
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Verkehrsmittel und Verkehrsmittelfahrausweisentwertungsautomaten
Bildquelle: Innsbruck ca. 1957 (aus meinem Fotoarchiv, ein Foto meines Freundes Walter Veith)
(aus meiner Prosa-Reihe „realität und wirklichkeit“)
Ich wartete schon ziemlich lange auf ein Verkehrsmittel. Der Verkehrsmittelplan schien veraltet zu sein, deshalb fragte ich einen mutmaßlichen Verkehrsmittelteilnehmer, der ebenfalls schon lange zu warten schien. „Ich kann Ihnen leider nicht weiterhelfen – ich fahre nicht mit Verkehrsmitteln und stehe nur zufällig hier – eigentlich nicht einmal zufällig, ich warte oft ganz bewusst auf Verkehrsmittelteilnehmer, die hier stehen, mit denen ich ein paar Worte wechseln kann, sofern sie sympathisch sind“.
„Hm…entschuldigen Sie bitte, dürfte ich ein paar Worte mit Ihnen wechseln?“
„Gerne, Sie scheinen ein angenehmer Verkehrsmittelteilnehmer zu sein. Über welche Dinge würden Sie gerne mit mir sprechen – ich interessiere mich für alles – nur nicht für Verkehrsmittel – heute nicht mehr!“
„Warum?“
„Das will ich Ihnen gerne verraten. Wer dreißig Jahre lang Verkehrsmittelfahrausweise verkauft und entwertet hat – ich war Verkehrsmittelschaffner, allerdings zu einer Zeit, als es noch keine modernen Verkehrsmittelfahrausweisentwertungsautomaten gab, spricht ungern über vergangene Zeiten, in denen alles noch Handarbeit war und in denen man sein Verkehrsmittel abends mit jener beruflichen Befriedigung verlassen konnte, etwas Nützliches geleistet zu haben. Heute ist alles anders, denken Sie nur an die modernen Fernsprechgeräte. Wenn ich früher ein derartiges Gerät benützen wollte, was sehr selten geschah – ich selbst hatte aus diesem Grunde zuhause gar kein Fernsprechgerät – so ging man zu einer Fernsprechstelle, entweder in die Fernsprechabteilung einer Post oder zu einer öffentlichen Fernsprechzelle, man bezahlte sein Gespräch und war damit aller weiteren Verpflichtungen entbunden. Heute hat jeder sein Handy in der Tasche, jenes Gerät, das ja ebenfalls nichts anderes als eine Fernsprecheinrichtung ist. Auch hier wird Handarbeit immer mehr durch vorprogrammierte Fernsprechnummern ersetzt, am Ende des Monats erhält man eine meist unangenehm überraschende Fernsprechrechnung und die Verpflichtungen fangen dann erst an. Entweder hat man so viel Geld, dass die zu entrichtenden Fernsprechbenutzungsgebühren bezahlbar sind, oder eben nicht. Wer heute in einem Verkehrsmittel sitzt, kommt sich wie in der Fernsprechabteilung einer großen Post vor, nur mit dem Unterschied, dass man in einer solchen Einrichtung vor den Ferngesprächen anderer Fernsprechteilnehmer durch Trennwände geschützt war. Das ist in Verkehrsmitteln nicht möglich, man kann die Verkehrsmittel ja nicht so einrichten, dass alle Sitzplätze durch Trennwände voneinander abgetrennt sind und bei Stehplätzen wäre eine derartige Abtrennung technisch gar nicht realisierbar. Aber ich langweile Sie mit Belanglosigkeiten, die ja heute auch für mich gar keinen Belang mehr haben – man sollte über Belanglosigkeiten, die keinen Belang mehr haben nicht sprechen und trotzdem erinnere ich mich immer wieder gerne an die guten alten Zeiten“.
„Da bin ich ganz Ihrer Meinung und deswegen fürchte ich mich ja so vor der Zukunft!“
„Aber warum denn?“
„Weil ich mich dann an die jetzige Zeit als die „gute alte Zeit“ erinnern müsste, was sie ja nicht ist. Ah – da kommt mein Verkehrsmittel, auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal“.
(Alfred Rhomberg)
am 04.05.2008 01:24
