
Mit „Wissen ist für immer“ hat ein österreichisches Wirtschaftsförderungsinstitut einmal seine Weiterbildungsangebote beworben. Doch Theorie und Praxis scheinen dieser Auffassung zu widersprechen. Nichts verfällt schneller als Wissen. Denn Wissen wird ständig in sozialen Kontexten erschaffen, vermittelt und überprüft. Was kann, soll oder muss man also wissen? Gibt es unterschiedliche Formen von Wissen? Wie lässt sich Wissen überhaupt definieren und/oder repräsentieren? Wo stoßen wir an die Grenzen des Wissens? Und was hat Wissen mit Macht und Wahrheit zu tun?
eZine von call Wissen
Wissen - „Grau ist alle Theorie…“ der Unterschied zwischen Theorie und Praxis – ein Essay
Bildquelle: (c) Alfred Rhomberg
Alle Theorie ist grau, und nur der Wald und die Erfahrung sind grün1
Der Unterschied zwischen „Theorie und Praxis“ ist ein fast geflügeltes Wort, sodass der Eindruck entstehen könnte, die Theorie sei minderwertiger als die Praxis im Sinne „Grau ist alle Theorie, ja – frau/man könne auf Theorien vielleicht sogar ganz verzichten. Diese Annahme ist schon deswegen nicht richtig, weil es sich im Grunde um zwei nicht vergleichbare Begriffe handelt. So trivial es klingen mag, die Theorie ist als Ideenanstoß eine Vorstufe zur Praxis, wobei diese Vorstufe auch falsch sein kann und daher praktisch nicht umsetzbar ist. Allerdings sind auch falsche Theorien nützlich und mein Doktorvater (der Betreuer meiner Doktorarbeit) sagte zu Recht: „Besser eine falsche Theorie als gar keine!“. Warum? Eine falsche Theorie ist – nicht nur im Fach Chemie, sehr schnell daran erkennbar, weil sie in der Praxis (im Experiment) nicht zum gewünschten Ergebnis führt und dazu zwingt, eine neue Theorie aufzustellen, solange bis sie in der Praxis Bestand hat. Ist die Theorie damit bestätigt? Leider nicht – hierfür gibt es unzählige Beispiele.
Das Problem des Theorie-Praxisverhältnisses
1. Theorien können von vornherein falsch sein, weil sie unreal sind.
2. Theorien können falsch sein, weil sie traditionellem Denken entsprechen bzw. nach eingefahrenen Denkmustern auf gestellt werden.
3. Besonders tückisch sind Theorien, die teilweise richtig sind, in der Praxis zu einzelnen guten Ergebnissen führen und deswegen vorschnell als „richtig“ bezeichnet werden.
4. In den Geisteswissenschaften sind Theorien besonders gefährlich, weil hier der Begriff Theorie oft mit dem Begriff „Ideologie“ verwechselt wird.
- Anm.: Die philosophische Idee des Marxismus von Karl Marx ist z.B. als Theorie in sich „stimmig“, in der Praxis hat diese Theorie jedoch bis jetzt versagt.
5. Geisteswissenschaftliche Ideen beruhen oft auf Axiomen oder einem „a priori“, also einer vorgefassten Annahme bzw. Voraussetzung, die als „stimmiger“ Ausgangspunkt der Theorie verwendet wird. Häufig führt die Verwechslung von Ursache und Wirkung zu falschen Theorien.
Es gäbe weit mehr Gründe, warum Theorien in der Praxis entweder versagen oder nur teilweise praktisch umsetzbar sind. Nachfolgend sollen einige praktische Beispiele über den Nutzen, selbst falscher Theorien angefügt werden.
Beispiele aus verschiedenen Wissenschaften
Auffallend ist. dass die Philosophen des alten Griechenland praktisch nicht experimentiert haben, zumindest gilt das weitgehend für die Vorsokratiker, obwohl ich mir kaum vorstellen kann, dass Pythagoras (um 570 v. Chrr.) nicht zumindest in seiner Musiklehre Experimente gemacht hat. Ansonsten arbeiten Geisteswissenschaftler und insbesondere Philosophen vorwiegend deduktiv, d.h sie schließen vom Besonderen aufs Allgemeine. Archimedes (geb. um 287-212 v. Chr., also kein Vorsokratiker) hatte mit Sicherheit experimentiert, denn das Archimedische Verdrängungsprinzip, hatte er ja (wie überliefert) in der Badewanne bei der Verdrängung des Wassers durch seinen Körper gefunden und dadurch seine Dichtemessung von Materialien abgeleitet (Archimedes Prinzip).
Dass die Theorien der griechischen Philosophen oft so unangreifbar sind, lag wohl in ihrer Denkschulung, die in dieser Form bis heute kaum erreicht wurde. Bei den Scholastikern, die durch ihre Beweisführungen im Mittelalter berühmt wurden, mangelte es oft an dieser Denkschärfe, obwohl es oft hochgebildete Wissenschaftler mehrerer Disziplinen (Theologie, Philosphie, Mathematik, Physik etc.) waren. Ein bedeutender Vertreter war Albertus Magnus (1200-1280). Vielleicht war es die Nähe zur Theologie, die das Denken durch Axiome beeinflusste. Selbst René Descartes (1596-1650) unterlag mit seinem „Cogito ergo sum“ (ich denke also bin ich) einem logischen Fehler, den aus „ich denke“ folgt nicht notwendigerweise „ich bin“, sondern „es gibt etwas „Denkendes“. Leider sind uns gerade von den frühen Vorsokratikern oft nur einzelne Fragmente erhalten.
In der Chemie haben sich „falsche Theorien“ oft ganz besonders bewährt. Naturwissenshaftler schießen oft „induktiv, d.h. sie schließen vom Allgemeinen auf das Besondere, Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Natur z.B. einem Chemiker nicht „en detail“ erschließt. Wenn ein Chemiker eine rote Blume sieht, deren Farbstoff „rot“ analysiert und glaubt, dass alle roten Blumen den gleichen roten Farbstoff enthalten, wird er einem Irrtum erliegen. Nach der Untersuchung vieler roter Blumen, findet er ähnliche, jedoch auch ganz verschiedene chemische Verbindungen mit roter Farbe. Nach viele falschen Theorien wird er schließlich erkennen, dass die Farbe durch bestimmte Elementgruppierungen entstehen, doe alle eine gemeinsame Eigenschaft gaben, das Licht mit der selben Frequenz zu absorbieren. .
Der deutsche Pathologe und Bakteriologe und Nobelpreisträger Gerhard Domagk (1885-1964) fand in der BAYER AG, dass gewisse Farbstoffe antibakteriell wirken müssten, weil Bakterien anfärbbar sind und dabei absterben. Tatsächlich stellten Chemiker aufgrund dieser Theorie die ersten wirksamen Sulfonamide her.(Prontosil rubrum). Da es sich um einen Azofarbstoff handelte, wurde die „Azo-Gruppe“ (zwei durch eine Doppelbindung gebundene Stickstoffatome) zunächst als wesentliche Voraussetzung für die Wirksamkeit der neuen Antibiotica gehalten, was sich bald als falsch erwies, da auch anologe nichtfarbige Verbindungen wirdam waren. U.a. hatte mein Doktorvater Hermann Bretschneider, das damals beste und wirksamste Breitband Sulfonamid (Madribon, Roche) in Innsbruck entwickelt, dass weder farbig war, noch eine Azogruppe aufwies. Seine sehr plausible Hypothese zur Wirksamkeit von Sulfonamiden stellte sich gleichfalls als nicht haltbar heraus, führte jedoch zu einer ganzen Reihe anderer wirksamer Sulfonamide.
In der Physik werden Beweise zur Bestätigung von Theorien besonders in der Astrophysik und auch in der Teilchenphysik immer teurer (s.a. LHC-Versuche, CERN, Der LHC-Teilchenbeschleuniger – Sinn der Experimente und: Ängste). Auch Experimente der Astrophysik haben inzwischen eine Kostenschwelle erreicht, die schwer überschreitbar ist. Manche Theorien der Vorstellungen über unser Universum sind zudem mathematisch so kompliziert, dass sie, wie die „Stringtheorie“, experimentell kaum überprüfbar sein werden..
Auch in anderen Wissenschaften, z.B. in der Nationalökonomie oder den Betriebswissenschaften ist die Beweisbarkeit von Theorien oft schwierig, Wissenschaften wie die Soziolo9gie, Psychologie und teilweise auch die Psychiatrie/Psychotherapie arbeiten oft mit falschen Theorien, deren Unhaltbarkeit sich leider oft erst sehr spät herausstellt.
Und wie steht es mit der Einstein’schen Relativitätstheorie?
Einstein hatte keine Experimente zur Aufstellung seiner speziellen und allemeinen Relativitätstheorie durchgeführt, seine Theorien entstanden aus Gedankenexperimenten und dürften eher deduktiv zustande gekommen sein.
Durch die Relativitätstheorie ist das Verständnis für Raum und Zeit in der Physik gewachsen Sie hat, ohne darauf näher eingehen zu wollen, Naturzusammenhänge aufgedeckt, die sich der anschaulichen Vorstellung entziehen. Die betreffenden Vorgänge und Eigenschaften lassen sich mathematisch präzise beschreiben. Damit die spezielle und etwas später die Allgemeine Relativitätstheorie, die auch die Gravitation einbezieht, neben der Quantentheorie zu einer der wichtigsten Säulen unserer Physik geworden. Der einzige Schönheitsfehler ist, dass die Vorstellung einer gekrümmten „Raumzeit“ nicht ohne Mathematik wirklich vorstellbar ist. Die Mathematik selbst ist als Geisteswissenschaft jedoch kein der Natur immanentes System – die Natur kennt keine Mathematik, sie lässt sich allenfalls teilweise mathematisch beschreiben. Wo diese Beschreibbarkeit aufhört bzw. sinnvoll bleibt, ist schwer zu sagen. Die moderne Stringtheorie zur Erklärung aller offenen Probleme des Universums ist jedenfalls ein mathematisches Konstrukt, das selbst von vielen Physikern nicht akzeptiert wird. Was bisher für die Einstein’sche Relativitätstheorie spricht ist, dass sie experimentell nachträglich bestens untermauert wurde und es bis jetzt kein Experiment gibt, das dieser Theorie widerspräche. Sollte auch nur ein einziges Experiment der Theorie widersprechen, würde die Gültigkeit der Theorie insgesamt fraglich und ein Gebäude der Physik zusammenstürzen.
Es bleibt eine schwer beantwortbare Frage:
Geht es in einzelnen Wissenschaften mehr um eine gute Theorie oder um deren Ergebnisse – die Praxis? Der Versuch einer Antwort kann nur lauten, dass dies von den einzelnen Wissenschaften abhängt:
EinE ChemikerIn ist eher an gelungenen Experimenten interessiert, er/sie weiß, dass ein gut beschriebene Experimente in Publikationen um 1870 auch heute noch reproduzierbar sind, während die jeder Publikation vorangestellte durch das Experiment zu beweisende Theorie heute völlig irrelevant ist.
Für BauphysikerInnen ist eine Theorie dann gut, wenn sie in der Praxis (Bauwerke) anwendbar ist.
Ein Astrophysiker oder Kosmologe ist eher theoretisch orientiert, Experimente dienen in erster Linie dazu, Theorien (z.B. über die Ausdehnung des Universums) zu erhärten.
In den Volks- und Betriebswirtschaften sollte die praktische Anwendbarkeit von Theorien im Vordergrund stehen – bei den erst seit 1970 vergebenen Wirtschaftsnobelpreisen Stellt sich eher das Gefühl ein, „der Wunsch sei Vater des Gedankens“ und die praktische Anwendbarkeit diene manchmal nur als Vorwand (gilt auch für andere Wissenschaften)
In der Philosophie steht eine erkenntnistheoretisch gut fundierte Theoirie im Vordergrund – nicht nur die griechischen Philosophen, auch die Philosophie unserer Tage – sofern es derzeit eine nennenswerte überhaupt gibt – experimentiert nicht gern, Motto: wozu teure Experimente, wenn es auch ohne geht?.
Zum Schluss ein Zitat von Ludwig Wittgenstein2:
- „Es käme mir lächerlich vor, die Existenz Napoleons bezweifeln zu wollen; aber wenn Einer die Existenz der Erde vor 150 Jahren bezweifelte, wäre ich vielleicht eher bereit aufzuhorchen, denn nun bezweifelt er unser gesamtes System der Evidenz. Es kommt mir vor, als sei das System sicherer als eine Sicherheit in ihm“.
Für solche nicht uninteressanten Gedanken bedarf es keiner Experimente, jedoch einer geschulten „Denkpraxis“!
1 “Alle Theorie ist grau, und nur der Wald und die Erfahrung sind grün.” – Friedrich Wilhelm Leopold Pfeil, Kritische Blätter, Band 22, Heft 1, S. 1, 1846
2 Wittgenstein, Über Gewißheit [1951] (1969), § 185
am 04.01.2012 23:36








