
„(…) Er habe sich jetzt entschieden, sagte Gauß. Wofür? Bartels sah zerstreut auf. Gauß seufzte ungeduldig. Für die Mathematik. (…) Wenn man schon auf der Welt sein müsse, gefragt habe einen ja keiner, könne man auch versuchen, etwas zustande zu bringen. Zum Beispiel die Lösung der Frage, was eine Zahl sei. Die Grundlage der Arithmetik. Ein Lebenswerk, sagte Bartels. Gauß nickte. Mit etwas Glück werde er in fünf Jahren fertig sein. (…)“ (Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt, S. 85f.) Im Sinne des Mathematikers Gauß begibt sich startblatt auf die Suche nach dem Mehrdeutigen im (scheinbar) Eindeutigen.
eZine von call 9.5 Zahlen
Zahlen - Was ist Rechenschwäche?
Bildquelle: (c) Petra Schleich - Nine and now?
Dyskalkulie (Rechenschwäche) bezeichnet ein Ergebnis, das häufiger dann eintritt, wenn Kinder mit ihrem vorschulischen Wissen und Verständnis für Zahlen auf einen Unterricht treffen, den sie nicht verstehen. Kinder mit nicht genügendem Grundlagenwissen werden in der Grundschule sehr oft mit Anforderungen konfrontiert, denen sie bereits von Beginn an und dann auch im weiteren Fortgang der Schulzeit nicht gewachsen sind. Die Betroffenen versuchen dann meist mittels „Regeln merken“, „Methoden üben“ und „Auswendiglernen“ verzweifelt, die geforderten Leistungen zu erbringen. Mitunter gelingt durch Pauken und Merken auf diese (schematische) Art und Weise auch ohne Begreifen der Sache eine passable Note in der Grundschule. Das rächt sich meist bitter in den Folgejahren. Es folgt häufig nämlich der endgültige Absturz in eine MatheversagerInnen-Karriere.
Solche „Defizite“ der Kinder werden leider in vielen Fällen umgedeutet und als „mangelnder Fleiß“, „unzureichendes Üben“ oder generell als „mangelnde Konzentrationsfähigkeit“ des Betroffenen betrachtet. Förderunterricht knüpft nicht zuletzt deshalb in der Regel nicht am tatsächlichen individuellen Lernstand der Kinder an, sondern nimmt den laufenden (nicht begriffenen!) „Stoff“ als Basis für dessen noch verstärkte Wiederholung. Die bereits bestehende Überforderung wird durch solch ein zusätzliches Einüben von unverstandenen mathematischen Inhalten nur weiter verfestigt. Am Ende der Grundschulzeit weiß dann niemand mehr so recht, wie es dazu kommen konnte – allerdings: die Rechenschwäche ist mittlerweile dadurch zu einem „Merkmal des Betroffen“ geworden.
Wie wird Dyskalkulie (Rechenschwäche) festgestellt? Wie geht das nicht?
Die individuelle Rechenschwäche wird in einem ausführlichen diagnostischen Arbeitsgespräch mit dem betroffenen Kind untersucht. Entscheidend ist, dass die/der Diagnostiker/in in der Arbeit mit dem Kind dessen individuelle Vorstellungen, Irrtümer, Fehler und auch richtigen Ansätze seines mathematischen Denkens so thematisiert, dass es möglich wird diese Gedanken offen zu legen. Die Ergebnisse der Untersuchung ermöglichen es der/dem versierten Diagnostiker/in, alle die Gedanken des Kindes über Mengen, Zahlen und Rechnen in der Elternberatung und in einer schriftlichen Zusammenfassung verständlich zu präsentieren. Eltern, LehrerInnen und/oder andere Fachleute sollen in der Folge das mathematische Denken des Kindes nachvollziehen, um so anschließend die richtigen Maßnahmen in die Wege leiten zu können, die dem Kind helfen. Die gängigen Tests einer „mathematischen Leistungsfähigkeit“, die beispielsweise überprüfen, wie viele der angebotenen Plus- oder Malaufgaben in 2 Minuten erledigt werden, interessieren sich praktisch ausschließlich für in Zahlen messbare Indizes und wollen (und können) so gar nicht die Frage klären, warum, i.e. aufgrund welcher fehlerhaften Überlegungen das falsche (aber auch manch richtiges) Ergebnis zustande gekommen ist. Und Intelligenztests mögen vielleicht amtlichen Bedürfnissen und Richtlinien entsprechen, lassen jedoch keinerlei Schlussfolgerungen auf konkrete Hilfen für rechenschwache Kinder zu.
Wie wird Rechenschwäche in der Schule bemerkt bzw. wie wird damit umgegangen? Was ist falsche Förderung oder Therapie?
In der Schule wird Rechenschwäche zunächst daran bemerkt, dass Kinder gängige mathematische Anforderungen nicht erfüllen können, wobei die/der Lehrer/in in der Regel aufgefallen ist, dass entscheidende Grundbegriffe fehlen. Üblicherweise führt dies dazu, dass Eltern aufgefordert werden, mit den Kindern noch intensiver zu üben und dafür zu sorgen, dass sich das Kind besser darauf konzentriert. Leider kann man Begreifen der Sache nicht üben oder deren Verständnis durch Konzentrieren lernen, was so lediglich dazu führt, dass der Betroffene sich selbst anklagt und seine mangelnden Fähigkeiten für den Grund des Übels hält. Bestenfalls wird mitunter (wie es in Bremen/Niedersachsen ermöglicht wurde) der sog. „Fördererlass“ von 2005 angewendet, der besagt, dass Kinder aus dem klassenniveaubezogenen Anforderungen in Mathematik herausgenommen und in Fördergruppen unterrichtet werden können, sofern dafür Personal bereitsteht. Führt das nicht zu den gewünschten Fortschritten, kann ein sonderpädagogisches Gutachten vorgeschlagen oder angeordnet werden.
Die schulischen Mittel und Methoden bei Rechenschwierigkeiten – auch bei Schulen, die eigene Förderung anbieten – sind leider allzu oft unspezifische Übungen, Rechnen mit Anschauungsmaterial, Auswendiglernen, Techniken aneignen etc. So bleiben wesentliche Grundbegriffe und Voraussetzungen des mathematischen Denkens aus dem Förderunterricht ausgeschlossen. Wissensbereiche wie Mengenbildung, Mengenauffassung, Anzahlvergleiche, Unterschiedsbestimmungen, Zahlzerlegungen usw. bleiben dem zufälligen Entstehen von abstrakten Einsichten während diesbezüglicher Übungen überlassen.
Ein Förderunterricht ohne eine vorherige individuelle förderdiagnostische Beobachtung bzw. Untersuchung kann aber nicht zu einer gezielten individuellen Förderung führen. Gleiches gilt auch für eine Rechenschwäche-Therapie! Auch ausgeklügelte therapeutische Konzepte führen zu nichts, wenn sie als abstrakte Methoden nicht auf den individuellen mathematischen Lernstand eingehen und sich häufig um die Beobachtung und inhaltliche Diagnose der spezifischen fehlerhaften Vorgehensweisen gar nicht erst scheren!
Wie sollte mit Dyskalkulie (Rechenschwäche) umgegangen werden? Welche Möglichkeiten gibt es im Rahmen der Schule? Was sollten Eltern beachten?
Nur durch eine individuelle mathematische Lernstandsdiagnostik kann geklärt werden, wie das Kind mathematisch wirklich verfasst ist. In individueller Förderung können und müssen die diagnostisch erkannten fehlenden Grundlagen neu aufgebaut werden. Dabei sollte dementsprechend bei Verdacht auf Rechenschwäche die LehrerIn die Anforderungen an das Kind in allen mathematisch relevanten Lernbereichen herunterschrauben oder vorübergehend ganz aussetzen. Bewertungen sollen parallel dazu ebenfalls ausgesetzt werden. Eine spätere Integration in den Mathematikunterricht ist dann von dem erreichten Wissensstand abhängig zu machen.
Die bremischen oder niedersächsischen Schulgesetze bieten zumindest formal die Möglichkeit all dies umzusetzen. Was nicht verboten ist, ist erlaubt – auch in einer weiterführenden Schule! Eine formaljuristische Herangehensweise sollte sich im Interesse der einzelnen Kinder einer belegbaren pädagogischen Argumentation unterordnen und anpassen. Allerdings sind im Umfeld Schule auch in der Ausbildung der LehrerInnen und den zur Verfügung stehenden zeitlichen Kontingenten die meist doch recht engen Grenzen für eine gezielte mathematische Förderung zu sehen.
Eltern sollten mit rechenschwachen Kindern nicht kommentarlos Hausaufgaben dafür machen, dass formell die Anforderungen der Schule erfüllt werden, ohne dass das Kind etwas davon versteht, was da im Heft steht. Dadurch kann nicht nur kein Lernfortschritt erzielt werden – im Gegenteil: das Kind wird zunehmend entmutigt, indem es Tag für Tag das Auseinanderklaffen seines Wissens und der Schulmathematik vorgeführt bekommt. In Zusammenarbeit mit der Schule wäre darauf hinzuwirken, dass die Interessen des betroffenen Kindes im Vordergrund stehen und nicht Druck ausgeübt wird.
Webseiten zum Beitrag
am 22.12.2009 10:08
(1) Kommentare zum Beitrag "Was ist Rechenschwäche?"
RE: Was ist Rechenschwäche?
Der obige Artikel wurde in abgewandelter Form ursprünglich veröffentlicht auf:
http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de/tagder.html
Für den vorliegenden Beitrag wurde der Text überarbeitet und ergänzt.
geschrieben von yacofred am 31.12.2009 21:39
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Zahlen - INHALT
Der obige Artikel wurde in abgewandelter Form ursprünglich veröffentlicht auf: http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de/tagder.html Für den vorliegenden Beitrag wurde der Text überarbeitet und ergänzt.










