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19.11.2008
Wieviel Fortschritt verträgt...
Igler Reflexe (288 Beiträge online)
Igls ist ein Dorf ca. 300 Meter oberhalb von Innsbruck und seit 1942 als Stadtteil von Innsbruck eingemeindet. Trotz seines Bekanntheitsgrades als Wintersportort und der 1964/ 1976 für die Winterolympiaden erbauten Kunsteis-Bob- und Rodelbahn mit regelmäßigen internationalen Rennen, ist Igls ein eher ruhiger, angenehmer Stadtteil – ohne laute events. Bei meinen Mittelgebirgswanderungen verarbeite ich die positiven und negativen Nachrichten der Welt zu kleinen Sentenzen (Gedankenlyrik), etwas umfangreicheren Essays und Wirtschaftsartikeln, die ich als freischaffender Publizist und Künstler publiziere. In loser Folge werde ich unter dem Titel IGLER REFLEXE Gedanken, Gedankenlyrik und etwas umfangreichere Essays hier veröffentlichen.

eZine von Alfred Rhomberg

Igler Reflexe - Wieviel Fortschritt verträgt der Mensch?

Channel: Staat/Politik
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Igler Reflexe - Wieviel Fortschritt verträgt der Mensch? - Der Fortschritt Amerikas (Domenico Tocetti 1875, Oakland Museum California (copyright expired)
Bildquelle: Der Fortschritt Amerikas (Domenico Tocetti 1875, Oakland Museum California (copyright expired)

Fortschritt ist „Weiterentwicklung durch menschliche Aktivität“ und wird – je nach ideologischer Sicht – positiv oder negativ bewertet. Insgesamt wächst die Zahl derjenigen, die an der Sinnhaftigkeit des Fortschritts zweifeln.

In der Vergangenheit wurde Fortschritt als Weiterentwicklung zu immer höherer Vollkommenheit gesehen und daher vorwiegend positiv bewertet. Mögliche Schattenseiten betrachtete man meist als unvermeidbare Begleiterscheinungen und auch heute wird Fortschritt, mit Ausnahme von Kernenergie und Gentechnologie, überwiegend positiv gesehen, wobei diese Sicht selbstverständlich subjektiv ist. Die Entdeckung der Kernspaltung kann, je nach ideologischem Standpunkt, als Fortschritt im positiven Sinne betrachtet werden, handelt es sich doch um eine Energiequelle, die unseren Energiebedarf umweltfreundlicher deckt, als die Verbrennung fossiler Brennstoffe oder aber als existenzielle Bedrohung der Menschheit. Ähnliches gilt für die Gentechnologie, deren Anwendung bei der Bekämpfung schwerer Erkrankungen inzwischen weitgehend akzeptiert ist, ansonsten jedoch als existenzbedrohend und aus ethischen Gründen verwerflich aufgefasst wird. Alle Argumente für oder gegen neue Technologien sind immer „konstruiert, weil es eine endgültige Bilanz von Vor- und Nachteilen noch nicht gibt und nie geben wird. Sogar die Erfindung der Atombombe bzw. der Wasserstoffbombe lässt die Betrachtungsweise zu, dass die Abschreckungswirkung dieser Waffen uns nunmehr seit mehr als 60 Jahren vor einem dritten Weltkrieg bewahrt hat. Dass es ohne Erfindung des Rades keine Autos gäbe, zeigt deutlich wie schwer es ist, wertfreie Urteile über den Fortschritt zu formulieren, denn die Erfindung des Autos hat (ohne Kriege) bisher wesentlich mehr Menschenleben gekostet als die Erfindung der Atombombe!

In den letzen Jahrzehnten ist aufgrund der öffentlichen Meinung eine zunehmende Sensibilisierung bei den Naturwissenschaften festzustellen, die sich vorerst allerdings nur in entschuldigenden Meinungen äußert, z.B. dass Entdeckungen zwangsläufig gemacht werden, die Bewältigung der Folgen jedoch letztlich dem Menschen überlassen bleiben muss.

Im Gegensatz zur Kernenergie und Gentechnologie stellen sich viele technische Errungenschaften die unser tägliches Umfeld bestimmen, wie Fernsehen, Internet, Videocameras, CD-Player, Computer, Handys etc. als vergleichsweise harmlos dar. Doch der Schein trügt, diese Techniken verändern unser Leben in einer Weise, die den meisten gar nicht bewusst ist. Auch die Dampfmaschine hat nicht nur die Industriegeschichte eingeleitet, sondern das soziale Gefüge der Gesellschaft nachhaltig verändert. Der Mensch ist glücklicherweise sehr anpassungsfähig, ob er sich jedoch an die immer kürzeren Innovationszyklen anpassen kann, ist fraglich.

Wieviel Fortschritt braucht der Mensch?

Extrempositionen lassen sich leicht formulieren, angefangen von der Ansicht, dass der Mensch Fortschritt an sich gar nicht brauchte, bis zur Gegenposition, dass das Überleben der Menschheit ohne Fortschritt nicht denkbar sei. Beide Extremstandpunkte sind unsinnig. Selbst Fortschrittsgegner akzeptieren die Fortschritte unserer Vorfahren – niemand möchte mehr das Leben eines Neanderthalers führen, andererseits weiß auch der fortschrittgläubigste Mensch, dass die technische Machbarkeit irgendwann den Fortbestand unserer Rasse ein Ende setzen kann.

Eine Kompromissformel könnte lauten: die Menschheit braucht soviel Fortschritt, dass möglichst viele Bewohner der Erde die Vorteile zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse (Arbeitsplätze, Ernährung, Gesundheit, Alterversorgung etc.) unter dem Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit, also einer möglichst geringen Beeinträchtigung unserer Umwelt genießen können.

Diese Forderung klingt selbstverständlich, leider ist sie nicht erfüllbar. Unter der Annahme, dass die genannten Grundbedürfnisse derzeit nur für etwa ein Drittel der Weltbevölkerung befriedigt werden, käme es, wenn die restlichen zwei Drittel ein vergleichbares Leben führen wollten (was ihr Recht wäre), zu schwerwiegenden Eingriffen in die Ökologie und zu deutlichen Abstrichen bezüglich des Wohllebens des ersten Drittels. Realitäten kann man nicht durch Wunschdenken beiseite schieben. Die Frage, wieviel Fortschritt der Mensch braucht, bleibt also bis auf weiteres unbeantwortbar.

Wieviel Fortschritt verträgt der Mensch?

Obwohl sich der Mensch an veränderte Lebensumstände relativ gut anpassen kann, hat jeder Anpassungsprozess auch Nachteile. Durch den zeitlichen Aufwand zur Erlernung immer neuer Techniken werden Kreativität und Produktivität der menschlichen Leistung eingeschränkt, doch ist das eher ein wirtschaftliches Problem, das allenfalls durch sinkende Einkommen bezahlt werden muss. Schwieriger ist die Anpassung an psychische und soziale Veränderungen des jetzt so beschleunigten Fortschritts und die dadurch verursachten psychosomatischen Schäden. Schon heute verlangt ein Karriereberuf absolute Flexibilität, die nur durch weitgehende Zugeständnisse im sozialen bzw. familiären Lebensbereich realisierbar ist. Lebenspartnerschaften oder Freundschaften im früheren Sinne haben wenig Spielraum und werden durch „Lebensabschnittspartnerschaften“ ersetzt, Freundschaften beschränken sich immer mehr auf das berufliche Umfeld und sind dementsprechend oberflächlich. Die Bindungsfähigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen, sinkt ständig, dafür wächst in erschreckendem Maße eine narzistische Gegenwartsbezogenheit, die sich sowohl im alltäglichen Leben, als auch im kulturellen Bereich auswirkt. Im Alltag äußert sich diese Gegenwartsbezogenheit in der Brüchigkeit menschlicher Beziehungen, im kulturellen Bereich in einer Art nihilistischen Denkens. Wer sich auf Aktionskunst, ideelle Kunst des Augenblick, Happenings oder großräumige Installationen kurzlebiger Materialien beschränkt, verzichtet auf seinen Nachruhm bzw. seine gewesene Existenz. Sofern auf die Dokumentation dieser Augenblickskunst bewusst verzichtet wird, bleibt nur die Gegenwart und das Bestreben sich im Kunstbetrieb der Gegenwart durchzusetzen. Wird diese Kunst des Augenblicks dagegen fotografiert oder in irgendeiner Weise dokumentiert, widerspricht sie sich selbst als Kunst des Augenblicks.

Auch Massenkommunikationsmittel leben von der Gegenwart. Die meisten Handy-Gespräche oder SMS-Kurznachrichten dienen ausschließlich zur Kommunikation des Augenblicks. Sie vermitteln das Gefühl, in unserer beziehungsarmen Welt nicht alleine zu sein – zum Aufbau tragfähiger menschlicher Beziehungen tragen sie nicht viel bei, weil die Inhalte dieser Art von Kommunikation meist unglaublich belanglos sind. Die Flut der Nachrichten, die uns über Fernsehsender erreichen, sind m.E. keine wirklichen Informationen, sondern dienen fast ausschließlich dem Unterhaltungsbedürfnis des Augenblicks – selbst bei der Berichterstattung über weltweite Katastrophen steht der „Unterhaltungswert“ im Vordergrund. Die Gegenwartsbezogenheit wächst ständig in den wohlhabenden Ländern, sie hat bereits ein Ausmaß angenommen, an welches sich das Sozialwesen „Mensch“ auf die Dauer nicht anpassen kann, denn inzwischen ist im Geschäftsleben wie im privaten Bereich aus dem „Sozialwesen Mensch“ der „Konkurrent Mensch“ geworden.

Der Fortschritt geht weiter, wirklich vertragen könnten wir ihn schon jetzt nicht mehr.

(Essayreihe Alfred Rhomberg)


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(25.09.2008) Eine (fast) unpolitische Begegnung zwischen Materie und Antimaterie
(24.09.2008) Die Wahl der Qual – oder die Kunst auf dem Wasser zu schreiten
(24.09.2008) ASDF - oder war es nicht doch ADSL?
(23.09.2008) vielleicht .....
(23.09.2008) 347 leere Seiten
(18.09.2008) Befindlichkeiten I und II
(17.09.2008) Das Hinterfragen einer modernen Beziehung
(16.09.2008) Versuche mit Wühlmäusen
(15.09.2008) Gähnende Leere – oder das politische Deduktionstheorem
(15.09.2008) Die Hinterfragung von schwarzen Blättern
(15.09.2008) 684 Promille Alkohol
(14.09.2008) Das Hinterfragen eines leeren Blattes
(13.09.2008) Regietheater - oder die Gefahr, Goethe als Autor abzuschaffen
(11.09.2008) Ground Zero - 11.9.2001
(08.09.2008) Metamorphose von Objekt zu Subjekt und retour
(08.09.2008) Strategien und Taktik
(06.09.2008) Weihnachtsvorkehrungen
(04.09.2008) Am Rande eines kreativen Omniversums
(02.09.2008) Das Symposeon
(01.09.2008) Herbstblätter
(30.08.2008) Die herbeigeredete Rezession
nach historischer Entwicklung
(18.11.2008) Gebrauchttum
(17.11.2008) Wäre eine "Krisenkrise" auszuhalten?
(14.11.2008) In Memoriam Bruno – Der Bär als Apokalypsenmaler
(12.11.2008) Unter der dunklen Fichte
(11.11.2008) zuhause
(11.11.2008) In Memoriam Bruno – reiche Bären
(10.11.2008) Rundwanderungswege
(08.11.2008) irgendwann...
(08.11.2008) Kryptische Gedanken beim Malen eines schlechten Bildes
(07.11.2008) Die USA - Stilfragen und mentale Unterschiede
(04.11.2008) Das Märchen vom reichen Banker...
(04.11.2008) A E I O U – Achieving Excellence in Our University
(02.11.2008) Beziehungskrisen
(01.11.2008) Der Tag der Seelen
(30.10.2008) Meinungsfreiheit
(30.10.2008) In Memoriam Bruno - Unvollendete Sonate mit skordierter Violine
(29.10.2008) In Memoriam Bruno – Auch Bären können die Schule satt haben
(28.10.2008) Törggelen
(27.10.2008) Die Krise und warum sie nicht mit 1929 verglichen werden darf
(26.10.2008) Gedanken mit offenem Ausgang
(24.10.2008) In Memoriam Bruno – Die Bergrettung
(24.10.2008) Der nächste Zug
(23.10.2008) Erinnerung an Gartenblumen
(22.10.2008) Neues über Tiroler Bergschafe – es gibt sie!
(22.10.2008) Wenn Bankmanager sich schämen bzw. nicht schämen
(21.10.2008) es ist besser...
(20.10.2008) Das Hinterfragen einer modernen Beziehung
(20.10.2008) Der Bär und sein Computerfreund
(18.10.2008) Gefallenes
(18.10.2008) Der ganz normale Alltag
(18.10.2008) Carpe Diem
(16.10.2008) Alles ist so wie früher – nur anders
(15.10.2008) wenn....
(13.10.2008) Greifvögel
(13.10.2008) Geldumlauf - eine neue noch nicht funktionierende Geldtheorie
(12.10.2008) Vernissage
(11.10.2008) Unsere Gesellschaft ist krank – das „borderline“ Syndrom zwischen Schweinebraten und Börsenpanik
(10.10.2008) doremifasolasido – was nicht in den Noten steht (III)
(08.10.2008) Sind Anleihen in der heutigen Situation ein sinnvoller Ausweg?
(08.10.2008) Paradoxon
(08.10.2008) Die leidigen Zinsen...
(07.10.2008) Wieviel mal am Tag sind österreichische Sparbücher sicher?
(07.10.2008) Das Geheimnis
(06.10.2008) Sollten Spitzenmanager bei Firmenpleiten mit ihrem Privatvermögen haften?
(05.10.2008) Winter I und II
(04.10.2008) Geld - second hand
(04.10.2008) Rennfahrer unter sich
(04.10.2008) Monopoly - neue Entwicklungen der Globalisierung
(02.10.2008) Anbetung, gnadenlos und Zweifel – Architektur
(01.10.2008) Mens sana in corpore sano?
(30.09.2008) Die Welt schwelgt in einem Katastophenszenario....aber man sollte die Chancen dabei nicht vergessen!
(29.09.2008) Bruno, der Eichhörnchenbär
(28.09.2008) Kreativität ist ein synergetischer Prozess zu dem auch „Handwerk“ gehört
(26.09.2008) Inständige Bitte an Meteorologen, auf den Herbst besser aufzupassen
(25.09.2008) Eine (fast) unpolitische Begegnung zwischen Materie und Antimaterie
(24.09.2008) Die Wahl der Qual – oder die Kunst auf dem Wasser zu schreiten
(24.09.2008) ASDF - oder war es nicht doch ADSL?
(23.09.2008) vielleicht .....
(23.09.2008) 347 leere Seiten
(18.09.2008) Befindlichkeiten I und II
(17.09.2008) Das Hinterfragen einer modernen Beziehung
(16.09.2008) Versuche mit Wühlmäusen
(15.09.2008) Gähnende Leere – oder das politische Deduktionstheorem
(15.09.2008) Die Hinterfragung von schwarzen Blättern
(15.09.2008) 684 Promille Alkohol
(14.09.2008) Das Hinterfragen eines leeren Blattes
(13.09.2008) Regietheater - oder die Gefahr, Goethe als Autor abzuschaffen
(12.09.2008) Wissenswertes über das Tiroler Bergschaf
(11.09.2008) Ground Zero - 11.9.2001
(10.09.2008) KUNA – Kurznachrichten
(08.09.2008) Metamorphose von Objekt zu Subjekt und retour
(08.09.2008) Strategien und Taktik
(06.09.2008) Weihnachtsvorkehrungen
(04.09.2008) Am Rande eines kreativen Omniversums
(02.09.2008) Das Symposeon
(01.09.2008) Herbstblätter
(30.08.2008) Die herbeigeredete Rezession
(28.08.2008) Horizont
(26.08.2008) Ungebildete Kängurus
(24.08.2008) Schlechte Kandidaten werden von guten Bürgern gewählt, die nicht zur Wahl gehen!
(23.08.2008) Sportsfrauen, Fußballdamen und Gender Mainstreaming
(20.08.2008) Konstruktionen
(19.08.2008) Die kleine und die ganz große Welt der „Kultur“ – nur was ist klein und was groß?
(17.08.2008)