
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Strategien und Taktik
Bildquelle: Alfred Rhomberg
Sowohl in der Wirtschaft, als auch in der Politik wird heute meist Taktik angewendet, wo eigentlich Strategien gefragt wären. Der Unterschied zwischen beiden liegt darin, dass Taktik meist das Erreichen eines kurzfristigen Zieles anstrebt, während Strategien auf einen längerfristigen Gesichtspunkt hin ausgerichtet sind. In vielen (leider nicht in allen) Großkonzernen gibt es heute Abteilungen, die sich mit „Strategic Controlling“ beschäftigen (Financial- und Resources Controlling sind heute selbstverständlich). Solche Abteilungen beschäftigen sich – unabhängig vom augenblicklichen wirtschaftlichen Umfeld – mit Strategien, wie eine Firma in einer sich wandelnden Welt in Zukunft überleben kann. Das klingt modern, dieses Denken gab es – ohne dass dies so genannt wurde, in internationalen Großkonzernen wie z.B. der Royal Dutch Shell Company jedoch bereits 1965, als ich als junger Chemiker dort begann. Alle große Erdölfirmen hatten zwei wesentliche Geschäftsfelder: Erdölförderung (plus Raffinerie) und Abteilungen, welche die Verarbeitung von Erdölprodukten und Nebenprodukten betrieben (u.a. Polyäthylenherstellung oder die Herstellung von Treibstoffzusatzstoffen). Darüberhinaus gab es bei Royal Dutch auch Abteilungen, die mit dem Erdölgeschäft nichts zu tun hatten und sich mit anderen Energieformen, z.B. der Beobachtung der Kohleförderung, oder mit Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Brennstoffzellen beschäftigten, ein Prinzip, welches zwar schon 1823 entdeckt wurde, das aber bis heute wegen der noch immer hohen Kosten praktisch nur in der Weltraumfahrt eingesetzt wird (Projekte im öffentlichen Nahverkehr von Toronto wurden aus Kostengründen wieder eingestellt). Irgendwann werden die Brennstoffzellen die Antriebsmotoren moderner Autos jedoch revolutionieren und diese werden, sofern es sich um Wasserstoff-Sauerstoff-Brennstoffzellen handelt, als einzige Umweltverschmutzung allenfalls einige Tropfen reinen Wassers auf einer Strecke von 100 Kilometern verlieren.
Auch in der Politik wären strategische Überlegungen erheblich wichtiger, als kurzfristige Taktiken mit dem einzigen Ziel, die nächste Wahl zu gewinnen. Zwar werden die Wahlprogramme der Parteien der Bevölkerung so serviert, als stünde eine langfristige Strategie dahinter, die Wahrheit sieht jedoch anders aus, im Vordergrund steht, dass der Wähler bei der nächsten Wahl die „richtige“ Wahl trifft. Ob Wahlversprechen auf längere Sicht vernünftig und bezahlbar sind, können die Bürger gar nicht abschätzen – wer weiß schon, wieviel eine gerechte Gesundheits- oder Steuerreform kostet und wie die versprochenen Sozialreformen auf Dauer bezahlt werden können. Jeder Staat lebt ausschließlich von den Steuereinnahmen, die seine Bürger erwirtschaften und wenn zu sehr ins „Volle“ gegriffen, oder zu stark von „oben nach unten“ verteilt wird, sinkt die Motivation der für die Wirtschaft wichtigen gehobenen Mittelschicht beträchtlich, während die „ganz oben“ das Land verlassen. Es wären also langfristige Strategien gefragt, die den Wirtschaftsstandort und damit Arbeitsplätze sichern.
Dass dies keine leeren Worte sind, hat der Autor in Deutschland hautnah miterlebt, als ab Ende der 80-iger Jahre die Bruttogehälter zwar immer noch formal stiegen, die besteuerten Gehälter dagegen trotz der erheblich höheren verlangten Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter immer weiter absanken. Die Motivation der Mitarbeiter wurde nicht besonders gefördert, als der Firmeninhaber unseres Konzerns seine Führungskräfte versammelte und lakonisch mitteilte, dass die diesjährige Jahresrendite unterhalb derjenigen von festverzinslichen Papieren gesunken sei und er deswegen erwarte, dass die Renditen trotz des hohen Risikos, welches innovative Pharmafirmen nun einmal tragen, um mindestens zwei Prozent durch unsere Leistungen gesteigert werden müsse, andernfalls würde er die Firma schließen und dadurch wesentlich risikofreier leben. Ich erinnere mich noch gut an die betroffenen Gesichter der Kollegen, die letztlich jedoch seinen Standpunkt (notgedrungen) akzeptieren mussten – es blieb ja keine andere Wahl. Einige Jahre später wurde der Pharmakonzern dann tatsächlich an einen großen Schweizer Konzern verkauft und nicht alle Führungskräfte konnten dem Ruf folgen, in die vorgeschlagenen neuen Industriestandorte zu übersiedeln. Die in den 90-iger Jahren begonnene Rezession in Deutschland tat ein Übriges und vielen Kollegen blieb nichts anderes übrig, als mit hohen Pensionsabstrichen (ohne Abfindungen) vorzeitig in den Ruhestand zu gehen.
Doch noch einmal zurück zur Politik. Wer die Sendung „Im Zentrum“ d.h. die Diskussion mit den Clubvorständen der österreichischen Parteien gesehen hat (ORF 2, 7.8.2008, 22:00), wird kaum den Eindruck gewonnen haben, dass irgendeine Partei längerfristige strategische Vorstellungen für die Zeit nach der Nationalratswahl hat oder wie Ansätze dazu finanziert werden könnten. Die Diskussionsrunde wurde von taktischen Manövern beherrscht – wer will kurz vor den Wahlen schon zugeben, dass alles, was gut klingt, auch Geld kostet. In diesem Punkt unterscheidet sich Österreich nicht von den meisten Demokratien der Welt.
Russland oder China haben es in dieser Hinsicht wesentlich einfacher: „Wir wollen wirtschaftlich und militärisch stärker werden!“ (Koste es was es wolle).
(Alfred Rhomberg)
am 08.09.2008 01:12
