
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Teuerungen sind ein sich selbst verstärkender Prozess – was der Einzelne dagegen unternehmen kann.
Bildquelle: PC-Grafik Alfred Rhomberg
Kann der Einzelne überhaupt etwas gegen Inflationsraten von derzeit mehr als 3 Prozent, in manchen lebenswichtigen Bereichen, sogar deutlich über 10 Prozent, unternehmen? Bevor auf diese Frage näher eingegangen werden soll, muss man den Selbstverstärkungsprozess solcher Teuerungen deutlich machen.
Ja – der Ölpreis steigt und steigt – aber ist der Ölpreis wirklich ausschließlich die Ursache für Lebensmittelteuerungen von über 10 Prozent? Und warum steigt der Ölpreis überhaupt so stark? (sicher nicht nur wegen der Nachfrage, siehe später).
Ja – es gibt eine Nahrungsmittelverknappung durch die Verwendung von Weizen- und Maisanbauflächen für Biosprit, aber haben wir nicht vorher durch eine etwas zu überzogene Angst vor dem Treibhauseffekt mental dazu beigetragen, selbst wenn wir wissen sollten, dass Biosprit das Klimaproblem nicht löst. Genau mit dieser Denkweise, die sich aus Angst, mangelndem Wissen und einem fast angeborenen Gefühl der Ohnmacht zusammensetzt, beginnt die Inflation sich zu verselbständigen. Der hohe Ölpreis, der uns wegen der Fakturierung in Dollar bei weitem nicht so betrifft wie die USA (übrigens sind die Benzinpreise trotz der für die USA ungünstigen Währungsrelation immer noch fast halb so hoch wie bei uns), wird zum Großteil durch Ängste geschürt. Ca. 30 – 50 Prozent des derzeitigen Ölpreises beruhen auf diesen Ängsten und der damit verbundenen Spekulation. Weitere Preisbestandteile sind staatliche Steuern, die je höher der Benzin oder Dieselpreis steigt, überproportional mitsteigen, weil dies ein Faktum der Prozentrechnung ist.
Jetzt beginnt ein Selbstverstärkungsprozess nach folgendem Muster: der Ölpreis ist hoch, Nahrungsmittel werden knapp, die großen Konzerne beginnen einen zunächst noch maßvollen Verteuerungsprozess ihrer Produkte, die Bevölkerung schimpft ein bisschen, auf die Spekulanten, die Konzerne, die Regierungen und zahlt zähneknirschend etwas mehr – weil man eh’ nichts machen kann. Die Konzerne erhöhen ihre Preise weiter und die Verbraucher schimpfen weiter und zahlen (weil man eh’ nichts machen kann). Inzwischen haben die Preise ein Niveau erreicht, das bei weitem nicht mehr den erhöhten Eigenkosten der Konzerne entspricht. Die Ursache der Teuerungen wird von den Konzernen auf die genannten Gegebenheiten geschoben und die Medien reden zunehmend immer mehr über Teuerungen, Spekulanten und die „genannten Gegebenheiten“. Der Verbraucher wird durch die Medienberichte sensibilisiert, schimpft stärker, zahlt zähneknirschend noch mehr (weil man gegen Gegebenheiten eh’ nichts machen kann) außer dass jetzt eine gewisse Resignation eingetreten ist, die zur vermeintlichen „Handlungsunfähigkeit“ erzieht. Der Selbstverstärkungsprozess ist in vollem Gange.
Gegenmaßnahmen
Beginnen wir mit einem Sektor, der relativ einfach zu beeinflussen wäre, dem Bankensektor. Jedem wird aufgefallen sein, dass alle Bankleistungen, von der Kontoführung, über Depotgebühren bis zu Gebühren, die mit dem täglichen, heute fast schon selbstverständlichen online-banking verbunden sind, in letzter Zeit kräftig gewachsen sind, ebenso alle möglichen sonstigen Klein-Gebühren, die man am Quartalsende auf seinem Konto vorfindet. Statt dieser Gebührenerhöhungen sollte es eigentlich Verbilligungen geben, weil durch die zunehmende Verflechtung und Konzentration, sowie die immer besser werdende Datenverarbeitung die Kosten sinken sollten – steigende Ölpreise und Nahrungsmittelverknappung wirken sich im Bankensektor nur marginal aus. Wer ein neues Konto eröffnen will, sollte zehn Banken „abklappern“ und zu den angebotenen Konditionen sagen: „nein – da habe ich schon bessere Angebote gehabt“ (die Frage „wo?“ brauchen Sie ja nicht zu beantworten, das steht Ihnen zu und tatsächlich gibt es sehr unterschiedliche Angebote!).
Für denjenigen, der bereits ein Konto hat, ist es etwas schwieriger, weil er seine eigene Trägheit überwinden muss. Auch hier kann man zunächst verschiedene Angebote für den Fall einer Änderung der Bankverbindung prüfen und gegebenenfalls dem zuständigen Betreuer sagen: „ich möchte mein Konto auflösen…weil“ (so etwas darf nie wortlos geschehen, sonst hätten Ihre Anstrengungen keinen Effekt). Zugegeben, die Auflösung von Konten ist oft mit Kosten verbunden, auch diese Kosten sind bei einzelnen Banken unterschiedlich und etwas muss es einem einfach wert sein, wenn man nicht auch für die Zukunft von der Willkür der Banken abhängig sein will. Sparbücher lässt man auslaufen, auch bei Kreditverpflichtungen kann man oft Konditionen aushandeln und für den Fall, dass Kreditverpflichtungen bei einer anderen Bank übernommen werden (sie werden es meist, ein Kreditnehmer ist kein Bittsteller, sondern gehört zu den einträglichsten Kunden jeder Bank), sollte man diese Möglichkeit in Betracht ziehen. Die Bonitätsprüfung bei der neuen Bank sollte keine Schwierigkeiten bereiten, weil Sie den bestehenden Kredit bei Ihrem alten Institut auch nur durch eine Bonitätsprüfung erhalten haben). Zugegeben – jeder Wechsel ist unangenehm – aber Sie wollen ja nicht ewig die Melkkuh Ihres Kreditinstitutes sein.
Anm.: Hätten alle Konteninhaber der Deutschen Bank im vergangenen Jahr ihre Konten abgezogen, als am gleichen Tag ein Gewinn von ca. 40 Prozent gleichzeitig mit der Ankündigung der Entlassung sehr vieler Angestellter verkündet wurde, so hätte das eine doppelte Wirkung gehabt: die Aktienkurse der Deutschen Bank wären gefallen und die Aktionäre (über die man immer nur schimpft), hätten ihren Unmut geäußert oder sogar ihre Aktien verkauft. Statt den Medien recht zu geben, die dieses Spektakel genussvoll begleiteten, wäre Eigeninitiative angebracht gewesen.
Nahrungsmittel:
Es ist nicht zu bestreiten, dass die Produzenten von Nahrungsmitteln und die großen Verbraucherketten, die steigenden Energiepreise in mehrfacher Hinsicht spüren. Transportkosten, gestiegene Nahrungsmittel-Rohstoffkosten (z.B. Weizen, Mais, Futtermittel), Energiekosten bei der „Veredelung“ der Nahrungsrohstoffe und vieles andere verteuern die Produkte – aber nicht in dem Maße, wie wir sie bei Milch, Brot, Obst – eigentlich bei fast allen Produkten in letzter Zeit festgestellt haben. Auch die Preise von Produkten, die nicht so stark von Energiekosten abhängig sind, werden erhöht – der Kunde kann das ja nicht unterscheiden – und wenn eh’ alles teurer wird? Also wieder der Prozess der Selbstverstärkung!
Was kann man gegen erhöhte Lebensmittelpreise (Nahrungsmittel, die man doch unbedingt braucht) unternehmen?
1. Man kann seine Konsumgewohnheiten überprüfen – einiges lässt sich bereits dadurch einsparen.
2. Man kann – nein man muss – Sonderangebote annehmen! Es sind weniger die Billigangebote unbekannter Produktionsfirmen gemeint, sondern die normalen Markenprodukte wie Speiseöl, Zahnpasta, Mineralwasser, Nivea, WC-Papier, Spirituosen und, und, und…, die bei vielen Handelsketten gelegentlich für 14 Tage oder mehr um 10 – bis 30 Prozent billiger angeboten werden. Handelt es sich um einigermaßen haltbare Produkte, kann man einen Großeinkauf für einige Monate oder sogar länger tätigen. Man muss zwar auf das Ablaufsdatum der Produkte achten, bei vielen Produkten ist das Ablaufdatum jedoch nicht wichtig und steht auch gar nicht auf der Verpackung – und sogar Speiseöle halten sich im Keller gelagert, deutlich länger als in der Vorratskammer bei Normaltemperatur. Die Tiefkühltruhe kann beim Neukauf eines Kühlschrankes gar nicht groß genug sein – dann halten sich auch Tiefkühlprodukte bei Sonderangeboten sehr lange. Wer von „der Hand in den Mund lebt“ ist (mit Einschränkungen, siehe Schlussbemerkung) meist selber schuld! Jeder kann doch ungefähr ausrechnen, was er in einem halben Jahr braucht. Der häufig an den Postkästen angebrachte Hinweis „Bitte keine Reklamesendungen“ ist Teil der eigenen Trägheit oder Dummheit (weil man zu faul ist, das Papier zu entsorgen) – oder aber ein Zeichen, dass es einem noch zu gut geht.
3. Der Besuch von Discountern lohnt sich meistens – zwar nicht bei allen Produkten, aber bei solchen, die man kennt. Warum muss man Produkte wie Teigwaren, Pizza oder Gemüse bei den gewohnten Einkaufsketten kaufen – viele dieser Produkte sind sowieso nicht wirklich einschätzbar. Wer Gemüse im Feinkostladen kauft, wird bessere Qualität erhalten und wer es sich leisten kann, soll das selbstverständlich tun. Aber warum soll man altes Gemüse oder Obst bei seinen bekannten Handelsketten kaufen, bei denen man sonst immer kauft, wenn es bei Hofermärkten gerade einmal billiger und besser ist?
Wer preisbewusst handelt und Sonderangebote konsequent ausnützt, erzieht die Konzerne dazu, preisbewusster zu kalkulieren und dann kann man sich auch liebgewordene teurere Produkte zusätzlich leisten, ohne von der Inflation all zu sehr betroffen zu sein.
Energiekosten:
Hier sind die Einsparungsmöglichkeiten am schwierigsten in den Griff zu bekommen, Strom, Heizung und Benzin braucht man leider – aber wie viel davon braucht man? In einer Großstadt wie Wien, fährt man mit der U-Bahn recht gut und verbraucht dadurch weniger Benzin (außer beim Ausflug am Wochenende) oder in ungünstigen Wohnlagen. Am Lande ist das Problem wegen der fehlenden Regionalverbindungen etwas größer (manchmal genügt es, etwas früher aufzustehen um auf einen Bus oder eine Regionalbahn zu warten). In Städten wie Innsbruck mit gutem Verkehrsnetz und relativ guten Regionalverbindungen ist die tägliche Autofahrt zum Arbeitsplatz (oder zum Einkaufen) wirklich Luxus – mit dem Auto braucht man viel Zeit, weil die Innenstadt nicht für den Autoverkehr geeignet ist und man zudem teure Parkplätze suchen muss.
Zum Thema der derzeitigen hohen Treibstoffpreise hört man gelegentlich gute Diskussionen – auch in ORF2 oder OE1 – nur werden gute Argumente oft nicht deutlich genug ausgesprochen. Die Frage, ob die gegenwärtigen Treibstoffpreise nicht durch Absenkung der Mehrwertsteuer oder Mineralölsteuer gesenkt werden sollte, wäre sehr eindeutig mit „nein“ zu beantworten. Die Mineralölkonzerne würden weiter gut verdienen und die internationale Spekulation wäre davon völlig unbeeindruckt. Da hier für diejenigen, deren Existenz durch das Auto auf dem Spiel steht jedoch eine Lösung gefunden werden muss, wäre es im Augenblick der bessere Weg, anfallende Mehrkosten, sofern sie nachweisbar sind, wenigstens teilweise refundiert zu bekommen (Kilometerpauschale, Absetzbarkeit bei Lohn- bzw. Einkommensteuer). Ansonsten würde auch bei Energie- und Treibstoffpreisen ein Nachdenkprozess über liebgewonnene Gewohnheiten nützlich sein.
Heizungen und Strom müssen nicht immer auf Volllast laufen – ein Pullover erlaubt um 2 – 3 Grad niedrigere Raumtemperaturen. Die meisten Geräte müssen nicht immer in „standby“ betrieben werden, es gibt ja Schalter zum ausschalten. Wohnhausbesitzer können auf subventionierte Einsparungsmöglichkeiten durch Solarkraft und Wärmedämmung achten – dem Mieter in einem Großstadthaus sind solche Einsparungsmöglichkeiten naturgemäß verschlossen.
Andere Lebensgewohnheiten:
Handy und andere Kommunikationsmittel sind heute nicht mehr wegdenkbar – aber Providerkosten sollten immer geprüft werden, ob sie wirklich so günstig sind, wie es uns die Werbung verspricht und die oft nur günstig sind, wenn man die inzwischen anerzogene Gewohnheit, stundenlang zu telefonieren, unbedingt braucht – aber braucht man das im privaten Bereich immer?
Urlaub: es stimmt tatsächlich, dass man heute oft eine Kreuzfahrt oder Fernreise macht, weil eine einwöchige Kreuzfahrt oft billiger als ein einwöchiger Italienurlaub ist. Der ständig anwachsende Flugverkehr treibt die Ölpreise (und den CO2-Ausstoß) ständig weiter nach oben. Muss man jährlich einmal (oder inzwischen oft mehrmals) solche Reisen machen – oder genügt es nicht, so etwas vorläufig zu reduzieren? Wer nur aller drei Jahre eine solche Reise unternimmt, könnte sich dann sogar höhere (und kostendeckendere) Flugpreise leisten – der sinkende Verbrauch an Treibstoff würde sich sehr schnell auf ein Einbremsen der „Spekulation“ auswirken. Das Kennenlernen der oft wenig bekannten Umgebung seines Wohnortes kann durchaus ein lohnendes Urlaubserlebnis sein.
Wer nachdenkt, wird zustimmen, dass sich der Energiebedarf nicht innerhalb eines Jahres verdoppelt haben kann, der Ölpreis hat sich aber verdoppelt. Hier stimmt das Angebot und Nachfrage-Prinzip nicht mehr, weil sich die Nachfrage nicht verdoppelt hat – selbst wenn sich der Ölpreis in Zukunft insgesamt erhöhen wird. Die Spekulation wird durch das Angst-Prinzip angeheizt!
Man könnte weitere Möglichkeiten aufzeigen, sanften Druck auf etablierte Preisstrukturen auszuüben, aber ein bisschen mehr eigene Fantasie sollte zum wichtigen Bestandteil unseres Lebens werden.
Leider gibt es bei allen vorangegangenen Empfehlungen ein „aber“, das nicht wegleugbar ist: Wer am Existenzminimum lebt, für den sind viele der aufgeführten Beispiele nicht hilfreich, man kann z.B. nicht auf „Vorrat“ kaufen, wenn man das dazu erforderliche Geld nicht hat, oder wenn man alt oder krank ist und auf fremde Hilfe angewiesen ist. Viele Österreicher leben jedoch nicht am Rande des Existenzminimums und diese könnten etwas bewirken, das dann auch denjenigen (wegen dann sinkender Preise) nützt, denen es schlechter geht.
Anmerkung zum Blogbild: In Anspielung auf meinen letzten Beitrag über “Inflation” wurde der 10 Euroschein hier zerrissen – aber nur mit Hilfe des PC. Ein zerrissener 10 Euroschein ist grafisch einfach schöner als ein unzerrissener Schein, für den man sich sowieso immer weniger kaufen kann.
(Alfred Rhomberg)
am 27.05.2008 14:04
