Zettel - Vor-Sicht Forschung II: Kritik in der Wissenschaft
Bildquelle: Karl Baumann - Gleichschritt
Ein Praxis-Beispiel:
Ein Bericht zu einem drittmittelfinanzierten Forschungsprojekt wird an einem Institut einer Österreichischen Universität vorgelegt. Dabei werden auch im Sinne von Action Research verschiedene Ergebnisse teilnehmender Beobachtung innerhalb der Institution dargelegt. Diese Ergebnisse wurden in weiterer Folge auch den Beobachteten zur Verfügung gestellt. Die erste Rückmeldung zum Bericht kommt von der Fr. Sekretärin, die sich bemüßigt fühlt, Ihren Unmut über den Text auszulassen.
Das ist schon einigermaßen überraschend, als es gewiss nicht zu Ihrer Aufgabe gehört, sich am wissenschaftlichen Diskurs aktiv zu beteiligen. Dennoch wird freundlich und ausführlich auf die relevante Literatur verwiesen, die eben als Voraussetzung notwendigerweise zu lesen ist, um die im Bericht dargelegten Gedanken nachvollziehen zu können.
In weiterer Folge kommt es zu einem so genannten „Brown Bag Lunch“ (diese Bezeichnung steht für ein Essen, bei dem über aktuelle Forschungsaktivitäten berichtet und diskutiert wird – etwas, was in den USA derzeit angeblich sehr mondän sei – auf gut Deutsch würde man sagen, ein „Kaffeekränzchen“), wo über die Ergebnisse aus dem Bericht diskutiert werden sollte. Es wird zunächst ausführlich diskutiert und eine rege Debatte entsteht. Das alles passiert im gut österreichisch-kaiserlich-königlichem-höfischen Gehabe und Getue.
Wesentlich spannender sind die darauf anschließenden Ganggespräche. Dabei erfolgen dann persönlich Angriffe und es werde rechtfertigen eingefordert, wie es jemanden einfallen könne, in einem Text, der noch dazu nach außen gehe, Kritik gegenüber dem eigenen Institut zu äußern! Der Verfasser des Berichts entgegnet, das könne doch im Zuge einer freien Forschung nichts Außergewöhnliches noch Problematisches sein?
Heute arbeiten diese Menschen nicht mehr mit Ihm zusammen.
Wie die Tabelle zeigt, besteht im Umgang mit und der Organisation von Kritik innerhalb der Wissenschaft eine weit verbreitete Aversion bzw. Unkenntnis, es ist unerwünscht und lästig.
Dabei lässt sich die These bilden, dass Kritik im Wissenschaftsbetrieb kaum eine Bedeutung hat und weitestgehend unmöglich ist, als das System verschiedene Mechanismen eingebaut hat, die Kritik verhindern. Warum das derartig auffallend ist, liegt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit daran, dass Wissen die Währung des Wissenschaftsbetriebes ist.
Etwas anders zeigt sich das Bild im Kunstschaffenden Treiben, wo weitestgehend Einigkeit darüber herrscht, dass nur durch Kritik und der unmittelbaren (wenn auch unangenehmen) Auseinandersetzung mit Kritik, die von Innen und von Außen (Kulturkritiker, Politik, Gesellschaft, Medien, etc.) laufend vorhanden ist, Qualität und ständige Verbesserung möglich sind.
Ein prominentes und zugleich extremes Beispiel für einen anderen Umgang mit Kritik: Gustaf Gründgens war nach eigener Aussage und nach Aussagen verschiedener Freunde und Zeitzeugen (vgl. Zusatzmaterial zu „Mephisto“) quasi süchtig nach Kritik, als Quelle für Verbesserung.
Nimmt man Gustaf Gründgens als Maßstab, so scheint seine Einstellung und sein Umgang mit Kritik im Sinne der Erreichung von Perfektion nichts Abwegiges zu sein.
am 04.09.2007 21:39





