein“ und zur Erleuchtung bringt sie uns leider auch nicht. Aber wir dürfen denken und zweifeln. Der Zweifel ist meines Erachtens das Schönste an der Philosophie. Viel menschlicher als jede Überzeugung. Allerdings ist mir aufgefallen, dass gerade die Philosophen ihre Gedanken gerne absolut setzen. Mein Eindruck kann natürlich auch falsch sein, da ich nicht alle Philosophen kenne und mir auch nicht sicher sein kann, ob ich die Werke derjenigen, die ich gelesen habe , auch richtig verstehen konnte. Und so bleibt mir im Zweifel nur der Zweifel an mir selbst und die Freude darüber, einen Menschen, der über ein unglaublich großes Wissens- und Schaffensspektrum verfügt, ein klein wenig motiviert zu haben. Seien Sie unbesorgt, Sie wissen bereits, Ehrfurcht ist meine Sache nicht, aber Ehre , wem Ehre gebührt. Fassen Sie es als ehrlich gemeinte Anerkennung auf.
Liebe Grüße, Jutta
geschrieben von jutta am 07.06.2009 22:41
RE: Sakrilege
Liebe Frau Jutta,
danke auch für Ihren Kommentar. Die Philosophie ist nur in bestimmten philosophischen Schulen eine Anleitung zum „glücklich sein“, wobei auch hier wieder definiert werden müsste, was man eigentlich darunter versteht. Sie haben sicher recht, dass die meisten – insbesondere fast alle Philosophen ab dem 17. Jahrhundert, sehr absolute Aussagen machen, daher gibt es ja die entsetzlich vielen „ismen“ , die man im Philosophiestudium herunter beten muss. Als es bis 1972 in Österreich noch die Vierfakultäten-Universität gab und die Chemie zur philosophischen Fakultät gehörte (warum auch nicht?), wurden je nach Fachgebiet, Teilabschnitte für das End-Rigorosum in Philosophie und Psychologie Teilgebiete ausgewählt, an die sich die Prüfer aber selten hielten, weil sie den Unterschied zwischen Haupt- und Nebenfächlern oft vergaßen, diese Prüfungen waren daher immer schwer. Logik und Heuristik mussten alle studieren, mir wurden dann die Vorsokratiker zugeteilt – ein vernünftiger Abschnitt der Philosophie, der mit meinem Studium gut in Einklang zu bringen war, weil alle wesentlichen (und bis heute nicht gelösten) Fragen bereits von den Vorsokratikern (Heraklit, Parmenides, Thales von Milet, Pythagoras, Demokritos usw. bishin zu Sokrates angedacht und später immer wieder (und leider immer komplizierter) und „absoluter“ neu aufgegriffen wurden. Mein Professor für Philosophie, meinte bei der Eingrenzung der Fächer nur lakonisch „aber die anderen Philosophen sollten Sie schon auch etwas studieren“, was gut war, denn eine meiner Prüfungsfragen war „Sie kennen ja Kant, seinen kategorischen Imperativ und sein a priori – versuchen wir doch einmal das a priori aller vorsokratischen Schulen im Wandel der Zeiten herauszuarbeiten“, was für einen Nebenfächler recht schwierig war auch weil das Thema dann weit bis ins 20. Jahrh. ausgedehnt wurde. Weil mir in Psychologie die Sozialpsychologie und die Gruppendynamik zugeteilt worden waren, meinte der Philosoph noch zum Schluss: spinnen wir doch das Thema meines Kollegen weiter aus. „Worin unterscheidet sich eigentlich die Massenpsychologie („Aufstand der Massen“, Ortega y Gasset und „Masse und Macht“, Canetti , von der Gruppendynamik eines Peter Hofstätter. Die Professoren waren einem nach einer beendeten Doktorarbeit und bestandenem Hauptrigorosum zwar eher freundlich gesinnt, es fielen aber doch immer wieder einige durch. Ansonsten begehe ich heute auch in der Philosophie das Sakrileg zu behaupten, dass Kant seine Bücher deutlich kürzer hätte schreiben können/sollen/müssen, dass Hegel nicht lebenswichtig und vieles bei Heigegger oder Sartre ganz abstrus ist. Nietzsche ist sprachlich (nicht philosophisch) „schön“ und Schopenhauer ist für einen Naturwissenschaftler („Die Welt als Wille und Vorstellung“) sehr nützlich. Die Philosophie des 20. Jahrhunderts ist insbesondere im Existenzialismus bei Sartre oder Heidegger so pessimistisch, dass man sich nicht so viel damit beschäftigen sollte, wie dies um 1962 nach Aufkommen des Existenzialismus der 50-iger Jahre (insbes. Sartre) verlangt wurde. Aber auch Adorno ist nicht immer erbaulich und für mich oft zu pessimistisch – eben zu sehr durch die Nachkriegszeit geprägt! Alles in allem war dieser damalige Mehraufwand im Studium trotz der vorgeschriebenen zusätzlichen sechssemestrigen Vorlesungen, welche man meist während der dreijährigen Doktorarbeit (als chemischer Organiker), besuchte, jedoch sehr nützlich, weil man dann später über diverse Tellerränder der Naturwissenschaften, blicken kann.
Mit lieben Grüßen, Alfred Rhomberg
P.S. eineige solcher Sakrilege habe ich in zahlreichen eher satirische Beiträgen, insbsondere zur Existenzphilosophie hier veröffentlicht
geschrieben von Alfred Rhomberg am 08.06.2009 13:31
RE: Sakrilege
Lieber Herr Rhomberg,
vielen Dank für Ihren interessanten Kommentar, der mich inspiriert hat, Ihren Beitrag „Dialog“ zu lesen . Ich habe Ihnen einige Gedanken dazu aufgeschrieben und
erwähne es an dieser Stelle, da ich nicht weiß, ob Sie einen Hinweis über Kommentare zu früheren Beiträgen erhalten.
Liebe Grüße, Jutta
geschrieben von jutta am 13.06.2009 20:23
RE: Sakrilege
Liebe Frau Jutta,
danke für den Hinweis – ich bekomme auch Benachichtigungen über Kommentare zu früheren Beiträgen, Sie finden dort mene Antwort,
Mit lieben Grüßen, Alfred Rhomberg
geschrieben von Alfred Rhomberg am 18.06.2009 17:47
Neuer Kommentar
Igler Reflexe - INHALT
Lieber Herr Rhomberg,
vielen lieben Dank für Ihre wertschätzende Hypothese über meine berufliche Qualifikation, aber ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Ich ( Jahrgang 1962 ) bin das, was man einen interessierten Laien nennen würde oder allenfalls einen verhinderten Germanisten, der aus Gründen, die hier zu weit führen würden, Finanzwissenschaften studiert hat. Nur allzu gut kann ich daher Ihre Unsicherheit verstehen, ob man zu großen künstlerischen Themen eine persönliche Meinung haben und vielleicht sogar noch äußern darf. Ich finde, man darf nicht : Man muss ! Ihre Kritik an Goethe ist erfrischend, fundiert und eröffnet einen neuen Blickwinkel, der die Leistungen des Meisters keinesfalls schmälert, sondern eben nur relativiert. Mir hat das ausgesprochen gut gefallen. Ehrfurcht vor dem Dichter kann uns nicht beflügeln und das ist mein bescheidener Anspruch an die Kunst. Mit Ihrer Schlussbemerkung haben Sie mir aus der Seele gesprochen und Ihr launiger Vergleich mit einer Speisekarte hat mir großes Vergnügen bereitet. Ich halte es mit Adorno: „ Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein“. Wer, wenn nicht wir, die wir nicht im Elfenbeinturm sitzen, wären daher berufen, Kritik zu üben. Schließlich haben wir nichts zu verlieren, außer unserer Lebenszeit, die wir mit langweiliger, uninspirierter Kunst verschwenden. Es würde mich sehr freuen, wenn sie sich gestärkt und ermutigt fühlten, neue Sakrilege zu begehen.
Mit liebem Gruß, Jutta
Liebe Frau Jutta,
ich bin natürlich nicht enttäuscht, dass Sie nicht Germanistin sind – Finanzwissenschaften sind ebenso wie die Chemie sehr gut geeignet, zu analysieren (ich war Leiter der Allgemeinen Forschungsanalytik eines Pharmakonzerns). Die in unser beider Berufe erlernte Gabe der Analyse-Fähigkeit lässt sich nach meinen Erfahrungen fast überall anwenden, wenn man Interesse für ein Wissensgebiet hat. Das Zitat von Adorno kannte ich nicht, trifft aber den Punkt sehr genau, auch wenn ich nicht in allem mit Adorno übereinstimme (z.B. mit seiner Ansicht, dass man nach dem zweiten Weltkrieg und dem Abwurf der Atombombe eigentlich nichts mehr dichten dürfe – da kommt der häufig bei Adorno zu findende Pessimismus zu Tage). Im Übrigen hat mich Ihr Kommentar sehr beflügelt, denn in der eigenen Wissenschaft ist es relativ leicht, Kritik zu üben (wenn man die entsprechenden Argumente/Belege hat) – aber in anderen Gefilden ist es ein Wagnis, das mich auch durch Ihr Kommentar ermutigt, weiter zu „wagen“. Also herzlichen Dank für den Kommentar!
Mit lieben Grüßen, Alfred Romberg
Lieber Herr Rhomberg,
ich teile ihre Auffassung, dass Pessimismus als innere Haltung kein guter Lebensbegleiter ist. Nun ist ja die Philosophie auch keine „Anleitung zum Glücklichsein“ und zur Erleuchtung bringt sie uns leider auch nicht. Aber wir dürfen denken und zweifeln. Der Zweifel ist meines Erachtens das Schönste an der Philosophie. Viel menschlicher als jede Überzeugung. Allerdings ist mir aufgefallen, dass gerade die Philosophen ihre Gedanken gerne absolut setzen. Mein Eindruck kann natürlich auch falsch sein, da ich nicht alle Philosophen kenne und mir auch nicht sicher sein kann, ob ich die Werke derjenigen, die ich gelesen habe , auch richtig verstehen konnte. Und so bleibt mir im Zweifel nur der Zweifel an mir selbst und die Freude darüber, einen Menschen, der über ein unglaublich großes Wissens- und Schaffensspektrum verfügt, ein klein wenig motiviert zu haben. Seien Sie unbesorgt, Sie wissen bereits, Ehrfurcht ist meine Sache nicht, aber Ehre , wem Ehre gebührt. Fassen Sie es als ehrlich gemeinte Anerkennung auf. Liebe Grüße, Jutta
Liebe Frau Jutta,
danke auch für Ihren Kommentar. Die Philosophie ist nur in bestimmten philosophischen Schulen eine Anleitung zum „glücklich sein“, wobei auch hier wieder definiert werden müsste, was man eigentlich darunter versteht. Sie haben sicher recht, dass die meisten – insbesondere fast alle Philosophen ab dem 17. Jahrhundert, sehr absolute Aussagen machen, daher gibt es ja die entsetzlich vielen „ismen“ , die man im Philosophiestudium herunter beten muss. Als es bis 1972 in Österreich noch die Vierfakultäten-Universität gab und die Chemie zur philosophischen Fakultät gehörte (warum auch nicht?), wurden je nach Fachgebiet, Teilabschnitte für das End-Rigorosum in Philosophie und Psychologie Teilgebiete ausgewählt, an die sich die Prüfer aber selten hielten, weil sie den Unterschied zwischen Haupt- und Nebenfächlern oft vergaßen, diese Prüfungen waren daher immer schwer. Logik und Heuristik mussten alle studieren, mir wurden dann die Vorsokratiker zugeteilt – ein vernünftiger Abschnitt der Philosophie, der mit meinem Studium gut in Einklang zu bringen war, weil alle wesentlichen (und bis heute nicht gelösten) Fragen bereits von den Vorsokratikern (Heraklit, Parmenides, Thales von Milet, Pythagoras, Demokritos usw. bishin zu Sokrates angedacht und später immer wieder (und leider immer komplizierter) und „absoluter“ neu aufgegriffen wurden. Mein Professor für Philosophie, meinte bei der Eingrenzung der Fächer nur lakonisch „aber die anderen Philosophen sollten Sie schon auch etwas studieren“, was gut war, denn eine meiner Prüfungsfragen war „Sie kennen ja Kant, seinen kategorischen Imperativ und sein a priori – versuchen wir doch einmal das a priori aller vorsokratischen Schulen im Wandel der Zeiten herauszuarbeiten“, was für einen Nebenfächler recht schwierig war auch weil das Thema dann weit bis ins 20. Jahrh. ausgedehnt wurde. Weil mir in Psychologie die Sozialpsychologie und die Gruppendynamik zugeteilt worden waren, meinte der Philosoph noch zum Schluss: spinnen wir doch das Thema meines Kollegen weiter aus. „Worin unterscheidet sich eigentlich die Massenpsychologie („Aufstand der Massen“, Ortega y Gasset und „Masse und Macht“, Canetti , von der Gruppendynamik eines Peter Hofstätter. Die Professoren waren einem nach einer beendeten Doktorarbeit und bestandenem Hauptrigorosum zwar eher freundlich gesinnt, es fielen aber doch immer wieder einige durch. Ansonsten begehe ich heute auch in der Philosophie das Sakrileg zu behaupten, dass Kant seine Bücher deutlich kürzer hätte schreiben können/sollen/müssen, dass Hegel nicht lebenswichtig und vieles bei Heigegger oder Sartre ganz abstrus ist. Nietzsche ist sprachlich (nicht philosophisch) „schön“ und Schopenhauer ist für einen Naturwissenschaftler („Die Welt als Wille und Vorstellung“) sehr nützlich. Die Philosophie des 20. Jahrhunderts ist insbesondere im Existenzialismus bei Sartre oder Heidegger so pessimistisch, dass man sich nicht so viel damit beschäftigen sollte, wie dies um 1962 nach Aufkommen des Existenzialismus der 50-iger Jahre (insbes. Sartre) verlangt wurde. Aber auch Adorno ist nicht immer erbaulich und für mich oft zu pessimistisch – eben zu sehr durch die Nachkriegszeit geprägt! Alles in allem war dieser damalige Mehraufwand im Studium trotz der vorgeschriebenen zusätzlichen sechssemestrigen Vorlesungen, welche man meist während der dreijährigen Doktorarbeit (als chemischer Organiker), besuchte, jedoch sehr nützlich, weil man dann später über diverse Tellerränder der Naturwissenschaften, blicken kann.
Mit lieben Grüßen, Alfred Rhomberg
P.S. eineige solcher Sakrilege habe ich in zahlreichen eher satirische Beiträgen, insbsondere zur Existenzphilosophie hier veröffentlicht
Lieber Herr Rhomberg,
vielen Dank für Ihren interessanten Kommentar, der mich inspiriert hat, Ihren Beitrag „Dialog“ zu lesen . Ich habe Ihnen einige Gedanken dazu aufgeschrieben und erwähne es an dieser Stelle, da ich nicht weiß, ob Sie einen Hinweis über Kommentare zu früheren Beiträgen erhalten.
Liebe Grüße, Jutta
Liebe Frau Jutta,
danke für den Hinweis – ich bekomme auch Benachichtigungen über Kommentare zu früheren Beiträgen, Sie finden dort mene Antwort,
Mit lieben Grüßen, Alfred Rhomberg










