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09.07.2008
(Online-)Suche, Meinungsbild...
Suche, Services, Web (3 Beiträge online)
Suche, Services, Rettung, Notdienste, web 3.0, semantische Technologien.
Über den Bedarf nach Überblick und Ordnung durch das wachsende Informationsangebot.

Suche, Services, Web: (Online-)Suche, Meinungsbildung und das Informationsparadoxon

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Suche, Services, Web - (Online-)Suche, Meinungsbildung und das Informationsparadoxon - startblatt - historische Szenen mit monographischen Datenquellen als Bildungsbasis im Handwerksmuseum St. Leonhard a.H.
Bildquelle: startblatt - historische Szenen mit monographischen Datenquellen als Bildungsbasis im Handwerksmuseum St. Leonhard a.H.

Verschieden Analysen1 der Verhaltensmuster bei der Informationsgenerierung mithilfe von Internet-Suchmaschinen haben einmal mehr deutlich gemacht, dass ein dramatischer Rückschritt in Richtung einfacher Quantifizierungen von Sachverhalten in der (Meinungs-)Bildung schleichend aber wirkungsvoll voranschreitet.

Was darunter gemeint ist, lässt sich hervorragend am Beispiel Internet-Suche (od. Online-Suche) darstellen, als hierbei das Informationsparadoxon besonders deutlich wird.

Unter Informationsparadoxon ist gemeint, dass eine größere Menge an verfügbarer Information zunächst einzig die Anforderung hinsichtlich qualifizierter Informationsgenerierung und vor allem die Anforderungen hinsichtlich qualifizierter Informationsbewertung erhöht.

Somit bedeutet die Tatsache einer größeren verfügbaren Menge an Information

  • (1) keinesfalls eine verbesserte Entscheidungsbasis, sonder zunächst einzig eine Verteuerung der Informationssuche.
  • (2) keinesfalls einen automatisch verbesserten Bildungsgrad, sonder zunächst eine gestiegen Anforderung an die (Aus-)Bildung der Menschen.

Ad 1) Das World Wide Web (Internet) ermöglicht jederzeit und mit relativ einfachen technischen Mitteln den Zugriff auf derzeit über 8 Mrd. Webseiten. Bevor es das World Wide Web gegeben hat, war die größte zentrale Informationsbasis, die mit relativ einfachen technischen Mitteln erreichbar, eine gut sortierte Bibliothek mit vielleicht mehreren tausend Büchern.

Wissensmanagement geht grundsätzlich von zwei unterschiedlichen Prozessen aus. (1) Der Prozess der Wissensspeicherung und (2) der Prozess der Wissensverfügbarkeit. Gute BeraterInnen in Sachen Wissensmanagement konzentrieren sich vor allem auf den zweiten Punkte, der Frage nach der Verfügbarkeit von Wissen, als davon ausgegangen werden muss, dass immer nur jenes Wissen auch tatsächlich vorhanden ist, das explizit oder implizit in den Köpfen aller Menschen gespeichert ist. Insofern gibt es einen dramatischen Unterschied zwischen tatsächlich verfügbarem Wissen und theoretisch verfügbaren Wissen, denn es kann keinesfalls davon ausgegangen werden, dass das Wissen aller Bücher einer Bibliothek laufen, wenn auch aufgeteilt auf alle Menschen dieses Planeten, ständig präsent ist und somit in die tatsächlichen und laufenden Entscheidungen einfließt. Dies war schon vor dem Zeitalter des Internets so und hat sich seit dem Internet nicht verbessert, sonder eher verschlechtert.

Die Menge an theoretisch verfügbarer Information hat sich zwar exponentiell gesteigert aber die Menge an tatsächlich verfügbaren Wissen, das sich auf alle Menschen dieses Planeten verteilt – die Köpfe aller Menschen stellen quasi den Arbeitsspeicher unserer Gesellschaft dar, während das Internet und die Bibliotheken die Festplatte sind – eher verringert hat.

Die „Speicherkapazität“ der Menschen, das Gehirn oder zentrale Nervensystem wird zunehmend von belanglosen Informationen, dem – wir wollen es Affektwissen nenne – besetzt. Das Affektwissen ist die Kenntnis über lineare Zusammenhänge ohne Verbindung, Vernetzung oder Sinngebung. Früher sagte man dazu Instinkt, was im krassen Unterschied zu dem steht, was unter dem Begriff „Meinung“ verstanden werden kann.

Eine Meinung ist das Ergebnis einer Situationsbewertung unter der Zuhilfenahme verschiedener Informationsquellen. Eine Meinung ist erkenntnistheoretisch der beste Wissenstand, der erreicht werden kann.

Im Zeitalter der Suchmaschinen wäre grundsätzlich eine noch nie dagewesene Fülle an potentiellen Informationsquellen vorhanden, die zur Meinungsbildung herangezogen werden können. Allerdings erfolgt die Einschränkung der Informationsquellen auf ebenfalls noch nie dagewesener Fülle oder Intransparenz in der Auswahl der Informationsquellen, als diese von Suchkriterien definiert werden, die die AnwenderIn nicht nachvollziehen kann und auf der Basis einer Ohnmacht hinsichtlich der „Arbeitsspeicherkapazität“ (Geherin) der Menschen.

Früher galt die Auswahl der Informationsquelle, der man sich bediente, um sich eine Meinung zu bilden, als äußerst delikat und politisch. Heute wird die Verwendung von Suchmaschinen kaum als politischer Akt verstanden. Dies liegt vor allem daran, dass Suchmaschinen geschickt suggerieren, alle relevanten Informationsquellen zu einem bestimmten Thema anzubieten2. Die Anzeige – und hier setzt die Dramatik der Quantifizierung ein – von Millionen von Suchtreffen ergibt den Eindruck, alles durchsucht zu haben, wobei tatsächlich zumeist maximal die ersten 3 bis 6 Such-Ergebnisse in den Prozess der Informationsgenerierung einfließen.

Die Vorstellung, über 100.000 Informationsquellen zu evaluieren, lässt einen sofort paralysiert und ehrfürchtig auf die ersten Ergebnisse konzentrieren.

Die Meinungsbildung basiert somit auf einer bemerkenswert geringen – vielleicht sogar geringer werdenden – Anzahl an Informationsquellen und an einer gesteigerten Intransparenz UND Unnachvollziehbarkeit der Informationsquellen. Der politische Akt bei der Auswahl von Informationsquellen tritt nahezu vollkommen in den Hintergrund bzw. gerät in Vergessenheit.

Ein Vergleich drängt sich auf:
  • Situation 1: Sie haben zwei Falschen Rotwein vor sich, eine Flasche davon ist ein edler Tropfen und eine Flasche davon ist eine Restabfüllung.
  • Situation 2: Sie haben 1 Mio. Flaschen Rotwein vor sich, eine Flasche davon ist ein edler Tropfen und 999.999 davon sind Restabfüllungen.

In welcher Situation ist die rein theoretische Wahrscheinlichkeit größer, dass Sie den edlen Tropfen erwischen?
In der Situation 1.

In welcher Situation ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Sie den edlen Tropfen auswählen, wenn Sie WeinkennerIn sind?
Wenn wir davon ausgehen, dass Sie die Zeit dazu haben, alle Weine zu evaluieren, so ist es grundsätzlich egal. Sie werden immer den edlen Tropfen von den Restabfüllungen unterscheiden können.

Aber, und somit sind wir jetzt bei ad 2), in Situation 2 werden Sie wesentlich höhere Kosten haben, den edlen Tropfen zu erkennen und letztlich zu bekommen.

Um die Kosten in der Informationsgenerierung zu reduzieren, bedient man sich alltäglich und laufende der Methode, etwas von einer bekannten oder bewährten Quelle zu wählen. Zum Beispiel geht man in ein Restaurant essen, von dem man weiß, dass es grundsätzlich nur gute Weine anbietet. Somit ist gewährleiste, dass selbst der schlimmste Fehlgriff relativ hochwertig ausgehen wird, oder man ließt eine Zeitung, von der man weiß, dass die Informationen bereits vorher von kompetenten RedakteurInnen des entsprechenden politischen Lagers3 ausgewählt werden.

Das Bildungsniveau von Menschen, die es im Österreichischen Bildungssystem bis an die Universitäten als StudentInnen geschafft haben, ist mittlerweile allerdings derartig schlecht, dass diese Menschen (StudentInnen) tatsächlich davon ausgehen, dass bei der Recherche im Internet mehr Suchtreffer automatisch auch besser ist.

Eine für das Informationszeitalter höchst bedenkliche Beobachtung!

Abhilfe kann nur durch die Aneignung der Fähigkeit, eigenständig eine bewusste und nachvollziehbare Entscheidung über die Auswahl von Informationen und -squellen treffen zu können, erreicht werden.

Der Prozess der Aneignung von Fähigkeiten, eigenständige, bewusste und argumentierbare Entscheidungen zu treffen, wird auch als BILDUNG bezeichnet.

Suchmaschinen wecken mehr den je den Bedarf nach Fähigkeiten in der Informationsbewertung, die (Aus-)Bildungssysteme scheinen sich jedoch noch kaum davon betroffen zu fühlen. Eine sonderbare Situation in der Bildungsgeschichte.


1 Dieser Beitrag beruht auf verschiedenen Erfahrung, Analysen und Beobachtungen zum Suchverhalten im Internet im Zuge der Lehrveranstaltung zum Thema „Strategische Unternehmensführung“ an der Karl-Franzens-Universität Graz in den letzten Jahren.

2 Eine herkömmliche Suchanfrage ergibt immer ein Ergebnis und die Suchergebnisse sind zumeist über 100.000.

3 Diesen Sachverhalt nennt man in der Kognitionsforschung „kognitive Dissonanz“. Der Mensch tendieren dazu, jene Information, die seine herrschenden Muster und Meinungen bestätigen, jener vorzuziehen, die seine herrschenden Muster und Meinungen widersprechen.
Diese ist eine der besten Erklärungen für den großen Erfolg von Ideologien. Politische Parteien sind nichts anderes als Ideologien.


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