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Weblog von Redaktion Suche-Service
Suche, Services, Web: Web 3.0 und mögliche Irrwege dazu
Bildquelle: Sylvia Kristel in Emmanuelle - soziale Beziehungen beruhen auf Begehren und Sympathien, eine soweit rein menschliche Fähigkeit
Unter Web 3.0 wird ein World Wide Web verstanden, das die vorhandene Information intelligent miteinander verbinden kann, indem mittels semantischer Technologien1 den unterschiedlichen Informationen Sinn zugeschrieben wird und oder vorhandene Informationen sinnvoll miteinander Verknüpft werden und daraus eine verbesserte Intelligenz entsteht.
Punkt 1: Ein wesentlicher Teil für das Web 3.0 sind so genannte intelligente User-Interfaces. Ein intelligentes User-Interfaces zeichnet sich dadurch aus, dass es über die Vorlieben der entsprechenden UserIn (Suchverhalten, Präsentationsvorlieben, Interessen, Soziales Netzwerk, etc.) bereits bescheid weiß und somit die verfügbare Informationsmenge entsprechend angepasst wird (tailoring system behavior and communications).
Die IT-EntwicklerInnen übersehen dabei allerdings, dass das intelligente User-Interface und eben dessen Intelligenz unmittelbar mit der Intelligenz der gespeisten Information in Verbindung steht. Damit ist gemeint, dass das User-Interface im Grunde immer nur so intelligent sein kann, wie die UserIn, die es benutzt.
Somit kann das Interface noch so gut die Intelligenz der UserIn abbilden können, wenn die UserIn nicht intelligent ist (was bei einer Majorität anzunehmen ist), hat es keine Relevanz, oder – und an diesem Problem arbeiten gerade einige Juristen weltweit – die Maschine übernimmt weitestgehend die Entscheidungen der UserIn, was einer Entmündigung bzw. einer gravierenden Einschränkung der persönlichen (Entscheidungs-)Freiheit der UserIn gleich kommen würde.
Bereits heute ist es so, dass Suchmaschinen über IP-Adressierung „erkennen“, von welchem Land eine bestimmte Suchanfrage gestellt wird und liefern dem entsprechen unterschiedliche Ergebnisse, was in vielen Fällen jedoch vollkommen gegen die Interessen der UserIn geht und eine gravierende Einschränkung in der Handlungsmöglichkeit (bis hin zu einer Form von Diskriminierung der persönlichen Freiheit2) einer UserIn gleich kommt.
Punkt 2: Ebenso wichtig für Web 3.0 ist das Konzept der Autopoese3, das von der Biologie (Hirnforschung) über den Soziologen Luhmann, der es entgegen dem Willen von H. Maturana auf soziale System umgelegt hat, zur Wissens- und Lerntheorie gewandert ist und sich heute populäre Konzepte wie Selbst-Lernen, Selbst-Evaluation, Selbst-Organisation, etc. ableiten.
Diese Konzepte sind jedoch – und das wissen die IT-EntwicklerInnen vielleicht noch zu wenig – in sozialen Systemen weitestgehend gescheitert, weil das Lernen mit sich selbst oder die Evaluation von einem selbst ein selbstbezügliches System darstellt, was nichts anderes bedeutet, als es bestenfalls zu Verformungen, unterschiedlichen Zusammenstellung von den Informationen kommt, die bereits vorhanden sind, was ein äußerst geringes Lernpotential in sich birgt4.
Lernen hat unmittelbar mit der Kommunikation unterschiedlicher Systeme und der Supervision eines Systems außerhalb von einem anderen System zu tun, als die kleinste Einheit an Information ein „Unterschied ist, der einen Unterschied macht“5. Dazu ist eine Referenz notwendig.
Ob somit das Web 3.0, bei dem ein Rechner quasi alle anderen Rechner „beobachten“ kann, ein autonomes, selbstlernendes (autopoetisches) System werden kann, ist höchst fraglich, denn woher soll die Sinngebung kommen, wenn nicht vom Menschen, sprich über ein Interface, womit wir wieder bei Punkt 1 wären.
1 Über die genauen technischen Details geben allerlei Texte zum Thema Semantische Technologie Auskunft und wird für diesen Text als Vorwissen vorausgesetzt.
2 Was in gewisser Hinsicht ein paradoxer Vorwurf ist, als das Web und vor allem Suchmaschinen erst die Freiheit geschaffen haben, um auf Millionen von Datenquellen zugreifen zu können.
3 Der Begriff und das Konzept der Autopoese wurde von dem Biologen H. Maturana bei der Erforschung von Zellen entwickelt. Er konnte beobachten, dass Zellen ohne Einfluss von außen sich selbst produzieren und reproduzieren. Er nannte diesen Vorgang ein autopoetisches System oder eben Autopoese. Seither besteht die These, dass Leben ein autopetischer oder selbstorganisierter Prozess ist.
4 umgangssprachlich ausgedrückt: Jemand kocht die ganze Zeit in seiner eigenen Suppe.
5 vgl. dazu Spencer-Brown, G. (1994): Laws of Form, limited edition, Ashland (Ohio).
am 09.02.2008 21:17



