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05.07.2008
Abschied von der Arbeiterkla...
Trash (11 Beiträge von 8 AutorInnen online)
Trash – ist das alles was bunt, reißerisch, billig, abenteuerlich und kitschig, aber von fast allen gerne konsumiert wird? Oder ist es die wichtigste kulturelle Ausdrucksform der Industrialisierung, die die Massen und ihr Weltbild prägt? Ist Trash subversiv und gefährlich, weil es uns zu Träumen über Freiheit und damit gar zur Rebellion verführt, oder dient Trash in Wirklichkeit dem Erhalt einer prüden Gesellschaftsordnung, weil es die Sehnsucht nach Reichtum, nach Allmacht, nach „wahrer Liebe“, nach Heldentum, kurz, nach einem anderen Leben, zu kanalisieren hilft? Wann wird Trash zu Kult? Wann zur Kunst? Und welcher Trash äußert sich wie wo?
startblatt widmet sich der Vielschichtigkeit des Lebens zwischen Globalität und Lokalität. Menschen, Waren und Dienstleistungen bewegen sich global. Trotzdem suchen Individuen Sinnstiftung und Identität im Lokalen. Eines der wichtigsten kulturellen Phänomene des Kapitalismus ist „Trash“, welcher mittlerweile sogar in unterschiedlichen regionalen Ausformungen anzutreffen ist. startblatt möchte sich daher mit dem neuen Themen-Call einem millionenschweren Geschäft widmen, das bis heute (vielleicht zu Unrecht) gering geschätzt wird.

Weblog von call 2.1 Trash

Trash: Abschied von der Arbeiterklasse

Channel: Kultur/Medien
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Von Albertine Devilder

Guy Debord meint irgendwo1, seit den Erfahrungen der französischen Revolution sei die Bemühung aller etablierten Mächte immer darauf ausgerichtet gewesen, die Mittel der Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen zu vermehren. Und dies, meint Debord, gipfelte schließlich in der Abschaffung der Straße selbst. Ein wunderschöner Gedanke, der wunderschön auf die heutige Zeit paßt. Wie schafft es das Kapital heute, dafür zu sorgen, daß sich kein unerfreuliches «revolutionäres Potential», ja «das Proletariat», oder gar «das Volk selbst» auf den Straßen versammelt? Ach, es war noch nie so einfach, wie im Jahr 2000, denn dem Proletarier wird der soziale Raum dadurch genommen, daß man ihm den virtuellen sozialen Raum überläßt. Anschließend bekommt er diesen virtuellen sozialen Raum – gefüllt mit Prototypen vom idealen Proleten – wieder zurück. Wie das geht?

Seit einigen Jahren schon können wir in den wichtigsten Medien (TV, Boulevardpresse) eine fast perfekt stilisierte Proleten-Ästhetik beobachten: White-Trash, Trash-Kultur also. Auf die Schreinemakerisierung folgten Verfeldbuschung und Zlatkoisierung des TV-Programms. Ficken, Saufen, Brüllen: Trash Idolatrie. Es gab von Nam Jun Paik in den späten Siebzigern oder frühen Achtzigern eine ganz kleine Videoinstallation, ich glaube, sie hieß ‹TV Buddha›. Es handelte sich hier um eine kleine sitzende Buddhafigur, die in einen kleinen Fernsehapparat schaute, in dem sie sich selber sah. Faszinierend. Dieses Bild ist überaus mächtig und hat mich zum Schreiben dieses kleinen Essays verleitet. Denn was gibt es in den TV-Programmen im Jahr 2000 zu sehen? Na gut, ich sach’ jetzt mal: Der Prolet sieht sich selbst! Das ist es! Also müssen die Medienmacher – im Auftrag des Kapitals – unbedingt alles tun, damit er sich auch selber sieht. Wie kann das gehen? Aber hallo: Guckt einfach in das TV-Programm von heute und leset die Überschriften der heute laufenden Talkshows! Alles klar?

Die die TV-Formatmacher einigenden Überzeugungen sind einfach zu beschreiben: Wir dürfen den Zuschauer nicht überfordern, wir müssen alle Schlaubergereien unterlassen, wir müssen mit dem Niveau immer schön auf dem Teppich bleiben, wir dürfen ihn nicht belehren, und wir dürfen immer nur nach Gefühlen fragen und nie nach politischen Zusammenhängen oder Argumenten (vgl. dazu das 4. Kapitel des Essays «Im Auge des Spektakels»). Das äußerste zugelassene «Argument» in diesem Kontext ist etwa ein: «Da müssen sich einige Herren da oben wohl mal einige Fragen gefallen lassen!» Aber gerne doch, mein kleiner domestizierter Westentaschenjammerer! (Die Frage wird sogar prompt von oben beantwortet: «Es kann sich hier nur um ein Kommunikationsproblem handeln.» Ein, äh, was? Eben.)

Sehr wichtig ist es, in den TV-Formaten Identifizierungsmöglichkeiten zu bieten. In den daily soaps zum Beispiel «spielen» schon längst keine Schauspieler mehr, sondern Leute «wie Du und Ich». Schauspieler würden irgendwie künstlich wirken. Die können ja was. Nur das Künstliche der Nicht-Schauspieler wirkt auf den Proleten so überzeugend nicht künstlich, also echt. Interessant sind auch die explodierenden Reality-TV-Formate: Es gibt (scheinbar) keine Drehbücher mehr, man bringt die Leute einfach zusammen, sperrt sie ein, verbannt sie irgendwo hin, läßt sie einfach zusammensitzen und Sprüche machen. Das reicht. Um das Motto der Kulturepoche der Postmoderne voll zu erfüllen: Es geht um nichts mehr! Und jetzt kommt das Wichtigste!! Was da in den Trash-Formaten gesagt und «gefühlt» wird, könnte jeder sagen und fühlen. Darum geht es. Zentralrede.

Ich denke nun, daß durch die Übererfüllung der Geschmackspräferenzen des einzelnen Proleten eben derselbe «wie in einem Wasserfall» (Dieter Thoma, Ex-RTLChef) vor dem TV festgeklebt wird. Er wird entsolidarisiert, vereinzelicht und seiner Klassenzugehörigkeit beraubt (vgl. dazu «Über das Besiegte»). Und das jeden Tag auf’s Neue. Das ist die perfekte Kontrolle. Halt’ die Leute an den Bildschirmen fest und gib ihnen mit der Fernbedienung und 30 Programmen die Illusion der Kontrolle! Das reicht.

Das «Teile und Herrsche» geht also heute so: Die isolierten Konsummonaden werden von der telekommunikativen Gemeinschaft des Großen Bruders wieder zusammengefügt. So sind dann zwar alle vereinzelt, aber niemand ist einsam, denn: «Du bist nicht allein». Aus dem «Teile und Herrsche!» der alten Römer ist heute also ein «Isoliere und reintegriere!» geworden. Die in ihren Wohnzellen, in ihrer Wohnhaft lebenden Individuen werden täglich und rund um die Uhr von TV-Spektakelbildern und Höhepunkten der Gemeinheit zusammengehalten. Und in der wenigen Zeit, in der sie nicht vor dem TV sitzen, sprechen sie ganz Bild-gesättigt und Bild-erfüllt darüber, wie das war, als sie davor gesessen haben. Und eben erst durch dieses soziale Zusammenkleistern erreichen die TV-Bilder, die sich der einzelnen Individuen ja längst bemächtigt haben, ihre volle Macht.

Der Sieg der Arbeiterklasse über die Definitionsgewalt öffentlicher Ästhetik, der Sieg der proletarischen Ästhetik also markiert gleichzeitig den Abschied von all dem soziologisch und politisch Aufgeladenen, das die Arbeiterklasse (als sozialem System mit Identifikationseinladung) mal ausgezeichnet hat. Die Abschaffung des Proletariats durch die Proletarisierung der Ästhetik. So könnte es sein. Aber ist der Sieg der proletarischen Ästhetik ein Sieg? I wo! Reingefallen! Das Kapital hat mal wieder gesiegt, indem es dem einzelnen Proleten erlaubt, er selbst zu sein, sich selbst in den Medien zusehen zu dürfen und von allem Wissen verschont zu bleiben, welches seine «Lage» ändern könnte. Hauptsache er kauft, ist Endverbraucher. Was er kauft ist dem Kapital ziemlich egal. Opel oder Ford. Nur, stellt euch vor, er weigerte sich, zu kaufen, was er kaufen soll? Unvorstellbar? Stimmt. Sieg der Arbeiterklasse? Gesiegt hat der vereinzelte, vereinzelichte, entsolidarisierte, entpolitisierte Proletarier, das Produkt und Ziel final-kapitalistischer Marktstrategien, gesiegt hat der atomisierte Prolet, dem die Gemeinschaft der Arbeiter egal ist, weil er sie nicht kennt, und kennte er sie, würde sie ihn langweilen. Ist das ein Sieg? Was ist also aus dem wunderschönen «Proletarier aller Länder vereinigt euch!» geworden? Na gut, ich sach’ jetzt mal, die Proletarier aller Länder vereinigen sich doch, täglich, vor dem Fernseher. Ist doch gut, oder?


1 Dieses ‹Irgendwo› ist selbstverständlich kein ‹Nirgendwo›. Es hat einen Ort: Guy Debord (1996) Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin: Edition Tiamat. Seite 147.


Dieser Beitrag wurde am 7. September 2000 erstellt – letzte Überarbeitung: 7. September 2000 und im “Skepsis-Reservat Abgesänge: Nachrufe” der Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung veröffentlicht. Alle Rechte vorbehalten.


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