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07.07.2008
Big Brother – Von Entrüstung...
Trash (11 Beiträge von 8 AutorInnen online)
Trash – ist das alles was bunt, reißerisch, billig, abenteuerlich und kitschig, aber von fast allen gerne konsumiert wird? Oder ist es die wichtigste kulturelle Ausdrucksform der Industrialisierung, die die Massen und ihr Weltbild prägt? Ist Trash subversiv und gefährlich, weil es uns zu Träumen über Freiheit und damit gar zur Rebellion verführt, oder dient Trash in Wirklichkeit dem Erhalt einer prüden Gesellschaftsordnung, weil es die Sehnsucht nach Reichtum, nach Allmacht, nach „wahrer Liebe“, nach Heldentum, kurz, nach einem anderen Leben, zu kanalisieren hilft? Wann wird Trash zu Kult? Wann zur Kunst? Und welcher Trash äußert sich wie wo?
startblatt widmet sich der Vielschichtigkeit des Lebens zwischen Globalität und Lokalität. Menschen, Waren und Dienstleistungen bewegen sich global. Trotzdem suchen Individuen Sinnstiftung und Identität im Lokalen. Eines der wichtigsten kulturellen Phänomene des Kapitalismus ist „Trash“, welcher mittlerweile sogar in unterschiedlichen regionalen Ausformungen anzutreffen ist. startblatt möchte sich daher mit dem neuen Themen-Call einem millionenschweren Geschäft widmen, das bis heute (vielleicht zu Unrecht) gering geschätzt wird.

Weblog von call 2.1 Trash

Trash: Big Brother – Von Entrüstung zu Desinteresse

Channel: Kultur/Medien
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Ein Diskursgegenstand mit Verfallsdatum

Von Helmut Bode und Bettina Zundel

Einleitung

Wohl kaum eine andere Fernsehsendung hat eine solch massive öffentliche Erregung ausgelöst, die letztlich in ebenso rigoros zelebrierter Gleichgültigkeit mündete, wie die seit März 2000 von RTL2 ausgestrahlte Produktion Big Brother. Dabei war das als TV-Innovation gepriesene Sendeformat nicht wirklich neu. Schon einige Jahre zuvor versuchten sich der Musiksender MTV mit The Real World und Premiere mit Das wahre Leben an einer Inszenierung des Alltags echter Menschen. Warum entstand also gerade anlässlich von Big Brother eine solche Aufregung?

Big Brother (im Folgenden abgekürzt BB) markierte den Höhepunkt einer mit dem Beginn von Daily Talks prognostizierten, neuen TV-Entwicklung. Es vereinte alle sich bisher nur andeutenden Möglichkeiten einer Inszenierung von Realität und wurde so besonders attraktiv für die Kritik. Diese Kritik, zum Großteil von der BB-Produktionsfirma Endemol und Privatsender RTL2 marketingstrategisch lanciert, fiel auf nährreichen Boden und erreichte exotisch anmutende Ausformungen, die in Verbots- und Boykottforderungen gipfelten; umso verwunderlicher dann der nachfolgende Wandel zu kollektivem Desinteresse an Thema und Sendung. Während die Kritik nach einer Weile verstummte, wurde die Sendung weiterhin ausgestrahlt, was dafür spricht, dass BB seinen Erfolg nicht allein einer geschickten Taktik in der Lenkung der Kritik zu verdanken hat, sondern auf tiefer liegende Bedürfnisse der ZuschauerInnen antwortete.

Die zentralen Fragen unseres Beitrags lauten: Was hat die Menschen an BB so fasziniert und wie geht die Gesellschaft, repräsentiert durch den Mediendiskurs, mit dem Reality-Format um? Der erstgenannte Punkt wird im Folgenden in Auseinandersetzung mit zwei aktuellen Studien erörtert. Letztere Frage wurde anhand einer Medienanalyse von Spiegel (inklusive Spiegel-Online), Bild-Zeitung und Schwäbischem Tagblatt untersucht. Die Recherche in der Wochenzeitschrift und den beiden Tageszeitungen, in die alle Artikel zum Thema einbezogen wurden, umfasste den Zeitraum von Ende Oktober 1999, dem Zeitpunkt einer ersten Berichterstattung über BB, bis Ende März 2001. Unser Text gliedert sich in eine methodische Vorüberlegung zur Medienanalyse, eine konkrete Ausführung zum BB-Phänomen mit seinen Faszinationsmomenten und schließlich in unsere Analyse der Zeitungsberichterstattung. Im letzten Kapitel wird dann der Bogen zu Schmutz und Schund zurückgeschlagen.

Ansatzpunkt Medienanalyse

Öffentlichkeit ist heutzutage wesentlich Medienöffentlichkeit, die Gesellschaft ist nicht isoliert von medialer Einflussnahme zu betrachten. Vielmehr existiert eine derart grundlegende Wechselbeziehung zwischen Medien und Gesellschaft, dass Inhalte eines gesellschaftlichen Diskurses und Medienthemen kaum noch voneinander zu trennen sind. ExpertInnen, JournalistInnen, PolitikerInnen und gewöhnliche LeserInnen melden sich beispielsweise in der Presse zu Wort und repräsentieren so einen Ausschnitt der Gesellschaft; Medien greifen Themen aus der Bevölkerung auf und machen sie öffentlich. Andererseits liefern sie mit ihren Berichten Inhalte für die gesellschaftliche Diskussion und besitzen durch die Form ihrer Berichterstattung die Macht, Meinung wesentlich zu gestalten und zu beeinflussen.

Aus dieser Perspektive, die wir im Folgenden übernehmen wollen, stellt der Mediendiskurs ein aussagekräftiges Segment der in der Öffentlichkeit diskutierten Themen dar. Die Medien und ihre Inhalte erweisen sich zwar nicht als Spiegel der Gesellschaft, aber zumindest als Indikatoren für verbreitete Meinungen und für den Umgang der Gesellschaft mit vielfältigen Fragen.

Faszination „performatives Realitätsfernsehen“

Für die Sendung BB – die dritte Staffel ging Anfang Mai 2001 in die Endphase – lebten 10 KandidatInnen unter permanenter Kamerabeobachtung für etwa dreieinhalb Monate in einem von der Außenwelt abgeschirmten Wohncontainer zusammen. Das Publikum, das das Geschehen im Zusammenschnitt auf RTL2 oder live im Internet verfolgen konnte, entschied per Telefon-Votum, wer bis zum Schluss bleiben durfte und die Gewinnsumme von 300.000 DM erhielt.

Die Forschungsstudie Im Auge der Kamera der Potsdam-Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen sah in der Produktion eine Mischung aus Elementen verhaltensorientierter Spielshows sowie dokumentarischer Formen (Mikos 2000, 205) und definierte sie folgendermaßen:

„Das Format Big Brother stellt so eine nach den Darstellungsweisen und der Dramaturgie von Soap Operas inszenierte verhaltens- und persönlichkeitsorientierte Spielshow dar, die auf der Echtzeit-Inszenierung des Spiels Big Brother basiert. Im Rahmen des Spiels Big Brother finden weitere Spiele, gewissermaßen als Spiele im Spiel statt. In diesem Sinn ist es keine Docu- oder Real-Life-Soap, sondern ein um Inszenierung von Authentizität bemühtes, auf die Alltagswelt von Zuschauern und Kandidaten Bezug nehmendes Format, das zum performativen Realitätsfernsehen gezählt werden kann“ (ebd.). Unter „performativem Realitätsfernsehen“ versteht man Sendungen, „[…] in denen ‚wirkliche‘ Menschen auftreten, die in einem vom Fernsehen arrangierten Setting handeln müssen“ (ebd., 54).

Was hat nun die Menschen an BB so begeistert? Wie aus den untersuchten Artikeln hervorgeht, setzte sich der Enthusiasmus aus unterschiedlichen Faszinationsmomenten zusammen. Dazu gehörten sicherlich der Voyeurismus des Publikums und der Exhibitionismus der Kandidaten. Wenn diese Begriffe auch als Vorwürfe nicht taugen, so umschreiben sie doch Kriterien subjektiver Hinwendung. In der Publikation Im Auge der Kamera hieß es dazu, man könne wohl kaum von Voyeurismus sprechen, da sich die Zuschauer im Klaren seien, dass den Kandidaten ihre permanente Beobachtung bewusst sei (Mikos 2000, 196). Für unsere Perspektive ist wesentlich: Es gab den Betrachter, der unerkannt blieb und den es faszinierte, das Verhalten anderer Menschen – ähnlich wie im Straßencafé – zu beobachten. Gerade bei medial Vermitteltem wirkt die Bezeichnung ,Voyeurismus‘ irreführend; dennoch deutet sie auf eine Neigung hin, die wir ,Beobachtungsdrang der Unerkannten‘ nennen wollen. Weiter vertrat die Studie die Position, man könne nicht von Exhibitionismus sprechen, da schließlich jeder, der öffentlich auftrete, ein Selbstdarsteller sei (ebd.). Der Einwand, dass es Abstufungen zwischen einem Auftritt bei Was bin ich? oder Glücksrad im Gegensatz zur Teilnahme an einer Talkshow oder bei BB gibt, ist in diesem Zusammenhang weniger interessant als vielmehr das Faszinationsmoment, dass hier hervortritt: ,Jeder kann ein Star werden!‘ Sladdi, der vom arbeitslosen Älbler zum Anwärter für den Deutschen Schlager Grand Prix und zur omnipräsenten Kultfigur mutierte, hat dies eindrucksvoll demonstriert. Die Möglichkeit, berühmt zu werden, ist ein Traum, der von KandidatInnen wie Fans gleichermaßen geträumt wurde.

Ein weiteres Faszinationsmoment bildete „das Rätseln um die richtige Rezeption“(ebd.). Im „[…] Spannungsverhältnis zwischen Spiel, Show, Soap und den Auswirkungen auf das reale Leben [...]“ (ebd., 209) stellte sich die Frage, welches Verhalten authentisch und welches inszeniert war. Das fehlende Drehbuch und die Erwartung, dass praktisch alles passieren konnte, fungierten als weitere Faszinationsmultiplikatoren.

Der Begriff der Authentizität, der in engem Zusammenhang mit dem Rezeptionsrätsel steht, spielt bei der Betrachtung von Reality-Formaten eine zentrale Rolle. Das Publikum scheint der konstruierten Fiktion, wie beispielsweise im Spielfilm, überdrüssig und hungert nach ‚Wirklichkeit‘. BB hatte den Anspruch, wirkliche Gefühle zu zeigen, so konnte Thomas Tuma im Spiegel schreiben: „Gefühle bedeuten Authentizität. Authentizität ist Wahrheit. Wahrheit ist heute allenthalben Mangelware und entsprechend begehrt“ (Der Spiegel 9/2000). Das Authentische fasziniert; die zentrale These des Augsburger Forschungsprojekts bezog sich gerade auf diesen Punkt:

„Interessant ist BB für das Publikum vor allem wegen authentischer Momente, die als ‚Wirklichkeitssplitter‘ in den Zwischenräumen der Spielinszenierung entstehen und einen unverstellten (vorreflexiven) Erstzugriff auf lebensweltlich fundierte Realitätskonstrukte gestatten“ (Grimm 2000, 9).

Das Paradoxe dabei: In einer Welt umfassender medialer Inszenierung wird der Bedarf nach Authentizität gerade wieder von den Medien selbst bedient. Zudem scheint es merkwürdig, dass die Kompetenz zu einer Befriedigung der Authentizitätssuche überhaupt an dieser Stelle vermutet und nachgefragt wird. Ein weiteres begehrtes Gut in einer differenzierten, pluralistischen Gesellschaft ist Identität. In diesem Sinne war BB wohl so faszinierend, weil die Sendung sowohl von KandidatInnen als auch von RezipientInnen zur Identitätskonstruktion herangezogen werden konnte. Die KandidatInnen, die ihre Persönlichkeit in einer extremen Situation erfuhren, mussten ihre Identität produktiv gestalten, um gegen die anderen, konkurrierenden TeilnehmerInnen im Spiel bestehen zu können, von ihnen unterscheidbar zu sein. Die ZuschauerInnen wiederum erhielten die Möglichkeit, ihre Identität an dem Dargebotenen abzugleichen und Verhaltenszüge der TV-Akteure kritisch zu bewerten, um sie für sich zu akzeptieren oder zu verwerfen. Dies stellte besonders für die Jüngeren eine wichtige Funktion dar, die sich der permanenten Frage ausgesetzt fühlen: Bin ich, so wie ich bin, (in einer Gruppe) noch angesagt? – Ein Phänomen, das der Psychoanalytiker Schmidbauer „narzisstischen Stress“ nennt (Der Spiegel 41/2000).

Schließlich lässt sich als weiteres Faszinationsmoment das Mitreden-Können nennen. Bei einer solch massiven Dominanz eines Themas im gesellschaftlichen Diskurs – besonders während der Phase des Hype – stand jeder, der sich nicht auskannte, schnell im Abseits. Der „narzisstische Stress“ bekam plötzlich eine alle Altersschichten umfassende Dimension und wurde so zu einer indirekten Motivation, die Sendung einzuschalten. Im sozialen Miteinander war BB vermutlich auch deshalb ein beliebtes Thema, weil es nicht schwierig war, auf diesem Gebiet Kompetenz zu erlangen. Wer zuschaute, konnte auch gleich mitreden und sich in die Interaktion der Gruppe einklinken.

Der außerordentliche Erfolg konstituierte sich jedoch nicht ausschließlich über die Faszinationsmomente. Dass die Sendung überhaupt in so weiten Teilen der Bevölkerung rezipiert und begeistert aufgenommen werden konnte, lag an ihrem enormen Bekanntheitsgrad. Dieser Umstand verdankte sich einer geschickten Marketingstrategie, die es geschafft hatte, Kritik quotensteigernd zu provozieren. Sie konnte Kulturkritik und moralische Bedenkenträger werbewirksam vor ihren Karren spannen. Somit ließ sich das an sich nicht neue Format doch noch als radikale Innovation verkaufen. Plötzlich war es jedem bekannt, im Diskurs allgegenwärtig erfahrbar und auf RTL2 der Allgemeinheit leichter zugänglich als ähnliche Produktionen auf den beschränkt beziehbaren Kanälen MTV oder Premiere. Zeitweilig beherrschte BB, losgelöst vom Kontext des Fernsehens, die öffentliche Diskussion.

Analyse-Ergebnisse und Interpretationen

Die Entwicklung des Fernsehereignisses BB lässt sich anhand einer Studie der Universität Augsburg, die unter anderem den Phasenverlauf der Presseberichterstattung skizzierte, und der Berichte im Spiegel darstellen. In der „Wahrnehmungsphase“(Grimm 2000, 10) etwa zwei Monate vor Beginn der Sendung waren die in den Medien vorherrschenden Inhalte informativer Natur ohne artikulierte Bestürzung; BB schien in der Öffentlichkeit noch kein Thema zu sein. Die anschließende „Bedenkenträgerphase“ (ebd.) im Vorfeld der Erstausstrahlung thematisierte das Format mit deutlich negativer Ausrichtung. Verbots- und Boykottforderungen aus den verschiedensten Richtungen gingen durch die Presse. Die Diskussion um Werteverfall, Moral und Jugendschutz war entflammt und beschäftigte fortan eine breite Öffentlichkeit. Der „Hype“ (ebd., 11) setzte dann mit dem Ausstrahlungsbeginn ein. Der extreme Quotenerfolg der Sendung dominierte die Berichterstattung zunächst. Zlatko Trpkowski wurde zur Kultperson, BB etablierte sich zum zentralen Thema im Alltag eines Großteils der Bevölkerung. In der Phase der „Symbolisation“ (ebd.) ab Ende März 2000 wurde die Gesellschaft förmlich von BB-Symbolen überschwemmt. Der anhaltende Erfolg setzte eine Medienspirale in Gang, Konkurrenzsender drängten mit ähnlichen Produktionen auf den Markt, um sich ihren Teil der Ausbeute aus den immensen Werbeeinnahmen zu sichern. Mit Beginn der dritten Staffel Ende Januar 2001 flachte das Interesse drastisch ab, die Quoten schrumpften rasant. Die Vielzahl der neuen Reality-Produktionen, wie zum Beispiel Das Inselduell, Expedition Robinson, House of Love oder Girlscamp, die zu diesem Zeitpunkt auf den Markt drängten, schien das Publikum zu überfordern. Die Diskussion um Moral und Werteverfall, die schon mit dem Reality-Hype abgenommen hatte, loderte mit den neu installierten Formaten kurz noch einmal auf, um mit deren Scheitern schließlich endgültig zu verstummen (Der Spiegel 44/1999 bis 6/2001).

Bei der Betrachtung von Spiegel, Bild-Zeitung und Schwäbischem Tagblatt fiel zunächst die relativ hohe Parallelität in der Berichterstattung auf. Die Berichte zeichneten sich in allen untersuchten Medien durch eine kritische Grundhaltung aus, wobei geringe Abstufungen von der Bild-Zeitung über das Schwäbische Tagblatt bis hin zum Spiegel, dem kritischsten Blatt, erkennbar waren. Die meisten Artikel beschäftigten sich mit dem Streit um BB oder lieferten Sachinformationen zum Format. Moniert wurden miserable Qualität und quälende Langeweile, was auf die Trivialität des Alltags zurückgeführt wurde. Die angebliche Banalität thematisierte der Spiegel durchgängig, deutlich stärker als die beiden anderen Medien. Letztere schienen sich eher an der in der Gesellschaft vorherrschenden Stimmung zu orientieren, wogegen im Spiegel eine distanziertere Auseinandersetzung mit der Materie erfolgte. In der beinahe durchgehend negativen Beurteilung als ausgesprochen langweilend zeigte sich ein seltsamer Widerspruch zum massiven öffentlichen Interesse, das BB erregte.

In der „Bedenkenträgerphase“ kurz vor und bei Beginn der Sendung erreichte die medial artikulierte Entrüstung einen Gipfelpunkt. In diese Zeitspanne sind auch die Moralvorwürfe einzuordnen, die ab dem Beginn des Hypes stark zurückgingen. Dabei waren folgende Argumente vorherrschend: (1) ,Der Voyeurismus der Massen ist das Erfolgsgeheimnis von BB.‘
(2) ,Die Quotengier der Macher nimmt keine Rücksicht auf Normen und Werte.‘
(3) ,BB ist menschenverachtend, beziehungsweise verstößt gegen die Menschenwürde.‘

Zu (1): Es wurde so dargestellt, als trage die Masse mit ihren niederen Trieben selbst die Schuld an dem Übel. Das Publikum wurde also an den Pranger gestellt. So konnte BB-Produzent Laux orakeln, jedes Volk bekomme das Fernsehen, das es verdiene (Der Spiegel 4/2001).

Zu (2): Die Macher folgten angeblich dem wirtschaftlichen Druck und handelten rücksichtslos gewinnorientiert; die Schuld an der Misere wurde den Produzenten zugeschoben.

Zu (3): Dass so etwas überhaupt möglich war, bestätigte die schlimmsten kulturpessimistischen Befürchtungen. Horrorszenarien vom unmittelbar bevorstehenden Untergang des Abendlandes wurden gezeichnet. Der in der Phase des Hype zu beobachtende Rückgang der Anfeindungen hing unserer Meinung nach mit der zunehmenden Anteilnahme der Medien am eigentlichen Geschehen im BB-Haus zusammen.

Im Lauf der Zeit gewann die Berichterstattung an Sachlichkeit. Dies deuten wir als Beleg dafür, dass anfangs, zum Zeitpunkt der moralischen Erregung, die emotional stark beanspruchten Individuen BB noch gar nicht in dem Maße nüchtern betrachten konnten und sich erst mit der Zeit eine gewisse Abkühlung einstellen musste. Der Blickwinkel der AutorInnen in den Artikeln blieb aber durchweg eher negativ, dies änderte sich weder im Ereignisverlauf noch in Bezug auf die Intensität der Ablehnung. Die verwendeten negativen Zuschreibungen der Autoren unterschieden sich allerdings je nach Presseorgan. Während in der Bild-Zeitung oft nur ein ironischer Ton angeschlagen wurde, variierte der Sprachgebrauch mit wachsendem Anspruch des Mediums zwischen sarkastisch, zynisch und bizarr anmutend polemisch. Neben den vielfältigen negativen Kommentaren wurden nur wenige positive Bemerkungen zum Format geäußert, die sich dann auf den authentischen Charakter des Dargebotenen bezogen. Sie stellten BB als Triumph einer neuen Jugendkultur dar, welche die apokalyptischen Visionen der älteren Generation durch ihre bedenkenlose Rezeption der Sendung verlache. Durch ihren Konsum hätten die Jugendlichen einen Sieg über die Kulturkritik der Intellektuellen errungen (Der Spiegel 39/2000).

In der Tatsache, dass das BB positiv beurteilende Publikum tatsächlich einer jüngeren Generation angehörte (Weber 2000, 253 ff.), scheint sich unserer Meinung nach durchaus ein Wertewandel anzudeuten, der aber auf den jüngeren Bevölkerungsteil beschränkt blieb. Normen und Werte werden dieser Vorstellung nach von den unterschiedlichen Generationen zu gleicher Zeit unterschiedlich besetzt. In der Einstellung gegenüber BB offenbarten sich diese Unterschiede; die Nation war in zwei Lager gespalten, die Entscheidung hieß: Fan oder Feind. Auf der einen Seite agierten selbsternannte Medienwächter, die ihre individuell enkulturierten Vorstellungen nicht aufgeben mochten, vielleicht auch nicht aufgeben konnten, bestürzt und übereifrig. Die Jugend auf der anderen Seite war flexibler und konnte oder wollte sich sogar auf Veränderungen und neue Inhalte einstellen, um sich beispielsweise von den Eltern abzugrenzen.

Schluss-, Schmutz- und Schundreflexionen

Die Frage, warum das performative Realitätsfernsehen letztlich dennoch scheiterte, lässt sich nach unserer Interpretation weniger mit dem Format an sich als vielmehr allgemein mit dem begrenzten Lebenszyklus von Kulturwaren beantworten. Erfolgsformate sind gleichzeitig Auslaufformate. Im TV beschleunigt sich diese Entwicklung noch, da eine erfolgreiche Produktion immer zugleich viele Nachahmungen motiviert, die zu einer Übersättigung des Publikums führen. Das Immergleiche führt schnell zu Interesselosigkeit, was nicht mehr interessiert, ist out. Ähnlich scheint es BB ergangen zu sein, das selbst noch als Mediendiskurs wieder ein Unterhaltungsangebot darstellte. Dennoch: Jedes Thema, welches zu lange in der Öffentlichkeit verhandelt wird, verschimmelt und wird auf die Deponie von Desinteresse und Gleichgültigkeit geworfen, wo BSE und Kampfhunde bereits verwesen.

Es ist jedoch wahrscheinlich, dass sich schon bald ein neuer Aufhänger für die öffentliche Entrüstung finden wird, ein neues Objekt, das als Plattform für Zuschreibungen dienen kann. Doch sollte dieser Zyklus keinesfalls nur oberflächlich, auf der marktorientierten Ebene analysiert werden; die Ursachen der negativen Zuschreibungen liegen tief. Die Vorwürfe der Jugendgefährdung und der niveaulosen Unterhaltung, die früher mit dem Etikett ‚Schmutz und Schund‘ versehen wurden, scheinen die gesellschaftliche Entwicklung zu begleiten. Normen und Werte verändern sich im Laufe der Zeit. Doch eine Gesellschaft vereint stets Menschen, die in unterschiedlichen Zeiten und Milieus aufgewachsen und daher verschieden sozialisiert sind. Die generationsbedingte Verschiedenheit von Moralvorstellungen und Wertmaßstäben kann an bestimmten Punkten, wie beispielsweise der Haltung zu einer Fernsehsendung, zu Tage treten. So lässt sich die Auseinandersetzung um BB als Symptom eines Generationenkonfliktes um die Besetzungen von Werten, Normen und Lebenskonzepten deuten, die Themen wie Intimität, Moral und Selbstverwirklichung betreffen. Möglich, dass bei den Aktivitäten selbsternannter SchundkämpferInnen und Verbote fordernder Moralaktivisten die Eigen-PR eine Rolle spielt, um sich etwa als integere/r PolitikerIn präsentieren und profilieren zu können. Unsere These aber ist, dass diese Vorwürfe unbewusst eine fundamentale Emotion enthüllen, die auf ein externes Objekt wie BB projiziert wird: die Angst nämlich, dass die eigene Weltsicht und die eigenen Wertmaßstäbe nicht mehr mit denen der nachrückenden Generation übereinstimmen, die Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung, vor Isolation.


Quellen

Der Spiegel, inklusive Spiegel-online (URL: www.spiegel-online.de), 30.10.1999 bis 05.03.2001.

Bild-Zeitung (URL: www.bild.de), 29.02.2000 bis 06.03.2001.

Schwäbisches Tagblatt, 18.09.1999 bis 07.04.2001.

Literatur

Grimm, Jürgen: Das Phänomen „Big Brother“. Ergebnisse eines Forschungsprojekts. Handout zu den „Tagen der Forschung 2000“(http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/grimm_bigbrother/grimm_bigbrother.html).

Mikos, Lothar: Im Auge der Kamera. Das Fernsehereignis Big Brother. Berlin 2000.


Dieser Beitrag wurde 2001 im Rahmen eines etatmäßigen Studienprojekts des Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen erarbeitet und publiziert. Studienprojekte sind Teil des Magister- und Masterstudiengangs EKW. Das Copyright liegt bei den AutorInnen.


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