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07.10.2008
Von der Kunst, schneller zu ...
Speed (3 Beiträge von 3 AutorInnen online)
Schnell, schneller, am schnellsten? Wir rasen mit (Top-)Speed über die Straßen, die Daten-Highways, durch die Trends, durch das Leben. Wer steht, steht still, ist Feind. Regungslosigkeit ist unsexy. Wir sind „allzeitlich“. Der moderne, lifestyle-beseelte Mensch zeichnet sich durch Mobilität, Bewegung und einen permanenten Geschwindigkeitsrausch aus. Schnelle Autos, schnelles Geld, schnelles Essen, schneller Sex, usw. Wer schneller ist, ist vorn? Oder doch nicht? Wir suchen nach Geschichten von, über und aus dem Raum-Zeit-Kontinuum, nach Fragen und Antworten zu den Erscheinungsformen und Konsequenzen von „Speed“ – in technischer, sozialer, kultureller, ökonomischer, alltäglicher und theoretischer Hinsicht.

eZine von call 2.2 Speed

Speed - Von der Kunst, schneller zu handeln als zu denken, oder ...

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Speed - Von der Kunst, schneller zu handeln als zu denken, oder ... - startblatt - Lichtkegel
Bildquelle: startblatt - Lichtkegel

... „I was zwar net wo i hinfahr, aber dafür bin i schneller duart1.

von Alfred Rhomberg

Alles wird schneller – sogar die Lichtgeschwindigkeit, auf die ich mich bisher immer verlassen hatte. War die Geschwindigkeit des Lichtes in der allgemeinen Relativitätstheorie von Einstein noch die absolute Obergrenze, so gilt diese nicht für die „Raumzeit“ und deren Bewegung und selbst „Tachyonen“ (hypothetische Teilchen ! mit imaginärer Ruhemasse !) sind immer „überlichtschnell“. Man weiß heute – bzw. man nimmt an, was so viel heißt, wie „man glaubt“, dass es die Überlichtgeschwindigkeit2 gibt – ein für Laien (wie mich) unerfreuliches Thema der Physik und Kosmologie. Ich bin daher froh, mich in meiner Jugend, als ich noch zwischen dem Studium der Physik, Architektur, Psychoanlyse oder Chemie schwankte, mich für Chemie entschieden zu haben. Damals hatte man noch Zeit, sich zu „entscheiden“, heute studiert man, was im Augenblick beruflich aussichtsreich ist, oder was Freund(Innen) studieren oder anraten. „Entscheiden“ ist auch das erste Stichwort, das nachfolgend behandelt wird.

Entscheidungen

Es gehört zu den höchsten Managementtugenden, schnell entscheiden zu können – so wird es zumindest in den Anforderungsprofilen zukünftiger Manager formuliert. Überprüft wird diese Fähigkeit durch Intelligenztests, bei denen bekanntlich auch die Geschwindigkeit, eine bestimmte Aufgabe zu lösen, gemessen wird. Es ist daher in großen Firmen heute allgemein üblich, Anwärter für die oberen Führungsebenen in sogenannten Assessment-Centers an den Marterpfahl zu stellen und zu beobachten wie schnell jemand in Konfliktsituationen reagiert bzw. ab wann der Bewerber psychisch zusammenknickt. Nun gibt es zwar Berufe, in denen es unbedingt erforderlich ist, richtige Entscheidungen – wenn auch nicht lichtschnell – aber zumindest in Bruchteilen einer Sekunde zu entscheiden (Pilot, Fußballer, Kandidaten bei Quiz-Sendungen etc.) – im oberen Management ziehe ich es persönlich jedoch vor, wenn dort nicht schnell, sondern richtig entschieden wird. Das Eine schließt zwar das Andere nicht aus, es mehren sich jedoch zunehmend Firmenpleiten aufgrund schwerer Managementfehler, wobei speed auch dann noch nützlich sein kann, weil durch die im Assessment Center erwiesene Fähigkeit blitzschnell handeln zu können, es Spitzenmanagern oft gelingt, sich der Verantwortung ihrer Fehlentscheidungen dadurch zu entziehen, dass sie ihre Firma mit einer hohen Abfindungssumme sehr speedy, zumindest aber rechtzeitig verlassen.

Wer schneller ist, ist einfach besser – das gilt beim Schifahren ebenso, wie bei der Aktienspekulation, neuen Erfindungen, der Eroberung von Frauen (oder Männern) und ähnlichen Belangen des täglichen Lebens. Natürlich gibt es überall auch die berühmten Ausnahmen: es ist nicht unbedingt besser, wenn ein Musiker Beethovens Frühlingssonate zehnmal schneller spielt als üblich, ebenso wenig wie beim Autofahren, wo schneller fahren oft auch schneller tot sein bedeutet.

Computer und Technik

Bei Computern heißt die Steigerung von speed nicht „speeder“ sondern „highspeed“, wobei highspeed den besonderen Vorteil hat, für sich selbst ein überzeugendes Argument zu haben, seinen alten PC durch einen neuen auszutauschen (die wenigsten Computer werden gekauft, weil der alte hoffnungslos den Geist aufgegeben hat). Die Computerindustrie unterstützt die eigene Überzeugungskraft dadurch, dass sie immer wieder neue Betriebssysteme auf den Markt bringt, unter denen bereits vorhandene Programme schlechter oder gar nicht mehr laufen. Allerdings gibt es auch in der Computerindustrie unerwünschte Nebeneffekte von speed: das neue Betriebssystem der bekanntesten Softwareschmiede musste so schnell lanciert werden, dass es auch heute (9.4.2008, also 15 Monate nach seiner Einführung) kein deutsches online manual gibt und im englischen online manual die Seiten von 32 bis ca. 120 fehlen, ich habe sie jedenfalls nicht gefunden, verfüge allerdings auch nicht über ein highspeed equipment. Hier wurde möglicherweise – wie so oft, schneller geschrieben, publiziert oder gehandelt, als gedacht. Darauf deutet bei dem erwähnten Betriebssystem auch die häufig beobachtete Fehlermeldung bei der Installation eines neuen Gerätes (Maus, Drucker) hin: „es handelt sich um einen bekannten Fall von Inkompatibiltät, bitte drücken Sie auf das Kästchen, das Sie zu einer online Hilfe führt“. Weh dem, der diese nicht hat – oder nicht weiß, wie man damit umgeht. Dann gilt plötzlich der Satz, um das Produkt zu promoten schnell nicht mehr: „Ich hab mehr Zeit für mein Business“ oder „Erhöhte Geschwindigkeit und Übersichtlichkeit geben jetzt Zeit für die wirklich wichtigen Dinge. Geschwindigkeit macht für Sie den Unterschied“ (Zitate, einem österreichischen Portal des allbekannten Software-Herstellers entnommen).

Solche Pannen gelten sonst eigentlich nur für Beta-Versionen, bei denen ein Softwareprogramm rasch geschrieben und die Fehleranalyse dann dem Anwender überlassen wird. Der Käufer eines neuen Laptops soll mit dem neuen Betriebssystem ja nicht nur Computerspiele betreiben, sondern auch etwas arbeiten – und sei es an den Tücken des Betriebssystems.

Im e-mail Verkehr macht sich speed gleichfalls immer stärker bemerkbar – es häufen sich mails, die absolut gar nichts enthalten, weil der Absender aus „speedgründen“ vergessen hat, einen Text oder eine Bildanlage anzufügen. Das erspart dem Empfänger des mails dann auch die Arbeit des Lesens.

Ernster sind Stromausfälle wie z.B. der Ausfall in New York (2003), der vom Times Quare ausgehend in 384.000 Km der Umgebung das Land „stromlos“ machte, oder wenn, wie unlängst durch einen Softwarefehler beim Flughafen Heathrow, ein tagelanger Ausfall des gesamten Flugverkehrs mit mehreren Tausend verlorenen Gepäckstücken verursacht wurde. Das Computerprogramm, das eigentlich alles schneller abwickeln sollte, führte zu einer neuartigen Lösung des Transportes von Fluggepäck: die Gepäckstücke wurden per LKW oder Bahn durch den Kanaltunnel auf den „Continent“ nach Mailand transportiert und von dort durch eine veraltete Logistik, die wegen ihrer Veraltung noch funktionierte, per Flug in alle Welt verteilt. Wer die Ursachen solcher Pannen analysiert, wird feststellen, dass es fast immer das Zusammenwirken von Technik und Computerfehlern ist, das aufgrund einer zu schnellen, also keiner organisch gewachsenen Entwicklung, zu immer größeren Katastrophen führt.

Wissenschaft und Forschung

Speed ist auch in Wissenschaft und Forschung unbedingt erforderlich. Immer häufiger werden wissenschaftliche Ergebnisse, insbesondere in der Krebsforschung, bei Stammzellenversuchen oder bei Gentechnikexperimenten deswegen geschönt oder gefälscht. Selbst an Seriosität nicht überbietbare Wissenschaftsjournale wie „nature“ oder „science“ sind Publikationen schon aufgesessen, bei denen weiße Mäuse schwarz angemalt wurden, um ein bestimmtes Genexperiment zu beweisen. Beachtenswert ist eine Aussage des Historikers und Präsidenten der deutschen Historikerkommission Prof. Dr. Lothar Gall, der in einem Interview in Bayern Alpha (im April 2008) sinngemäß meinte, „dass Beschleunigung zu einem Sinnverlust führt“. Gall meinte u.a. damit, dass die ständige Wissensflut, sowie die schnellen Entwicklungen unserer Zeit dazu führen, weniger über den Sinn der Dinge nachzudenken, man fragt auch meist nicht mehr nach dem Grund, sondern man agiert!

Im Personalmanagement macht sich der speed-Faktor insofern bemerkbar, als die Personalabteilungen ständig neue englische Berufsbezeichnungen erfinden, sodass man sich nicht wundern sollte, wenn es in absehbarer Zeit deswegen vielleicht keine Bewerber mehr für anspruchsvolle Posten geben wird, weil junge Akademiker die Anforderungprofile nicht mehr verstehen können. Die Personalleiter erleichtern sich durch solche Sprachjoker auch die Arbeit, darüber nachzudenken, was für Mitarbeiter sie eigentlich brauchen. Nicht jede/r JungakademikerIn weiß auf Anhieb, ob er/sie sich als Corporate Marketing Manager w/m für innovative B2B Produkte bewerben soll. Hoffentlich weiß auch jeder, was auf ihn wartet, wenn er/sie in einer österreichischen Zeitung als Supply Chain Manager/In für Forecast und Replenishment gesucht wird. Aus speed Gründen konnte sich der Personalleiter die Arbeit ersparen, das Wort replenishment aus dem Langenscheidt Wörterbuch mit dem deutschen Wort „Nachschub oder Wiederauffüllung“ zu übersetzen (er würde es dort nämlich auch gar nicht gefunden haben) – aber dafür gibt es ja heute google.

Zum Schluss noch ein Kommentar von Konrad Adam3 zu einer etwas erdnäheren Forschung, der „Bisoziationsforschung(?!?)“, welche zur Beschleunigung von evolutionärem Wissen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß beiträgt. Dazu ein Feuilletonbeitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) „Forschung und Leere“, der hier wörtlich wiedergegeben werden soll. Man muss sich den nachstehenden Text auf der Zunge zergehen lassen:

  • Forschung und Leere
    Die letzte Ausgabe der ,,Zeitschrift für Soziologie” erfreut den Leser mit folgendem Hinweis:
    “An der Universität GH Paderborn wurde ein neuer Forschungszweig ins Leben gerufen: Bisoziationsforschung. Ausgangspunkt waren berühmt gewordene Entdeckungen und Erfindungen. Namhafte Wissenschaftler deuten sie als verfremdendes Denken, als spontanes Zusammentreffen von disparatem Denkmaterial. Die Fruchtbarkeit einer solch zufälligen Bisoziation mußte zur Technisierung anregen. Voraussetzung war eine tiefgreifende Grundlagenforschung. In einer ersten Stufe kam das Bisoziationsprinzip selbst zur Anwendung:
    Zwecks Aufhellung der ichfernen Denkprozesse wurden als “Fremdmaterial” ca. 30 Lehrstoffe aus der Genetik analogisch-projektiv eingesetzt Eine zweite Stufe galt der produktiven Konfrontation der originären Erkenntnisse mit externen Wissenschaftsbeiträgen Zu den Ergebnissen gehören eine neue Theorie des hellbewußten und subliminalen Denkgeschehens sowie ein Systementwurf zur bisoziativen Ideenfindung. Darin wird erkennbar, welche Arten von Energie und von Regulativen beim intuitiven Problemlösen autonom am Werk sind. Diese Einsichten wurden in heuristische Technologien umgesetzt Sie beinhalten sowohl Methoden der gezielten Entspannung (autogenes Training, Musik usw.) als auch Regeln für einen planmäßigen bisoziativen Denkverkehr. Eine bemerkenswerte Effizienz des neuen Instrumentariums ließ sich empirisch nachweisen. Die eingeleitete Bisoziationsforschung eröffnet der wissenschaftlichen Erkenntnistätigkeit neuartige Möglichkeiten zur Musterübdung und zum Paradigmenwechsel Für diese außergewöhnliche Arbeitsweise wird der hohe Anspruch erhoben und belegt, die Evolution des Wissens in eine bisher nie gekannten Tempo vorantreiben zu können“
    Hier ist die Evolution des Wissens offenbar so sehr beschleunigt worden, daß das Denken nicht länger mitkam.
    (Adam, K. 19863)

1 Das Lied, das Helmut Qualtinger berühmt machte.

2 Wie geschildert, ist die Lichtgeschwindigkeit im Rahmen der allgemeinen Relativitätstheorie eine obere Grenze. Diese Aussage gilt hingegen nicht für die Raumzeit selbst und deren eigenen Bewegungen. Eine Gravitationsveränderung ist eine Änderung derjenigen Metrik, welche das Gravitationsfeld beschreibt. (de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberlichtgeschwindigkeit, 30.05.2008)

3 Konrad Adam, 8. April 1986, Nr.81/Seite 25, Frankfurter Allgemeinen Zeitung


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