
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe: Turbulenzen an den Finanzmärkten
Bildquelle: Simulation des Crash 1987 - leider erst 1996 (Grafik aus "Finanz und Wirtschaft" v. 19. Oktober 1996)
Die derzeitigen Turbulenzen an den weltweiten Aktien- und Rohstoffmärkten mögen zwar durch die Hypothekenkrise der USA ausgelöst worden sein, die Ursachen grundsätzlich nur den „bösen“ USA anzulasten, wäre wohl zu einfach. Der europäische Wirtschaftsraum hätte während der Zeit seines Bestehens genügend Zeit gehabt, um eine eigenständige, von den USA unabhängige Wirtschaftspolitik zu entwickeln. Stattdessen schielen unsere Börsen stündlich auf den amerikanischen Dow Jones, um sofort mit mehr als 3% an einem Tag „in die Knie“ zu gehen, wenn der Dow Jones an einem Tag gerade einmal 1 Prozent verliert. Es ist nach wie vor so, dass Europa (und teilweise auch Asien) sofort einen „grippalen“ Infekt erleiden, wenn die Wirtschaft in den USA niest. Zugegeben – das was derzeit in den USA geschieht ist mehr als nur „niesen“, ziemlich sicher ist jedoch, dass sich die großen europäischen Wirtschaftsländer (in erster Linie Deutschland als Exportschwergewicht) nach Wirtschaftsinsuffizienzen – im Gegensatz zu grippalen Infekten – oft erst nach Jahren erholen, wenn es den USA bereits längst wieder gut geht. Warum?
Es gibt dafür mehrere Gründe:
1. „Die europäische Wirtschaft“ – sofern man überhaupt von einem solchen gemeinsamen Projekt (und nicht nur einem Wunschziel) sprechen kann – ist erheblich schwerfälliger als die US-Wirtschaft, was Management, Ortsbeweglichkeit der Mitarbeiter, Anspruchsdenken etc. betrifft.
2. Die EZB (Europäische Zentralbank) ist fast ebenso schwerfällig, wie es die frühere deutsche Notenbank war, d.h. sie reagiert erst dann, wenn es den volkswirtschaftlichen Regeln entspricht und es manchmal bereits zu spät ist. Durch dieses Zuwarten wird das sowieso etwas niedrigere Wachstum in Europa, das im Laufe dieses Jahres noch etwas an Dynamik verlieren wird, sicherlich nicht gefördert. Ein schnelleres Reagieren – manchmal auch gegen volkswirtschaftliche Grundregeln – wäre in kritischen Situationen oft wünschenswert, um Panikstimmungen zu vermeiden. Danach kann man sich ja wieder in Ruhe der soliden Volkswirtschaft zuwenden.
3. Der Pessimismus ist eine europäische Grund(un)tugend, die – wie alle Tugenden und Untugenden – schwer therapierbar ist.
Es klingt ein wenig nach Heuchelei, wenn ausgerechnet der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, gestern forderte, dass die Banken besser – und auch staatlich – kontrolliert werden sollten. Eine bessere Offenlegung des Wertberichtigungsbedarfes von Finanzinstituten, Fonds und anderen Investmentunternehmen ist sicher wünschenswert, weil viele europäische Großbanken (weniger die deutschen Privatbanken als die Landesbanken) von der US-Hypothekenkrise betroffen sind und die Finanzmärkte davon offenbar überrascht wurden. Die US-Krise kann aber doch keine Entschuldigung für die Manager von Banken sein, die wohl kaum so naiv und unfähig sind, dass sie nicht seit geraumer Zeit wussten, auf was sie sich beim lange Zeit gut laufenden Geschäft mit US-Hypothekenkrediten einließen.
Niemand weiß derzeit genau wie es weiter geht (siehe a. Anm.). Wenn der Präsident des deutschen IFO (Institut für Witschaftsforschung), Prof. Hans-Werner Sinn, gestern in einem ARD Interview erklärte, dass die Situation der USA sehr ernst sei und auch europäische Wirtschafträume mitreißen könnte, so hat er die augenblickliche Situation zwar richtig beschrieben, aber gleichzeitig in diesem Interview teilweise jenen Pessimismus ausgestrahlt, der unter Punkt 3 für Europäer typisch ist. Gerade Prof. Sinn hatte der deutschen und der europäischen Wirtschaft noch vor kurzer Zeit ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt. Wahrscheinlich hatte Prof. Sinn auch mit dieser Einschätzung recht – aber warum haben wir dann so viel Angst? Wirklichen Grund dazu hätten wir eigentlich nicht!
Oder doch? – weil wir nämlich noch nicht begriffen haben, dass die EU mit fast einer halben Milliarde Menschen inzwischen die drittgrößte Bevölkerungszahl (nach China und Indien) aufweist und deshalb ein sehr großer Binnenmarkt geworden ist, der durch Warenaustausch auch innerhalb der EU lebensfähig sein sollte. Weil die derzeit hohen Ölpreise zum Großteil wegen des schwachen Dollars aufgefangen werden und uns deutlich weniger betreffen als die USA. Weil wir im (eigenen) EU-Raum einige stark unterentwickelte Länder mit niedrigem Einkommen haben und von den dort niedrigen Lohnkosten profitieren können. Es müsste den reicheren Wirtschaftsländern Europas doch gelingen, dies so auszunützen, dass gleichzeitig ein langsamer Aufbau durch Investitionen in diese ärmeren Länder (wegen der niedrigen Lohnkosten) möglich ist und dass infolge der dadurch steigenden Kaufkraft in diesen Ländern, die positive Entwicklung für einen starken Binnenmarkt im Endeffekt zunimmt.
Dazu ein Zitat aus: Taskforce Beschäftigung unter Vorsitz von Wim Kok: Jobs, Jobs, Jobs – Mehr Beschäftigung in Europa schaffen, abgerufen Februar 2008.
„Nach vielen Vertiefungsprozessen der Europäischen Zusammenarbeit ist es nach der Lissabon-Strategie aus dem Jahr 2000 nun ökonomische und soziale Zielbestimmung, bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu werden, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einen größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen.“
Was haben wir bis jetzt dafür getan? Bis 2010 sind es nur noch 21 Monate!Anm.: Die Vorhersage von Börsencrashs und Krisensituationen mittels „neuronaler Netze“ und Computersimulationen hat offenbar bis heute noch nicht zu brauchbaren Prognosen geführt. Die oben abgebildete Grafik ist ein Computermodell, das in dem schweizerischen Börsenfachblatt „Finanz und Wirtschaft“ in Zusammenhang mit einer Beitragsreihe von Prof. Dr. Gerhard Aschinger (Universität Fribourg) 1996 veröffentlicht wurde. Der für seine theoretischen Modelle zur Vorherbestimmung von Katastrophenfällen bekannte Experte ist der Beweis dafür, dass solche Modelle vorläufig nur „Modelle“ sind. Andernfalls würde Prof. Aschinger vermutlich ein mindestens ebenso hohes Jahresgehalt wie der Chef der Deutschen Bank verdienen (Jahresgehalt von Josef Ackermann: ca. 13,2 Millionen Euro pro Jahr.)
(Alfred Rhomberg)
(1) Kommentare zum Beitrag "Turbulenzen an den Finanzmärkten"
RE: Turbulenzen an den Finanzmärkten
Zu meinem Beitrag ist zu ergänzen, dass gerade eben in N-TV online 19.3.08 gemeldet wird, Ackermann fühle sich “falsch verstanden”.
Der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sieht sich mit seinen als Hilferuf an den Staat interpretierten Äußerungen zur Finanzmarktkrise falsch verstanden. “Es geht nicht um den Ruf nach dem Staat und die Rettung von Investoren”, sagte Ackermann der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”.
Ackermanns Worte, er glaube nicht mehr allein an die Selbstheilungskraft des Marktes, hatten für Aufsehen und Kritik gesorgt…(Zitatausschnitt)
Meine Meinung dazu:
Man könnte von einem Spitzenmanager dieser Größenordnung verlangen, dass er sich so klar ausdrückt, dass die Öffentlichkeit ihn gleich richtig versteht!
geschrieben von Alfred Rhomberg am 20.03.2008 00:26
Igler Reflexe - INHALT
Zu meinem Beitrag ist zu ergänzen, dass gerade eben in N-TV online 19.3.08 gemeldet wird, Ackermann fühle sich “falsch verstanden”.
Der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sieht sich mit seinen als Hilferuf an den Staat interpretierten Äußerungen zur Finanzmarktkrise falsch verstanden. “Es geht nicht um den Ruf nach dem Staat und die Rettung von Investoren”, sagte Ackermann der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”.
Ackermanns Worte, er glaube nicht mehr allein an die Selbstheilungskraft des Marktes, hatten für Aufsehen und Kritik gesorgt…(Zitatausschnitt)
Meine Meinung dazu:
Man könnte von einem Spitzenmanager dieser Größenordnung verlangen, dass er sich so klar ausdrückt, dass die Öffentlichkeit ihn gleich richtig versteht!
