
startblatt widmet sich der Vielschichtigkeit des Lebens zwischen Globalität und Lokalität. Menschen, Waren und Dienstleistungen bewegen sich global. Trotzdem suchen Individuen Sinnstiftung und Identität im Lokalen. Eines der wichtigsten kulturellen Phänomene des Kapitalismus ist „Trash“, welcher mittlerweile sogar in unterschiedlichen regionalen Ausformungen anzutreffen ist. startblatt möchte sich daher mit dem neuen Themen-Call einem millionenschweren Geschäft widmen, das bis heute (vielleicht zu Unrecht) gering geschätzt wird.
Weblog von call 2.1 Trash
Trash: Das Publikum war heute wieder wundervoll ...
Bildquelle: wikipedia; Familie beim Fernsehen ca. 1958
Mediennutzung und Alltagsbezug
Von Matthias Möller
Grundlagen und Forschungsansatz
Die großen Auseinandersetzungen um Schmutz und Schund verliefen in den Zeiten des ‚klassischen‘ Schundkampfes in der Regel zwischen bildungsorientierten Schichten als Verteidigern von Sitte und Moral und der breiten Masse der KonsumentInnen (Maase 2000, 7). Hegemoniale Schichten der Klassengesellschaft schauten herab auf kulturelle Praktiken weiter Teile der Bevölkerung und diskreditierten diese als „moralische Verseuchung, die am Marke unseres Volkes zehrt, und die, wenn sie ungehindert weiter um sich greift, die Fundamente unseres ganzen Staats- und Familienlebens untergraben muss“ (Jäger 1988, 173). Ziel des Schundkampfes war letztlich eine Verteidigung der herrschenden Normen und Werte und damit die „obrigkeitliche Steuerung der kulturellen Reproduktion der Gesellschaft“ (ebd., 178). Implizit ging mit dem Diskurs um die Schädlichkeit bestimmter Unterhaltungsformen eine öffentliche Entmündigung der KonsumentInnen einher, da ihre Vorlieben als verderblich für Volk, Rasse und Familie problematisiert wurden. Eine Stigmatisierung bestimmter Lebensweisen oder Subkulturen wie zu Hochzeiten der ArbeiterInnenbewegung und eine damit verbundene kulturelle Niederhaltung großer Bevölkerungskreise existiert heute in dieser Form nicht mehr, doch gibt es nach wie vor Befürchtungen über die Schädlichkeit bestimmter Unterhaltungsformen. Der Glaube, dass Medien Menschen zu ungeheuerlichen Schandtaten anstiften können, ist immer noch weit verbreitet; diese Ansicht wurde auch von TeilnehmerInnen der Gruppendiskussion geäußert:
Herr Paa: „[...] und dann gibt es ja wohl schon Sendungen, die also zur Brutalisierung führen können.“
Frau Nerl: „Also ich denke auch …“
Herr Paa: „Es wird ja gesagt, dass in den Schulen Brutalisierung stattgefunden hat, und da könnte ich schon Ursachen im Fernsehen finden.“
Frau Grawunder: „Ja, die Zeitungen schreiben ja auch öfters, nicht, [...] darüber, dass wohl ein als Folge des Fernsehens und der Medien eine Brutalisierung stattgefunden hat. Das lese ich öfters“4.
Das vermutete Gefährdungspotential von Unterhaltungsmedien wird jedoch nicht mehr maßgeblich an klassen- oder schichtspezifischen Gesichtspunkten gemessen oder bestimmten sozialen Lagen zugeordnet. Weithin geht man von einem Pluralismus der Lebensstile aus. Dennoch sind unterschiedliche Vorlieben und Aneignungsweisen verschiedener Unterhaltungsformen geblieben. Diese Aneignungsweisen gehorchen nach wie vor klassenspezifischen Unterscheidungsmustern(Maase 1997, 23). Pierre Bourdieu (1994, 68) unterscheidet die beiden wichtigsten Typen der Aneignung. Auf der einen Seite steht die
„ästhetische Distanzierung“, die „das Interesse vom ‚Inhalt‘, von den Personen und spannenden Momenten der Handlung, etc., auf die Form und die spezifischen künstlerischen Effekte verlagert, die sich nur relational, durch den völlig exklusiven Vergleich mit anderen Werken würdigen lassen, den die Versenkung in die Einzigartigkeit des gerade vorliegenden Werkes erschließt“ (ebd.).
Von dieser Art der Unterhaltung unterscheidet Bourdieu eine „populäre Ästhetik“:
„Woran sich das populäre Publikum in Film und Theaterstück delektiert, das sind logisch und chronologisch auf ein happy end angelegte Intrigen; worin es sich ‚wiederfindet‘, sind die einfach gezeichneten Situationen und Charaktere – und nicht jene mehrdeutigen, symbolischen Figuren und Handlungen oder rätselhaften Probleme“ (Bourdieu 1994, 64).
Das Zitat drückt das Bedürfnis nach Berieselung und Zerstreuung aus, wie es im ArbeiterInnenmilieu weit verbreitet ist. Es zeigt sich nicht zuletzt in der Vorliebe für
_„leichtere Lektüre, also [...] so wie der Simmel oder so, wo net allzu schwer ist zum Lesen. Oder dann les‘ ich auch [...] mal alte Bücher vom Jules Verne oder so was, wo einfach leichter zum Lesen sind wie [...] ‚Die Farbe des Geldes’ oder so was, wo’s na auch Bücher gibt. Oder [...] – des isch ja auch verfilmt worden: ‚Im Name der Rose’. Des sind dann so Sachen, wo ich da net lesen kann. Weil da versteh’ ich die Hälfte net, na muss ich eine Seite zweimal lesen._ Und na bringt mir des nichts, wenn ich abschalten will“3.
Unter Bezugnahme auf Paul Willis lassen sich Vorlieben für das Triviale aber nicht nur als Bedürfnis nach Unterhaltung, sondern auch als bewusster Akt der Abgrenzung von den als fremd erfahrenen ‚höheren‘ Unterhaltungsformen lesen (vgl. Willis 1977). Willis ist ein Vertreter der Cultural Studies, die versuchen, alltägliche kulturelle Ausdrucksformen in Zusammenhang mit der jeweiligen konkreten Situation zu verstehen. Den Vorzug dieser Herangehensweise beschreibt Rainer Winter (1999, 36) folgendermaßen:
„Eine Stärke der Cultural Studies besteht darin, dass sie anders als die Theorien von der Massenkultur von der Alltagskultur der Konsumenten ausgehen, welche sie gerade nicht als ‚kulturelle Deppen‘ ansehen“.
Diese Perspektive möchte ich im Folgenden einnehmen, wenn ich die Rahmenbedingungen, in denen triviale Unterhaltung konsumiert wird, aufzeige. Zu diesem Zweck befragte ich Menschen aus dem ländlichen Arbeitermilieu zu ihrer Unterhaltungskultur. Durch qualitative Interviews versuchte ich, dem Alltagsbezug von Medienkonsum nachzuspüren. Ich interviewte drei Männer und eine Frau im Alter zwischen 54 und 65 Jahren zu ihren Vorlieben, Abneigungen und Gewohnheiten in Bezug auf populäre Unterhaltungsmedien. Alle Befragten stammen aus dem ländlichen Raum und besuchten die Volksschule. Die drei Männer erlernten danach einen handwerklichen Beruf, dem zwei bis heute nachgehen. Einer der Befragten befindet sich seit ca. fünf Jahren in Rente. Die Frau, verheiratet mit einem Befragten, ist als Hausfrau tätig.
Für mich schienen gerade diese Menschen für die Interviewauswahl aus mehreren Gründen besonders interessant. Zum einen ging ich davon aus, dass die neueren Formen im Unterhaltungsbereich, die in den Interviews zur Sprache kamen, von älteren Menschen weniger selbstverständlich aufgenommen werden, da sie oftmals in Widerspruch zu gewohnten Formen von früher stehen. Zum anderen handelt es sich genau um jene Personengruppe, die aufgrund ihrer Bildungs- und Lebenssituation eher eine Affinität zur „populären Ästhetik“, zu trivialer Unterhaltung, aufweist (Bourdieu 1994, 64). Wie ich verdeutlichen möchte, korrespondieren die Auswahl der Inhalte und die Art der Nutzung gerade auch von neueren Formaten in großem Maße mit der eigenen Lebenssituation.
Rahmen der Mediennutzung
In erster Linie orientiert sich der Medienkonsum meiner GesprächspartnerInnen an ihrem relativ gleichartigen Tagesablauf. Nach der morgendlichen Lektüre einer regionalen Tageszeitung, die im Betrieb teilweise durch die Bild- Zeitung ergänzt wird, läuft im Hintergrund zur Berieselung das Radio, wobei die Sender nur nach dem Musikprogramm ausgewählt werden. Bei den Männern geht die eigentliche Unterhaltung erst am späten Nachmittag los, die Frau wirft hingegen den Fernseher schon zur Mittagszeit an. Gegen Abend läuft das Gerät meist durchgehend und wird erst zur Schlafenszeit abgeschaltet. Fernsehen ist also das dominante Medium zum Konsum populärer Unterhaltung.
Der Alltagsbezug, den ich veranschaulichen möchte, zeigt sich meiner Ansicht nach am deutlichsten, wenn man die Rahmenbedingungen des Konsums von Unterhaltung betrachtet: Fernsehen wird im Alltag oftmals zum ,sozialen Ereignis‘; geschaut wird in der Regel im familiären Umfeld oder gemeinsam mit Freunden. Gerade Sportsendungen sind ein willkommener Anlass, um zusammenzukommen und das Gesehene dann auch angeregt zu diskutieren. So erzählte das von mir befragte Ehepaar, sehr engagiert im örtlichen Tennisverein, von Abenden im Vereinsheim: „[...] wenn man zum Beispiel ein Match vom Agassi angekuckt hat oder ein Fußballspiel, da sind natürlich dann stundenlange Unterhaltungen“1.
Oft treten die eigentlichen Inhalte in den Hintergrund. Eltern verbringen den Nachmittag mit ihrer Tochter vor dem Fernseher, um sich gemeinsam Seifenopern anzuschauen: „Man kuckt’s halt mit an, weil die des unbedingt ankucken will“1. Die eigenen Vorlieben werden zurückgestuft, um das gemeinsame Ereignis zu ermöglichen: „Mal muss ich mit dir kucken, mal musst du mit mir Fußball kucken, ne?“1, oder bei Serien „bleibt einem ja nichts anderes übrig, wenn’s die Frau ankuckt“3. Und selbst wenn eine Ausweichmöglichkeit vorhanden ist, wird diese eigentlich nicht genutzt, weil „da isch na jeder z’faul zum Hochgehen“1.
Auch an anderer Stelle wird deutlich, dass die Auswahl der Unterhaltungssendungen in großem Maße von den persönlichen Umständen abhängt. Die wenigsten Sendungen werden gezielt aus einer Programmzeitschrift ausgewählt: „Wenn ich vom G’schäft heimkomm, dann will ich eigentlich nichts mehr so wo ich auch unheimlich viel nachdenken muss“1. Die Berieselung steht deutlich im Vordergrund: „Manchmal kuckst, [...] rein, obwohl du denkst, du solltest den Scheiß ausschalten, ne? Ha. Und kuckst trotzdem weiter“1.
Was tatsächlich geschaut wird, wirkt deshalb auf den ersten Blick oftmals zufällig. Diese Beobachtung scheint zunächst in Widerspruch zu meiner These einer alltagsbezogenen Mediennutzung zu stehen. Ich möchte jedoch zeigen, dass sich gerade die nur zur Berieselung ausgewählten Sendungen sehr stark am jeweiligen sozialen Kontext orientieren. Als Beleg dafür deute ich die Überschneidungen, die bei den befragten Personen in der scheinbar beliebigen Auswahl der Sendungen sichtbar werden und die ich nun an drei Beispielen verdeutlichen werde.
Quizshows
Die Popularität von Quizshows zeichnete sich in den Interviews deutlich ab; Gründe dafür möchte ich am Beispiel der beliebtesten Sendung Wer wird Millionär? aufzeigen. Die KandidatInnen lassen sich dort nach ihrer sozialen Herkunft recht einfach aufteilen in einen Mittelstand, der die größte Zahl stellt, sowie einzelne weniger wohlhabende Menschen und VertreterInnen der Oberschicht, die die Ausnahmen bilden. Die Quizfragen in der Show werden so gestellt, dass keineR sich seiner Sache sicher sein kann. Ein Scheitern auch bei einfachen Fragen ist deshalb keine Schande, da durch die Art der Moderation, die oft verunsichernd wirkt, selbst gebildete KandidatInnen ins Schwimmen kommen: „Wenn er eine Antwort gibt, dann will er [der Moderator] ihn verunsichern, gell, wie er den wirklich auf’s Glatteis führt, das find ich echt spitze [2]. Die Shows haben außerdem
„[...] viel mit Allgemeinwissen zu tun. Ich find auch, dass da manche Fragen also schon knüppelhart sind, wo man selber kratzen muss, obwohl man meint, man hat ein relativ gutes Allgemeinwissen, aber da wird man halt immer eines Besseren belehrt“3.
Neben der Möglichkeit, das eigene Wissen zu erweitern, was gerade bei Menschen mit niederem Bildungsabschluss eine große Rolle spielen dürfte, findet auch eine Nivellierung sozialer und kultureller Unterschiede statt. Vor dem Moderator sind alle gleich, oft scheitern KandidatInnen an Detailfragen aus dem Unterhaltungsbereich. Der Test und die Demonstration des eigenen Wissens sind an den Traum vom besseren Leben gekoppelt, denn die richtigen Antworten sind immerhin theoretisch konvertierbar in bares Geld.
Die Beliebtheit der Quizsendungen lässt sich also zusammengefasst an drei Punkten festmachen, die gleichzeitig den Bezug zur Lebenssituation der Befragten verdeutlichen. Zum einen dienen die Shows der Bestätigung und Erweiterung des eigenen Wissensbestandes, zum anderen kann das Scheitern von anderen, meist aus höheren Schichten stammenden KandidatInnen, ungemein Freude bereiten, und nicht zuletzt darf man sich zumindest für eine Stunde in dem Traum wiegen, es mit dem eigenen Wissen schaffen zu können und mit einem stattlichen Gewinn die eigene soziale Situation deutlich zu verbessern (Fiske 2000, 154).
Talkshows
Talkshows wurden eher kritisch betrachtet, obwohl sie sich großer Beliebtheit erfreuen; die Meinungen bleiben ambivalent. Auf Ablehnung stößt die Zurschaustellung von Menschen. Einer der Interviewten drückte es so aus:
„[...] wenn ich da so reinschau, ich finds ein bissle verroht, gell, weil da wirklich der Mensch niedergemacht wird und des find ich net s gut, wenn man das in der Öffentlichkeit so darlegt“2.
Auch die Art und Weise der Inszenierung wurde zurückgewiesen: „Ich bin mir sicher, dass die [Szenen] gestellt sind“3. Neben dem Mitleid mit den vom Schicksal getroffenen TeilnehmerInnen (vgl. Fink 1999) und der Ablehnung dieser Präsentationsform fand auch eine deutliche Abgrenzung von den AkteurInnen statt.
„[Die] Themen, ‚Wie i mei Tochter wieder zurück krieg‘ und weiß ich was, oder ‚Mein Freund, der wo mich im Stich gelassen hat‘, [...] wenn se des net alleine fertig kriegen, dann brauch’ ich auch kein Fernsehen dazu“3.
Die Praxis, intime Probleme in der Öffentlichkeit zu verhandeln, wurde abgelehnt. Die Sympathie mit den Talkgästen, deren Probleme prinzipiell jedeN treffen könnten, doch gleichzeitig auch nicht unabhängig von der sozialen Situation zu betrachten sind, hört genau an dem Punkt auf, wo es darum ginge, die Analogie zur eigenen Lebenssituation zu Ende zu denken. Denn schließlich hat man selber es nicht nötig, seine Sorgen und Nöte einem Millionenpublikum mitzuteilen und kommt – wenn vielleicht nicht alleine, dann mithilfe des privaten Umfeldes – mit den Problemen klar. Die Art der Schicksals-Präsentation tut ein Übriges, die Abgrenzung zu vollziehen. Denn die inszenierten Konflikte erscheinen aus der nüchternen Distanz oft gar nicht so dramatisch und der ‚gesunde Menschenverstand‘ findet letztlich immer einen Aufhänger für gute Ratschläge. Verglichen mit den Talkshowgästen, hält man sich im Umgang mit Problemen und Konflikten für überlegen. Gerade die Talkshows sind ein sehr gutes Beispiel dafür, wie alltägliche Probleme das Interesse wecken und der ‚falsche‘ öffentliche Umgang zur Vergewisserung eigener Überlegenheit dient, also „um eigene Schwächen net zu erkennen, sondern festzustellen, dass andere noch viel größere Schwächen als sie selber haben“2.
Informationssendungen
Einen vorrangigen Platz in der Freizeit nehmen Medienangebote zur Information über das tägliche Geschehen ein. Zu den wichtigsten zählen Nachrichten, Reportagen und Boulevardsendungen. Doch neben dem elementaren Bedürfnis, auf dem Laufenden zu sein und in irgendeiner Form mitreden zu können, gibt es Anzeichen, dass hier wiederum der eigene Alltagskontext wichtig ist. Alle Interviewten gaben an, Sendungen über andere, außereuropäische Länder seien eine Bereicherung, da sie zum Nachdenken über die eigene Situation anregten. Besonders beliebt waren Berichte, die das Elend in anderen Ländern zum Thema haben.
„Da sieht man also wirklich, wie gut dass es uns geht, wie wir leben [...]. Die Sendungen find ich gut, weil da isch man vielleicht doch wieder zufriedener, wenn man des sieht [...]“1.
„Was mich eigentlich schon immer interessiert hat, grad beim Tagesgeschehen draußen, wenn wirklich Sachen passieren, die eben außergewöhnlich sind, gell, da machsch dir automatisch [...] dann Gedanken und sagsch, du lebst da Tag für Tag dein Pensum durch und draußen, da ist die Hungersnot [...]. Da stürzt ein Flugzeug ab. Da sind ganz andere Probleme da, die dich garnet berühren im Moment, und erst wenn du’s im Fernsehen wieder vermittelt kriegst, dann machsch dir wieder Gedanken: ,Hoppla, es gibt ja auch noch was anderes, wo du eigentlich dankbar sein musst, wenn dir’s net so passiert. [...] Dann mach ich mir schon meine Gedanken [...]. Und deshalb find’ ich ja immer, man sollt mit solchen Sachen auch konfrontiert werden, dass man sich immer wieder vor Augen führt, was das Leben einem alles bieten kann“2.
Die Funktion solcher Berichte im Alltag liegt klar auf der Hand. Sie dienen der Bestätigung, man habe es selber ja noch gut im Vergleich zu den anderen. Sie helfen, Zufriedenheit herzustellen und sich abzufinden mit der eigenen Situation und dem erreichten Wohlstand:
„Für uns isch’s ja selbstverständlich: Hasch Fernsehen, hasch ein Radio, hasch Video, hasch ein Auto, fährsch in Urlaub oder gehsch jede Woche ein-, zweimal essen oder sonst was, was die [sich] alles net leisten können, ne?“1.
Der Vergleich mit der eigenen Situation führt jedoch selten dazu, selbst aktiv zu werden gegen die erfahrenen Missstände. Lediglich eine der befragten Personen kannte jemanden, der nach einer Sendung bereit war, durch Spenden zu helfen. Dies spricht dafür, dass tatsächlich das eigene Leben im Mittelpunkt steht und ein Einfühlen in fremdes Leid nur insoweit stattfindet, wie es der Herstellung der eigenen Zufriedenheit dient. In diesem Sinne nahm eine Person Berichte über Kriege dann eher zum Anlass, sich komplett abzuwenden von den schrecklichen Dingen, die ‚draußen’ passieren:
„Kosovo und den Balkan hab‘ ich abgehakt, des isch mir zu langweilig [...]. Des Ding isch vorbei und da findet man auch keine Ruhe [...]und deswegen bin ich da schon abgestumpft“3.
Einen weiteren wichtigen Grund für die Rezeption von Informationssendungen nannte dieser Interviewpartner:
„[...] wenn man sich net informiert, na kann man auch net mitreden oder net schimpfen hinterher, sagen wir mal so. Und beim Schimpfen isch man halt immer gleich dabei“3.
Mein Eindruck war, dass über ,das Schimpfen‘ einer allgemeinen Unzufriedenheit Ausdruck verliehen werden soll, deren Aufhänger letztlich beliebig ist.
Schmutz und Schund
Doch welche Beziehung besteht zu Unterhaltungsformen, die auch heute noch als anrüchig gelten? Die Aussagen über Sex, Gewalt und andere Sendeinhalte, die in der öffentlichen Kritik stehen, sind eindeutig: „Ja des schau ich garnet an“3. Oder: „Die, wo’s ankucken wollen, sollen sich’s ankucken. Die wo Interesse dran haben. Mir kucken’s net!“1. Die deutliche Abgrenzung lässt vermuten, dass es fühlbar Ängste gibt, den Konsum von umstrittenen Sendungen zuzugeben. Doch das Urteil über Sex- und Gewaltdarstellungen geht nicht über die persönliche Ablehnung hinaus. „Es gibt halt Sachen, die kuckt man einfach nicht an“1; aber: „Ich denk‘, des isch die Einstellung von jedem selber, wie er des auffasst“1. Deshalb trat von den Interviewten auch keineR für stärkere Einschränkungen ein; heute „kann sich jeder raussuchen für seine Bedürfnisse und Interessen, was ihm zusagt“2. „Die einen finden das gut und die anderen des schlecht“1, und diese Tatsache wird auch sehr begrüßt. Allgemeine Restriktionen gelten als sehr problematisch, denn „mit Verboten kommt man heute höchstwahrscheinlich gar nicht mehr weiter, im Gegenteil“1. Das heißt jedoch nicht, dass alles, was gezeigt wird, auch als unproblematisch eingestuft wurde. Sexfilme zum Beispiel sollten nicht so viel gesendet werden, sie galten als potentiell schädlich, „aber die kommen ja spät. Die kucken wir eh net an.“ Doch wurde sofort relativiert:
„Ich glaub nicht [, dass sie schädlich sind]. Weil des, was da bei uns kommt, sind ja eigentlich, des sind ja mehr Lachnummern, hahaha. Des sind ja keine harten Pornos oder was, wo da kommen, ne?“1.
Aber selbst wenn man je selbst so etwas anschauen würde, schädliche Einflüsse wirken ohnehin nur auf „die wo viel Zeit haben zum Kucken, vielleicht arbeitslos oder so [...], die wo halt kein G’schäft haben [...] und [...] Frauen sowieso“1, dazu auf „Schüler, die sagen: des kann ich in der Wirklichkeit umsetzen [...]“2, Rentner1 oder „ein[en] Mensch in einer schwierigen Lebenssituation, der isch anfällig“2.
Menschen, die als negativ beeinflussbar gelten, erscheinen als eine diffuse Masse, die sich jedoch in Bezug auf Alter, Geschlecht, psychische Verfassung oder soziale Situation deutlich von den eigenen Lebensumständen unterscheidet. Die Unschärfe, mit der der Kreis der Gefährdeten umrissen wird, erlaubt es, die eigenen Schwächen unerwähnt zu lassen. Denn so ganz glaubwürdig waren Aussagen wie „da lohnt sich der Strom net“1 nicht. Gerade die Entschiedenheit der Abgrenzung lässt die Vermutung zu, dass es sich hier um eine Abwehr handelte mit dem Ziel, nicht selbst in die Nähe von Schmutz- und Schundvorwürfen zu kommen. Ein Wortwechsel des befragten Ehepaars über den Umgang mit ‚Schmuddelheften‘ in den 1950er Jahren scheint mir dies zu bestätigen:
Herr Amsel: „In meiner Jugend hat’s des garnet gegeben!“
Frau Amsel: „Ja und des Geld hat man ja auch garnet gehabt.“
Herr Amsel: „Die hat’s garnet gegeben.“
Frau Amsel: „Erstens hat’s die net gegeben [...] und Geld hasch au net g’habt.“
Herr Amsel: „Da hättest vielleicht schon ein paar Märkle mal erübigt, aber haha, hasch ja gar keine gekriegt.“
Frau Amsel: „Und hätteste dich heimgetraut mit so ’ner Zeitschrift?“
Herr Amsel: „Wohl kaum.“
... und traurig klingt der Schlussakkord in Moll
Der Wunsch nach einfacher Unterhaltung ist aus den Interviews deutlich herauszuhören. Als Kontrast zum Arbeitsleben sind die Vorstellungen von der eigenen Freizeit maßgeblich vom Bedürfnis nach Entspannung geleitet. Solche Vorlieben werden als legitime Freizeitgestaltung ganz selbstverständlich vertreten. Aneignungsweisen, die sich an den konkreten Lebensumständen orientieren, zeigen jedoch, dass entspannende Unterhaltung mehr ist als nur Berieselung und das beliebige Aufnehmen trivialer Inhalte. Ein widersprüchlicher Umgang stellt sich im Medienkonsum dort ein, wo Moralvorstellungen in Konflikt zu den eigenen Vorlieben geraten. Zwar steht im Vordergrund bei einer Auswahl von Unterhaltung der eigene Alltagskontext, doch allgemeine Wertvorstellungen dienen als Folie für die Bewertung. Dieser Widerspruch führt aber nicht zum Wandel der Präferenzen. Frau Amsel: „Dann hättest du sie g’schwind angekuckt und irgendwo weggeschmissen und dann – weil heimbringen hättest sie ja nicht dürfen“1.
Das Fernsehen dient zur Vermittlung postmoderner Identitäten und ist zugleich eingebunden in vormoderne Aneignungsmuster, die sich an überlieferten Moralvorstellungen orientieren (Hartley 1999, 38). Das macht es so schwierig, in Interviews verlässliche Aussagen über den Konsum von populärer Unterhaltung zu erhalten und damit der Rezeption von Schmutz und Schund auf die Schliche zu kommen. Denn die Befürchtung, von den eigenen Vorlieben Rückschlüsse auf das eigene Leben zuzulassen, verhindert offenes Sprechen über Sendungen, die in schlechtem Ruf stehen. Aussagen über Unterhaltung sind geleitet von dem Wunsch, sich selbst und die eigenen Lebensumstände als der Norm bzw. dem Anstand entsprechend darzustellen. Daraus resultiert meiner Ansicht nach die entschiedene Ablehnung aller Sendungen, die in breiter öffentlicher Kritik stehen (könnten) – ganz egal, ob sie nun tatsächlich angeschaut werden oder nicht. An diesem Punkt scheint auch demonstrative Abgrenzung von ‚anspruchsvoller‘ Unterhaltung zurückzutreten gegenüber dem Bekenntnis zu Normen und Wertvorstellungen, die auch nach der Liberalisierung der Unterhaltungskultur noch herrschen.
Die subjektiven Meinungen beruhen immer auch auf gesellschaftlichen Diskursen. Gerade der medial vermittelte Konsens (vgl. dazu den Beitrag Big Brother) über akzeptierte und verwerfliche Inhalte täuscht einen herrschaftsfreien, demokratischen Umgang der KonsumentInnen mit populärer Unterhaltung vor im Gegensatz zu den Zeiten strenger, autoritärer Reglementierung. Doch solange ‚unwürdige‘ Unterhaltungspraktiken versteckt werden, besteht auch gar keine Notwendigkeit, die herrschenden Normen und Werte aktiv durchzusetzen. Eine Gefahr für sie bestünde erst dann, wenn die abweichenden Vorlieben offensiv gegenüber bestehenden Vorstellungen von Sitte und Moral vertreten würden. Das heißt, solange Schmutz und Schund heimlich und unter Vorbehalten konsumiert wird, ohne die eigene Affinität dazu aktiv zu verteidigen, bleibt der Konflikt individuell und äußert sich eher in widersprüchlichen Aussagen über umstrittene Inhalte, als sich in regelrechten Schundkämpfen oder einem Diskurs über die Medieninkompetenz bestimmter Gesellschaftsschichten zu entladen. Zu Zeiten des klassischen Schundkampfes hingegen gab es noch gesellschaftliche Gruppen mit dem Anspruch, die bestehenden Normen und Werte umzustoßen. Heute zeigen sich die dominierenden Wertvorstellungen toleranter und bieten mehr Spielraum; vielleicht schaffen sie es gerade deshalb, weitgehende Einigkeit zu erhalten.
Quellen
1 Interview mit Herrn und Frau Amsel (Namen geändert); Marbach/Neckar,3.4.2001.
2 Interview mit Herrn Bayer; Marbach/Neckar, 4.4.2001.
3 Interview mit Herrn Heinze; Marbach/Neckar, 7.4.2001.
4 Gruppendiskussion; Tübingen, 13.3.01 (vgl. den Beitrag „Volkes Stimme“).
Dieser Beitrag wurde 2001 im Rahmen eines etatmäßigen Studienprojekts des Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen erarbeitet und publiziert. Studienprojekte sind Teil des Magister- und Masterstudiengangs EKW. Das Copyright liegt beim Autor.
am 31.03.2008 18:32



