
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Was hat die Chaostheorie mit schwarz-weiß-denken zu tun? - Gedanken anlässlich des Todes von E. Lorenz
Bildquelle: schwarz-weiß-denken (A. Rhomberg)
Ich hätte nicht gedacht, meinem heutigen Beitrag „Schwarz-Weiß-Denken (V) so schnell einen weiteren (VI) hinzuzufügen.
Wie man den Nachrichten heute entnehmen konnte ist der Begründer der Chaos-Theorie, der Meteorologe Edward Lorenz am Mittwoch, den 16.04.2008 mit 90 Jahren gestorben. Lorenz forschte am MIT /Massachusetts Institute of Technology – Boston.
Was hat die Chaostheorie mit schwarz-weiß-denken zu tun?
Sie beweist, dass auch viele Naturwissenschaftler in eingefahrenen Bahnen nach dem Schwarz-Weiß-Muster denken: entweder ein Naturgesetz gilt oder es gilt nicht!
Jeder, der die Theorie von E. Lorenz, die in Europa zu Beginn der 80er Jahre durch spektakuläre Artikel in allen Zeitungen und Fernsehsendungen Furore machte, kennen lernte, war beeindruckt – auch meine naturwissenschaftlichen Kollegen. Merkwürdigerweise: Ich nicht! Und zwar nicht deswegen, weil mich die Versuche und Überlegungen von Lorenz nicht beeindruckt hätten, sondern weil es mir schon damals, als ich zum ersten Mal davon hörte, völlig klar war, dass dies eine Bestätigung dessen ist, was für mich als Naturwissenschaftler immer selbstverständlich war: Naturgesetze von denen wir (von der Schule her) gewohnt waren, sie durch hübsch verpackte Formeln als gegeben hinzunehmen, gelten immer nur für einen Teilbereich – also innerhalb gewisser Grenzen, die einen Anfang und ein Ende haben. Ganz selbstverständliche Regeln gelten dann plötzlich ab einem ganz bestimmten Punkt nicht mehr, danach gelten neue Regeln, die wieder nur bis zu einer gewissen Grenze gültig sind. Was mich an der Aufregung bei der Berichterstattung damals und heute noch stört, ist der „Chaosbegriff“ im Zusammenhang mit E. Lorenz, denn Lorenz fand ja nicht heraus, dass an einem Punkt das Chaos (was immer man auch darunter verstehen mag) beginnt, sondern, dass neue Regeln gelten. So sehr ich den griechischen Philosophen und Wissenschaftler Aristoteles verehre, an einem seiner Sätze hatte ich immer etwas gezweifelt: „Die Natur macht keine Sprünge“ – Die Natur macht sehr wohl Sprünge, das wurde nicht zuletzt von Max Planck durch die Quantentheorie bewiesen, die mit ihren Erkenntnissen die Newton’sche klassische Mechanik verdrängte (nicht ersetzte – denn in einem bestimmten Bereich gilt diese Mechanik ja auch heute noch). Ein weiterer Beweis war eben die oben genannte Chaostheorie.
Was besagt die Chaostheorie (in wenigen Worten)?
Kleinste Ursachen können ungeahnte Folgen haben. Berühmt war der Ausspruch von Lorenz:
„Der Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonas-Urwald kann einen Orkan in Europa auslösen.“
Ich möchte hier nicht tiefer in die Chaostheorie eindringen, wer sich dafür interessiert, findet allein über das Internet durch eine google-Suche alles was man als interessierter Mensch zu diesem Thema wissen sollte. Es soll hier nur noch ein Beispiel erwähnt werden:
Wenn man ein Auto in einen Windkanal stellt und an die Oberfläche des Autos bewegliche Fasern anbringt, die igelartig von der Oberfläche abstehen, so werden sich diese Fasern bei Beginn der Windzufuhr zunächst leicht in Windrichtung neigen, steigert man die Windgeschwindigkeit, so neigen sich die Fasern weiter, immer stärker, je nach Windgeschwindigkeit: und dann kommt plötzlich der Punkt, an welchem bei einer weiteren Steigerung der Windgeschwindigkeit die Fasern sich nicht mehr nach einer zur Windgeschwindigkeit linearen Relation weiter in Windrichtung biegen, sondern wild zu flattern anfangen. Dies ist also jener von Lorenz beobachtete Punkt, an dem geltende Gesetze schlagartig nicht mehr gelten. Wie wir heute durch die Chaostheorie wissen, lassen sich solche Effekte sehr wohl berechnen – nach neuen, etwas komplizierteren mathematischen Formeln.
In den folgenden Jahren wurde versucht, die komplizierten mathematischen Regeln, die aus der Chaostheorie resultierten, auf nahezu alle komplexe Vorgänge anzuwenden: Wetter, Wirtschaftskreisläufe (insbesondere Börsenprognosen) und neuronale Netze.
Es gibt viele wertvolle Ergebnisse der Chaosforschung – in der Prognose von Börsenverläufen gibt es z.B. komplizierte Modelle – leider ist die mathematisch nachvollziehbare Börsenprognose des Börsencrashs von 1987 erst 10 Jahre später, also im Nachhinein entwickelt worden und hat sich auch bis heute nicht als geeignet erwiesen, künftige Crashs vorherzusagen. Schade – oder „Gott sei Dank“!
(Alfred Rhomberg)
