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    <title>Trash</title>
    <link>http://www.startblatt.net/blogs/trash/</link>
    <description>Trash &#8211; ist das alles was bunt, rei&#223;erisch, billig, abenteuerlich und kitschig, aber von fast allen gerne konsumiert wird? Oder ist es die wichtigste kulturelle Ausdrucksform der Industrialisierung, die die Massen und ihr Weltbild pr&#228;gt? Ist Trash subversiv und gef&#228;hrlich, weil es uns zu Tr&#228;umen &#252;ber Freiheit und damit gar zur Rebellion verf&#252;hrt, oder dient Trash in Wirklichkeit dem Erhalt einer pr&#252;den Gesellschaftsordnung, weil es die Sehnsucht nach Reichtum, nach Allmacht, nach &#8222;wahrer Liebe&#8220;, nach Heldentum, kurz, nach einem anderen Leben, zu kanalisieren hilft? Wann wird Trash zu Kult? Wann zur Kunst? Und welcher Trash &#228;u&#223;ert sich wie wo?&lt;br/&gt;
startblatt widmet sich der Vielschichtigkeit des Lebens zwischen Globalit&#228;t und Lokalit&#228;t. Menschen, Waren und Dienstleistungen bewegen sich global. Trotzdem suchen Individuen Sinnstiftung und Identit&#228;t im Lokalen. Eines der wichtigsten kulturellen Ph&#228;nomene des Kapitalismus ist &#8222;Trash&#8220;, welcher mittlerweile sogar in unterschiedlichen regionalen Ausformungen anzutreffen ist. startblatt m&#246;chte sich daher mit dem neuen Themen-Call einem millionenschweren Gesch&#228;ft widmen, das bis heute (vielleicht zu Unrecht) gering gesch&#228;tzt wird.</description>
    <language>en-US</language>
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      <title>Kultur-Nachhilfe in Las Vegas</title>
      <link>http://www.startblatt.net/blogs/trash/kultur-nachhilfe-in-las-vegas</link>
      <dc:creator>call 2.1 Trash</dc:creator>
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        <![CDATA[<p>Von <a href="http://www.startblatt.net/redakteur/3198">Martin Klebes</a></p>


	<p><em>Las Vegas ist die Wiege der Sünde. Der Widerspruch gegenüber Natur und traditioneller Hochkultur fand Ausdruck in der Sozialstruktur und Architektur der Wüstenstadt. Doch die ästhetische Emanzipation der Massenkultur, wie bei Venturi beschrieben, hat sich selbst in den Schwanz gebissen. Mars Attacks! zeigt deutlich, daß hier und heute keine Würde für kulturelle Subversion übrigbleibt.</em></p>


	<p><em><strong>I.</strong></em></p>


	<p>Fängt man bei Adam und Eva an, so ist die fundamentale Bedeutung der Sünde für die Bildung von Kultur nicht zu leugnen. Aufgrund des verhängnisvollen Falles im Garten Eden ist die Sünde das, was den Menschen ein für allemal von der Natur trennt und so erst die Errichtung von Kultur ermöglicht, die sich als menschliche Institution von dieser Natur unterscheiden will. Zugleich aber ist diese Errichtung immer mit dem negativen Stigma behaftet, das die Ursprungserzählung ihr verleiht: kann eine Kultur, die notwendigerweise auf Sünde gebaut ist, etwas anderes als immer auch eine Un-Kultur sein?</p>


	<p>Dieser biblische Umstand stellt die Gründung von <em>Sin City</em> Las Vegas in der Wüste Nevadas im Jahr 1905 praktisch per definitionem unter einen (un)kulturellen Stern. Auch der denkbar radikalste klimatische Gegensatz ändert daran nichts: allegorischer Garten oder bitter reale Wüste, die Natur mußte der Kultur weichen. Der tapfere Versuch, den Fall zu mildern, sollte nicht verschwiegen werden: offiziell herrschte hier bis 1948 eine Ausschanksbeschränkung für Alkoholika. Doch die Ausnahme wurde zur Regel: der berüchtigte Block 16, wo Alkohol und Prostitution legal waren (und wo das Glücksspiel schon vor der Legalisierung im Jahr 1931 florierte), wurde zur kulturellen Keimzelle der Stadt.</p>


	<p>Der salzige Wüstenboden gab nicht viel für Landwirtschaft her, und auch die Gold- und Erzräusche hatten hier schneller den unvermeidlichen Kater zur Folge als beispielsweise in Kalifornien. Schon früh war also klar, daß Bodenständigkeit auf Dauer ein hoffnungsloses Unterfangen war. Kultur konnte hier nie Kultivierung des Bodens bedeuten &#8211; insofern war die Unkultiviertheit geradezu ein wirtschaftlicher Imperativ. Einer, mit dem sich aber leben ließ, vor allem ab den späten 1920ern, als mit Bundesgeldern der Hoover Dam südwestlich von Las Vegas gebaut wurde. Während weite Teile Amerikas unter Wirtschaftskrise und Trockenheit litten, erlebte Las Vegas seinen ersten Boom. Hier konnte der Staub keine Landwirtschaft zunichte machen wie in der &#8216;Staubschüssel&#8217; Oklahoma&#8212;denn es gab ja kaum Landwirtschaft. Stattdessen wurde Wasser gestaut. Allerdings wohnten die Arbeiter nicht in Las Vegas, sondern in der eigens errichteten Modellstadt Boulder City: Vater Staat fürchtete den schädlichen Einfluß von Las Vegas auf Arbeitskultur und Moral. Dies hinderte jedoch niemanden daran, sich dort am Wochenende um sein Geld erleichtern zu lassen.</p>


	<p>Das nächste epochale Ereignis im Unkulturkalender von Las Vegas war die Einrichtung des Atombombentestgebietes 60 Meilen nördlich der Stadt. Die Wüste war der &#8216;optimale&#8217; Platz für solch ein Vorhaben: obwohl man sich (angeblich) kaum der direkten Gefahr dieser Tests bewußt war, schien es angebracht, sie möglichst weit ab von jeglicher Zivilisation zu veranstalten. <em>Fast</em> jeglicher Zivilisation: Las Vegas war die großzügige Ausnahme. Verständlich, daß man hier unruhig wurde &#8211; allerdings weniger aufgrund des Verdachts direkter Gefahren, sondern mehr der potentiellen Abschreckung von Touristen wegen, auf deren Geldbeuteln die Unterhaltungskultur in den 40ern weiter gewachsen war. Es kam jedoch alles anders, finanziell gesehen. Die patriotisch motivierte Akzeptanz des Testgebietes sollte sich in den 50ern als hervorragende indirekte Investition herausstellen. Auf ihren eigenen Wegen eigneten sich nämlich die Erlebnishungrigen die Explosionen in der umliegenden Wüste an. Die Beobachtung von Blitzen und pilzförmigen Wolken in den frühen Morgenstunden wurde zum vermarktbaren kulturellen Ereignis, besonders in den höher gebauten Hotels, die eine gute Sicht auf das Spektakel zuließen.</p>


	<p><em><strong>II.</strong></em></p>


	<p>Die im Aufschwung begriffene Unterhaltungskultur brauchte Platz, und am besten einen, der ihrer Dynamik topographisch entsprach. So siedelten sich zusätzlich zum innerstädtischen Casinoviertel an der Fremont Street neue große Casinohotels entlang des US Highway 91 an, auf damals wertlosem Boden, der für ein Spottgeld zu haben war. Hier also entwickelte sich ab den 40er Jahren der <em>Strip</em> , benannt nach dem Vorbild des <em>Sunset Strip</em> in Hollywood. Die Komplexe konnten sich nach Belieben ausbreiten, boten riesige Parkareale direkt vor der Tür und stimmten ihre Architektur zunehmend auf ein autofahrendes Publikum ab.</p>


	<p>Die gigantischen Schilder der Casinos <em>Sands</em> oder <em>The Dunes</em>  sind in dieser &#8220;unreinen Architektur der Kommunikation&#8221;, wie der Architekt Robert Venturi und seine Mitarbeiter sie bezeichnen, zunächst wichtiger als die Gebäude, auf die sie verweisen. Die Schilder dominieren den Raum, der im Vorbeifahren an einer praktisch ohne jegliche Bauvorschriften errichteten Gebäudelandschaft nurmehr in einer vorbeiziehenden Tunnelperspektive erscheint. Ironischerweise verstärkt natürlich ein wachsender Schilderwald dieses Phänomen, gegen das es Aufmerksamkeit zu erregen gilt. Das Gefühl der Orientierung geht zunehmend verloren, weil sich aus der Straßenperspektive sowohl die Sequenz der Schilder, als auch die Zuordnung von Schildern zu Gebäuden nicht immer mit der Schnelligkeit treffen läßt, die die Durchfahrtsgeschwindigkeit erfordert. Impulsive Reaktion ist so für das Wählen eines bestimmten kommerziellen Angebots entscheidend. Zunehmende Verkehrsdichte und Stau kommen da geradezu als lindernde Faktoren ins Spiel.</p>


	<p>Venturi et al. stellten nun vor 25 Jahren diese symbolische, zum Zweck der Überzeugung konzipierte Architektur dem Funktionalismus der Moderne gegenüber.</p>


	<p>Kaum ein Zweifel, auf welcher Seite dieser Dichotomie hin traditionellerweise die Gewichte der &#8216;Kultur&#8217; niedergehen. Die Moderne betont abstrakte, &#8216;objektive&#8217; Form und Funktion und verurteilt die Trivialität des Symbolischen. Der <em>Raum</em> ist in moderner Architektur wichtiger als die Bewegung: als Ideal gilt ein technologisch erneuerter mittelalterlicher Urbanismus. So wird von Le Corbusier und Gropius <em>Platz</em> geschaffen für Kultur, was immer auch heißt: für eine gewisse Form zentralisierter sozialer Utopie. Im Vergleich dazu <em>muß</em> der <em>Strip</em> in Las Vegas unkultiviert erscheinen: hier werden Bewegung und schneller Wechsel, Konsum und Ausbreitung betont, und sicherlich keine bewußten sozialen Steuerungsprozesse implementiert. Das Skandalon von Venturis Studien bestand vor einem Vierteljahrhundert darin, die kulturelle Bedeutung dieses &#8216;unkultivierten&#8217; Symbolismus gegenüber der architektonischen Tradition der Moderne einzuklagen. So wurde nicht nur die angeblich kontextunabhängige Signifikanz und Funktionalität moderner Monumentalbauten angegriffen, sondern zusätzlich die Unterscheidung zwischen populärer Architektur und hoher Baukunst untergraben. In seinem Plädoyer für architektonischen Symbolismus reiht Venturi die Architektur des <em>Strip</em> nämlich in die Kunstgeschichte ein, und zieht ikonographische Verbindungsfäden beispielsweise zur Struktur gotischer Kathedralen. Das überdimensionierte Schild vor dem flach gebauten Casino entspricht in diesem Schema der Kathedralfassade, die dem Vorplatz als quasi zweidimensionale Propagandafläche zugewandt ist. Hier wie dort wurde von Kritikern ein Mangel an &#8216;organischer Einheit&#8217; zwischen Fassade und Seitenansicht konstatiert, was auf eine Spannung zwischen visueller Repräsentation und Funktion hinausläuft. &#8216;Spannung&#8217; bedeutet natürlich vor allem dann &#8216;Mangel&#8217;, wenn man die innere Einheit einer &#8216;reinen Architektur&#8217; als Ideal verfolgt.</p>


	<p>Obwohl also die Entwicklung der <em>Strip</em>-Architektur in den 50ern und 60ern kulturspezifisch auf bestimmte Faktoren zurückzuführen ist (Mobilität, Konsum), kann man laut Venturi doch abstraktere Muster erkennen, die eine gewisse Traditionsverankerung rechtfertigen. Diese Tradition gibt auch dem explizit <em>Häßlichen</em> theoretisch fundierte Würde. In diesem Sinne ist also der <em>Strip</em> keinesfalls die neueste Auflage irgendeiner Avantgarde, die sich von Vorgehendem und Umliegendem abkoppelt.</p>


	<p><em><strong><span class="caps">III</span>.</strong></em></p>


	<p>Die Entwicklung des <em>Strip</em> seit Erstveröffentlichung von <em>Lernen von Las Vegas</em> (1972) bestätigt und widerlegt Venturis Diagnose auf doppelbödige Weise. Die zunehmende Anerkennung von populärer Architektur als signifikanter kultureller Äußerung resultiert im Falle von Las Vegas in der totalen Homogenisierung, d.h. in der Vernichtung dessen, was Venturi als mißkannte Kulturelemente ausgemacht hatte. Schon während des Projekts protestierte Venturis Gruppe gegen die &#8216;Verschönerungspläne&#8217; des <em>Strip Beautification Committee</em>. Unter anderem sollten nach dem Willen der Städteplaner Bäume auf dem Mittelstreifen gepflanzt werden (die indirekt die Sicht auf die Casinoschilder versperrt hätten), und die Tankstellen sollten ihre Optik an die der Casinos angleichen. Venturis Leute stöhnten <em>&#8220;not the image of the Champs Elysèes&#8230;&#8221;</em> &#8211; weil sich hier eine Abart genau jenes zentralistischen Geschmacksreglements anbahnte, die sie am Formalismus kritisierten. Heute ist das alles Geschichte. Bei einer Fahrt entlang dem <em>Strip</em> bietet sich nicht mehr das Skandalon des un-kultivierten Kontrastes zwischen grellem Schild und ungepflegter Hinteransicht, zwischen Tankstelle, Supermarkt und Casino. Die Casinos sind zu hochintegrierten (und hochgebauten) Komplexen geworden, während Tankstellen und Supermärkte aus ihrer Nachbarschaft praktisch ganz verschwunden sind.</p>


	<p>Was man jetzt sieht, ist eine buntere und leuchtintensivere Version jener Mall-Kultur, die sich über ganz Amerika zieht. Der alte Casinobezirk der Innenstadt ist überdacht worden, und die neuen Casinos zielen nicht mehr auf das Publikum der prominenten <em>High Rollers</em> wie in den 40ern und 50ern, sondern bieten ein Vergnügen für die ganze Familie. Die neuen Komplexe <em><span class="caps">MGM</span> Grand, Treasure Island</em> und <em>New York, New York!</em> würden sich nahtlos in die Kulisse von Disneyland (oder Eurodisney) einfügen. Parallel zur architektonischen Homogenisierung nimmt so auch die &#8220;moralische&#8221; Anstößigkeit der Stadt ab. Man muß weder reich, noch schön, noch abgründig in anderer Weise sein, um als Mittelklassefamilie auf Wochenendurlaub das <em>All-you-can-eat-Buffet</em> für ein paar Dollar zu genießen. Natürlich kommen auch die oberen Zehntausend noch nach Las Vegas in einer Zeit, in der Las Vegas in einem Konkurrenzkampf mit Atlantic City (New Jersey) im &#8216;kultivierten Osten&#8217; um das New Yorker Casinopublikum steht. Für diese Zielgruppe wird es ab 1998 auch ein <em>Ritz</em> in Las Vegas geben &#8211; mit Casino im Stil von <em>Monte Carlo</em>! Vermutlich wird dort dann auch jene formelle Kleiderordnung als Zeichen europäischer Kultiviertheit gelten, die im Casino <em>Flamingo</em> 1946 wenige Tage nach der Eröffnung auf Empfehlung einer lokalen Werbeagentur wieder abgeschafft wurde.</p>


	<p>Las Vegas ist ein anerkannter <em>Ort</em> populärer Kultur geworden: die Mittelklasse hat ihn ästhetisch und moralisch für sich erobert, die &#8216;Sünde&#8217; ist auf dem Rückzug. Venturis Feststellung, daß die einzigartigsten und monumentalsten Teile des <em>Strips</em> (die Schilder und Casinofassaden) gleichzeitig die veränderbarsten sind, hat sich radikal bewahrheitet. Veränderung heißt hier vielfach das Verschwinden der dynamischen und widersprüchlichen Merkmale. Die breite kulturelle Akzeptanz von Las Vegas, die sich auch in einer Verfünffachung der Touristenzahl seit 1970 und einer Verdopplung der Einwohnerzahl seit 1980 spiegelt, impliziert die Verdrängung, nicht die Akzeptanz der Venturischen Ästhetik.</p>


	<p><em><strong>IV.</strong></em></p>


	<p>Las Vegas taugt zu repräsentativen Zwecken. Tim Burtons SF-Komödie <em>Mars Attacks!</em> von 1996 läßt daran keinen Zweifel. Die Marsianer wählen als Ankunftsort auf der Erde die Wüste bei Pahrump, Nevada &#8211; nicht weit von Las Vegas. Hier also, in gebührendem Abstand zur Zivilisation, aber nahe beim Showbusiness, soll der erste interkulturelle Kontakt zwischen Menschen und Marsianern stattfinden. Alles, was in der Welt von Medien, Politik und Militär zu Kultur zählt, muß dementsprechend zum Empfang in der Wüste postiert werden. Der (ernstgemeinte?) Versuch, sich als kultivierte(s) Volk/Rasse den Marsianern gegenüber darzustellen, scheitert allerdings. Schuld daran ist weniger die verbesserungsbedürftige Übersetzungsmaschine als vielmehr die offensichtliche <em>Unkultiviertheit</em> der Neuankömmlinge. Auf den ausgestreckten kleinen Finger der Verständigungsbereitschaft folgt sofort das indifferente Niedermähen fast aller Beteiligten. Was den Atombombentestern nur schleichend gelang, wird hier <em>blitzartig</em> realisiert.</p>


	<p>Entsprechendes widerfährt später der gesamten Belegschaft des amerikanischen Kongresses in Washington, nachdem Jack Nicholson in der Rolle des Präsidenten James Dale versöhnliche Funksprüche ins All hat senden lassen, die vor humanistischem Geist nur so strotzen. Diese Nachrichten stoßen bei den intendierten Empfängern tragischerweise auf nichts als außerirdisches Gelächter.</p>


	<p>Die den Zuschauer unweigerlich ansteckende Wirkung dieses Sarkasmus muß wohl auch daher rühren, daß Nicholson hier in einer bezeichnenden Doppelrolle zu sehen ist. Er spielt nicht nur den auf interkulturellen (bzw. interplanetarischen) Konsens bedachten Präsidenten (&#8220;Können wir uns denn nicht einfach alle <em>vertragen</em>?&#8221;), sondern auch den schleimigen und skrupellosen Immobilienhai Art Land in Las Vegas (Assoziationen an den Millionär Howard Hughes werden wach, der in den 60ern den halben <em>Strip</em> aufkaufte und sich Las Vegas als Modellstadt der Zukunft vorstellte.) Die hohe Politik in Washington, D.C. &#8211; wo <em>The Mall</em> kein Einkaufszentrum oder Casino, sondern den innerstädtischen Mittelpunkt der amerikanischen Demokratie bezeichnen soll &#8211; und das Geschäft des Showbusiness fallen so in einer Schauspielerpersönlichkeit zusammen. (Hier könnte man anfügen, daß auch Ronald Reagan 1954 im <em>Last Frontier Hotel</em> in Las Vegas auftrat &#8211; allerdings nur einmal und anscheinend ohne Erfolg&#8230;)</p>


	<p>Die Politiker in Washington, und schließlich auch der Präsident selbst, werden jedenfalls im weiteren Verlauf des Films genauso niedergemetzelt wie Art Land in Las Vegas, als dieser seinen Partnern Pläne für ein neues Casinohotel vorstellt, da ja, wie er kalkuliert, die Marsianer, wenn sie denn kommen, &#8220;irgendwo werden bleiben müssen&#8221;. Es kommt anders: existierendes und geplantes Casino gehen gleichermaßen in Flammen auf.</p>


	<p>Am Ende wird hauptsächlich ein kleines Grüppchen von Un-Kultivierten gezeigt, die die Attacke überstehen: unter ihnen der abgetakelte Ex-Boxer Byron Williams, der im <em>Ceasars Palace</em> würdelos als Pharao verkleidet Gäste empfängt; der unbedarfte Richie Norris, Sohn eines White-Trash-Ehepaars aus Kansas sowie dessen senile Großmutter aus dem Altersheim &#8211; und der am Abend seiner Karriere in Las Vegas auftretende Sänger Tom Jones höchstpersönlich! Richie findet per Zufall die Geheimwaffe gegen die Marsianer: konstante Beschallung mit den unerträglichen Schnulzen einer vergangenen Epoche der Unterhaltungsmusik, die seine Oma schätzt, bringt die grünen Gehirne der Außerirdischen zur Explosion. Es gibt folglich ein &#8216;Happy End&#8217;, aber eine kathartische Stimmung wie beim Finale von <em>Independence Day</em> will nicht so recht aufkommen.</p>


	<p>Inszeniert Burton hier indirekt die Rache der Entrechteten? Dies schon deshalb nicht, weil die Marsianer in ihrer äußerst homogenen Zerstörungswut jegliches Differenzgefälle innerhalb der menschlichen/amerikanischen (synonym verwandt) Kultur zerstört haben, mit Laserkanonen und Gelächter. Und dies, obwohl die geplante Invasion der Erde am Ende gescheitert ist. Da bleibt kein Raum mehr für Klassenkampf: am Ende steht Richie mit der Präsidententochter Taffy auf dem Podium vor dem weißen Haus und dankt verlegen ein paar verstreuten Gestalten. Die Beziehung zwischen ihm und seiner neuen Freundin artikuliert die Auflösung eines Kulturbegriffs, der die Legitimität prinzipieller Unterscheidungen noch hätte vorspiegeln können zwischen der Hauptstadt Washington, D.C., Perkinsville (Kansas) und Las Vegas (Nevada). Die Attacke der Marsianer hat die nahtlos glatte Synthese von Showbiz und Humanismus, von politischer und topologischer Symbolik aufgedeckt und gleichzeitig zertrümmert. Alle verbleibenden sozialen und architektonischen Reste der Kultur können nurmehr aufgefegt werden von diesem im wahrsten Sinne des Wortes <em>de-moralisierten</em> Haufen. Und ohne Moral ist auch Sünde nicht mehr das, was sie einmal war.</p>


<hr />


	<p><em><strong>Literaturhinweise</strong></em></p>


	<p><em>Omar V. Garrison,</em> Howard Hughes in Las Vegas. New York: Stuart 1970.</p>


	<p><em>Robert D. McCracken,</em> Las Vegas: The Great American Playground. Fort Collins, CO: Marion Street 1996.</p>


	<p><em>Robert Venturi/Denise S. Brown/Stephen Izenour,</em> Lernen von Las Vegas: Zur Ikonographie und Architektursymbolik der Geschäftsstadt. Braunschweig/Wiebaden: Vieweg 1979. Originalausgabe: Learning from Las Vegas: The Forgotten Symbolism of Architectural Form. Revised Edition. Cambridge, MA: <span class="caps">MIT</span> Press 1977.</p>


<hr />


	<p><em><strong>Web-Links</strong></em></p>


	<p><a href="http://www.marsattacks.com/">Mars Attacks</a></p>


<hr />
Dieser Beitrag wurde das erste Mal in parapluie.de – elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen – no. 3: unkultur. 1997/98 veröffentlicht. <em><strong>Alle Rechte liegen beim Autor.</strong></em>]]>
      </content:encoded>
      <pubDate>Mon, 14 Apr 2008 15:54:06 +0200</pubDate>
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      <title>Erregte Zeiten</title>
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      <dc:creator>call 2.1 Trash</dc:creator>
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        <![CDATA[<p><em><strong>Schmutz und Schund im Kaiserreich</strong></em></p>


	<p>Von <a href="http://www.startblatt.net/redakteur/3207">Ina Jekeli</a></p>


	<p>Kolportageromane und Groschenhefte erregten das wilhelminische Deutschland. Die einen ließen sich von ihnen anregen, die anderen empörten sich über sie. Im Schundkampf trafen sie alle aufeinander.</p>


	<p><em>Der Doktor lachte leise.</em>
<em>&#8220;Haben Sie schon einmal geliebt?&#8221; fragte er. Jost von Mahlsberg wurde rot. Er dachte an seine flotte Leutnantszeit, an das vergnügte Leben in der heiteren Garnison, das seinem einsamen Junggesellendasein als Erbe und Besitzer von Mahlsberg vorausgegangen war.</em> <em>Manches hübsche Mädel hatte sein Blut entflammt, mancher Schönen von einem Ball hatte er Blumen und Komplimente dargebracht;</em> <em>einmal, als er noch Kadett war, hatte er sogar Verse gemacht. War das Liebe gewesen, das alles? Hätte er um das eine oder andere dieser Mädchen auf sein Erbe, das bescheidene aber Jahrhunderte alte Haus seiner Väter Verzicht leisten mögen?</em>
<em>&#8220;Nein,&#8221;</em> <em>sagte er bei sich und laut sagte er auch:</em>
<em>&#8220;Nein!&#8221;</em></p>


	<p><em>[Exposition: Militärromantik, Standesbewußtsein und Liebesideal]</em></p>


	<p>In einer Gesellschaft, in der Prüderie und scharfe sittliche und moralische Normen herrschen, wandert das Verdrängte, das Verbotene in den Untergrund ab. Dort lebt es weiter, wächst und gedeiht, weit davon entfernt, durch das Verbot vernichtet oder auch nur geschwächt zu werden. Es ist Teil des Wertesystems, von dem es hervorgebracht wurde, untrennbar mit ihm verbunden. Es kann noch so sehr seine Gegnerschaft beteuern, seinen Haß auf die geltenden Normen herausschreien, versuchen, brave Bürger zu verführen; es hilft gerade dadurch auf seine Weise mit, das System am Leben zu erhalten, es zu stabilisieren.</p>


	<p>Doppelmoral ist eine zweischneidige Sache. Nicht nur, weil die moralisch Strengsten sich in der Heimlichkeit ihrer Schlafzimmer am Verbotenen ergötzen, sondern auch, weil dieses, ganz gegen seinen Willen, das System stützt, dessen Werte es doch zu konterkarieren versucht. Beide Seiten sind voneinander abhängig. Es entsteht ein Kreislauf, ein selbstverstärkendes System aus Zensur und Produktion, das Michel Foucault als &#8220;Lust-Macht-Spirale&#8221; bezeichnet.</p>


	<p>Denn die Ausübung von Macht ist lustvoll. Für den Zensor ist also das Beobachten, Ausschnüffeln, Kontrollieren und Durchsuchen, das Fassen und Bestrafen lustvoll bis sexuell erregend. Für den Produzenten (nehmen wir einmal das Beispiel der Pornographie) dagegen ist es lustvoll, dem Zensor zu entkommen, ihn zu überlisten, seine Tabus zu brechen &#8211; da es Macht für ihn bedeutet. Die Macht läßt sich von der Lust anstecken, die sie verfolgt, und die Lust gewinnt Macht, indem sie Macht bricht. Pornograph und Zensor spielen ein Spiel der zirkulären wechselseitigen Erregung, jeder findet seine Lust in der Machtausübung über den anderen und zieht seine Macht aus der Lust; jeder braucht den anderen, befriedigt ihn durch sein Handeln und ermuntert ihn gleichzeitig, weiterzumachen, immer mehr, immer härter.</p>


	<p>Ähnliches läßt sich &#8211; <em>mutatis mutandis</em> &#8211; im Schundkampf beobachten, dem Kampf der Gebildeten und Erziehungsbeflissenen gegen &#8220;Schmutz und Schund&#8221;, der sich in den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte und in der Dekade vor dem Krieg einen vorläufigen Höhepunkt erreichte.</p>


	<p>Schon lange war, bei aller Aufklärung, das Lesen als eine doch letztlich irgendwie suspekte Tätigkeit angesehen worden, jedenfalls was die &#8220;Erziehungsbedürftigen&#8221; &#8211; Unterschichten und Kinder &#8211; betraf. Das Lesen zur Unterhaltung hält von der Arbeit ab, es führt zu Sinnlichkeit und Weichlichkeit, und es kommen falsche und unverdaute Ideen in Umlauf, die der &#8220;einfache Verstand&#8221; nicht fassen kann. Unzufriedenheit und Mißmut, wenn nicht gar Aufstand und Revolution sind die Folgen. Und so schrieb der preußische Politiker und Historiker Christian Wilhelm von Dohm 1796: &#8220;Der gemeine Mann wird zu allen Zeiten nur wenig lesen, und ich nehme keinen Anstand zu sagen&#8212;er muß nur wenig lesen.&#8221;</p>


	<p>Dieser Standpunkt wirkte im Kaiserreich kaum verändert fort. Im Zuge der Volksbildungsbewegung mit ihren Leihbüchereien und Volkshochschulen wurde das Lesen auch und gerade für &#8220;das Volk&#8221; als notwendiges und sinnvolles Erziehungsmittel angesehen, aber der Geruch des Suspekten haftete ihm weiterhin an. Der inhärente Anarchismus der Lesefähigkeit (wer gelernt hat, zu lesen, könnte auf die Idee kommen, diese neue Freiheit weiterzuentwickeln und auch die Wahl seiner Lesestoffe selbst in die Hand zu nehmen) wirkte beängstigend und führte zu strengen Restriktionen in Bezug auf die Akzeptanz und Propagierung des Lesens. Lektüre, gleich ob zur Weiterbildung oder zur Unterhaltung, <em>muß in jedem Fall</em> zur sittlichen Erziehung beitragen. Und: immer in Maßen, eher weniger als mehr.</p>


	<p>Die Schundliteratur, massenhaftes Lesefutter breitester Bevölkerungsschichten, lief diesem Ideal natürlich völlig zuwider. Entsprechend drastisch waren die Reaktionen derer, die sich berufen fühlten, über die &#8220;sittliche Gesundheit&#8221; des Volkes zu wachen. Die Empörung über die &#8220;Pest und Seuche&#8221; dieser &#8220;Verbrecherschulen&#8221; mit ihrem &#8220;schmutzigen, aller Sittlichkeit und Wohlanständigkeit spottenden Inhalt&#8221; brachte den Schundkämpfer Arthur Heldt in seiner berühmten Schrift von 1908 zu dem Ausruf, er könne es &#8220;vor Schauder und Ekel nicht fassen, wie es einem zu Gottes Ebenbild geschaffenen, denkenden und fühlenden Menschen möglich war, mit solcher Verkommenheit zu schreiben und es auch noch in die Öffentlichkeit dringen zu lassen.&#8221;</p>


	<p><em>Edith Sendlers Gesicht war&#8217;s, in das sich das weiße Briefblatt verwandelt hatte.</em> <em>Nun lächelte sie ihn an mit ihrem etwas koketten und verheißenden Lächeln, und Jost fühlte wieder, was er stets in ihrer Nähe empfand:</em> <em>dies Mädchen begehrte ihn. Er brauchte nur die Hand auszustrecken und die reiche Edith Sendler war sein.</em> <em>Von ihr ging der Wunsch aus, ihm ihre Villa sozusagen auf die Nase zu setzen. Das sollte ihm ihren Reichtum demonstrieren.</em> <em>Sie hatte die Einladungen in das Haus ihres Vaters vermittelt, sie ließ ihn wieder zum Gartenfest bitten und verhieß ihm durch den Mund des Vaters den Platz an ihrer Seite.</em>
<em>Weiter konnte ein Weib eigentlich nicht gehen, um dem Manne zu zeigen: ich begehre dich! Und für Jost von Mahlsbergs Geschmack war&#8217;s schon reichlich weit gegangen.</em>
<em>Aber war er denn nicht ein Narr, daß er da nicht zugriff?</em>
<em>Das Mädel war hübsch, war wohlerzogen, jedenfalls hatte sie die Allüren einer Dame. Sie würde als Frau von Mahlsberg wissen, was sie zu tun und zu lassen hatte. Und sie würde ihm das Geld ins Haus bringen, dessen er so dringend bedurfte, um das Haus seiner Väter auf der Höhe zu halten. Warum streckte er die Hand nicht aus und griff zu?</em>
<em>Ich liebe sie nicht, sagte eine Stimme in ihm.</em></p>


	<p><em>[Grundkonflikt: Geld oder Liebe]</em></p>


	<p>Doch was war es eigentlich, worüber sich die Bildungsbeflissenen der Zeit so ereiferten? Was steckt hinter dem Begriffspaar &#8220;Schmutz und Schund&#8221;, das seit Beginn des Jahrhunderts gemeinsam und fast formelhaft gebraucht wurde?</p>


	<p>Die Antwort ist einfach: Es ging um alles, was schlecht geschrieben, bunt, reißerisch, billig, abenteuerlich und kitschig war und &#8211; offen oder heimlich &#8211; von fast allen gern gelesen wurde. Einblattdrucke mit sensationellen &#8220;Nachrichten&#8221;, Bilderbogen mit pikanten Szenen, &#8220;Familienzeitschriften&#8221; unterschiedlichsten Inhalts, vor allem aber Kolportageromane und Groschenhefte, Trivialliteratur übelster Sorte, in Millionenauflagen vertrieben und heute nicht nur radikal aus dem kulturellen Gedächtnis verdrängt, sondern auch faktisch nur noch in Spuren erhalten; das, was die umfangreichste und vielleicht auch von ihrer Bedeutung her wichtigste Literaturform des 19. Jahrhunderts war, ist heute buchstäblich zerfallen.</p>


	<p>Warum wichtig? Diese Literatur stellte den häufig einzigen Lesestoff breitester Bevölkerungsschichten dar, prägte damit ihre Vorstellung von Lektüre an sich und ihr Weltbild. Schulkinder lasen heimlich nachts unter der Bettdecke; Dienstboten verstohlen neben der Arbeit; Fabrikarbeiter zur Erholung nach der Schicht, und für die Betuchteren gab es teure Sonderausgaben. Und alle erstaunten sich über die exotischen Gegenden, die da geschildert wurden, fieberten mit dem unschlagbaren Heroen, genossen den Nervenkitzel unnennbarer Schrecken und die Zweideutigkeit pikanter Szenen. Männer identifizierten sich mit harten Helden, deren Wege mit Leichen gepflastert waren, Frauen mit keuschen Heldinnen, die in größter Gefahr treu ausharrten, um am Ende mit wahrer Liebe belohnt zu werden.</p>


	<p>An sich war das nichts neues; Trivialliteratur gab es schon lange. Doch mit dem Wandel der vormodernen zur modernen Gesellschaft, funktional differenziert, arbeitsteilig, industrialisiert, entstand auch eine neue Form der Trivialliteratur: die Massenliteratur, industriell produziert und den Erfordernissen des kapitalistischen Marktes angepaßt. Der wachsende Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung, die Einführung der Gewerbefreiheit und neue Reproduktionsverfahren und Vertriebsformen öffneten den Weg für einfallsreiche und risikofreudige Unternehmer, die mit dem stets weiter wachsenden Markt der Neuleserschaft experimentierten. Heraus kam eine Literaturform, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts den Markt dominierte &#8211; der Kolportageroman: Man nehme einen endlos langen Roman, zerhacke ihn in 20-200 Häppchen zu je 8-48 Seiten (meist waren es 24 oder 32), versehe diese mit einem reißerischen Titelbild und bringe sie auf dem uralten Vertriebsweg der Kolportage unters Volk.</p>


	<p>Der Preis von meist 10 Pfennig war auch für die Ärmeren erschwinglich, und die Verleger vertrauten (nicht ganz zu Unrecht) darauf, daß die Leute nicht in der Lage sein würden, die erhebliche Summe zu kalkulieren, die sie auf diese Weise nach und nach für den ganzen Roman ausgaben. Niemand hätte diesen Preis auf einmal bezahlt, und niemand wäre überhaupt auf die Idee gekommen, einen Roman von 3000 Seiten zu kaufen. Doch die dünnen Heftchen, die ein- bis viermal pro Woche von einem äußerst beredten Kolporteur an die Haustüre gebracht wurden, waren zu bewältigen, und die Spannung auf die Fortsetzung (denn natürlich endet die Folge genau an der richtigen Stelle) motivierte ebenfalls zu dem schwierigen und ungewohnten Geschäft des Lesens.</p>


	<p><em>Das junge Mädchen blickte in ein bräunliches, offenes Männergesicht mit schönen, treuen, grauen Augen, wurde blutrot und stotterte:</em> <em>&#8220;Entschuldigen Sie, daß ich hier wie ein Kamel hereingetrapst kam, aber der Zugführer schubste mich und der Zug ruckte an und überhaupt, wenn ich wieder nach Trautenhagen zurückkomme, werde ich dem Jochen den Marsch blasen.&#8221;</em> <em>Ueber die ernsten Züge des Mannes flog ein heiteres Lächeln.</em> <em>&#8220;Gnädiges Fräulein kommen aus Trautenhagen&#8221;, setzte er, anscheinend nicht ungern, das Gespräch fort und verstaute Hellis Koffer und Schirm im Gepäcknetz, &#8220;das ist ja das Damenstift.</em> <em>Für eine Stiftsdame sehen Sie aber noch nicht würdevoll genug aus, mein gnädiges Fräulein.&#8221;</em> <em>Helli hatte ihre Locken geordnet, den Hut behielt sie in der Hand. Sie sah sich im Abteil um und stellte fest, daß sie mit ihrem aufmerksamen Begleiter allein war.</em> <em>&#8220;Sie meinen, weil ich einem Herrn auf den Schoß gefallen bin&#8221;, lachte sie.</em> <em>&#8220;Das war Tücke des Objekts&#8221;, war die schlagfertige Antwort, &#8220;ich hatte mehr das Alter im Auge.&#8221;</em> <em>Die grauen Augen blickten so prüfend in Hellis errötendes Gesichtchen, daß diese unwillkürlich verlegen wurde, aber nur für einen Augenblick.</em></p>


	<p><em>[Der Held und die Heldin: Schöne Menschen, edle Züge]</em></p>


	<p>Die Inhalte waren oft altbekannt, Adaptationen alter Schauer- oder Räubergeschichten, alter französischer Romane oder vertrauter Abenteuergeschichten wie Robinson oder Lederstrumpf. Sehr beliebt waren auch Lebensgeschichten historischer Figuren, vor allem zeitgenössischer, etwa Ludwigs des Zweiten. Die europäische Aristokratie der Zeit gab ja auch genug Stoff her: Wo sonst gab es so saftige Skandale, so anrührende Selbstmorde? Der Sensations- und Enthüllungsroman war geboren, und so war denn auch ein durchgängiges Stilmittel des Romans die Authentizitätsbehauptung, oft in Verbindung mit abenteuerlichen &#8220;Beweisen&#8221;, von der notariell beglaubigten Unterschrift des Meisterdetektivs bis hin zum &#8211; zur Besichtigung freigegebenen &#8211; Totenschädel des Mädchenwürgers.</p>


	<p>Der Stil war der Lesefähigkeit des Publikums angepaßt &#8211; einfache Sätze, eine unverstellte Mündlichkeit, die an das Volkstheater der Zeit erinnert und eine abenteuerliche Kumulierung von Plots und Effekten. Dabei waren die Romane, um geschlechts- und generationenübergreifend vermarktbar zu sein, genretypisch wenig festgelegt. Liebe, Verbrechen und Abenteuer, Schicksal, Schuld und Sühne, all das verband sich, um ein &#8220;Treffer ersten Ranges&#8221; zu werden, wie der Roman <em>Das rote Sefchen, die Tochter des Henkers oder Das Geheimnis einer Mädchenseele</em> beworben wurde &#8211; die Form des Doppeltitels war zwar schon für die Zeit veraltet, im Kolportageroman aber äußerst beliebt.</p>


	<p>Und das Geschäft blühte. Die Gesamtzahl der in Deutschland vertriebenen Kolportageromane wird auf 2000-2300 geschätzt, in der Hochzeit in den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gab es rund 200 Verleger speziell in diesem Gewerbe. Um 1900 waren rund 26000 Personen in der Kolportage beschäftigt (gegenüber 22000 im gesamten restlichen Buchhandel). Denn es ließ sich gutes Geld verdienen: Allein der berühmte <em>Scharfrichter von Berlin &#8211; Sensations-Roman nach Acten, Aufzeichnungen und Mittheilungen des Scharfrichters</em> soll einen Umsatz von drei Millionen Mark gemacht haben; der Gesamtumsatz der Branche wurde von Zeitgenossen auf jährlich 50 Millionen Mark geschätzt, eine Zahl, die kritisch betrachtet werden muß, aber doch auf die Größenordnung hindeutet, mit der wir es zu tun haben.</p>


	<p>Gegen Ende des Jahrhunderts kam ein neuer Typus auf, der rasch große Erfolge erzielte und den Kolportageroman, dessen Bedeutung schon im Abnehmen war, fast völlig verdrägte: die Romanserien, Heftchen von 24-130 Seiten, in denen es für 10, 20, maximal 50 Pfennig einen abgeschlossenen Roman (selten auch zwei) zu lesen gab. Sie wurden nicht auf dem Weg der Kolportage vertrieben, sondern vor allem in Bahnhofskiosks, Schreibwarenhandlungen und Zigarettenläden, wo sie alle Bevölkerungsschichten erreichten. Die Serien waren durch die relative Unabhängigkeit der einzelnen Heftchen in der Lage, flexibler auf Änderungen des Lesergeschmacks zu reagieren, sie waren in ihrer Typenbildung differenzierter, die Charaktere waren genauer gezeichnet, es entwickelten sich unterschiedliche Serien für die verschiedenen Publikumsmilieus, kurz: sie waren moderner. Mit den Heftserien haben wir endgültig ein Produkt moderner Massenunterhaltungsindustrie vor uns. Der Kolportageroman war bei aller industriellen Vermarktung doch ein sehr träges Wesen, das über Jahre hinweg Lieferung für Lieferung vertrieben wurde, mit ständig abnehmenden Abonnentenzahlen und ohne die Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen. Ein Roman, dessen erste Folge mit der stolzen Auflage von 1,5 Millionen erschien, konnte von Glück reden, wenn 10000 Leser ihm bis zur letzten Lieferung treu blieben.</p>


	<p>Die Romanserien dagegen boten echte, endlose Periodizität verbunden mit äußerer und innerer Flexibilität, wozu auch das Redaktionsprinzip beitrug, nach dem sie gestaltet wurden. Sie waren standardisiert und stets präsent; ab einem bestimmten Tag konnte man überall das nächste Heft erwerben (oder es lassen, ohne den Faden zu verlieren), und wenn eine Serie nicht gut lief, setzte man sie ab und machte eine neue.</p>


	<p>1905 gelang dem Dresdner Verleger Adolf Eichner der große Wurf: Er kaufte die Rechte der amerikanischen Serie <em>Buffalo Bill</em>, wenig später auch die an <em>Nick Carter</em>, der zu einem der erfolgreichsten Serienhelden überhaupt werden sollte. Die neue Form der Serien mit durchgängigen Titelhelden, die Folge für Folge ein abgeschlossenes Abenteuer vollbrachten, setzte sich durch. Die Bindung des Lesers an die Serie, vorher eines der Hauptprobleme der Heftserien gegenüber dem Kolportageroman, wurde so erleichtert, die Identifikation mit dem Helden erhöht, die Motivation zum Kauf des nächsten Heftes verstärkt. Und die Helden sprossen nur so aus dem Boden wilhelminischer Wunschträume und Machtphantasien. Es gab einen wahren Boom an &#8220;Meisterdetectivs&#8221; (der englische Plural wurde übernommen); neben dem schieß- und prügelwütigen Nick Carter tummelte sich Sherlock Holmes in verschiedenen Variationen, der edelmütige Sportsmann Lord Lister und <em>Nat Pinkerton, König der Detectivs</em>, sogar &#8220;weibliche Detectivs&#8221; wie Ethel King und Wanda von Brannburg. Sprache, Stil und Inhalt hatten sich ansonsten kaum geändert. Immer noch ging es darum, möglichst einfach, möglichst nervenkitzelnd und möglichst sensationell zu sein.</p>


	<p><em>Eigentlich war er hergekommen, um der reichen kleinen Sendler, wie sie sich selbst bezeichnete, einen Antrag zu machen.</em> <em>Und die Gelegenheit war doch unglaublich günstig und von dem Mädchen selbst herbeigeführt.</em> <em>&#8220;Warum, zum Donnerwetter, spreche ich denn nicht?&#8221; fragte er sich im Stillen selber.</em> <em>&#8220;Ich brauche jetzt bloß den Arm um sie zu legen und in einer Viertelstunde ist die Verlobung perfekt. Ich bin dann aus allem Dilemma. Warum also sitze ich hier wie ein Stockfisch!&#8221;</em>
<em>Mahlsbergs Phantasie gab ihm die Antwort. Sie zauberte ihm ein schwarzlockiges Mädchenhaupt vor die Augen, zwei blaue Sterne, die ihn treuherzig und doch neckisch ansahen und ein Stimmchen, das burschikosen Unsinn schwatzte.</em></p>


	<p><em>[Dramatische Zuspitzung des Konfliktes: Geld gegen Liebe]</em></p>


	<p>Ein kleines Beispiel: Auf den 32 Seiten eines einzigen Heftes der Serie <em>Aus den Geheimakten des Weltdetektivs</em> (Sherlock Holmes) werden ein Priester, eine Brigantin, zwei Polizeibeamte, ein junger Mann, ein Schurke, eine Verbrecherin und zweimal eine größere Menschenmenge auf zum Teil sehr originelle Art und Weise getötet; ein Weib wird in den Starrkrampf versenkt; eine Leiche wird eingemauert, eine andere in einem Götzentempel als Göttin aufgestellt; ein Zug und die Tochter des deutschen Gesandten in Peking werden entführt; der Zug entgleist, die Tochter wird unter den Hammer einer Glocke gebunden, um beim Stundenschlag zermalmt zu werden; der Herzogin von Padua werden die Juwelen gestohlen; ein Gefangener wird gefoltert (&#8220;War aber nur ein Chinese&#8221;), ein Duell mit einem elektrisch geladenen Säbel ausgefochten, Bomben werden in Menschenmengen (&#8220;nur Boxer&#8221;) und Menschen von Türmen geworfen. Trotz alledem entkommt der Verbrecherkönig, um endlich in Heft 93 (<em>Der Henker von London</em>) zur Strecke gebracht zu werden&#8230; Genug?</p>


	<p>Diese schier unglaubliche Häufung an Spannungsmomenten ist sicher nicht der alleinige Grund für den durchschlagenden Erfolg der Heftchen. Hinzu kam ein hervorragendes Marketing &#8211; es war auf absolute Marktdurchdringung gerichtet, modern und aggressiv. Auf die bunten Umschläge und Titelbilder wurde oft mehr Mühe verwandt als auf die Texte selbst (die denn auch nur selten hielten, was der reißerische Titel versprach). Die ersten Folgen eines Kolportageromans, die dazu dienten, Abonnenten zu werben und zu binden, wurden mit großer Sorgfalt konzipiert. Die zahlreichen &#8220;Authentizitätsbeweise&#8221; und heftige Werbung mit Lotterien und zum Teil kostbaren Prämien taten das Ihrige (die Prämien wurden meist aufgrund trickreicher Klauseln im Kleingedruckten nicht ausgegeben und 1883 verboten).</p>


	<p>Und die Leser hatten das Gefühl, neben der spannenden Unterhaltung auch etwas gelernt zu haben. Zum Rezept des Romanschreibens gehörten eingestreute &#8220;lehrhafte&#8221; Passagen über die exotischen Orte, an denen viele Romane spielten, und ihre nicht minder exotischen Bewohner, über die technische Funktionsweise einer Höllenmaschine oder über die Schlachtordnung Napoleons.</p>


	<p>Gleichzeitig wurden wichtige Bedürfnisse der Leserschaft angesprochen. Die Sehnsucht des Arbeiters nach Reichtum, des Bürgerkindes nach Allmacht, der Dienstmagd nach &#8220;wahrer Liebe&#8221;, sie wurden in der Identifikation mit den Romanfiguren erfüllt. Auch die latenten subversiven Tendenzen, die unterdrückten aber doch populären Bedürfnisse auszubrechen, alles kurz und klein zu schlagen, es ihnen allen zu zeigen&#8230; Wenn Nick Carter sich seinen Weg der Gerechtigkeit durch die Menge schoß und prügelte, bedeutete das für die Millionen, die bewußt oder unbewußt phantasierten, dasselbe ihren Vorgesetzten, Herrschaften oder Lehrern anzutun eine tiefe Befriedigung, die das Leben ihnen versagte.</p>


	<p>Bertolt Brecht hat auf diese Wirkung des Kriminalromans hingewiesen: &#8220;Es bereitet schon Genuß, Menschen <em>handelnd</em> zu sehen, Handlungen mit faktischen, ohne weiteres feststellbaren Folgen mitzuerleben. Die Menschen des Kriminalromans hinterlassen nicht nur Spuren in den Seelen ihrer Mitmenschen, sondern auch in ihren Körpern und auch in der Gartenerde vor dem Bibliothekszimmer. Der Mensch im wirklichen Leben findet selten, daß er Spuren hinterläßt. [...] Das Leben der atomisierten Masse und des kollektivisierten Individuums unserer Zeit verläuft spurenlos. Hier bietet der Kriminalroman gewisse Surrogate<sup><a href="#fn1">1</a></sup>.&#8221;</p>


	<p><em>Mahlsberg wollte ihr zuvor kommen, faßte den Hut aber im gleichen Augenblick, wie das junge Mädchen, und ihre Hände berührten sich. Helli wurde rot und unterdrückte ein Zittern.</em> <em>Auch Mahlsberg verfärbte sich. Wie sehr hatte er sich danach gesehnt, das junge Mädchen wieder zu sehen. Wie sehr hatte er Edith und Frau von Renner verwünscht, die ihn auf Mahlsberg festhielten und es ihm unmöglich machten, nach dem Stift hinüber zu fahren.</em> <em>Nun lief ihm das liebe Geschöpf, an dem er mit allen seinen Gedanken hing, hier unvermutet in den Weg, und er durfte es nicht in seine Arme nehmen, an seine Brust pressen und ihm ins Ohr flüstern:</em>
<em>&#8220;Ich sehne mich nach dir, ich liebe dich, sei mein, sei mein!&#8221;</em> <em>- Und unausgesprochenes Leid im Herzen schieden beide wieder voneinander.</em></p>


	<p><em>[Tragisches Spannungsmoment: Unausgesprochene Liebe]</em></p>


	<p>Die ausgleichende Gerechtigkeit für unverschuldetes Elend, der edle Rächer, das uralte Bild des Räubers, der den Reichen nimmt und den Armen gibt, all diese klassischen Romanstoffe tragen Züge der Subversion. Und dieses Potential der Leserschaft, die Sehnsucht nach Ausbruch und Umsturz, wird angesprochen und soll auch angesprochen werden, denn nur ein befriedigter Leser bringt weiteres Geld, aber die Tendenz muß versteckt bleiben: die stets drohende Zensur verbietet es, offen Sozialkritisches zu äußern. Und so sind die Romane in einen engen Rahmen gezwungen, und ihre Herausgeber wissen es; in den Autoren-Anweisungen für <em>John Drake</em> heißt es etwa: &#8220;Der Leser soll seine Wunsch- und Wachträume, die oft gar nicht brav und bürgerlich sind, schwelgerisch nachempfinden. Die anonymen Mächte, der Mißbrauch des Menschen als Schachbrettfigur, die Ausbeutung des Einzelnen für eine Idee, der Automatismus der Macht sind die Ideenfronten, gegen die John Drake zu kämpfen hat.&#8221; Aber gleichzeitig wird gefordert: &#8220;Schädlich ist jede Tendenz, die den Beweis zu erbringen versucht, als sei Opposition gegen die Obrigkeit erstrebenswert.&#8221; Das Gute siegt, der Verbrecher wird gestraft, die Trinität Gott-Kaiser-Vaterland herrscht ungebrochen.</p>


	<p>Doch genau diese sahen die Schundkämpfer in Gefahr. Staatliche Stellen, Schulbehörden und Lehrervereinigungen, kirchliche Organisationen, und unterschiedlichste Vereine, die wie Pilze aus dem Boden schossen, stürzten sich in den Kampf &#8211; in der wilhelminischen Treibhausluft aus Prüderie, Paternalismus und kirchlicher Moral blühte der Antischund.</p>


	<p>Die Anschuldigungen waren vielfältig; die geringste, der Schund sei schlicht wertlos, kunstloses Geschmiere. Doch dann geht es richtig los: Er zerstöre den &#8220;Sinn für Wahrheit und Wirklichkeit&#8221;, eine vielfältig und fast formelhaft gebrauchte Wendung, bei der es weniger um die falsche Darstellung von Tatsachen ging, die ja in der Tat im Groschenheft gang und gäbe war, als vielmehr um das dahinterstehende Weltbild, die Haltung zur Welt und zu ihrem Geschehen und damit auch um eine moralische Qualität. Indem das Böse, das Verbrechen, die Falschheit drastisch und unverhüllt geschildert werden, entstehe ein geistiges Klima, in dem aller &#8220;Sinn für einfachen, heiteren Lebensgenuß und die geistige Freude am Dasein&#8221; verkümmern. Die Konsequenz sei, daß der &#8220;innere Halt, der Frohsinn und die Zufriedenheit unserer Nation in bedenkliches Schwanken geraten&#8221;, so Heldt.</p>


	<p>Vor allem für Kinder und Jugendliche wird die Gefahr in der &#8220;Entfesselung der Sinnlichkeit&#8221; gesehen. Der Schundroman spekuliere auf die &#8220;niedrigsten Instinkte und Leidenschaften&#8221; und bringe die &#8220;noch zarten Nerven eines jungen Körpers zu völliger Überreizung und Zermorschung&#8221;. Die Folge: Das Kind &#8220;bricht im Lebenskampf zusammen&#8221;, wie es in einem Flugblatt der vereinigten Dresdner Jugendschriften-Ausschüsse von 1909 heißt. Die verdeckt dahinterstehende Argumentation, aus Gründen der Dezenz nicht weiter ausgeführt, ist natürlich die, das Kind werde durch die aufreizende Lektüre zur Masturbation verleitet, welche wiederum die entsprechenden körperlichen, geistigen und seelischen Schäden zur Folge habe. Doch auch die politischen Aspekte des Schundkonsums werden gesehen und sind den Schundkämpfern ein besonderer Dorn im Auge. Durch die gezielte Darstellung von Normverletzungen im Groschenroman werde das sittliche Empfinden abgestumpft, der Glaube an menschliche Gerechtigkeit, göttliche und staatliche Autorität geschwächt, es entstünde eine Unzufriedenheit, die, so die Angst, nur der Sozialdemokratie in die Hände spielen könne. In einem Zitat des Parochialvereins zu St. Johann (Berlin) finden wir um 1890 alles Böse vereint, dessen Ursprung in Schmutz und Schund liegt: Diese Literatur sei &#8220;danach angethan unser Volk von Gott zu entfremden, die Morde und Selbstmorde vermehren zu helfen, die Unsittlichkeit zu fördern, die Sozialdemokratie groß zu ziehen und zum &#8216;Klassenhaß&#8217; aufzufordern.&#8221; Sonst noch etwas?</p>


	<p>Aber sicher. Abenteuerliche Berichte kursierten, mit Begeisterung immer wieder aufgewärmt, durch die Landschaft der Schundkampfschriften. Die harmlosen, von den Dienstmädchen und Stallburschen, die aus &#8220;Lesewut&#8221; ihren Dienst versäumen und ihre Stellung verlieren; die Geschichte von dem Knaben, der im Fieber von Indianern phantasiert &#8211; folglich hat die verderbliche Literatur seine Krankheit hervorgerufen; Fälle von &#8220;Irrsinn&#8221; und &#8220;Tobsucht&#8221;, ausgelöst durch exzessive Lektüre; Sorgfältig ausgefeilte Beschreibungen von Selbstmorden Jugendlicher nach dem Beispiel von Romanheldinnen oder -helden; und schließlich Verbrechen jeglicher Art, Diebstähle, Überfälle, bis hin zu Mord, und immer findet sich im Besitz der jugendlichen Täter der entsprechende Schund. Die Argumentation erinnert in vielem an die heutige &#8220;Gewalt durch Fernsehen&#8221;-Diskussion. Da wird der kindliche Nachahmungstrieb zitiert, auf Verrohung und Abstumpfung hingewiesen, und die direkte kausale Verknüpfung von Schundkonsum und Gewaltanwendung steht außer Zweifel. Immerhin war die Debatte von einigem Nutzen für die jugendlichen Delinquenten; in den Haftanstalten kursierte der Tip, in der Verhandlung weinend und reuig auf die Verbrechergeschichten hinzuweisen, von denen man zur Nachahmung verführt worden sei &#8211; das gab mildernde Umstände.</p>


	<p><em>Helli schluchzte leise auf.</em>
<em>&#8220;Edith sagte mir, daß Sie sie heiraten würden, denn Sie seien arm und sie selber wäre reich. Und Sie brauchten eben eine Frau mit einer Mitgift und ich &#8211; ich habe doch nichts, ach, nun sind Sie mir böse!&#8221;</em> <em>Ueber Mahlsbergs Antlitz war eine Röte geflogen, die Röte des Unwillens über Edith Sendler.</em> <em>Nun aber beugte er sich zu dem jungen Mädchen herab und schaute ihm in die Augen.</em>
<em>&#8220;Ja&#8221;, sagte er, &#8220;ich bin arm und du auch, aber wenn du mich lieb hast, ein ganz klein wenig lieb, Helli!&#8221;</em> <em>&#8220;Ich hab dich ja lieb&#8221;, stotterte Helli,</em> <em>&#8220;aber du &#8211; du &#8211; nicht!&#8221; Da lachte Mahlsberg glücklich.</em></p>


	<p><em>[Konfliktlösung Teil I: Erfüllte Liebe]</em></p>


	<p>Doch welches Mittel gegen das Übel anwenden? Die Schriftenflut der Antischmutz-Kampagne diente vor allem dazu, die Eltern aufzurütteln, ihnen die Gefahr vor Augen zu führen. Denn in diesem Punkt waren sich die pädagogisch Interessierten jeglicher politischer und weltanschaulicher Couleur einig: Es ist eine schlimme Gefahr für &#8220;unser Volk&#8221; und &#8220;unsere Jugend&#8221;, und sie muß bekämpft werden. Doch dafür reichen gesetzliche und schulische Maßnahmen nicht aus, man muß die Eltern erreichen, die den direktesten Zugang zum Kind haben. Die Eltern, die den Schund zwar verbieten, aber nicht konsequent genug die Sachen ihrer Kinder danach durchforsten; die Eltern, die das Zeug schlecht, aber harmlos finden; die, welche &#8211; schlimmstenfalls &#8211; es selber gerne lesen; sie alle müssen erreicht und von der Notwendigkeit des &#8220;schärfsten Kampfes&#8221; überzeugt werden.</p>


	<p>Die zu diesem Zweck angewandten pädagogischen Argumentationsweisen erreichten eine erstaunliche Bandbreite, je nach Autor und Zielgruppe. Einig waren sich alle in einem gewissen patriotischen Grundtenor: &#8220;Eltern! Eure Knaben sind Euer Stolz und Eure Hoffnung. Sie sollen auch der Stolz und die Hoffnung des deutschen Volkes sein. Bewahret sie vor der nervenzermorschenden, geistverwirrenden, herzverrohenden Wirkung der Schundliteratur<sup><a href="#fn2">2</a></sup>!&#8221;</p>


	<p>Hin und wieder findet sich ein äußerst plump-pädagogischer Ton, wie etwa in der Kampfschrift von Karl Brunner, der, nachdem er den Leser ausführlich durch den &#8220;furchtbaren Morast&#8221; von Schmutz und Schund geführt hat, fortfährt: &#8220;Wenn ich auch jetzt noch dir zutrauen wollte, daß du Lust hättest, solche Schriften zu kaufen, zu lesen, oder gar deinen Kindern zu überlassen, dann würdest du wohl darin eine schwere Beleidigung deiner Menschenwürde erblicken. In flammender Entrüstung wirst du solche Machwerke zurückweisen, als einen Hohn auf deinen gesunden Menschenverstand, dein normales Empfinden für Gut und Böse, deine ganze Geistesbildung!&#8221;</p>


	<p>Sehr viel geschickter argumentiert der Dürerbund, dessen Flugblatt sich vornehmlich an den organisierten, bildungswilligen Arbeiter wendet. Dessen potentieller Standesdünkel wird gezielt hervorgelockt und ausgenutzt: &#8220;Laßt Ihr Eure Kinder Schnaps trinken? Der Lumpenproletarier tut das vielleicht, der Verkommene, der Gewissenlose oder auch der &#8211; Dumme, aber ganz gewiß nicht der gescheite Mann und die helläugige Frau, die ihren Menschenwert fühlen und die wollen, daß ihre Kinder heranwachsen zu gesunden und starken Menschen, zu Glücklichen, die&#8217;s einmal womöglich besser haben, als ihre Eltern selbst.&#8221; Der Arbeiter wird in seiner Aufstiegsorientierung bestärkt, die Schundliteratur als drohendes Gegenbild gezeichnet: &#8220;Vorwärts kommen kannst du mit so verdorbenem Kopfe nimmer und nie.&#8221; Gleichzeitig entsteht aus der sozialdemokratischen Grundhaltung ein gewisser Legitimationsdruck: &#8220;Wir, die wir hier zu Euch sprechen, wir dünken uns nicht besser oder vornehmer oder gescheiter, als Ihr seid [...]. Durch unseren Beruf aber sind wir gerade über diese Dinge besser unterrichtet, als Ihr, wie Ihr Eurerseits auf anderen Gebieten besser unterrichtet seid, als wir sind. Wir dürfen also zu Euch guten Gewissens reden.&#8221;</p>


	<p>Wirklich originell dagegen erscheint die Argumentation bei Arthur Heldt. Um die Eltern von den Gefahren der Schundliteratur für ihre Söhne zu überzeugen, wählt er den Umweg über die im Schundkampf oft vernachlässigten Mädchen. Er hält den Eltern vor, sie wären schockiert, wenn ihre Töchter ähnliches lesen würden wie die Jungen (was sicher oft genug der Fall war) &#8211; warum also sollten sie es den Jungen erlauben? Er skizziert er ein Horrorszenario des &#8220;gleichberechtigten&#8221; Schundkonsums, indem er ironisch spezielle Schundserien für Mädchen fordert, die, anders als die Jungen, keine spezielle Unterweisung in Bezug auf Laster, Schandtaten und Verbrechen erhalten. &#8220;Ist es aber nicht unsere Pflicht, unsern Töchtern dieselben erzieherischen Vorteile zu gewähren, welche ihre Brüder besitzen, um auch sie für ein ernstes, eifriges Verbrecherleben geeignet zu machen?&#8221; Mit großer Begeisterung entwickelt er diese Idee über etliche Seiten, entspinnt ausführlich &#8211; und nicht ohne Talent &#8211; die entsprechenden Geschichten von der &#8220;Einbrecherkönigin&#8221; und der &#8220;Mädchenmörderin&#8221;, die ohne mit der Wimper zu zucken die greulichsten Schandtaten begehen und mit Begeisterung und Überzeugung jeglicher Moral zuwiderhandeln&#8230; und dabei steigert er sich derart in die Inhalte seines Denkspiels hinein, daß er Foucaults Spirale gar nicht bemerkt, die grinsend in der Ecke sitzt und sich die Hände reibt&#8230;</p>


	<p><em>Doktor Bach tauchte zwischen den Rankengewächsen auf und in seinen Augen lag ein seltsames Leuchten.</em> <em>&#8220;Nein&#8221;, sagte er, &#8220;nicht ich habe hier meinen Segen zu erteilen.</em> <em>Ich kann mich nur freuen über zwei junge Menschen, die sich in Liebe gefunden haben. Das entscheidende Wort aber hat mein Freund, Graf Pfeil, zu sprechen.&#8221;</em> <em>&#8220;Ich?&#8221; fragte dieser erstaunt.</em> <em>&#8220;Lieber Karl&#8221;, bat der Doktor mit bewegter Stimme, &#8220;wirst du deinem Freunde eine kleine Komödie verzeihen können, die er dir zu Liebe ins Werk gesetzt, geleitet von den reinsten und edelsten Motiven, dich glücklich zu sehen? Wirst du mir verzeihen, daß ich dir deine Enkelin unter falscher Flagge ins Haus führte?&#8221; &#8220;Meine Enkelin!&#8221; stammelte der Graf und starrte Helli an.</em></p>


	<p><em>[Konfliktlösung Teil II: Geld und Liebe (und Stand)]</em></p>


	<p>Was nun die Mittel anbetrifft, um die Seuche einzudämmen, so wurden vielfältige, zum Teil nicht unoriginelle Vorschläge gemacht, so etwa Boykott aller Läden, die Schund verkaufen &#8211; nicht dumm, aber utopisch. Immer wieder wurde auf die Pflicht der Eltern hingewiesen, peinlich genau den Besitz ihrer Kinder zu durchsuchen, gefundene Hefte zu konfiszieren und zu vernichten und die Kinder strengstens zu ermahnen, auch zu strafen. Die Lehrer nahmen ähnliche Razzien vor, bei denen oft Tausende von Heften feierlich auf dem Schulhof verbrannt wurden. Es gab aber auch Schundgegner, die bei der Bekämpfung tiefer ansetzen wollten. Sie kritisierten die Praxis des Schulunterrichts, das langweilige Aneinanderreihen von Merkmalen, die ewige geistlose Auswendiglernerei und forderten einen anregenden, strukturierten Unterricht, durch den das Denken der Kinder gefördert wird, statt den Kopf mit Fakten zu überladen &#8211; durchaus moderne Gedanken. Sie gingen sogar noch weiter und kritisierten die Lehrkräfte, die, selbst ohne Verständnis für die deutsche Literatur, unfähig seien, dies in den Kindern zu wecken. Doch das grundlegendste und meistverwandte Argument lautete stets: Das schlechte Buch bekämpft man mit dem guten. Schund wird gelesen, weil er spannend ist, bunt illustriert und (scheinbar) billig. Also muß man nur gute, spannende, bunte und billige Literatur zur Verfügung stellen und den Leuten genau so aufdrängen, wie der Schund sich aufdrängt, dann werden sie sie schon lesen.</p>


	<p>Diese Rechnung ging natürlich nicht auf. Schund wurde und wird gelesen, eben <em>weil</em> es Schund ist, genau so soll er sein und nicht anders, genau so dumm, reißerisch, unlogisch und herrlich kitschig. Die &#8220;gute&#8221; Literatur erfüllte diese Bedingungen nicht; sie war einfach zu langweilig, um konkurrieren zu können.</p>


	<p>Dessenungeachtet versuchten die verschiedenen Vereine und Lehrerbünde, sich mit ihrer Vorstellung von &#8220;Volksliteratur&#8221; auf den Markt zu drängen. Es erschienen zahlreiche Broschüren mit wegweisenden Titeln wie <em>Der Gesundbrunnen</em>, in denen sich Auflistungen guter, sittlich wertvoller Literatur für jedes Alter fanden. Die entsprechenden Bücher konnten sich auch einen gewissen Marktanteil erobern, doch es gelang ihnen auch nicht annähernd, Schmutz und Schund von ihrem nun schon angestammten Platz zu verdrängen.</p>


	<p><em>Aber Mahlsberg ließ sie los und eilte in den Salon. Hier stieß er auf eine sehr merkwürdige Gruppe.</em> <em>Frau von Renner stand am Fenster und sah angelegentlich hinaus. Auf dem Rokokosofa aber saß Edith und vor ihr kniete Schwarzer.</em> <em>Als Mahlsberg eintrat, wurde Edith rot und Schwarzer stand auf. Der Tenor war weit davon entfernt, sich zu verfärben.</em> <em>&#8220;Herr von Mahlsberg&#8221;, sagte er theatralisch, &#8220;ich habe in Ihrem Hause das Glück meines Lebens gefunden. Ich habe mich soeben mit Fräulein Sendler verlobt.&#8221;</em></p>


	<p><em>[Konfliktlösung Teil <span class="caps">III</span> und vollkommene Harmonie: Auch die Nebenbuhlerin findet ihr Glück]</em></p>


	<p>Unzweifelhaft ist, daß der Schundkampf, bei allen hehren Zielen, in hohem Maß auch Produktionskampf war: Es ging immerhin um einen Absatzmarkt mit einem Umsatz von jährlich 50 Millionen Mark, und warum sollte dieses Geld nicht in die eigenen Taschen fließen&#8230;</p>


	<p>Doch gleichzeitig ging es um Werte, um Werte, die in hohem Maß emotional besetzt waren, die einem Kollektiv, die sich für das Wohl der ganzen Gesellschaft verantwortlich fühlte, als Leitsystem dienten. Die Schundkämpfer betrieben die systematische Durchsetzung ihres Weltentwurfs in dem sicheren Wissen aller Missionierenden, auf dem einzig richtigen Weg zu sein.</p>


	<p>Denn was auf dem Spiel stand, war emotional hochbrisant: das sorgfältig gehütete soziale Tabu der heilen und unschuldigen Kinderwelt, das in keinem Fall angetastet werden durfte. Diese Konstruktion der kindlichen Unschuld dient der als schuldhaft und sündig empfundenen Erwachsenenwelt als Gegenbild und Refugium, zumindest noch ein Ort auf dieser Welt, an dem alles gut ist, behütet, geborgen, frei von Schmutz, Schuld und Sünde. Eine allgemeine Bekanntheit Freudscher Ideen war noch in weiter Ferne, und wenn Kinder Verhaltensweisen zeigten, die mit diesem heilen Bild unvereinbar waren, dann bot sich die Schundliteratur an, die als <em>diabolus ex machina</em> aus einem reinen, unschuldigen Kind im Handumdrehen ein moralisch und gesundheitlich zerrüttetes Wesen machen konnte, das zu allen Schandtaten fähig war.</p>


	<p>Die Schundliteratur hat hier eine Stellvertreterfunktion; an ihr und durch sie werden gesellschaftliche Konflikte ausgetragen, die mit ihr zunächst wenig zu tun haben, daher auch unser leicht amüsiertes Befremden, wenn wir Schund von damals lesen und uns fragen, worüber sich eigentlich alle so aufregten. Der Schund wird zum Sündenbock für Fehlentwicklungen einer Gesellschaft, die nicht fähig und bereit ist, ihre sozialen Probleme zu lösen. Das Thema ist alt und die Konflikte immer noch nicht ausgetragen, finden wir doch heute genau dieselben unsäglichen Debatten um die Geschmacklosigkeit und moralische Verwerflichkeit der derzeitigen Talkshow-Schwemme.</p>


	<p>Nichts hat sich geändert. Ein modernes Medium ist an die Seite der mittlerweile etwas antiquierten (wenn auch immer noch massenhaft gelesenen) Groschenhefte getreten, um ihnen Unterstützung zu leisten in ihrer großen Aufgabe, das Bedürfnis der Menschen nach Schmutz und Schund zu befriedigen. Denn ob wir nun selbst gern Schund lesen oder uns in Foucaultscher Lust über die erheben, die es tun&#8212;Spaß haben wir doch alle daran.</p>


<hr />


	<p id="fn1"><sup>1</sup> <em>Bertold Brecht: Über die Popularität des Kriminalromans. In: Gesammelte Werke, Bd. 19. Frankfurt/Main 1967, S. 453.</em></p>


	<p id="fn2"><sup>2</sup> <em>Flugblatt von Oswald Trost, herausgegeben von den vereinigten Dresdner Jugendschriften-Ausschüssen, um 1909.</em></p>


<hr />


	<p><em><strong>Literaturhinweise</strong></em></p>


	<p><em>Brunner, Karl:</em> Unser Volk in Gefahr! Ein Kampfruf gegen die Schundliteratur. Pforzheim 1909.</p>


	<p><em>Flugblatt des Dürerbundes.</em> In: Schultze, Ernst: Die Schundliteratur. Halle an der Saale 1911, S. 159-161.</p>


	<p><em>Heldt, Arthur:</em> Die Schundliteratur. In kritischer Beleuchtung vom erzieherischen Standpunkt. Wesen, Ursachen, Wirkungen, Bekämpfung. Leipzig 1908.</p>


	<p><em>Just, Theodor:</em> Die Schundliteratur, eine Verbrechensursache und ihre Bekämpfung. Düsseldorf 1909.</p>


	<p><em>Sawersky, Maria:</em> Eines Grafen Enkelin. Mignon-Romane, Bd. 236. Dresden 1915.</p>


	<p><em>Foucault, Michel:</em> Histoire de la Sexualitè. Bd. 1: La volontè de savoir. O.O. 1976.</p>


	<p><em>Fullerton, Ronald A.:</em> Toward a commercial popular culture in Germany: The development of pamphlet fiction, 1871-1914. In: Journal of Social History 12 (1978/79), S. 489-511.</p>


	<p><em>Jäger, Georg:</em> Der Kampf gegen Schmutz und Schund. Die Reaktion der Gebildeten auf die Unterhaltungsindustrie. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 31 (1988), S. 163-191.</p>


	<p><em>Kosch, Günther, Manfred Nagl:</em> Der Kolportageroman. Bibliographie 1850-1960. Stuttgart, Weimar 1993.</p>


<em>Schenda, Rudolf:</em> Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910 (= Studien zur Philosophie und Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, Bd. 5). Frankfurt am Main 1970.
<hr />
Dieser Beitrag wurde das erste Mal in parapluie.de &#8211; elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen &#8211; no. 3: unkultur. 1997/98 veröffentlicht.
<em><strong>Alle Rechte liegen beim Autor.</strong></em>]]>
      </content:encoded>
      <pubDate>Fri, 04 Apr 2008 13:24:51 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="true">http://www.startblatt.net/blogs/trash/erregte-zeiten</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Kann denn Manga S&#252;nde sein?</title>
      <link>http://www.startblatt.net/blogs/trash/kann-denn-manga-suende-sein</link>
      <dc:creator>call 2.1 Trash</dc:creator>
      <content:encoded>
        <![CDATA[<p><em><strong>Ein Millionengschäft aus Japan</strong></em></p>


	<p>Mangas und Animes gehören mittlerweile zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Japans. Ein Drittel aller Druckerzeugnisse sind Mangas. Über 90 % der erwachsenen Japaner kaufen täglich mindestens ein Comicmagazin. 2004 war der japanische Comicmarkt mit 1,4 Milliarden Veröffentlichungen pro Jahr
der größte weltweit. Zwei Drittel der Titel wurden von den drei führenden Verlagshäusern Kodansha,
Shueisha und Shogakukan herausgebracht. Die Comicmagazine
erscheinen wöchentlich bis monatlich und in einer Stärke von 200 bis über 1000 Seiten. Inhaltlich umfassen sie die jeweils neuesten Kapitel mehrerer Serien. Man kauft sie günstig in
Zeitungsläden, Buchhandlungen und Supermärkten. Papier und Druck ist meist qualitativ minderwertig. Mehr Qualität braucht es jedoch nicht, da der größte Teil der Manga-
Magazine einmal gelesen und danach weggeworfen wird. Marktanteile der Magazine liegt bei etwa 70 %. Die Magazine sind außerdem wichtige Instrumente bei der Marktforschung. Setzt sich nämlich eine Serie im Magazin erfolgreich bei den LeserInnen durch, dann gibt&#8217;s auch bald Taschenbücher mit Zusammenfassungen mehrerer Kapitel der Serie in besserer Qualität und größeren Zeitabständen zu kaufen.</p>


	<p>Der massive Konsum von Mangas in Japan lässt sich darauf zurückführen, dass Mangas extrem schnell zu lesen sind (JapanerInnen erfassen bis zu etwa 30 Seiten in der Minute). Deshalb sind sie die idealen Begleiter für mehrstündige U-Bahn- oder Zugfahrten, die JapanerInnen in den Metropolen Japans auf dem Weg zur Schule,
Universität oder Arbeitsstelle zurücklegen müssen. Der Konsum von Mangas und die langen Anfahrtszeiten korrelieren demnach, was die Produktion von Mangas günstig beeinflusst.
Allerdings muss eingeräumt werden, dass bislang am meisten Mangas in der Mitte der 1990er Jahre konsumiert wurden. Am Beginn des 21. Jahrhundert zeichnen sich rückläufige Auflagenzahlen ab. Wahrscheinlich haben sich selbst die JapanerInnen an Mangas irgendwann satt gesehen. Denn Mangazeichnungen tauchen im japanischen Alltagsleben auch auf Hinweisschildern und öffentlichen Bekanntmachungen, in Gebrauchsanweisungen, in Schulbüchern, und in der Werbung auf. Da flaut die selbst die größte Begeisterung zu Langeweile ab.</p>]]>
      </content:encoded>
      <pubDate>Fri, 04 Apr 2008 12:45:16 +0200</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>Hack the Media</title>
      <link>http://www.startblatt.net/blogs/trash/hack-the-media</link>
      <dc:creator>call 2.1 Trash</dc:creator>
      <content:encoded>
        <![CDATA[<p><em><strong>...oder der digitale Aktionismus des Hans Bernhard</strong></em></p>


	<p>Es war 1996 und ich, am Computer sitzend, wunderte mich wieder einmal über den Crap den Suchmaschinen auf meine Anfrage lieferten. Noch darüber kontemplierend, ob künstliche Intelligenz wirklich diesen Namen verdient, und, quasi, um mich zu trösten, ein populäres Stichwort meines Unterhaltungsbedürfnisses eingebend, klickte ich auf ein Ergebnis.</p>


	<p>Doch anstatt mich genüsslich dem digitalen Trash widmen zu können, öffnete sich plötzlich ein Fenster mit dem Text: <em>&#8220;Don&#8217;t fucking move. This is a digital hijack&#8221;</em></p>


	<p>Die Situation fühlte sich schlagartig wie ein amerikanischer Katastrophenfilm der Klasse B-Movies an. Panik brach in mir aus. Alarmglocken schrillten in meinem Kopf. Was das Internet doch keine friedliche Idylle der leichten Unterhaltung? Bedrohungen von innen und außen? Hilfe!!! Hans Bernhard hat gehackt und die vermeintlich flachen Hierarchien der größten weltweiten Trash-Corner unterwandert. Mit einem Schlag, einem Angriff, hat er das Problem der medialen Autoritätsgewinnung bewusst gemacht, das sich nicht nur für die AnbieterInnen von Information, sondern auch für die KonsumentInnen stellt. Chapeau! Was hätte das Problem der eigenen Medienkompetenz eindringlicher vor Augen führen können.</p>


	<p>Nach meinem &#8220;digital hijack&#8221; war die (Medien-)Welt für mich nicht mehr, was sie einmal war. Ich war aus meiner passiven Trash-Konsumohnmacht aufgewacht. Ich hatte mich verführen lassen von der scheinbaren Harmlosigkeit der leichten Unterhaltung und hatte mich dabei selbst entführt. Klingt paradox, ist aber wahr.</p>


	<p>Hans Bernhard, ein Künstler, der mit technischen Kunstgriffen und juristischer Gratwanderung mehr bewirkt hat als alle Medienkritik und ihre schnöden Abhandlungen über medialen Trash. Hans Bernhard a.k.a. etoy.HANS,
etoy.BRAINHARD, hans_extrem, e01, Luzius Bernhard ist das fleischgewordene &#8220;Real time living&#8221; im Gegensatz zur amerikanischen fast food Trash Kultur, die von Kultur bis zur Infrastruktur aus Re-Runs der 50er bis 90er Jahren besteht.</p>


	<p>Hans Bernhard, das bedeutet digitaler Aktionismus in der Tradition der Wiener Aktionisten. Das bedeutet die Überführung der Prinzipien des Aktionismus in den digitalen Raum. Dabei werden freie Radikale freigesetzt, die den Markt der Aufmerksamkeit &#8211; den globalen massenmedialen News-Kanaelen [CNN] etc. &#8211; aufrühren, sprengen und zerschmettern. Verwendet werden zeitgenoessische low-tech
Intstrumente, live-generierte Techno-Ethik in den digitalen Peering-Netzwerken, juristisches Fachwissen und psychologische Transformation des technologischen Impacts auf die Kunst des angehenden 21. Jahrhunderts. Weitere Feature Projekte neben &#8220;the digital hijack&#8221; sind
&#8220;UBERMORGEN.COM&#8221;, &#8220;etoy&#8221;, &#8220;TOYWAR&#8221;, &#8220;[V]oteauction&#8221;,
&#8220;NAZI~LINE&#8221;, &#8220;[F]originals&#8221; und der &#8220;Injunction Generator&#8221;.</p>


	<p>Das massive Eindringen in massenmediale Kanäle des Hans Bernhard ist &#8220;Media Hacking&#8221;- die kritische Infragestellung eines &#8220;im Netzwerk haengens&#8221; der heutigen Trash-Kultur,die Zurschaustellung eines an &#8220;Vielen Millionen unsichtbaren aber fuehlbaren Kanaelen angeschlossen&#8221;- Seins, der Darbietung des Gefuehls, ein duennes Membran im selbst ausgeloesten massenmedialen Sturm zu sein. Spielfeld des Hans Bernhard ist der ganze Koerper des &#8220;Aktionisten&#8221; und
ganz speziell der Kopf. Es vibriert, es wird bedrohlich, es beschleunigt sich, die Kommunikation geraet total ausser Kontrolle und das Netzwerk wird zur globalen Bedrohung.</p>


	<p>Hans Bernhard: Welcome to the digital Underground! radikal.visionär.[ubermorgen.com].</p>]]>
      </content:encoded>
      <pubDate>Thu, 03 Apr 2008 14:21:50 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="true">http://www.startblatt.net/blogs/trash/hack-the-media</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Abschied von der Arbeiterklasse</title>
      <link>http://www.startblatt.net/blogs/trash/abschied-von-der-arbeiterklasse</link>
      <dc:creator>call 2.1 Trash</dc:creator>
      <content:encoded>
        <![CDATA[<p>Von <a href="http://www.startblatt.net/redakteur/3205">Albertine Devilder</a></p>


	<p>Guy Debord meint irgendwo<sup><a href="#fn1">1</a></sup>, seit den Erfahrungen der französischen Revolution sei die Bemühung aller etablierten Mächte immer darauf ausgerichtet gewesen, die Mittel der Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen zu vermehren. Und dies, meint Debord, gipfelte schließlich in der Abschaffung der Straße selbst. Ein wunderschöner Gedanke, der wunderschön auf die heutige Zeit paßt. Wie schafft es das Kapital heute, dafür zu sorgen, daß sich kein unerfreuliches «revolutionäres Potential», ja «das Proletariat», oder gar «das Volk selbst» auf den Straßen versammelt? Ach, es war noch nie so einfach, wie im Jahr 2000, denn dem Proletarier wird der soziale
Raum dadurch genommen, daß man ihm den virtuellen sozialen Raum überläßt. Anschließend bekommt er diesen virtuellen sozialen Raum – gefüllt mit Prototypen vom idealen Proleten – wieder zurück. Wie das geht?</p>


	<p>Seit einigen Jahren schon können wir in den wichtigsten Medien (TV, Boulevardpresse) eine fast perfekt stilisierte Proleten-Ästhetik beobachten: White-Trash, Trash-Kultur also. Auf die Schreinemakerisierung folgten Verfeldbuschung und Zlatkoisierung des TV-Programms. Ficken, Saufen, Brüllen: Trash Idolatrie. Es gab von Nam Jun Paik in den späten Siebzigern oder frühen Achtzigern eine ganz kleine
Videoinstallation, ich glaube, sie hieß ‹TV Buddha›. Es handelte sich hier um eine kleine sitzende Buddhafigur, die in einen kleinen Fernsehapparat schaute, in dem sie
sich selber sah. Faszinierend. Dieses Bild ist überaus mächtig und hat mich zum Schreiben dieses kleinen Essays verleitet. Denn was gibt es in den TV-Programmen
im Jahr 2000 zu sehen? Na gut, ich sach&#8217; jetzt mal: Der Prolet sieht sich selbst! Das ist es! Also müssen die Medienmacher – im Auftrag des Kapitals – unbedingt alles
tun, damit er sich auch selber sieht. Wie kann das gehen? Aber hallo: Guckt einfach in das TV-Programm von heute und leset die Überschriften der heute laufenden Talkshows! Alles klar?</p>


	<p>Die die TV-Formatmacher einigenden Überzeugungen sind einfach zu beschreiben: Wir dürfen den Zuschauer nicht überfordern, wir müssen alle Schlaubergereien unterlassen, wir müssen mit dem Niveau immer schön auf dem Teppich bleiben, wir dürfen ihn nicht belehren, und wir dürfen immer nur nach Gefühlen fragen und nie nach politischen Zusammenhängen oder Argumenten (vgl. dazu das 4. Kapitel des
Essays «Im Auge des Spektakels»). Das äußerste zugelassene «Argument» in diesem Kontext ist etwa ein: «Da müssen sich einige Herren da oben wohl mal einige Fragen
gefallen lassen!» Aber gerne doch, mein kleiner domestizierter Westentaschenjammerer! (Die Frage wird sogar prompt von oben beantwortet: «Es kann sich hier nur um ein Kommunikationsproblem handeln.» Ein, äh, was? Eben.)</p>


	<p>Sehr wichtig ist es, in den TV-Formaten Identifizierungsmöglichkeiten zu bieten. In
den daily soaps zum Beispiel «spielen» schon längst keine Schauspieler mehr, sondern Leute «wie Du und Ich». Schauspieler würden irgendwie künstlich wirken. Die
können ja was. Nur das Künstliche der Nicht-Schauspieler wirkt auf den Proleten so überzeugend nicht künstlich, also echt. Interessant sind auch die explodierenden
Reality-TV-Formate: Es gibt (scheinbar) keine Drehbücher mehr, man bringt die Leute einfach zusammen, sperrt sie ein, verbannt sie irgendwo hin, läßt sie einfach zusammensitzen und Sprüche machen. Das reicht. Um das Motto der Kulturepoche der Postmoderne voll zu erfüllen: Es geht um nichts mehr! Und jetzt kommt das Wichtigste!! Was da in den Trash-Formaten gesagt und «gefühlt» wird, könnte jeder
sagen und fühlen. Darum geht es. Zentralrede.</p>


	<p>Ich denke nun, daß durch die Übererfüllung der Geschmackspräferenzen des einzelnen Proleten eben derselbe «wie in einem Wasserfall» (Dieter Thoma, Ex-RTLChef)
vor dem TV festgeklebt wird. Er wird entsolidarisiert, vereinzelicht und seiner Klassenzugehörigkeit beraubt (vgl. dazu «Über das Besiegte»). Und das jeden Tag auf&#8217;s Neue. Das ist die perfekte Kontrolle. Halt&#8217; die Leute an den Bildschirmen fest und gib ihnen mit der Fernbedienung und 30 Programmen die Illusion der Kontrolle! Das reicht.</p>


	<p>Das «Teile und Herrsche» geht also heute so: Die isolierten Konsummonaden werden von der telekommunikativen Gemeinschaft des Großen Bruders wieder zusammengefügt. So sind dann zwar alle vereinzelt, aber niemand ist einsam, denn: «Du bist nicht allein». Aus dem «Teile und Herrsche!» der alten Römer ist heute also ein «Isoliere und reintegriere!» geworden. Die in ihren Wohnzellen, in ihrer Wohnhaft lebenden Individuen werden täglich und rund um die Uhr von TV-Spektakelbildern und Höhepunkten der Gemeinheit zusammengehalten. Und in der wenigen Zeit, in
der sie nicht vor dem TV sitzen, sprechen sie ganz Bild-gesättigt und Bild-erfüllt darüber, wie das war, als sie davor gesessen haben. Und eben erst durch dieses
soziale Zusammenkleistern erreichen die TV-Bilder, die sich der einzelnen Individuen ja längst bemächtigt haben, ihre volle Macht.</p>


	<p>Der Sieg der Arbeiterklasse über die Definitionsgewalt öffentlicher Ästhetik, der Sieg der proletarischen Ästhetik also markiert gleichzeitig den Abschied von all dem
soziologisch und politisch Aufgeladenen, das die Arbeiterklasse (als sozialem System mit Identifikationseinladung) mal ausgezeichnet hat. Die Abschaffung des Proletariats durch die Proletarisierung der Ästhetik. So könnte es sein. Aber ist der Sieg der proletarischen Ästhetik ein Sieg? I wo! Reingefallen! Das Kapital hat mal wieder gesiegt, indem es dem einzelnen Proleten erlaubt, er selbst zu sein, sich selbst in den Medien zusehen zu dürfen und von allem Wissen verschont zu bleiben, welches seine «Lage» ändern könnte. Hauptsache er kauft, ist Endverbraucher. Was er kauft ist dem Kapital ziemlich egal. Opel oder Ford. Nur, stellt euch vor, er weigerte sich, zu kaufen, was er kaufen soll? Unvorstellbar? Stimmt. Sieg der Arbeiterklasse? Gesiegt hat der vereinzelte, vereinzelichte, entsolidarisierte, entpolitisierte Proletarier, das Produkt und Ziel final-kapitalistischer Marktstrategien, gesiegt hat der
atomisierte Prolet, dem die Gemeinschaft der Arbeiter egal ist, weil er sie nicht kennt, und kennte er sie, würde sie ihn langweilen. Ist das ein Sieg? Was ist also aus dem
wunderschönen «Proletarier aller Länder vereinigt euch!» geworden? Na gut, ich sach&#8217; jetzt mal, die Proletarier aller Länder vereinigen sich doch, täglich, vor dem Fernseher. Ist doch gut, oder?</p>


<hr />


	<p id="fn1"><sup>1</sup> Dieses ‹Irgendwo› ist selbstverständlich kein ‹Nirgendwo›. Es hat einen Ort: Guy Debord (1996) Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin: Edition Tiamat. Seite 147.</p>


<hr />


	<p>Dieser Beitrag wurde am 7. September 2000 erstellt – letzte Überarbeitung: 7. September 2000 und im &#8220;Skepsis-Reservat Abgesänge: Nachrufe&#8221; der <a href="http://www.boag-online.de">Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung</a> veröffentlicht.
<em><strong>Alle Rechte vorbehalten.</strong></em></p>]]>
      </content:encoded>
      <pubDate>Tue, 01 Apr 2008 15:16:43 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="true">http://www.startblatt.net/blogs/trash/abschied-von-der-arbeiterklasse</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Was ist dran an Disney/World?</title>
      <link>http://www.startblatt.net/blogs/trash/was-ist-dran-an-disney-world</link>
      <dc:creator>call 2.1 Trash</dc:creator>
      <content:encoded>
        <![CDATA[<p>Von <a href="http://www.startblatt.net/redakteur/3203">Thomas Wägenbaur</a></p>


	<p><em>Euro Disney ist ein Flop. Was sich in den <span class="caps">USA</span> verkauft, verkauft sich in Europa noch immer nicht. Aber kein Grund zur Schadenfreude, so wie die Sache liegt, müßte doch der Unterschied zwischen Konzeption und Konsumption in den Griff zu kriegen sein. Nachhilfestunden für die Controler: der Kunde übt sich in Disney Kritik.</em></p>


	<p>Vergessen wir einmal, was Lous Marin oder Jean Baudrillard an Disney World zu kritisieren hatten, gehen wir doch einmal selber hin und lassen uns von den kids Disney nicht etwa erklären, sondern zeigen. Was dann verblüfft, ist, daß gerade beim puren Kunden, die Disney-Ideologie nicht verfängt. Es wird zwar konsumiert, aber ganz anders als gedacht. Und wenn die Marktforschungsexpertise dann erscheint, ist sie bereits veraltet.</p>


	<p>Disney World ist größer als Orlando zur einen und Cape Canaveral zur anderen Seite, aber das merkt der Kunde nicht beim Konsumieren, im Kaufrausch merkt er nichts von der Kontrolle. Er merkt nicht, daß hier &#8220;die Karte vor dem Territorium&#8221; kommt, daß die inszenierte Disney Welt drinnen mit der Welt draußen konspiriert, um zum Satellit des &#8220;Hyperrealen&#8221; zu werden&#8212;Baudrillards Ausdruck für unser Zeitalter der Simulacra. Disney inszeniert konsumierbare Geschichten, um uns die unkonsumierbare Geschichte nicht merken zu lassen, aber das verfängt doch nicht, noch nicht einmal bei den <em>kids</em>.</p>


	<p>Der Besuch in Denny&#8217;s Restaurant ist für Kinder gratis. Auf dem Tisch liegen Plastik-Sets bedruckt mit der Speisekarte: 
<em>Stone-Age spaghetti, sabertooth-chicken, brontosaurus-burger</em> etc. &#8220;Was hat das Essen mit den Sauriern zu tun?&#8221;, fragt mich Daniel, der das Essen satt hat, weil wir schon zum dritten Mal hier sind. &#8220;Es ist bloß die Masche mit der Verpackung&#8221;, sag ich zu ihm. &#8220;Aber die Saurier haben sich gegenseitig gefressen.&#8221; beantwortet Daniel seine eigene Frage. &#8220;Was haben wir mit den Sauriern zu tun?&#8221;, fragt er weiter und David erklärt es ihm: <em>&#8220;If these are prehistoric creatures, we must be posthistoric creatures.&#8221;</em> Bei uns müßten die Saurier eben fressen, was auf den Tisch kommt.</p>


	<p>Disney World ist &#8216;posthistorisch&#8217; &#8211; als ob das möglich wäre &#8211; zumindest soll uns diese Illusion vermittelt werden. Probleme gibt es keine, Erinnerung auch nicht, Daten und Namen werden verschwiegen. Disney versucht sich noch einmal in einer &#8216;großen Erzählung&#8217;, aber viel gibt es nicht mehr zu erzählen, alles Puppenspiel und Holographie. Schließlich, ein passiver Ritt in die Zukunft des Fortschritts, Dank der Konzerne, deren Motive nicht zur Sprache kommen, auch nicht in Frage stehen.</p>


	<p>Vom Parkplatz bringt uns eine Bahn zum <em>Magic Kingdom</em>. Dort müssen wir uns entscheiden, ob wir mit der Fähre über oder mit der Bahn um einen der fünf Seen, die <em>Cinderella&#8217;s Castle</em> umgeben, fahren wollen. David und Daniel wollen natürlich mit der Bahn fahren, weil sie schneller als die Fähre ist. Dennoch kommen wir zugleich mit den anderen vom Parkplatz an, denn die Bahn hat einen Umweg gemacht. David und Daniel sind etwas frustriert.</p>


	<p>Temporalität wird in Disney World negiert. Die Zukunft ist ko-existent mit der Vergangenheit: Links herum geht&#8217;s durchs  
<em>frontier land,</em> zu <em>Tom Sawyer&#8217;s boat ride</em>, und zu den Cowboys, rechts herum geht&#8217;s zum <em>Space Mountain</em> und zu den Satellitenflügen. Vergangenheit und Zukunft sind von oben gesehen um ein Zentrum herum gruppiert. Von oben ist alles gleichzeitig, unten erlebt man alles nacheinander. Aufhebung der Zeit: keine Bezüge, keine Kausalität, keine kulturellen Unterschiede, kein Tod, nichts Anderes. All das ersetzt durch exzessiven Konsum, effizienten Service, Nippes-Angebote und endlose Schlangen.</p>


	<p><em>Main Street, <span class="caps">USA</span></em> führt direkt zu <em>Cinderella&#8217;s Castle</em> und sei eine authentische Nachbildung einer amerikanischen Kleinstadt um die Jahrhundertwende, sagt der Führer. Kein verstaubtes Museum, sondern ein belebtes Kaufhaus. Im alten Kino läuft ein alter Film, der Barbier schneidet Haare. Alles ist <em>for sale</em>. Nur der Weg zum Klo führt an modernen Spielautomaten vorbei, die es damals nicht gab. &#8220;<em>Main Street</em>&#8221; gibt es längst nicht mehr, aber hier. Kein Zeichen von Verfall und Veränderung, die Simulation ist perfekt, sie repräsentiert alles andere als eine <em>main street</em> um die Jahrhundertwende. Keiner stört sich jedoch daran, daß die <em>main street</em> hier um ihre Geschichte gebracht wird, wie sie mit dem Land zusammenhing, wie sie durch die Attraktivität der größeren Städte und der größeren Geschäfte dort langsam verkam. Verschwiegen wird der Zusammenhang, daß die alte <em>main street</em> verschwand wegen des Telephons, der Automobile, der Gas- und Ölindustrie, wegen AT&#38;T, General Motors und Exxon. Denen, die das Idyll <em>main street</em> auf dem Gewissen haben, verdanken wir das Epcot Zentrum in Disney World. Täter und Opfer existieren hier gemeinsam um des Profits willen. Unsere Nostalgie wird geweckt und unmittelbar durch Konsum befriedigt, aber die Rechnung geht nicht auf.</p>


	<p>Die Jungs kriegen nichts davon mit, sie haben ihr Programm: <em>3D movie, Space Mountain, Big Thunder, Haunted House</em>. Dazwischen ist nicht viel. Um das Erleben geht es auch weniger als um das Erlebt-Haben, den Freunden zu Hause sagen zu können, sie haben die Dinge gemacht, die man tun muß. Sie haben es eilig und das entspricht genau der Verräumlichung der Zeit in Disney World. Erst durch die Wiederholung, dann, wenn es langweilig wird, ist man den Streß der Beschleunigung los.</p>


	<p>Von dem <em>3D movie</em> sind sie enttäuscht. Innen darf man die Brillen nicht absetzen, weil es die Augen gefährden würde. Nach außen darf man sie auch nicht mitnehmen, ebenfalls, weil es die Augen gefährden würde. Disney beherrscht die Tiefendimension, das soll einem klar werden, bevor man zu den anderen Attraktionen kommt. Abbildungen müssen dreidimensional sein, um uns den Triumph über das Original zu verschaffen, deshalb ist <em>Jurassic Park</em> so erfolgreich. Die Jungs hätten lieber einen besseren Film gesehen oder die Brillen mitgenommen, dann allerdings wäre ihnen der Betrug klar geworden.</p>


	<p>Weiter geht es zum <em>Space Mountain</em> , was interessiert ist die Zukunft. David und Daniel wissen vorher schon, daß diese Erfahrung &#8220;<em>cool</em>&#8221; ist. Zum <em>mountain</em> geht es hoch, beim Fall erfährt man dann die Schwerelosigkeit des <em>space</em>. <em>Space Mountain</em> eine katachrestische Erfahrung: <em>mountain</em> steht eigentlich für die Loslösung von der Schwerkraft und <em>space</em> für das Gegenteil, die Kollision mit ihr. Hier entkommt man also nicht nur der Zeit, der Geschichte, sondern auch noch der physischen Körperlichkeit. Gleich daneben jedoch ist der Ort an dem die Raumfähre Challenger explodierte. Das sensationelle Szenarium von <em>Space Mountain</em> ist also ein Katastrophe, ein Szenarium das wirkliche Katastrophen völlig vergessen macht. Erst entzieht Disney World dem Besucher den Zeit- und Geschichtssinn und dann den Sinn für Bezüge. Haben wir Temporalität und Referentialität verloren, dann ist alles Simulation von Simulationen. Aber so ist es nicht.</p>


	<p>Mit <em>Space Mountain</em> triumphierten wir über den Tod, überlebten wir den Aufprall, durch Atemporalität und Areferentialität. Mit dem <em>Haunted House</em> gelingt das Gleiche durch Holographie. Unsere Wagen laufen am Band durch die Geisterbahn, uns wiederfährt das Übliche: Spinnweben, Skelette, sprechende Köpfe in Gläsern &#8230; und am Ende sehen wir uns im Spiegel, nur mit einem Geist neben uns. Die anderen sehen mich und ich sehe sie mit der Projektion des Geistes auf ihrem Körper und das ist wirklich gespenstisch. Ich beobachte ein Morphing von David und Daniel in Geister und sie kommen tatsächlich noch einmal mit einem Schrecken davon.</p>


	<p><em>Big Thunder</em> kommt nicht vom Donner, sondern von den Loren im Bergbau, die durch die Schächte donnern. Wir sitzen in diesen Wagen, es ist keine Kommunikation möglich, es ist auch kein Abstand zum Geschehen möglich. Draußen langweile ich mich, hier drinnen, mitten in der Beschleunigung gehen wir alle auf in der Bewegung. Hier steht kein Bewußtsein im Weg des Begehrens und jede Dialektik ist außer Kraft gesetzt.</p>


	<p>Bei der nächsten Attraktion bin ich nicht dabei und schaue mich um: Schwitzende, müde Kleinfamilien; Väter, die stöhnend ihre Kameras zu reparieren versuchen; Mütter die sichtlich entnervt Windeln wechseln; Kinder, die miteinander streiten, mit ihren Strohhalmen ihre Cola zum Blubbern bringen, Pommes Frites auf den Boden fallen lassen usw. Eine Menschenmenge und keine die zufrieden ist.</p>


	<p>Riskantes Territorium, zu dem die Karte fehlt. Hier gibt es Chaos und unerwartete Veränderungen, Auseinandersetzungen und handfeste Konflikte. Väter wollen nach Hause, Kinder möchten Souvenirs oder die eine oder andere Sache nochmal machen. Mütter wollen sitzen bleiben und ihre Ruhe haben. Außerhalb der Attraktionen und Sensationen, abseits der klimatisierten Dunkelheit und Anonymität, am Rande der &#8220;Karte vor dem Territorium&#8221; und eben auch mittendrin, findet sich wieder Temporalität und Referenzialität ein. Die Präzession der Simulacra ist nicht so absolut, wie Baudrillard sich das dachte, der vielleicht nie da war. Hat er die besinnungslose Begeisterung und die gelangweilte Wahrnehmung der anderen, also den Kontrast, überhaupt erlebt? Wir fahren zu unserem Motel, um für morgen, für das Epcot Zentrum fit zu sein.</p>


	<p>Epcot ist ganz anders: das Wasser ist drinnen und nicht draußen, drum herum stehen die Häuser mit den Attraktionen, geordnet nach Technologien und nach Kulturen. Aber auch Epcot bietet ein historisierendes Schaufenster, in dem alles simuliert ist und nur von der Geschichte ablenken soll. Alles geht hier schneller als im <em>Magic Kingdom</em>, denn alles läuft auf Fließbändern, hier kann man nicht anhalten oder zweimal hinschauen wie im Museum. Man springt auf und wieder herunter, dazwischen gibt es nichts zu sehen.</p>


	<p>Die Zeitalter der Technologie kommentiert eine Stimme, die man bei der nächsten Attraktion noch dasselbe sagen hört. Die Stimme läßt alles grandios erscheinen, nur nennt sie nie Namen oder Daten. Von Höhlenbildern ist die Rede, aber Lascaux wird nicht genannt. Griechen werden gezeigt beim Spiel, aber wir erfahren nicht welches. Der Beginn des Buchdrucks wird dargestellt, aber es fehlt ein Datum oder ein Name usw. Keine Daten und Namen, Beobachtung vom Fließband, kein Halt, der uns zum Nachdenken kommen ließe. Im Elektronikzeitalter dann Hektik, wir sehen uns selber im Bildschirm, wir sehen, wie wir bewegt werden, am Schluß erscheint der Name für alles: AT&#38;T. Eine inhaltslose Erzählung und dann ein einziger Name, als ob die ganze Technologiegeschichte nur auf American als Vorname hinausliefe. Doch das war noch nicht das Ende, denn nun geht es aufwärts in die Zukunft mit dem Fließband, denn AT&#38;T verspricht uns den Kosmos des Informationszeitalters. Das läßt uns den eigenen Tod vergessen und macht uns wieder zu posthistorischen Wesen, die sich selbst überlebt haben. Die Sternbilder, die wir sehen, gibt es nicht, sie sind simuliert. Wir haben es geschafft: nicht wir sind Teil des Universums, sondern das Universum ein Teil von uns, d.h. von AT&#38;T.</p>


	<p>Das ist der Ablauf auch in den anderen Häusern. <em>The House of Motion</em> fängt an mit dem Rad &#8211; von Archimedes keine Rede &#8211; und führt uns empor zur Offenbarung General Motors. Das Haus der Energie endet mit Exxon, das Haus der Landwirtschaft mit Kraft. Diese Konzerne sind nicht damit zufrieden, Waren massenhaft zu produzieren, sie möchten auch gerne noch die allgemeinen Kategorien (Kommunikation, Energie, Bewegung, Ernte), unter die sie fallen, selbst produzieren. Wenn sie dann noch die ganz Technologiegeschichte für sich reklamieren, verkaufen auch sie nicht nur Waren, sondern Zeitlosigkeit. Und nicht nur das, man hat als Zuschauer auf den Fließbändern das Gefühl, selbst massenhaft produziert zu werden.</p>


	<p>Die Häuser der Technologie finden sich alle vorn am See, links kommen dann die Häuser Mexiko, China und Skandinavien, gegenüber liegen Deutschland, Italien, Japan, Marokko und Frankreich und rechts dann England, die <span class="caps">USA</span> und Kanada. Was haben diese Häuser zu tun mit den Häusern der Technologiegeschichte? Wo sind Rußland, Australien, Indien, Afrika und Süd-Amerika geblieben? Epcot heißt <em>Environmental Prototype Community of Tommorrow</em>. Im Namen der Zukunft wird hier jedes Land zum Prototyp. Waren David und Daniel bisher bloß Zuschauer, sind sie jetzt wieder Kunden. In Mexiko waren sie auf einem Schüleraustausch und das Mexiko-Haus ist leicht als Simulation entlarvt: es fehlen die Mexikaner vor den Ständen und nicht dahinter, es fehlt der Staub, das Geschrei, das Durcheinander. Nein hier sei es wie die Mexiko-Woche im Kaufhaus zuhause. Wir gehen in eine Bar und bestellen auf Spanisch und werden auf Englisch bedient.</p>


	<p>So geht es in allen Häusern: von außen authentische Architektur, innen ersetzt Konsum die Kultur. Besonders leid tut einem Marokko, das einzige Land Afrikas: es belegt nur die Hälfte des Hauses, in der anderen Hälfte befinden sich die einzigen Toiletten auf dieser Seite des Sees. Im Frankreich-Haus bezahle ich unsere Cola bei einer jungen Frau, auf deren Namensschild Betsy steht. Ich frage sie, wie sie eigentlich und zwar auf Französisch heißt und sie antwortet in Englisch, einem Englisch mit französischem Akzent: <em>&#8220;This is not my real name. We don&#8217;t use our real names. We wear uniforms with American names.&#8221;</em></p>


	<p>Während <em>Magic Kingdom</em> alles vermeidet, was etwas anderes repräsentiert, versucht Epcot alles andere mitzurepräsentieren. Aber diese Andersartigkeit reduziert sich letztlich wieder auf eine einzige Äußerung und die ist Englisch. Die <em>Environmental Prototype Community of Tommorrow</em> spottet der Andersartigkeit, der Heterogenität, indem hier alle Kulturen dem Konsum untergeordnet werden, der nur eine Währung kennt.</p>


	<p>Die Jungs sind restlos frustriert und jammern: keine Sensationen, keine Spiele, wenig andere <em>kids</em>, keine rechten Souvenirs. Die siebenstündige Wanderung um den See hat ihnen nichts gebracht. Daß hier alles nur simuliert ist, ist für sie so offensichtlich, wie die Erfahrung im <em>Space-Mountain</em> für sie echt war. Die ganze Selbstverherrlichung der Konzerne in Epcot ging an ihnen völlig vorbei. Andy Warhol meinte einmal:&#8221;Je länger du schaust und es bleibt immer das Gleiche, desto besser und leerer fühlst du dich&#8221; (sic). Das hatte sich Walt Disney ursprünglich nicht vorgestellt, daß Disney World über seine Redundanz und nicht seine Variabilität Wirkung entfaltet.</p>


	<p>Baudrillard insistiert darauf: &#8220;Disneyland wird als imaginär präsentiert, um uns glauben zu machen, daß der Rest real sei.&#8221; Da hat er nicht Recht, denn der Eintritt unterscheidet sich vom Austritt: am Anfang weiß ich es noch, am Ende weiß ich es aber nicht mehr recht, was wirklich und was imaginär ist. Aber gerade das müßte nach Baudrillard bezweckt werden. Dagegen hat Marin Recht: &#8220;Deshalb findet der Besucher, der die Realität am Eingang zurückgelassen hat, sie am Ausgang wieder aber als das wirklich &#8216;Imaginäre&#8217;&#8221;. Was uns diese Erfahrung vermittelt ist, was Baudrillard und Marin unterschätzen: der Mythos der Technologie. Disney World präsentiert sich als imaginär, ja, aber nur um den Preis der Unterdrückung einer transzendentalen Metaphysik, die Unterdrückung des &#8220;Realen&#8221;. Eine Harmonisierung, die nur mit Hilfe der Technik gelingt. Disney World wird uns als imaginär präsentiert, damit wir daran zweifeln, daß der Rest real sei: um Geschichte kommt man herum, der Tod läßt sich aufschieben. Disney World soll einen Mythos verkörpern im Sinne Marins: &#8220;Ein Mythos ist eine Erzählung, die einen fundamentalen Widerspruch in einer Gesellschaft auf phantastische Weise &#8216;löst&#8217;.&#8221;</p>


	<p>Die Gesellschaft sind die <span class="caps">USA</span>, der fundamentale Gegensatz ist die Tatsache, daß es die Zeit und den Tod noch immer gibt. Wir können zwar Maschinen, Simulacra und Doppelgänger erfinden, die ihr eigenes Leben haben, aber wir &#8220;erste Beweger und Schöpfer&#8221; sterben noch immer. Die phantastische Lösung, wenn man um Geschichte herumkommen will und den Tod bezweifelt, besteht darin zu glauben, wir würden schließlich die Technologie der Lebensverlängerung in den Griff bekommen. Aber das interessiert David and Daniel überhaupt nicht. Es sind zwei sehr verschiedene Dinge, ob ich die subjektive Zeitlosigkeit des Technik-Erlebnisses suche oder die objektive Zeitlosigkeit der Erlebnis-Technologie. Das eine bedeutet so etwas wie &#8220;Selbstverwirklichung&#8221;, das andere ist schlicht eine Verkaufsstrategie. Aber dann ist Selbstillusionierung immer noch besser als Fremdillusionierung. Nur daß das eine im anderen stattfinden kann: Disney World wird nicht merken, daß die Kunden sich an ihrer Verkaufsstrategie vorbeiamüsieren. In Frankreich und Europa merken sie es, denn dort ist der Sinn für Geschichte und das Andere immer noch ausgeprägter als in sonnigen Florida. Das heißt natürlich nicht, es gäbe keine europäische Verkaufstrategie: der sogenannte &#8220;mainstream der Minderheiten&#8221; beweist es, gerade kulturelle Unterschiede lassen sich als populäre Indi-Musik und populären Indi-Film vermarkten. Warum also nicht ein Euro-Disney, es muß bloß dezentral von der Peripherie herkommen und den Unterschied zwischen den <span class="caps">USA</span> und Europa berücksichtigen, unter Umständen mitvermarkten. Das werden die Markforscher doch wohl noch in den Griff kriegen, daß die meisten Kunden mit einigem Sinn für Ironie sich in Disney-Land über Disney-Land amüsieren&#8212;und ansonsten natürlich jeden wilden Ritt mitmachen. Es gibt immer genug Kultur, um ihre Elemente als Unkultur vermarkten zu können und aus dem Angebot der Unkultur hat sich noch immer jeder das herausgepickt, was ihm/ihr als Kultur paßt.</p>


	<p>Man mag die moderne Arbitrarität des Kulturbetriebs, der keiner Tradition oder Hierarchie mehr folgt, bedauern oder begrüßen, die Frage ist doch, ob sich die kulturelle Dynamik der &#8220;Wertsetzung&#8221; mit dem Warenkreislauf der &#8220;Wertschöpfung&#8221; bis zu dem Punkt beschleunigt, an dem keine Aussagen über &#8220;Kultur&#8221; mehr möglich sind, weil keine Wahrnehmung mehr als gesichert gelten kann oder ob nicht umgekehrt, doch immer noch die Physiologie, Psychologie und Kommunikationsfähigkeit des Kunden die kulturelle Dynamik bremst, weil er/sie einfach nicht mitkommt. Besuchen wir Disney, befinden wir uns auf einem dieser Exerzierfelder mensch-medial-maschineller Ko-evolutionsübungen. Keiner weiss, was dabei herauskommt, nicht jeder will&#8217;s wissen, aber jeder erfährt&#8217;s täglich ein Stück weit und noch konkurrieren die Programme.</p>


<hr />


	<p><em><strong>Literaturhinweise</strong></em></p>


	<p><em>Jean Baudrillard:</em> Die Präzession der Simulakra, in: Agonie des Realen, Berlin: Merve, 1978, 7-70.</p>


	<p><em>Louis Marin:</em> Disneyland: A Degenerate Utopia, in: Glyph 1, Balimore: Johns Hopkins UP, 1977.</p>


<hr />
Dieser Beitrag wurde das erste Mal in parapluie.de &#8211; elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen &#8211; no. 3: unkultur. 1997/98 veröffentlicht.
<em><strong>Alle Rechte liegen beim Autor.</strong></em>]]>
      </content:encoded>
      <pubDate>Mon, 31 Mar 2008 23:10:39 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="true">http://www.startblatt.net/blogs/trash/was-ist-dran-an-disney-world</guid>
    </item>
    <item>
      <title>TRASH ist (fast) garbage</title>
      <link>http://www.startblatt.net/blogs/trash/trash-ist--fast--garbage</link>
      <dc:creator>call 2.1 Trash</dc:creator>
      <content:encoded>
        <![CDATA[<p><em><strong>–aber eben nur fast, denn „TRASH ist mehr als die Summe seiner Teilchen“ (frei nach Aristoteles).</strong></em></p>


	<p>Von <a href="http://www.startblatt.net/redakteur/2466">Alfred Rhomberg</a></p>


	<p>Es ist schon eine besondere Kulturleistung unserer Zeit, <span class="caps">TRASH</span>  zu einem Kult- bzw. Kunstbegriff zu machen, während „garbage“ weiterhin sein tristes Dasein mit dem Begriff Müll, Mülleimer &#8230; fristen muss. Auch trash ist zunächst nichts anderes als Müll, Abfalleimer etc., wird aber durch  Begriffe wie „Kitsch, Schund, Quatsch, Unsinn – im amerikanischen englisch sogar Gesindel“ deutlich aufgewertet. Schund, Quatsch und Unsinn lassen sich heute immer zu etwas „Positivem“ umdeuten – „garbage“ bleibt Müll!</p>


	<p>Nach dieser  wenig versprechenden Einleitung bleibt nun nichts anderes übrig, als dem Phänomen <span class="caps">TRASH</span>  mit ein paar harten Fakten auf den Grund zu gehen:
<span class="caps">TRASH</span> wird in google 109 millionenmal,  „garbage“ nur 59 millionenmal erwähnt. In yahoo beträgt die Zahl der Eintragungen für <span class="caps">TRASH 201</span> Millionen, für „garbage“ immerhin 148 Millionen. Diese nüchternen Zahlen sind vielleicht ein Grund, warum sich der Microsoft-Riese derzeit so für yahoo (wenn vermutlich auch ohne Erfolg) interessiert &#8211; jahoo ist eben  mit seiner <span class="caps">TRASH</span>-Auffassung eher am Puls der Zeit als google.</p>


	<p><em><strong>Warum ist das Wort <span class="caps">TRASH</span> – zumindest im deutschen Sprachgebrauch – eher am Puls der Zeit als das Wort „garbage“?</strong></em></p>


	<p>1. weil es kürzer ist (unsere Zeit liebt Abkürzungen) und</p>


	<p>2. weil es onematopoetisch (also lautmalerisch) eher mit den Worten „Kitsch“ oder „Schund“ in Konkordanz zu bringen ist.</p>


	<p>Nachdem es das Wort „Kitsch“ erst seit 1870 im Münchner Kunsthandel gibt, kann auch die Wortbedeutung <span class="caps">TRASH</span> für „Kitsch“ nicht älter sein – nichts genaues weiß man nicht &#8211; weder über den Ursprung von Kitsch, noch von <span class="caps">TRASH</span>. Es erübrigt sich also, alte Folianten zu Rate zu ziehen, man ist auf eigene Interpretationen angewiesen &#8211; mit der Ausnahme, dass über die Begriffserklärung von „Kitsch“ aus Büchern zu erfahren ist, dass es sich dabei im Gegensatz zum „Kunstwerk“ um etwas „nicht auslegbares“ handelt. Nun sind auch moderne Kunstwerke nicht grundsätzlich „auslegbar“, bei einigen davon handelt es sich aber ganz sicher nicht um Kitsch. Genau hier gewinnt zumindest im Kunstbereich der Ausdruck <span class="caps">TRASH</span> wieder an Bedeutung: Ein Kunstwerk als Kitsch zu bezeichnen ist und bleibt ein vernichtendes Todesurteil, Kunstwerke aus „trash“ können dagegen echte Kunstwerke sein (das beweisen u.a. einige Werke des anerkannten Künstlers Joseph Beuys). Wer also aus trash Kunstwerke macht, produziert keinen Kitsch, sondern Kunst!  Frei nach Aristoteles: <strong><span class="caps">TRASH</span> ist mehr als die Summe seiner (trash)-Teilchen.</strong></p>


	<p><span class="caps">TRASH</span> als Ausdrucksform unserer Zeit zu betrachten, hielte ich für übertrieben. Kitsch (bzw. <span class="caps">TRASH</span>) hat es immer gegeben, nur war Kitsch/TRASH sozialbedingt und bevölkerungstechnisch nicht so vielfältig wie heute. Die Barockfürsten des 17. Jahrhunderts hatten in ihren Raritätenkabinetten vieles, was heute als <span class="caps">TRASH</span> bezeichnet würde. Der Renaissancemaler Arcimboldo (16. Jahrhundert) hat mit seinen „Gemüse-Portraits“ der Habsburger sogar etwas vorweggenommen, das heutige <span class="caps">TRASH</span>-Künstler neidisch machen müsste. Worin besteht denn der Unterschied, aus Gemüse und Obst Gesichter zu formen, gegenüber den heutigen Versuchen aus Müll irgendetwas Ansehbares zu gestalten?</p>


	<p><em><strong>Der Unterschied zwischen Kitsch und <span class="caps">TRASH</span></strong></em></p>


	<p>Kitsch ist etwas für das gemeine Volk, also diejenigen, die abends vor den Fernsehapparaten sitzen. <span class="caps">TRASH</span> ist „Kult“ und somit eine vergeistigte Form für Insider. Insider sind immer wertvoller als Outsider – es sei denn, man ist ein echter Outsider, d.h jemand der (geistig) wirklich außerhalb der Gesellschaft steht, also eigentlich ein insider innerhalb einer sehr, sehr kleinen, elitären Gesellschaft ist.</p>


	<p><em><strong>Der Unterschied zwischen trash und <span class="caps">TRASH</span></strong></em></p>


	<p>Trash ist u.a. das, was eine Industriegesellschaft produziert. Unsere Gesellschaft lebt recht gut davon – sowohl diejenigen, welche die trash-Güter für Konsumenten produzieren,  als auch diejenigen, die den bei der Produktion dieser Trashgüter anfallenden Trash in Form von Abfall „entsorgen“ (Abfallverwertungsfirmen verdienen inzwischen oft mehr als Produktionsfirmen). Und der Unterschied zwischen trash und <span class="caps">TRASH</span>?  <span class="caps">TRASH</span> ist eben die oben beschriebene vergeistigte Form von Abfall.</p>


	<p><em>Zusammenfassend ist <span class="caps">TRASH</span> also weder zeittypisch, noch subversiv noch wirklich verführerisch – etwas gefährlich ist er schon: sowohl geistiger, als auch produzierter Müll sind unserer Umwelt abträglich &#8211; der geistige Müll insofern, als er dazu beiträgt, Kulturlandschaften zu Event-Parks umzufunktionieren, deren Abfälle (wie Coca Cola- oder Bierdosen) dann zusätzlich als trash in seiner niederen, nicht vergeistigten Form entsorgt werden müssen.</em></p>]]>
      </content:encoded>
      <pubDate>Mon, 31 Mar 2008 22:55:59 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="true">http://www.startblatt.net/blogs/trash/trash-ist--fast--garbage</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Vom Mangel an &#220;berfluss zum &#220;berfluss an Mangel</title>
      <link>http://www.startblatt.net/blogs/trash/vom-mangel-an-ueberfluss-zum-ueberfluss-an-mangel</link>
      <dc:creator>call 2.1 Trash</dc:creator>
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        <![CDATA[<p><em><strong>-über Differenz und Ambivalenz zweier Systeme</strong></em></p>


	<p>Von <a href="http://www.startblatt.net/redakteur/3204">Thomas Duschlbauer</a></p>


	<p><em>&#8220;Jeder, der Ungeheuer bekämpft, soll zusehen, daß er im Laufe dessen nicht selbst zum Ungeheuer wird. Und wenn du in den Abgrund blickst, so blickt der Abgrund auch in dich.&#8221;</em> (Friedrich Nietzsche)</p>


	<p><em><strong>Einleitung</strong></em></p>


	<p>Es lebe der Unterschied. Der Unterschied ist das Leben. So etwa könnte man Vilém Flussers Definition von Kommunikation zusammenfassen und damit gleichzeitig einen Versuch wagen, sich seiner Sicht von Differenz anhand des Phänomens der Kommunikation anzunähern. Kommunikation lebt vom Austausch, vom Austausch an Informationen, die ihrerseits vom Unterschied leben. Kommunikation ist in den Augen Flussers aber auch ein Kunstgriff des Menschen, der von Natur aus zum Tode verurteilt ist, gegen die Entropie beziehungsweise den Tod als absoluten Ausdruck der Differenzlosigkeit. Kommunikation lebt nicht nur vom Unterschied, sondern repräsentiert auch die menschliche Existenz aus seiner Erkenntnis der Sterblichkeit heraus<sup><a href="#fn1">1</a></sup>.</p>


	<p>Ausgehend von dieser Definition ist die Fähigkeit zur Kommunikation daher nicht nur eine typische Eigenschaft des Menschen, sondern viel mehr &#8211; die Fähigkeit zum Mensch-Sein resultiert aus einer typischen Eigenschaft der Kommunikation, die auf Differenzierung beruht. Wie wichtig der Aspekt der Differenz zur Aufrechterhaltung des Selbst ist, zeigt sich auch anhand einer Analyse der Worte &#8220;Ich bin der, der ich bin&#8221;, mit denen sich Gott gegenüber Moses zu erkennen gab. Für Flusser würde diese Aussage einerseits die absolute Identität mit sich selbst darstellen, andererseits ist sie aber auch Ausdruck einer völligen Differenzlosigkeit. Die Aussage 1=1 ist als Tautologie demnach wahr, jedoch birgt sie keinerlei Informationswert, denn die &#8220;Wahrheit ist kein anstrebbares Ziel, sie ist leeres Gerede&#8221;[2].</p>


	<p>Insofern wissen wir nur von einer An-Wesen-heit, über deren Wesenheit wir aber nichts aussagen können. Unser Wissen über unseren Schöpfer beziehen wir in diesem Fall daher nicht aus einem Inhalt einer authentischen Botschaft, sondern die Authentizität Gottes erschließt sich aus einer Anwesenheit als bloßes Medium das aufgrund seiner Ununterscheidbarkeit zu sich selbst nun selbst &#8211; so würde es zumindest McLuhan sehen &#8211; zur Botschaft wird.</p>


	<p>Mit dieser Betrachtungsweise von Differenz steht Flusser allerdings nicht alleine da. Diese Thematisierung ist typisch für die Postmoderne, insbesondere für den Poststrukturalismus, wobei in der Pluralität ein Schlüssel für die Probleme der Moderne gesehen wird. Diese Probleme resultieren unter anderem angeblich aus der Gleichschaltung von Diskursen und der Verabsolutierung von Vernunft. So bezieht sich beispielsweise Jean François Lyotard auf die Theorie der Sprachspiele von Ludwig Wittgenstein, erkennt darin jedoch keine Möglichkeit von Verbindungen oder Brücken. Ziel eines Sprachspiels ist daher nicht der Konsens, sondern dessen Zustand, weshalb Lyotard für den Dissens und die Divergenz in die Vielfalt plädiert, um gegen den gefälligen Eklektizismus, das Mittelmaß und das Köcheln auf lauwarmer Flamme anzukämpfen.</p>


	<p>Was bei Lyotard als Verabsolutierung der Vernunft oder gar als Terror der Theorie zu verstehen ist, könnte bei Jacques Derrida als eine Form des Zentrismus gedeutet werden. Derrida tritt diesbezüglich für das Prinzip der Simultaneität gegenüber dem der Hierarchie und Chronologie ein, denn verschiedene Denkarten könnten gleichzeitig nebeneinander &#8211; als Supplement, als gegenseitige Ergänzung und gegenseitiger Ersatz &#8211; existieren. So schreibt er über Europa und die westlich-abendländische Kultur, die entweder stets von äußeren Einflüssen geprägt war oder sich gerade aus der Abgrenzung zu diesen definierte:</p>


	<p><em>Es ist einer Kultur eigen, daß sie nicht mit sich selber identisch ist</em>. Nicht, daß sie keine Identität haben kann, sondern daß sie sich nur insoweit identifizieren, &#8220;ich&#8221;, &#8220;wir&#8221; oder &#8220;uns&#8221; sagen und die Gestalt des Subjekts annehmen kann, als sie mit sich selber identisch ist, als sie, wenn Sie so wollen mit sich differiert. [...] Es gibt keine kulturelle Identität ohne diese Differenz mit sich selbst<sup><a href="#fn3">3</a></sup>.</p>


	<p>Ähnlich sehen dies auch Michel Foucault, der von einem geografischen Denken spricht, dessen unterschiedliche Bestimmungen nebeneinander liegen wie die unterschiedlichen Gebiete auf einer Landkarte, sowie Gilles Deleuze, der ebenfalls Gleichzeitigkeit und Gleichursprünglichkeit ortet. In diese Reihe fügt sich auch Jean Baudrillard mit seinen Implosionsphänomenen beziehungsweise der Tendez der Phänomene in sich zusammenzubrechen und damit sich selbst und unsere Annahmen darüber aufzuheben. Ein Beispiel für ein solches Implosionsphänomen wäre das Begriffspaar &#8220;öffentlich&#8221; und &#8220;privat&#8221;, das immer ambivalenter wird, weil die Medien zunehmend alles Private an die Öffentlichkeit zerren und das an sich Öffentliche immer mehr zur Privatsache einiger Eingeweihter wird.</p>


	<p><em><strong>Differenz und Ambivalenz &#8220;zweier&#8221; Systeme</strong></em></p>


	<p>Ein weiteres Phänomen der Implosion im Sinne von Baudrillard könnte man auch in der Beziehung zwischen dem Kapitalismus des so genannten &#8220;freien&#8221; Westens und dem als totalitär bekannten Kommunismus sehen. Gemeint sind in diesem Essay allerdings weniger die jüngsten Ereignisse rund um die <span class="caps">USA</span> nach dem 11. September, denn Folter und Missbrauch haben genauso wie Genozid und Sklaverei auch hier eine lange Tradition. Viel mehr geht es in diesem Text um neue Formen des Konsums, insbesondere um eine künstliche Mangelwirtschaft in den westlichen Industrieländern.</p>


	<p>Obwohl wir angeblich von so vielen kompetenten und innovativen Dienstleistern umgeben sind und wir in einer Zeit des Überflusses leben, müssen wir dennoch häufig lange Wartezeiten in Kauf nehmen, wenn wir als Konsumenten Leistungen einfordern. Dies gilt speziell für moderne Unternehmen wie etwa Provider oder Mobilfunkanbieter, die man eigentlich der ach so schnellen New Economy zuordnen würde &#8211; obwohl angesichts der derzeitigen Lage nichts älter ist als die New Economy. Eine solche Situation weckt lebhafte Erinnerungen an die Zeiten des Real Existierenden Kommunismus. Ausgehend von diesem und ähnlichen Phänomenen wie etwa künstliche Knappheiten durch spezielle Aktionen in Supermärkten wie Hofer kann man zur Überzeugung gelangen, dass es in unserem kapitalistischen System einerseits tatsächlich Strukturen gibt, die aus der kommunistischen Mangelwirtschaft übernommen wurden, und dass es andererseits vielleicht sogar eine Käuferschicht &#8211; die so genannten &#8220;Schnäppchenjäger&#8221; &#8211; gibt, die sich an den Demütigungen der Marktwirtschaft erfreuen, weil sie im Gegenzug &#8220;ja nicht blöd&#8221; sind und Geld für teure Markenartikel ausgeben.</p>


	<p>So könnte man auch mutmaßen, dass der Kommunismus nicht einfach aufgrund der enormen Veränderungsdynamik und Anziehungskraft des Kapitalismus &#8220;zusammengebrochen&#8221;, sondern von diesem teilweise absorbiert beziehungsweise verinnerlicht worden ist. Dem Real Existierenden Kommunismus wurde das Reale entzogen, so dass er heute lediglich als etwas Imaginäres fortbestehen kann, das sich auf Symbole wie Hammer und Sichel und ikonenhafte Darstellungen wie etwa von Che Guevara stützt, die heute ebenfalls Teil der westlichen Konsumkultur geworden sind und unter anderem sogar auf lustigen Kopfbedeckungen appliziert werden, die an Narrenkappen erinnern.</p>


	<p>So wurde der Kommunismus durch den Kapitalismus dissimuliert, um weiterhin die wichtigsten Grundsäulen des Kapitalismus simulieren zu können. Mehr noch, das für den Westen einst Subversive am Kommunismus wurde geschickt mit dem Schmuddelimage des früheren Ostens vereint, so dass es sich heute ideal in unsere Trash-Kultur fügt und auch bequem vom Spießertum konsumiert werden kann, denn &#8221; &#8211; nichts ist mehr provokant, da die Mode jedes Aufbegehren im Nu zum Mainstream erhebt. Der moderne Spießer stöbert auf Flohmärkten, liebt Spieleabende und Caipirinha, er findet sich in Fitnesscentern, Altbauwohnungen, Multiplexkinos &#8211; und in Swingerclubs&#8221;[4].</p>


	<p>Insofern ist es für den Kapitalismus auch durchaus dienlich, dass es noch solche Refugien des &#8220;bösen&#8221; Kommunismus wie Nord Korea oder Kuba gibt, um diese Illusion eines &#8220;Anderen&#8221; &#8211; wie wir es noch von früher her kennen &#8211; aufrechtzuerhalten. Durch die Präsenz einer kommunistischen Symbolik und das gleichzeitige Zulassen der Existenz von &#8220;Schurkenstaaten&#8221; lässt sich weiterhin eine vermeintliche Differenz aufbauen, die in einem scheinbaren Gegensatz zu den Mythen einer kapitalistischen Gesellschaft stehen.</p>


	<p><em><strong>Konsumverzicht oder Verzichtskonsum?</strong></em></p>


	<p>Dabei geht es nicht nur schlicht um die Beibehaltung eines traditionellen Feindbildes, um beispielsweise mit Hilfe der Abgrenzung aus der Differenz heraus die eigene Identität zu festigen, sondern auch darum, Strukturen zu übernehmen, die das eigene Überleben sichern sollen. Gerade in einer Zeit, in der alles im Überfluss produziert werden kann, erscheint es ökonomisch durchaus sinnvoll, auch den Verzicht als exklusive Ware oder Dienstleistung zu inszenieren.</p>


	<p>So werden etwa das Fasten oder andere Formen der Enthaltsamkeit immer mehr propagiert und die Konsumenten sind heute sogar dazu bereit, mitunter dafür zu bezahlen, dass sie gewisse Leistungen nicht erhalten oder auf gewisse Produkteigenschaften verzichten können. Beispiele dafür sind Lightprodukte wie Kartoffelchips, die nur halb soviel Fett enthalten, dafür jedoch mehr kosten als herkömmliche Produkte dieser Art sowie die aromatisierten Mineralwässer, die lediglich geschmacklich an das erinnern, was ihnen angeblich beigefügt wurde. Dafür dürfen sie sich auch als &#8220;functional drinks&#8221; bezeichnen, weil sie für die Puristen auf vermeintliche Funktionen reduziert wurden.</p>


	<p>Typisch für den Verzicht der Gegenwart ist auch, dass er nicht vom Mangel, sondern vom Überfluss geprägt ist. Man glaubt beispielsweise nicht genug Wohnraum zur Verfügung zu haben und plant das größere Haus daher als Passivhaus, oder man denkt, dass ein <span class="caps">DVD</span>-Player nicht ausreicht und nimmt ein solches Gerät gleich im Doppelpack oder mit einer Digitalkamera.</p>


	<p>Offensichtlich nähern wir uns immer mehr einer Verzichtskultur mit masochistischen Zügen, denn Geiz, der früher allgemein als unerotisch galt, ist nun etwas geworden, was uns &#8220;geil&#8221; macht. Das Begehren findet zunehmend um des Begehrens Willen statt. Dies gilt sowohl für den Schnäppchen-Jäger als auch für denjenigen, der um viel Geld in einem Waldviertler Kloster bei Brot und Wasser auf einer Holzpritsche seinen Konsumrausch ausnüchtert. Zudem sind die Fetisch-Objekte unserer Konsumkultur derart konzipiert, dass sie für uns zwar Botschaften &#8211; wie etwa Image &#8211; transportieren, während sie unser Begehren nicht erwidern können. Wenn man beispielsweise davon spricht, dass die Waren immer stärker zum Ausdruck unserer Persönlichkeit werden, dann ist es an der Zeit, auch die Differenz in der Subjekt-Objekt-Beziehung zu überdenken.</p>


	<p><em><strong>Kapitalismuskritik als Kritik am Kapitalismus?</strong></em></p>


	<p>Angesichts dieser Aspekte unserer westlichen Verzichtskultur wird auch deutlich, dass die Kritik am Kapitalismus, wie sie in der Anti-Globalisierungs-Bewegung oder im Anti-Amerikanismus formuliert wird, nicht wirklich greifen kann, denn das &#8220;Anti&#8221; richtet sich gegen etwas, was der Kapitalismus nur augenscheinlich repräsentiert und nicht gegen das, was er eigentlich ist, was er tatsächlich verinnerlicht hat. Als eine äußerst flexible Gesellschaftsform hat der Kapitalismus nicht nur bis heute überleben können, er ist durch seine Flexibilität überhaupt gesellschaftsfähig geworden. Während man immer nach einem Kommunismus mit menschlichem Antlitz gesucht hat, ist es gerade dieses &#8220;Humane&#8221;, das den Kapitalismus so gefährlich und anfällig für das sublim Totalitäre macht.</p>


	<p>Angelehnt an Slavoj Zizek kann behauptet werden, dass das &#8220;Du darfst&#8221; der Diätprodukte sowie der kapitalistischen Gesellschaften wesentlich totalitärer ist als das &#8220;Du sollst nicht&#8221; oder &#8220;Du kannst nicht&#8221; innerhalb der kommunistischen Systeme. Die Freiheit, welche uns im Kapitalismus suggeriert wird, ist daher eher mit einem grenzenlosen Käfig zu vergleichen. Sie wirkt nicht minder zwanghaft, weil sie mit einem nie zu stillenden Begehren gekoppelt worden ist<sup><a href="#fn5">5</a></sup>.</p>


	<p><em><strong>Das Recht auf das &#8220;Ich will nicht&#8221;</strong></em></p>


	<p>Das Zwanghafte des &#8220;Dürfens&#8221; als sublime Versuchung zur Entbergung sowie als Mittel zur Anpassung an die Norm lässt überdies eine paradoxe Interpretation der Menschenrechte zu. So erscheint angesichts der Diskussion um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit das Recht auf Arbeit genauso paradox wie etliche andere Grundrechte. Das Recht auf Meinungsfreiheit müsste demnach heute auch ein Recht auf die Freiheit von einer Meinung sein, denn die Bürger in den kapitalistischen Gesellschaften werden durch die Markt- und Meinungsforschung permanent zur Meinungsäußerung genötigt. Ähnliches gilt auch für das Recht auf Versammlungsfreiheit innerhalb einer Gesellschaft des Spektakels und einer penetranten Eventkultur, die selbst die abgeschiedensten Orte zu Kulissen für Masseninszenierungen macht. Betrachtet man den Konsum heute ebenfalls als eine Weltreligion, dann trifft dies auch auf das Recht der Religionsfreiheit zu, denn mittlerweile ist es so, dass potenzielle Konsum-Atheisten aus manchen öffentlich zugänglichen Räumen verwiesen werden können, nur weil sie nicht an den Ritualen des Kommerzes teilhaben.</p>


<hr />


	<p><em><strong>Anmerkungen</strong></em></p>


	<p id="fn1"><sup>1</sup> <em>Flusser, Vilém. Kommunikologie. Mannheim: Bollmann, 1996, S. 9 &#8211; 12.</em></p>


	<p id="fn2"><sup>2</sup> <em>Flusser, Vilém: Vom Virtuellen. In: Cyberspace. Zum medialen Gesamtkunstwerk. Florian Rötzer, Peter Weibel (Hrsg.). München: Boer, 1993, S. 68.</em></p>


	<p id="fn3"><sup>3</sup> <em>Derrida, Jacques: Das andere Kap &#8211; Die vertagte Demokratie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1992. S. 56.</em></p>


	<p id="fn4"><sup>4</sup> <em>Schaaf, Julia. Hilfe, wir verspießen! Frankfurter Allgemeine, 25. Januar, 2004, S. 51</em></p>


	<p id="fn5"><sup>5</sup> <em>Zizek, Slavoj. &#8220;You May!&#8221; in: London Review of Books, Vol. 21. No.6, March 1999.</em></p>


<hr />


	<p><em><strong>Bibliografie</strong></em></p>


	<p><em>Derrida, Jacques.</em> Das andere Kap &#8211; Die vertagte Demokratie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1992.</p>


	<p><em>Flusser, Vilém:</em> Vom Virtuellen. In: Cyberspace. Zum medialen Gesamtkunstwerk. Florian Rötzer, Peter Weibel (Hrsg.). München: Boer, 1993. (S. 65 &#8211; 71).</p>


	<p><em>Flusser, Vilém.</em> Kommunikologie. Manheim: Bollmann, 1996.</p>


	<p><em>Schaaf, Julia.</em> Hilfe, wir verspießen! Frankfurter Allgemeine, 25. Januar, 2004.</p>


	<p><em>Zizek, Slavoj.</em> &#8220;You May!&#8221; in: London Review of Books, Vol. 21. No.6, March 1999.</p>


<hr />


	<p>Dieser Beitrag wurde erstmalig in <a href="http://www.inst.at/trans/index.htm"><span class="caps">TRANS</span></a> Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 15 im August 2004 veröffentlicht. <em><strong>Das Urheberrecht liegt beim Autor</strong></em></p>]]>
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      <pubDate>Mon, 31 Mar 2008 20:15:54 +0200</pubDate>
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