
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Sakrilege II - Was kann die Volkswirtschaft aus der derzeitige Krise lernen?
Bildquelle: Ein Politiker versucht, einen Bankomaten mit sehr viel Geld zu füttern, um die Wirtschaft anzukurbeln - Foto (c) Alfred Rhomberg
Die Antwort soll gleich zu Beginn dieses Beitrags gegeben werden: Die Volkswirtschaft muss sich verstärkt um die praxisnahen Veränderungen der nationalen und globalen Veränderungen der Wirtschaft kümmern, anstatt sich wesentlich mit theoretischen Modellen zu beschäftigen, wie dies heute offenbar üblich ist – die Themen der erst seit 1971 eingeführten Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaften beweisen dies. Das steht etwas im Widerspruch zur Dissertation des berühmten österreichischen Nationalökonomenen Joseph Alois Schumpeter (1883-1950), der in seiner 1906 veröffentlichten Dissertation schrieb:
„Wenn die Ökonomie überhaupt eine Wissenschaft sein soll, muss sie eine mathematische sein“
Mathematische Methoden gelten gemeinhin als „exakte“ Methoden, es kommt in jeder Wissenschaft jedoch immer auf die jeweilige Problemstellung an, ob die Mathematik ein wirklich geeignetes Mittel zur Lösung eines Problems ist, denn Mathematik hat mit der Wirklichkeit überhaupt nicht zu tun, sie kann allenfalls Teilgebiete der Wirklichkeit beschreiben. Dies gilt prinzipiell für alle Wissenschaften, ganz besonders auch für die Naturwissenschaften, in denen dies manchmal ebenso so vergessen wird wie in den Wirtschaftswissenschaften.
In den Wirtschaftswissenschaften bedarf es im Grunde kaum der höheren Mathematik, mit welcher Betriebs- und Volkswissenschaftler im Übermaß gefüttert werden – es genügten die einfachen Grundrechnungsarten der Addtition, Subtraktion, Multiplikation und Division, einschließlich der daraus abgeleiteten Prozentrechnung, Dreisatzrechnung und einiger weniger Hilfsmittel, um den Überblick von Einnahmen (Gewinnen) und Ausgaben bzw. Verlusten oder der Berechnung eines Bruttosozialproduktes (BIP) zu erhalten. Zugegeben – die statistische Behandlung von Problemen bedarf der höheren Mathematik, die Fragwürdigkeit unkritisch (jedoch mathematisch) erstellter Statistiken wird leider immer offenbarer, je mehr sie für die Vorhersage der Entwicklung von Wirtschaftswachstum, demographischen Entwicklungen, Voraussagen in der Energiepolitik etc. (je nach Vorteil für eine bestimmten politische Richtung) missbraucht wird. Nicht umsonst gilt der Winston Churchill zugeschriebene Satz: „Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe“.
Die derzeitige Krise führt mit Gewissheit zu neuen mathematischen Modellen oder allzu wissenschaftlichen Lösungsansätzen, wie dies z.B. auch nach der Krise 1987 der Fall war – solche Modelle werden kaum zu einer besseren Zukunft führen, sofern nicht der Hausverstand (einschließlich der mathematischen Grundrechnungsarten) benützt wird. Weder werden Systeme wie die freie oder auch der sozialen Marktwirtschaft als untauglich bewiesen werden, noch wird sich die grundsätzliche Richtigkeit staatlicher Eingriffe und Regulierungen beweisen lassen.
Hier soll keine neue Grundsatzdiskussion dieser beiden konträren Wirtschaftsansätze geführt werden – Diskussionen darüber sind aus der einschlägigen Literatur für Interessierte leicht entnehmbar, vielmehr soll die Komplexizität solcher Fragen an einem einzigen Beispiel näher erläutert werden, nämlich am Beispiel der sogenannten „Abwrackprämie“ für Autos.
Die Abwrackprämie
Der Begriff ist durch die Medien hinreichend verbreitet, als dass es notwändig wäre, näher darauf einzugehen, um was es sich dabei handelt.
Tatsache ist, dass Staaten wie Deutschland oder Österreich ein scheinbar sehr erfolgreiches Modell entwickelt haben, um den Absatz von Autos dadurch anzukurbeln, dass Autos eines bestimmten Alters durch die staatliche Gewährung einer durchaus großzügigen Prämie (die letztlich vom Steuerzahler irgendwann bezahlt werden muss) gekauft wurden, wobei Autohersteller mit einer relativ vernünftigen Modellpalette, wie z.B. Volkswagen, am meisten davon profitierten. Es haben aber nicht nur die Autohersteller und deren Mitarbeiter von der Abwrackprämie profitiert, sondern auch Autohändler, Autozulieferungsbetriebe, die Autokäufer.- und nicht zuletzt die Politik
Anm.: In jeder der vergangenen Krisen wurden eigentlich notwändige Autokäufe auch dann zurückgestellt, wenn die potenziellen Käufer noch gar nicht von der Krise direkt betroffen waren – in solchen Zeiten wartet man einfach ab, wie sich die Zukunft weiterentwickelt und schiebt nicht dringend erforderliche Investitionen grundsätzlich auf.
Die Abwrackprämie war (bzw. ist) also ein Erfolgsmodell, welches naturgemäß sofort vergleichbare Anreize für andere Investitionen ins Gespräch bringt.
Bei einer nüchternen Betrachtung wird man feststellen, dass die Frage, ob es sich es sich tatsächlich um ein so erfolgreiches Modell handelt, aus späterer Sicht (z.B. in 3 Jahren) heute nicht zu beantworten ist.
Nachfolgend sollen zwei Extremstandpunkte formuliert werden:
1. Die Abwrackprämie war notwändig und könnte ein zukunftsweisendes Modell für staatlich gelenkte wirtschaftliche Einflussnahme sein. Die allgemeine Zufriedenheit wurde oben bereits geschildert.
2. Es könnte sich nachträglich um eine völlig falsche Entscheidung gehandelt haben:
Autos, die ein bestimmtes Alter erreicht haben, können vielleicht noch zwei Jahre weiter gefahren werden, müssen aber irgendwann ersetzt werden. In diesem Falle würden sich alternativ der Kauf eines noch funktionstüchtigen Gebrauchtwagens anbieten, dessen Preis aus augenblicklichen, durch die Krise bedingten marktwirtschaftlichen Gründe deutlich höher wäre als in normale Zeiten, oder aber man beschließt den Neukauf eines Autos mit dem man auf längere Sicht vermutlich weniger Probleme haben würde.
Welche Autos würden, wenn es die Abwrackprämie später nicht mehr gibt, dann gekauft? Vermutlich diejenigen von Herstellern, die auf Grund ihrer wirtschaftlichen Überlegenheit (z.B. sparsamer Energieverbrauch) dann noch am Markt sind. Bei diesem Ansatz würde in Kauf genommen, dass heute viele (vielleicht nicht erforderliche) Arbeitsplätze verloren gehen. Der Markt hätte sich dann „für die Zukunft“ entschieden, auch wenn diese etwas später erreicht würde.
Im Fall der scheinbar erfolgreichen Abwrackprämie könnte dagegen folgendes Szenario eintreten:
Der augenblickliche Markt für die dringend erforderliche Anschaffung von Autos wird für ca. zehn Jahre gesättigt. Bei einer Erholung der Wirtschaft nach der Krise würden allenfalls einige wenige höherpreisige Modelle gekauft, die ausschließlich Prestigewert, jedoch technisch aus der Sicht weiter steigender Energiepreise und der zunehmenden Klimabelastung eigentlich keine Daseinsberechtigung mehr haben. Die Autohersteller moderner, an die Zukunft angepasster Modelle würden auf Grund der „heute erfolgreichen“ Abwrackprämie infolge der vorangegangenen Marktsättigung vielleicht in 10 Jahren (also viele Jahre nach der derzeitigen Krise) so wenige Modelle verkaufen können, dass es zu einer neuerlichen Autokrise – diesmal für die an die Zukunft angepassten Autohersteller kommen könnte. Also eine „Autokrise nach der Autokrise“!
Ganz ähnliche Mechanismen könnte es überall dort geben, wo sich der Staat zu lange in die freie Wirtschaft einmischt. Mit anderen Worten könnten Experimente der Chaosforschung zum tragen kommen, bei welchen nachgewiesen wurde, dass manche Prozesse ab einem gewissen Punkt nicht mehr nach den bekannten Abläufen eines gemäßigten Auf und Ab (z.B. Wirtschaftzyklen) verlaufen, sondern zu ganz neuen „chaotischen“ Entwicklungen (jenseits der modernen Volkwirtschaftstheorien) führen.
Anm.: Näheres zur Chaosforschung könnte im früheren Beitrag:Was hat die Chaostheorie mit Schwarz-Weiß Denken zu tun – Gedanken anlässlich des Todes von E. Lorenz nachgelesen werden.
Tatsächlich scheint es heute richtig zu sein, die Krise zunächst durch hohe Verschuldung der Staaten in den Griff zu bekommen. Man nimmt heute z.B. an, dass diese Geldpolitik zur Bekämpfung der Krise von 1930 in den USA vermutlich zu früh gestoppt wurde – aber wie lange darf bzw. muss eine Politik der Verschuldung durchgehalten werden, um aus der jetzigen Krise herauszukommen?
Jeder Volkswirtschaftler hat recht, der zur Überwindung der Krise zu einer hohen Staatsverschuldung und zu staatlichen Eingriffen rät – aber auch jeder Volkswirtschaftler hat recht, der davor warnt. Darin besteht das Dilemma dieser Wissenschaft. Um aus diesem Dilemma herauszukommen bedarf es keiner höheren Mathematik, mit der man – entsprechende Ausgangsparameter vorausgesetzt – fast alles beweisen kann, sondern es bedarf des Hausverstandes (einschließlich der Grundrechnungsarten) und einer stetigen Beobachtung der Märkte ohne laufend neue Vorhersagen zu publizieren, die entweder konträr sind oder oft schon nach wenigen Wochen revidiert werden müssen.
(Alfred Rhomberg)
am 29.06.2009 19:26









