
startblatt widmet sich der Vielschichtigkeit des Lebens zwischen Globalität und Lokalität. Menschen, Waren und Dienstleistungen bewegen sich global. Trotzdem suchen Individuen Sinnstiftung und Identität im Lokalen. Eines der wichtigsten kulturellen Phänomene des Kapitalismus ist „Trash“, welcher mittlerweile sogar in unterschiedlichen regionalen Ausformungen anzutreffen ist. startblatt möchte sich daher mit dem neuen Themen-Call einem millionenschweren Geschäft widmen, das bis heute (vielleicht zu Unrecht) gering geschätzt wird.
eZine von call 2.1 Trash
Trash - TRASH ist (fast) garbage
–aber eben nur fast, denn „TRASH ist mehr als die Summe seiner Teilchen“ (frei nach Aristoteles).
Von Alfred Rhomberg
Es ist schon eine besondere Kulturleistung unserer Zeit, TRASH zu einem Kult- bzw. Kunstbegriff zu machen, während „garbage“ weiterhin sein tristes Dasein mit dem Begriff Müll, Mülleimer … fristen muss. Auch trash ist zunächst nichts anderes als Müll, Abfalleimer etc., wird aber durch Begriffe wie „Kitsch, Schund, Quatsch, Unsinn – im amerikanischen englisch sogar Gesindel“ deutlich aufgewertet. Schund, Quatsch und Unsinn lassen sich heute immer zu etwas „Positivem“ umdeuten – „garbage“ bleibt Müll!
Nach dieser wenig versprechenden Einleitung bleibt nun nichts anderes übrig, als dem Phänomen TRASH mit ein paar harten Fakten auf den Grund zu gehen: TRASH wird in google 109 millionenmal, „garbage“ nur 59 millionenmal erwähnt. In yahoo beträgt die Zahl der Eintragungen für TRASH 201 Millionen, für „garbage“ immerhin 148 Millionen. Diese nüchternen Zahlen sind vielleicht ein Grund, warum sich der Microsoft-Riese derzeit so für yahoo (wenn vermutlich auch ohne Erfolg) interessiert – jahoo ist eben mit seiner TRASH-Auffassung eher am Puls der Zeit als google.
Warum ist das Wort TRASH – zumindest im deutschen Sprachgebrauch – eher am Puls der Zeit als das Wort „garbage“?
1. weil es kürzer ist (unsere Zeit liebt Abkürzungen) und
2. weil es onematopoetisch (also lautmalerisch) eher mit den Worten „Kitsch“ oder „Schund“ in Konkordanz zu bringen ist.
Nachdem es das Wort „Kitsch“ erst seit 1870 im Münchner Kunsthandel gibt, kann auch die Wortbedeutung TRASH für „Kitsch“ nicht älter sein – nichts genaues weiß man nicht – weder über den Ursprung von Kitsch, noch von TRASH. Es erübrigt sich also, alte Folianten zu Rate zu ziehen, man ist auf eigene Interpretationen angewiesen – mit der Ausnahme, dass über die Begriffserklärung von „Kitsch“ aus Büchern zu erfahren ist, dass es sich dabei im Gegensatz zum „Kunstwerk“ um etwas „nicht auslegbares“ handelt. Nun sind auch moderne Kunstwerke nicht grundsätzlich „auslegbar“, bei einigen davon handelt es sich aber ganz sicher nicht um Kitsch. Genau hier gewinnt zumindest im Kunstbereich der Ausdruck TRASH wieder an Bedeutung: Ein Kunstwerk als Kitsch zu bezeichnen ist und bleibt ein vernichtendes Todesurteil, Kunstwerke aus „trash“ können dagegen echte Kunstwerke sein (das beweisen u.a. einige Werke des anerkannten Künstlers Joseph Beuys). Wer also aus trash Kunstwerke macht, produziert keinen Kitsch, sondern Kunst! Frei nach Aristoteles: TRASH ist mehr als die Summe seiner (trash)-Teilchen.
TRASH als Ausdrucksform unserer Zeit zu betrachten, hielte ich für übertrieben. Kitsch (bzw. TRASH) hat es immer gegeben, nur war Kitsch/TRASH sozialbedingt und bevölkerungstechnisch nicht so vielfältig wie heute. Die Barockfürsten des 17. Jahrhunderts hatten in ihren Raritätenkabinetten vieles, was heute als TRASH bezeichnet würde. Der Renaissancemaler Arcimboldo (16. Jahrhundert) hat mit seinen „Gemüse-Portraits“ der Habsburger sogar etwas vorweggenommen, das heutige TRASH-Künstler neidisch machen müsste. Worin besteht denn der Unterschied, aus Gemüse und Obst Gesichter zu formen, gegenüber den heutigen Versuchen aus Müll irgendetwas Ansehbares zu gestalten?
Der Unterschied zwischen Kitsch und TRASH
Kitsch ist etwas für das gemeine Volk, also diejenigen, die abends vor den Fernsehapparaten sitzen. TRASH ist „Kult“ und somit eine vergeistigte Form für Insider. Insider sind immer wertvoller als Outsider – es sei denn, man ist ein echter Outsider, d.h jemand der (geistig) wirklich außerhalb der Gesellschaft steht, also eigentlich ein insider innerhalb einer sehr, sehr kleinen, elitären Gesellschaft ist.
Der Unterschied zwischen trash und TRASH
Trash ist u.a. das, was eine Industriegesellschaft produziert. Unsere Gesellschaft lebt recht gut davon – sowohl diejenigen, welche die trash-Güter für Konsumenten produzieren, als auch diejenigen, die den bei der Produktion dieser Trashgüter anfallenden Trash in Form von Abfall „entsorgen“ (Abfallverwertungsfirmen verdienen inzwischen oft mehr als Produktionsfirmen). Und der Unterschied zwischen trash und TRASH? TRASH ist eben die oben beschriebene vergeistigte Form von Abfall.
Zusammenfassend ist TRASH also weder zeittypisch, noch subversiv noch wirklich verführerisch – etwas gefährlich ist er schon: sowohl geistiger, als auch produzierter Müll sind unserer Umwelt abträglich – der geistige Müll insofern, als er dazu beiträgt, Kulturlandschaften zu Event-Parks umzufunktionieren, deren Abfälle (wie Coca Cola- oder Bierdosen) dann zusätzlich als trash in seiner niederen, nicht vergeistigten Form entsorgt werden müssen.
am 31.03.2008 22:55




