
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Vor dem Inquisitionstribunal
Bildquelle: A. Rhomberg, rechtes Bild: ein Inquisitionstribunal um 1475
Ich war aus einer mir nicht erklärbaren und daher auch nicht näher zu begründenden Fügung mit meinem mp3-Player ins Mittelalter vor ein Inquisitionstribunal und den Großinquisitor geraten, der mir befahl, ich solle das Teufelsinstrument der versammelten Runde in ehrfürchtiger Haltung präsentieren. Zu meinem Unglück drang gerade die schöne erotische Frauenstimme von Juliette Greco aus den Kopfhörern in die Ohren der heiligen Runde, wobei es sich ausgerechnet um ein eher laszives Chanson handelte in welchem die Worte „ É c’est pour Vous que je striptease…“ in ansonsten makellosem Französisch der Chansonette auf die verwunderten Ohren des Tribunals stießen, dessen Teilnehmer, wie nicht anders erwartet, die französische Sprache exzellent beherrschten. Ich solle jedoch das Wort “striptease” näher erklären, da es offenbar nicht der französischen Sprache angehöre und zudem gegen das Vebot der Anglisierung dieser Sprache verstoße, befahl der Großinquisitor. Obgleich ich mich zunächst in dieser peinlichen Situation jeder Erklärung verweigern wollte, sah man mir doch die Röte meines Gesichtes an – nicht wegen des Begriffes “striptease”, sondern weil ich nun in einer dem Tribunal verpflichteten Erklärungsnot war. Der Großinquisitor forderte mich jedoch nachdrücklich auf, mein Schweigen zu brechen und dieses dem Tribunal nicht bekannte Wort zu erklären. Ich stammelte verlegen zunächst einige stotternde Umschreibungen wie …das ist wenn…wenn also. .. wenn sich … wenn sich Frauen ausziehen…- jetzt war die ganze Peinlichkeit heraus. Viele Versammelte der heiligen Runde blieben bei dieser Aussage unbewegt, weil ihnen das beschriebene Delikt offenbar nicht ganz unvertraut war. Einigen, leider auch dem Großinquisitor stieg dagegen die Zornesröte ins Gesicht und ich fürchtete, dass meine Tage gezählt waren und ich auf dem Scheiterhaufen enden würde. Eine innere (oder göttlich wohlwollende) Stimme gab mir ein, dass in meinem kleinen mp3-Player unmittelbar anschließend an das fragwürdige Chanson gregorianische Choräle gespeichert waren, was der Wahrheit entsprach. Ich folgte der Stimme und schaltete sofort auf das Proprium und Ordinarium der Heiligen Messe um, dem das Stundengebet im Antiphonale folgen würde und versuchte die Runde davon zu überzeugen, dass es sich bei der vorangegangen Melodie um den Gesang einer Hexe handele, die unter dem Choralgebet der Mönchsgemeinschaft zu ihrem Seelenheil verbrannt wurde. Meine Erklärung stieß auf Wohlgefallen, führte jedoch zu weiteren, erwarteten Fragen, da es sich in meinem kleinen Gerät offenbar um so winzige Mönche handel müsse, um darin Platz zu finden und die man daher näher betrachten wolle. Ich antwortete, dass auch sehr kleine Mönche immerhin Mönche seien, deren Andacht nicht gestört werden dürfe. Der Großinquisitor schwieg für einige, mir ewig erscheinende Minuten und entschied dann, man solle die kleinen Mönche singen lassen bis das Ordinarium der Heiligen Messe beendet sei – auf das Stundengebet könne man ja dann verzichten und in das Innere des kleinen Kästchens blicken um des Wunders Gottes teilhaftig zu werden. Ich erschrak, ohne mir die Angst vor dem Bevorstehenden anmerken zu lassen, wusste ich doch nicht, dass der Allmächtige an solchen Tribunalen stets in irgend einer Form anwesend war, obwohl er zumeist schwieg, um die Fäden seines Universums in Ruhe weiter zu lenken, was nicht bedeutete, dass er nicht den Worten des Tribunals mit großer Aufmerksamkeit folgte um jederzeit eingreifen zu können. In seiner Allmacht hatte er, alles irdische voraussehend, die Batterien von mp3-Playern so geschaffen, dass sie sehr schnell ermüdeten, was nach dem Kauf eines derartigen Gerätes im 21. Jahrhundert zwar ärgerlich, im 15. Jahrhundert jedoch in weiser Kenntnis des Zeitgeschehens und in der Verantwortung für einige seiner Kreaturen oft lebensrettend war. Zufällig gehörte ich trotz der Speicherung erotischer Frauenstimmen zu jenen Kreaturen, denen er seinen Schutz angedeihen lassen wollte und so versagten die Batterien des kleinen Gerätes gottgewollt noch vor dem Ende des Ordinariums ihren Dienst. Mein Problem war damit allerdings noch nicht vollständig gelöst, denn der Großinquisitor befahl, das Gerät jetzt endlich zu öffnen um die kleinen Mönche ehrerbietig zu betrachten. Auch hierfür hatte der Allmächtige in weiser Sicht vorgesorgt, denn das Tribunal befand sich im Nebenraum einer großen Kathedrale und plötzlich erklangen vom Dom her die Stundengebete einer Mönchsgemeinschaft. “Seht Hohes Gericht”, sagte ich mit dem Beistand des Allmächtigen, “die Mönche waren nur infolge ihrer Bescheidenheit so klein und singen jetzt ihr Stundengebet in gewohnt gottgegebener Größe, weil ihre Bescheidenheit von der hier anwesenden Runde nicht genügend gewürdigt wurde”.
Da erschraken die Inquisitoren – denn auch sie hatten gelegentlich Anflüge schlechten Gewissens oder vielleicht sogar von Unrechtbewusstsein, was aus der Sicht der modernen Heiligen katholischen Kirche nicht immer in jener Reinheit verstanden würde, wie es in Anbetracht der früheren Zeitumstände der früheren Curie zugebilligt werden müsse (wie sich die Kirche ja auch unlängst zur ungerechtfertigten Verurteilung Galileo Galileis in ähnlichem Sinne in einer Fernsehsendung äußerte).
(Alfred Rhomberg)
am 17.07.2008 11:29
