
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Wieviel Fortschritt verträgt der Mensch?
Bildquelle: Der Fortschritt Amerikas (Domenico Tocetti 1875, Oakland Museum California (copyright expired)
Fortschritt ist „Weiterentwicklung durch menschliche Aktivität“ und wird – je nach ideologischer Sicht – positiv oder negativ bewertet. Insgesamt wächst die Zahl derjenigen, die an der Sinnhaftigkeit des Fortschritts zweifeln.
In der Vergangenheit wurde Fortschritt als Weiterentwicklung zu immer höherer Vollkommenheit gesehen und daher vorwiegend positiv bewertet. Mögliche Schattenseiten betrachtete man meist als unvermeidbare Begleiterscheinungen und auch heute wird Fortschritt, mit Ausnahme von Kernenergie und Gentechnologie, überwiegend positiv gesehen, wobei diese Sicht selbstverständlich subjektiv ist. Die Entdeckung der Kernspaltung kann, je nach ideologischem Standpunkt, als Fortschritt im positiven Sinne betrachtet werden, handelt es sich doch um eine Energiequelle, die unseren Energiebedarf umweltfreundlicher deckt, als die Verbrennung fossiler Brennstoffe oder aber als existenzielle Bedrohung der Menschheit. Ähnliches gilt für die Gentechnologie, deren Anwendung bei der Bekämpfung schwerer Erkrankungen inzwischen weitgehend akzeptiert ist, ansonsten jedoch als existenzbedrohend und aus ethischen Gründen verwerflich aufgefasst wird. Alle Argumente für oder gegen neue Technologien sind immer „konstruiert, weil es eine endgültige Bilanz von Vor- und Nachteilen noch nicht gibt und nie geben wird. Sogar die Erfindung der Atombombe bzw. der Wasserstoffbombe lässt die Betrachtungsweise zu, dass die Abschreckungswirkung dieser Waffen uns nunmehr seit mehr als 60 Jahren vor einem dritten Weltkrieg bewahrt hat. Dass es ohne Erfindung des Rades keine Autos gäbe, zeigt deutlich wie schwer es ist, wertfreie Urteile über den Fortschritt zu formulieren, denn die Erfindung des Autos hat (ohne Kriege) bisher wesentlich mehr Menschenleben gekostet als die Erfindung der Atombombe!
In den letzen Jahrzehnten ist aufgrund der öffentlichen Meinung eine zunehmende Sensibilisierung bei den Naturwissenschaften festzustellen, die sich vorerst allerdings nur in entschuldigenden Meinungen äußert, z.B. dass Entdeckungen zwangsläufig gemacht werden, die Bewältigung der Folgen jedoch letztlich dem Menschen überlassen bleiben muss.
Im Gegensatz zur Kernenergie und Gentechnologie stellen sich viele technische Errungenschaften die unser tägliches Umfeld bestimmen, wie Fernsehen, Internet, Videocameras, CD-Player, Computer, Handys etc. als vergleichsweise harmlos dar. Doch der Schein trügt, diese Techniken verändern unser Leben in einer Weise, die den meisten gar nicht bewusst ist. Auch die Dampfmaschine hat nicht nur die Industriegeschichte eingeleitet, sondern das soziale Gefüge der Gesellschaft nachhaltig verändert. Der Mensch ist glücklicherweise sehr anpassungsfähig, ob er sich jedoch an die immer kürzeren Innovationszyklen anpassen kann, ist fraglich.
Wieviel Fortschritt braucht der Mensch?
Extrempositionen lassen sich leicht formulieren, angefangen von der Ansicht, dass der Mensch Fortschritt an sich gar nicht brauchte, bis zur Gegenposition, dass das Überleben der Menschheit ohne Fortschritt nicht denkbar sei. Beide Extremstandpunkte sind unsinnig. Selbst Fortschrittsgegner akzeptieren die Fortschritte unserer Vorfahren – niemand möchte mehr das Leben eines Neanderthalers führen, andererseits weiß auch der fortschrittgläubigste Mensch, dass die technische Machbarkeit irgendwann den Fortbestand unserer Rasse ein Ende setzen kann.
Eine Kompromissformel könnte lauten: die Menschheit braucht soviel Fortschritt, dass möglichst viele Bewohner der Erde die Vorteile zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse (Arbeitsplätze, Ernährung, Gesundheit, Alterversorgung etc.) unter dem Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit, also einer möglichst geringen Beeinträchtigung unserer Umwelt genießen können.
Diese Forderung klingt selbstverständlich, leider ist sie nicht erfüllbar. Unter der Annahme, dass die genannten Grundbedürfnisse derzeit nur für etwa ein Drittel der Weltbevölkerung befriedigt werden, käme es, wenn die restlichen zwei Drittel ein vergleichbares Leben führen wollten (was ihr Recht wäre), zu schwerwiegenden Eingriffen in die Ökologie und zu deutlichen Abstrichen bezüglich des Wohllebens des ersten Drittels. Realitäten kann man nicht durch Wunschdenken beiseite schieben. Die Frage, wieviel Fortschritt der Mensch braucht, bleibt also bis auf weiteres unbeantwortbar.
Wieviel Fortschritt verträgt der Mensch?
Obwohl sich der Mensch an veränderte Lebensumstände relativ gut anpassen kann, hat jeder Anpassungsprozess auch Nachteile. Durch den zeitlichen Aufwand zur Erlernung immer neuer Techniken werden Kreativität und Produktivität der menschlichen Leistung eingeschränkt, doch ist das eher ein wirtschaftliches Problem, das allenfalls durch sinkende Einkommen bezahlt werden muss. Schwieriger ist die Anpassung an psychische und soziale Veränderungen des jetzt so beschleunigten Fortschritts und die dadurch verursachten psychosomatischen Schäden. Schon heute verlangt ein Karriereberuf absolute Flexibilität, die nur durch weitgehende Zugeständnisse im sozialen bzw. familiären Lebensbereich realisierbar ist. Lebenspartnerschaften oder Freundschaften im früheren Sinne haben wenig Spielraum und werden durch „Lebensabschnittspartnerschaften“ ersetzt, Freundschaften beschränken sich immer mehr auf das berufliche Umfeld und sind dementsprechend oberflächlich. Die Bindungsfähigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen, sinkt ständig, dafür wächst in erschreckendem Maße eine narzistische Gegenwartsbezogenheit, die sich sowohl im alltäglichen Leben, als auch im kulturellen Bereich auswirkt. Im Alltag äußert sich diese Gegenwartsbezogenheit in der Brüchigkeit menschlicher Beziehungen, im kulturellen Bereich in einer Art nihilistischen Denkens. Wer sich auf Aktionskunst, ideelle Kunst des Augenblick, Happenings oder großräumige Installationen kurzlebiger Materialien beschränkt, verzichtet auf seinen Nachruhm bzw. seine gewesene Existenz. Sofern auf die Dokumentation dieser Augenblickskunst bewusst verzichtet wird, bleibt nur die Gegenwart und das Bestreben sich im Kunstbetrieb der Gegenwart durchzusetzen. Wird diese Kunst des Augenblicks dagegen fotografiert oder in irgendeiner Weise dokumentiert, widerspricht sie sich selbst als Kunst des Augenblicks.
Auch Massenkommunikationsmittel leben von der Gegenwart. Die meisten Handy-Gespräche oder SMS-Kurznachrichten dienen ausschließlich zur Kommunikation des Augenblicks. Sie vermitteln das Gefühl, in unserer beziehungsarmen Welt nicht alleine zu sein – zum Aufbau tragfähiger menschlicher Beziehungen tragen sie nicht viel bei, weil die Inhalte dieser Art von Kommunikation meist unglaublich belanglos sind. Die Flut der Nachrichten, die uns über Fernsehsender erreichen, sind m.E. keine wirklichen Informationen, sondern dienen fast ausschließlich dem Unterhaltungsbedürfnis des Augenblicks – selbst bei der Berichterstattung über weltweite Katastrophen steht der „Unterhaltungswert“ im Vordergrund. Die Gegenwartsbezogenheit wächst ständig in den wohlhabenden Ländern, sie hat bereits ein Ausmaß angenommen, an welches sich das Sozialwesen „Mensch“ auf die Dauer nicht anpassen kann, denn inzwischen ist im Geschäftsleben wie im privaten Bereich aus dem „Sozialwesen Mensch“ der „Konkurrent Mensch“ geworden.
Der Fortschritt geht weiter, wirklich vertragen könnten wir ihn schon jetzt nicht mehr.
(Essayreihe Alfred Rhomberg)
am 09.07.2008 16:40
