
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Über Ziele
Bildquelle: Computergrafik ©Alfred Rhomberg - über den Sinn des Bildes gibt die Anmerkung am Ende des Beitrags Auskunft
„Ein Ziel ist eine normative Aussage eines Entscheidungsträgers über einen zukünftigen Zustand der durch eigenes aktives Handeln beeinflusst werden kann“.
Mit dieser (nicht von mir stammenden) Aussage, war ich während meiner beruflichen Tätigkeit nie zufrieden. Ich hatte mich den Formalien, die in manchen Firmen von ihren Mitarbeitern durch MBO eingefordert werden, gefügt (MBO = Management by Objectivs, d.h. das „Führen“ mit Zielen) und versucht, die 20 – 22,5 Prozent Vorteile die dieser Führungsstil für mich in sich barg für meine Firma und für meine Abteilungen nutzbringend anzuwenden – ich konnte ja nicht sagen: mit mir nicht! (außerdem klingt dieses Managementkonzept ja nicht so schlecht, wenn es von einem externen Consulting-Institut für ein stattliches Honorar angeboten und diktiert wird).
Zum Verständnis: Ab einer bestimmten Hierarchieebene definiert jeder Mitarbeiter am Anfang eines Jahres für sich ca. 10-12 Ziele, die er während dieses Jahres erreichen möchte/soll, wobei sich etwa 40 Prozent der Ziele mit denjenigen seiner Vorgesetzten decken müssen. Um den Prozess nicht allzu nebulös werden zu lassen, wird a) ein Zeitraum (Monate) und b) schon vor der Erreichung eines Zieles die grammatikalische Satzform „ Ziel X1 ist erreicht (III), oder Ziel X3: (V) ist erreicht“ verwendet, wobei die römischen Ziffern den Kalendermonat angeben, in welchem die Ziele XY erreicht werden sollen.
Dass ich mit „MBO“ nicht sonderlich zufrieden war, hatte mehrere Gründe: 1.) war mir klar, dass man auf diese Art und Weise zwar den Umsatz von Staubsaugern, nicht aber wissenschaftliche Ziele fördern kann. 2). um zu wissen, wie weit sich seine eigenen Ziele mit denjenigen der Vorgesetzen deckten, musste man diese erst kennen und es stellte sich bald heraus, dass je höher die Hierarchieebene – insbesondere in der Geschäftsführung – die Ziele erst etwa Ende Januar, Anfang Februar und zudem in besonders „schwammiger“ Form anlässlich einer Führungskräfteversammlung vorgestellt wurden, 3). dass sich Forschungsziele nicht analog von Marketingzielen definieren lassen – dies äußerste sich dann am Ende eines jeden Jahres in der (auch für das eigene Gehalt wichtigen) Beurteilung durch den nächsthöheren Vorgesetzen in dem Satz: „Der Funktionsinhaber (damit war z.B. ich gemeint), konnte aus Gründen, die er/(ich) nicht selbst zu verantworten hatte, das Ziel (VII) nicht erreichen“.
Natürlich konnte ich das Ziel VII nicht „erreichen“, weil ich das chemische Molekül A nicht zwingen konnte mit dem chemischen Molekül B in gewünschter Weise zu reagieren. Zugegebenermaßen sollte mit diesem Führungsstil auch erreicht werden, dass man die Ziele ständig mit seinen Mitarbeitern besprach und notfalls die Frage stellen sollte, warum sie bei einem bestimmten Ziel nicht weiterkämen und ob ich ihnen dabei helfen könne (nach dem Stil von Telefonagenturen: „Guten Tag, meine Name ist…wie kann ich Ihnen helfen?“).
Irritierend bei der Anwendung von MBO war für mich auch, dass ich ohne Zielvorgaben, etwa 30 Jahre lang meine wissenschaftlichen Ziele oft in eine ganz andere Richtung immer sehr schnell und ohne von oben diktierte Zielvorgaben erreicht hatte – dies führte schon während meiner Doktorarbeit zu einer ursprünglich nicht vorgesehenen, dafür aber um so interessanteren thematischen Ausrichtung. Diese freie Gestaltung, bei der ursprünglich zwar immer ein gewisses Ziel angestrebt wurde, hatte sich auch in meiner Berufszeit gut bewährt, wobei ich mir diese Gestaltungsfreiheit in einer deutschen Firma nur durch die Selbstverständlichkeit erkämpfen konnte, die ich durch meine Dissertation und anschließend in einem holländisch-britischen Großkonzern (in dem diese Art zu arbeiten selbstverständlich war) offenbar erfolgreich antrainiert hatte.
Quintessenz dieses Beitrages
Es gibt sehr unterschiedliche Ziele. Die Vorgabe 30 Prozent mehr Umsatz zu erwirtschaften, ist unter Umständen leichter zu erreichen, als bei einer Olympiade im Hundertmeterlauf Olympiasieger zu werden. Wissenschaftliche Ziele können schwieriger zu erfüllen sein, als Sieger im Hundertmeterlauf zu werden oder ethische bzw. moralische Ziele durchzusetzen.
Warum? Im Hundertmeterlauf zu siegen hängt von meiner persönlichen Konstitution und meinem Training ab, um moralische oder ethische Ziele auf breiterer Basis (als der eigenen Vorstellung) durchzusetzen, muss man sehr viele Menschen – unter Umständen die ganze Welt – überzeugen, und wissenschaftliche Ziele lassen sich nur erreichen, wenn man die Zielsetzung sehr niedrig ansetzt oder lernt, dass ganz bestimmte Ziele vermutlich nicht so einfach erreichbar sind und man nicht gleich die „Stringtheorien“ beweisen sollte. Am liebsten habe ich die philosophischen Ziele, die man selbst biegen und wenden kann.
Dieser Beitrag soll nicht abgeschlossen werden, ohne eine leichtsinnig von mir formulierte Gedankensentenz anzufügen:
Ziel
Viele Wege führen zum Ziel
Was ist das Ziel?
Was der Weg?
Wer das Ziel erreicht hat, kennt den Weg.
Wer den Weg nicht kennt, erreicht ein anderes Ziel
Was ist eigentlich ein anderes Ziel?
Ist ein anderes Ziel kein Ziel?
Wer bestimmt das Ziel?
Der Weg! – (hoffentlich ist das kein logischer Fehler)
—--
Anmerkung zum Blogbild: Bei diesem Bild hatte ich bei der Fotografie einer Feuerlilie durchaus bereits eine dem Bild recht nahestehende Gestaltungsvorstellung – und dann wurde durch einen etwas veränderten Weg und eine etwas geänderte Zielvorstellung ein anderes Endergebnis erreicht, bei dem vermutlich nur ich den Ausgangspunkt der Feuerlilie erkenne. So ähnlich habe ich auch wissenschaftlich gearbeitet und wurde trotzdem nicht fristlos gekündigt.
(Alfred Rhomberg)
am 02.08.2008 00:45
(2) Kommentare zum Beitrag "Über Ziele"
RE: Über Ziele
“Der Weg Ist das Ziel” hat sicher seine (wenn auch nicht wirklich logische) Richtigkeit. Einmal kam der Gedanke zu mir (ich weiß nicht mehr woher) dass man sich ohne Ziel nicht verirren kann. Seitdem versuche ich einen gewissen (unmöglichen) Abstand zu halten.
Mich nervt die ständige Frage nach meinen Zielen. Brauche ich denn welche? Darf ich mich denn nicht überraschen lassen?
Es scheint gleich naiv zu sein, ob man jetzt Ziele hat oder nicht.
lg, iskarioth
geschrieben von iskarioth am 02.08.2008 20:06
RE: Über Ziele
Geschätzter Iskarioth, ich gebe Ihnen völlig recht, sowohl mit meinem Text, als auch in der kurzen Gedankensentenz, wollte ich aber eigentlich verdeutlichen, dass ich den so oft gehörten Satz „Der Weg ist das Ziel“ nie sonderlich geschätzt hatte. Tatsächlich braucht man wohl zunächst ein Ziel (als Impuls), um etwas zu beginnen, danach muss man jedoch in der Lage sein, das anfangs definierte Ziel zu verlassen, sofern man „auf dem Weg“ feststellt, dass das Ziel es entweder nicht wert ist weiter verfolgt zu werden, oder dass es „bessere „Ziele“ gibt. Darin besteht, wie ich meine, die Kreativität eines Menschen (in der Kunst wie in der Wissenschaft). Zu fest gesteckte Ziele hemmen jegliche Kreativität, weil sie stets einengend wirken. Klassisches Beispiel der Alchemie: Wer nach Gold sucht und die Entdeckung des Porzellans nicht erkennt, wäre kein kreativer Wissenschaftler. Mit dem sich „Überraschen“ lassen ist das so eine Sache – zumindest in der Chemie durfte man nicht auf eine Überraschung warten, wenn man nicht anfangs ein Reagenzglas in die Hand genommen hatte. Ig. Alfred Rhomberg
geschrieben von Alfred Rhomberg am 03.08.2008 00:46
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“Der Weg Ist das Ziel” hat sicher seine (wenn auch nicht wirklich logische) Richtigkeit. Einmal kam der Gedanke zu mir (ich weiß nicht mehr woher) dass man sich ohne Ziel nicht verirren kann. Seitdem versuche ich einen gewissen (unmöglichen) Abstand zu halten. Mich nervt die ständige Frage nach meinen Zielen. Brauche ich denn welche? Darf ich mich denn nicht überraschen lassen? Es scheint gleich naiv zu sein, ob man jetzt Ziele hat oder nicht. lg, iskarioth
Geschätzter Iskarioth, ich gebe Ihnen völlig recht, sowohl mit meinem Text, als auch in der kurzen Gedankensentenz, wollte ich aber eigentlich verdeutlichen, dass ich den so oft gehörten Satz „Der Weg ist das Ziel“ nie sonderlich geschätzt hatte. Tatsächlich braucht man wohl zunächst ein Ziel (als Impuls), um etwas zu beginnen, danach muss man jedoch in der Lage sein, das anfangs definierte Ziel zu verlassen, sofern man „auf dem Weg“ feststellt, dass das Ziel es entweder nicht wert ist weiter verfolgt zu werden, oder dass es „bessere „Ziele“ gibt. Darin besteht, wie ich meine, die Kreativität eines Menschen (in der Kunst wie in der Wissenschaft). Zu fest gesteckte Ziele hemmen jegliche Kreativität, weil sie stets einengend wirken. Klassisches Beispiel der Alchemie: Wer nach Gold sucht und die Entdeckung des Porzellans nicht erkennt, wäre kein kreativer Wissenschaftler. Mit dem sich „Überraschen“ lassen ist das so eine Sache – zumindest in der Chemie durfte man nicht auf eine Überraschung warten, wenn man nicht anfangs ein Reagenzglas in die Hand genommen hatte. Ig. Alfred Rhomberg
