Zettel - Woher kommt Kritik?
Als die Innovationsdebatte ja kaum zu den Ergebnissen führt, die wir uns erhofft oder erwünscht hätten, wäre mein Vorschlag, in dieser Debatte einen radikalen Perspektivenwechsel vorzunehmen, als die Aufmerksamkeit zunächst auf die Produktion von Kritik quasi als Rohstoff für Innovation gerichtet wird1.
„Wenn ich nicht Fragen lerne, dann habe ich gleichsam nicht gelernt, was Kritik heißt – und bin dazu nicht fähig. Wenn ich meine, dass Kritik nur heißt, es besser zu machen, dann bin ich wirklich nur ein G´scheitmacher. Die Forderung nach der ´konstruktiven´ Kritik, die die Antwort immer schon vor der Frage will, ist unmenschlich. Wenn man in einer praktischen Situation wüsste, wie man es besser machen könnte, dann wäre es verlorene Zeit, Fragen zu stellen, oder Kritik vorzubringen, es wäre einfach zu tun.“ (E. Kappler im Gespräch mit Claudia Meister-Scheytt 2000, S. 506).
In einem derartigem Verständnis wäre dann eben zu Fragen, „Woher kommt (eine) Kritik?“ oder „Unter welchen Bedingungen ent-steht Kritik?“ oder „Wie lassen sich die Bedingungen kritischen Denken und Handelns verbessern?“. Natürlich wäre dann ein Wirkzusammenhang von Kritik hin zur Herstellung von Neuem bzw. Neuartigem eine These, die dem vorangeht und natürlich wäre davon auszugehen, dass die Fähigkeit besteht, die Kritik gleichsam in einem aufeinander bezogenen aktiven Dialog in Formen schöpferischen Handelns zu übersetzten.
Nimmt man aber einen Wirkzusammenhang zwischen Kritik und Innovation an, dann stellt sich die Frage, wie sich ein solcher gestaltet. Welche Methode, welcher Weg führt uns zur Kritik und über die Kritik wiederum zur Innovation. Dabei lässt sich fragen, welche Rolle die Dekonstruktion als eine Art ziellose und somit wertfreie oder eigeninteresselose Situationsanalyse spielen kann, eine Situationsanalyse, die sozusagen erst die Angriffsfläche oder besser den Zielpunkt für Kritik bilden kann. Denn Kritik ist zielgerichtet, was bedeutet, dass sie Ziele benötigt, auf die sie sich richten kann. Bezeichnet man die Zielrichtung von Kritik, also die Situation im Ist der Wahrnehmung als Position, so stellt sich Kritik als eine Soll-Situation der Wahrnehmung dar und damit als eine Art Gegenposition. Position und Gegenposition erzeugen ein Spannungsverhältnis und dieses Spannungsverhältnis zwischen zwei Wahrnehmungspositionen führt wie vielfach in anderem Zusammenhang beschrieben (Johannson, 2004; Florida, 2002) zu neuartigen Ideen, welche sich in Innovationen transformieren können.
Die neuen Panaceae der sog. Kreativgesellschaft, wie Vielfalt, dritte Räume und radikale oder intersektorielle Ideen erscheinen weniger spektakulär, wenn man gedanklich eine Brücke zwischen Kritik und Innovation schlägt. Denn diese als Ursachen oder Gründe genannten Faktoren für Kreativität und Innovation sind nichts anderes als räumlich verortete Kritik.
Dabei scheint der Prozess der Kritikproduktion (oder Kritikindustrie) nach vollkommen anderen Produktionsparadigmen abzulaufen und mit anderen Formen (Schrift, Kunst, Musik, Rhetorik) als jene der “Gegenstands-Industrie”.
1 Dabei sei darauf hingewiesen, dass im Unterschied zu den Arbeiten, die im Besonderen mit Dekonstruktion zusammengefasst werden, Kritik ein Ziel, jenes der Veränderung, vor Augen hat. Im anderen Falle ist dies nicht gänzlich abzusprechen, jedoch weitgehend derartig zu sehen.





