
eZine von Redaktion Wissenschaft
Wissenschaft - Bildung: Nein Danke!
Bildquelle: startblatt - denkende Figur aus dem Kustgarten von Alfred Kurz
Bildung, Lebenslanges Lernen? Wurscht, sagen sich die EU-Mitgliedsstaaten und pfeifen auf die Lissabon-Strategie. Dementsprechend ist die Bestürzung, liest man den Fortschrittsbericht 2007 der Kommission über die Lissabon-Ziele im Bereich der allgemeinen und beruflichen Bildung: sechs Millionen junger Europäer haben 2006 ihre Ausbildung frühzeitig abgebrochen. Und um die Lissabon-Ziele zu erreichen, müssten laut der Kommission weitere acht Millionen Erwachsene an Maßnahmen für lebenslanges Lernen teilnehmen.
Für alle unter uns, die unter all den EU-Vereinbarungen und -Zielsetzungen schon wieder vergessen haben, was eigentlich die Vereinbarungen der Lissabon-Strategie waren, noch einmal kurz zusammengefasst:
• Nicht mehr als 10% aller Schüler sollten die Schule vorzeitig verlassen (im Alter zwischen 18 und 24);
• Ein Rückgang von mindestens 20% des Prozentsatzes von Schülern, deren Lesekompetenz hinter den Erwartungen zurückbleibt;
• Mindestens 85% der Jugendlichen sollten den Abschluss der Sekundarstufe II erreichen;
• Eine Erhöhung der Zahl der Absolventen tertiärer Bildungsgänge in mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Fächern von 15%, und ein gleichzeitiger Rückgang des Geschlechterungleichgewichts;
• 12,5% aller Erwachsenen sollten an Maßnahmen zum lebenslangen Lernen teilnehmen.
Bislang konnten jedoch weder die vorzeitigen Schulabbrüche auf die von 2002 vereinbarte Zahl von 2 Millionen gesenkt werden, noch die 25 bis 64jährigen EU-BürgerInnen zu lebenslangem Lernen ermuntert werden.
“Alles schläft und einer spricht, sowas nennt man Unterricht!” So hieß es früher und noch heute scheint sich die Begeisterung fürs Lernen in Grenzen zu halten. Die Konsequenzen der Bildungsmüdigkeit werden sich jedoch trauigerweise in Beschäftigung und Wachstum niederschlagen. Nachgewiesenermaßen lernen wir ja nicht für die Schule, sondern fürs Leben. Und junge Menschen, welche die Schule mit nur Sekundarstufe I verlassen, haben in der heutigen Wissensgesellschaft einen Nachteil auf dem Arbeitsmarkt. Eben solches gilt auch für den Bildungsmuffel ab 25 Jahren.
Bildung ist daher ein integraler Pfeiler nicht nur der persönlichen sondern der gesellschaftlichen Entwicklung. Das aber erfordert auch persönliche und gesellschaftliche Investitionen, die leider in den meisten europäischen Staaten durch Cost-Cutting-Strategien der öffentlichen Hand gebremst werden. Bildung wird zunehmend privatisiert ohne jedoch vorher in der Gesellschaft Bildung als Wert nachhaltig verankert zu haben. Stattdessen wurde im Zuge von employability-Parolen die Zerschlagung bzw. die einseitige Funktionalisierung von Bildung vorgelebt. Zwar werden von PersonalmanagerInnen oft die Fähigkeiten des umfassend gebildeten Menschen hervorgehoben, der sich in allen Umfeldern bewährt. Dennoch werden vom Bildungsmarkt nur SpezialistInnen je nach Trend und Konjunkturzyklus angeboten. So freut sich die Kommission zwar darüber, dass man/frau endlich mehr AbsolventInnen tertiärer Bildungsgänge in mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Fächern hat, doch führt die Instrumentalisierung von Bildung in den seltensten Fällen zum Glück. Denn nicht mehr sondern bessere Rezepte führen zu besseren Köchen, meinte schon Peter Drucker, Vordenker der Wissensgesellschaft.
Auch das Vorurteil Lernen sei ortsgebunden, also findet vorrangig in Schulen, Universitäten oder anderen Ausbildungsstätten statt, gehört endlich in den Keller oder über Bord geworfen. Semper et ubique, so läuft Lernen und Kompetenzaufbau heute. Also: überall und allzeit – that’s how we do it. Auch wenn’s nicht in den Lebenslauf passt: die Aufklärung und ihr Narrenturm ist tot. Der homo sapiens sapiens exerziert nicht mehr. Die Quantifizierung des Wissens ist zu Ende oder ist eine Quantifizierung der Dummheit – je nachdem. Bildungsteiligkeit gibt es nicht. Was es gibt ist die Guerilla-Existenz weit weg von der persönlichen Überwachung und der sachlichen Disziplinierung. Arbeits- und Bildungsteilung hat kein technisches Fundament mehr, weil alle Tätigkeiten, auch die “niedrigsten” die Mobilisierung der sprachlich-kommunikativen Fähigkeiten verlangen. Bildung zu organisieren, bedeutet daher auch Formen und Bereiche des Lernens neu zu definieren und zu erproben und dem Lernen Pluralität zuzugestehen.
am 08.10.2007 10:35




