
Weblog von Redaktion Wissenschaft
Wissenschaft: Galileo Galilei - Wissenschaft ist Strategie
Bildquelle: Justus Sustermans: Galileo Galilei, 1636 photo by A. Pingstone
Die Wissenschaft verdankt, wie wir wissen, Galileo Galilei sehr viel. So war der geniale Mathematiker und Astronom der Erste, der im Jahre 1609 das Fernrohr auf die Sterne gerichtet hat und dabei die vier Jupitermonde entdeckt hat. Alle vier Monde benannte er nach seinen Gönnern den Medici.
Sichtbarkeit – die Hypothek der modernen Naturwissenschaft
Seine technischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Optik erweiterten jedoch nicht nur das menschliche Sichtfeld, sondern schränkten gleichzeitig das wissenschaftliche auf die Sichtbarkeit ein. Sichtbarkeit wurde plötzlich zum Prüfstein der Erkenntnis – wirksam gegen Irrglauben und Scharlatanerie. Doch selbst Sichtbarkeit ist, wie Galilei selbst erfahren musste, kein Garant für Erkennen. Als er 1610 seine Gönner durch sein Fernrohr auf die Jupitermonde blicken ließ, meinten alle Beteiligten, sie würden nichts erkennen können. Entweder urteilen zu wollen, ohne gesehen zu haben, oder aber gesehen zu haben, ohne erkennen zu wollen, ist der wiederkehrende Widerstand, den bis heute die Wissenschaft zu überwinden hat.
Galileo: Wahrheit braucht Strategie
Den Widerstand auf intellektuelle Inkompetenz zu reduzieren, würde allerdings zu kurz greifen, wie Mario Biagioli, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Harvard University, am Beispiel des Galileo Galilei (siehe dazu: Galilei, der Höfling, 1999 und Galileo’s Instruments of Credit, 2006) gezeigt hat. Biagioli zeigt, wie Galilei Wissen geschickt ökonomisierte.
1606 ließ Galileo in Padua sein erstes Buch “Operazioni del compasso geometrico e militare” nur sechzig Mal auflegen. Dieses Werk behandelte den richtigen Umgang mit dem von Galilei entwickelten Kompass. Galileo tat dies nur sehr ungern, denn er musste dafür ein ausschließlich für die Lehre publiziertes Manuskript veröffentlichen, um seinen Prioritätsanspruch auf diese Entwicklung abzusichern. In Florenz stilisierte er sich schließlich durch seine Schriften über unglaubliche Entdeckungen zum Philosophen der Natur, zum Rebell in kosmologischen Grundfragen. In der “Nachricht von neuen Sternen” schildert Galilei seine astronomischen Entdeckungen, schweigt jedoch gewissenhaft über die technischen Voraussetzungen für diese Entdeckungen. Kein anderer Wissenschafter sollte zu schnell in Besitz eines Teleskops kommen, um Galileis eigenen wissenschaftlichen Vorsprung nicht zu gefährden. Selbst Kepler, der Galileis Entdeckungen wissenschaftlich bestätigte, musste sich das Teleskop auf einem anderen Wege besorgen.
Während Galileo seinen Forscher- und Entdeckerkollegen das Fernrohr vorenthielt, schenkte er es freimütig an Fürsten und Kardinäle – wertvollen Netzwerkpartnern für seine wissenschaftlichen Arbeiten. Das unermüdliche Erforschen, Erkennen und Erklären ließ sich durchaus vereinbaren mit bewusstem Verdunkeln, Verschleiern und Verhindern. Der Apologet der modernen Wissenschaft, der stets an die Evidenz der Anschauung appellierte, inszenierte im großen Stil seine Wirkung, indem er die Strategie der zeitlichen Verzögerung geschickt und konsequent einsetzte.
Galileo scheiterte mit dieser Methode des Entdeckens und Versteckens erst 1633. Paradoxerweise an einer Organisation, die mit der gleichen Methode arbeitete.
Biagioli, Mario: Galileo’s Instruments of Credit. Telescopes, Images, Secrecy. University of Chicago Press. Chicago/London. 2006.
am 09.08.2007 10:19



